Auswirkungen der Corona-Pandemie in Kenia »Statt drei Mahlzeiten essen wir meist nur noch zweimal am Tag«

Wie viele andere lebt auch die Familie von Karisa Kenga Mbitha vom Tourismus. Seit Monaten kommen kaum noch Gäste an die kenianische Küste – der 34-Jährige hat seinen Job als Animateur verloren. Wovon leben sie jetzt?
Aufgezeichnet von Bettina Rühl, Nairobi
Karisa Kenga Mbitha mit seiner Frau Roseline Kazungu Ndole und ihrem gemeinsamen Sohn Lucky vor ihrem Haus an der kenianischen Küste

Karisa Kenga Mbitha mit seiner Frau Roseline Kazungu Ndole und ihrem gemeinsamen Sohn Lucky vor ihrem Haus an der kenianischen Küste

Foto: Bettina Rühl
Globale Gesellschaft

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Karisa Kenga Mbitha, 34, lebt mit seiner Familie in dem kenianischen Dorf Dabaso, nicht weit von der Küste des indischen Ozeans entfernt. Zwischen ihren gepflegten Lehmhäusern stehen blühende Büsche, rundherum Kokospalmen und ein Maisfeld.

Seit Ausbruch der Coronakrise fällt es den Mbithas immer schwerer, für Haus und Hof und die Familie zu sorgen. Einerseits verläuft sie in Kenia deutlich milder als in Deutschland, bis Ende November waren in dem ostafrikanischen Land offiziell gut 83.000 Fälle bekannt; rund 1400 Menschen sind im Zusammenhang mit dem Virus gestorben. Allerdings steigen die Infektionszahlen seit einigen Wochen deutlich, auch in Kenia gibt es eine zweite Welle.

Strand in Kenia: Nach Angaben der Regierung haben 2,5 Millionen Kenianerinnen und Kenianer in den vergangenen Monaten ihren Job in der Tourismusbranche verloren

Strand in Kenia: Nach Angaben der Regierung haben 2,5 Millionen Kenianerinnen und Kenianer in den vergangenen Monaten ihren Job in der Tourismusbranche verloren

Foto: Sergi Reboredo / imago images/VWPics

Bisher kamen Karisa Kenga Mbitha und sein Heimatdorf glimpflich davon, der 34-Jährige kennt niemanden, der sich infiziert hat. Trotzdem leiden alle, die er kennt, existenziell unter der Pandemie. Denn an der kenianischen Küste leben viele Menschen direkt oder indirekt vom Tourismus – und der Tourismus kam hier wegen der Reisebeschränkungen fast völlig zum Erliegen.

Von März bis August war der internationale Flughafen geschlossen, sodass internationale Gäste nicht kommen konnten. Auch die kenianischen Reisenden blieben aus, denn von März bis Juli waren die Großstädte wie Nairobi und Mombasa – aus denen es die meisten lokalen Gäste an die Küste zieht – als Corona-Hotspots abgeriegelt, niemand durfte die Städte verlassen. Nach Angaben der Regierung haben 2,5 Millionen Kenianerinnen und Kenianer in den vergangenen Monaten ihren Job in der Tourismusbranche verloren. Inzwischen wurde der Lockdown nach und nach gelockert, aber noch immer gilt eine nächtliche Ausgangssperre von 22 bis 4 Uhr.

Trotz der teilweisen Lockerungen kam der Tourismus noch nicht wieder in Schwung. Reisende aus dem Ausland bleiben weiterhin aus, obwohl viele Hotels und Restaurants an der Küste mit Dumping-Angeboten – bei rigiden Hygiene-Konzepten – um Buchungen werben. Ein paar Gäste aus den kenianischen Städten lassen sich davon locken, aber von dem wenigen Geld kommt bei Karisa Kenga Mbitha und seiner Familie nichts an. Der ehemalige Animateur hat wegen der Pandemie seinen Job in einem Hotel verloren und sucht mit zunehmender Verzweiflung nach anderen Einkommensmöglichkeiten.

Karisa Kenga Mbitha: »Ich bin der erstgeborene Sohn und deshalb für die Familie verantwortlich«

Karisa Kenga Mbitha: »Ich bin der erstgeborene Sohn und deshalb für die Familie verantwortlich«

Foto: Bettina Rühl

»Den Anruf bekam ich an einem frühen Morgen im April, ich ließ meine beiden Kühe gerade im Busch grasen. Der Personalchef sagte: ›Ich habe eine schlechte Nachricht für dich: Weil wegen Corona keine Touristen mehr kommen, macht das Hotel Verluste. Wir müssen schließen, zumindest vorübergehend. Ich melde mich, falls wir irgendwann wieder Arbeit haben.‹

Ich hatte das Gefühl, mein Herz bliebe gleich stehen. Ich bin der erstgeborene Sohn und deshalb für die Familie verantwortlich. Während ich meine Kühe nach Hause trieb, fragte ich mich, wie ich meiner Familie die schlechte Nachricht beibringen kann. Meine Mutter ist schon 62, mein Vater 95. Beide gehen noch jeden Tag aufs Feld, und mein Vater verdient mit dem Brauen von Palmwein etwas dazu, aber für das Schulgeld meiner Geschwister und alle besonderen Ausgaben bin ich verantwortlich.

Ich habe drei Schwestern, die jüngste ist 26 Jahre alt und wird in zwei Wochen heiraten. Sie heißt Josephine und hat unglaublich Glück mit ihrem Mann. Er ist Informatiker und einer von nur zwei Menschen, die ich kenne, die noch Arbeit haben. Er ist bei einem Unternehmen in Mombasa angestellt. Der andere, den ich kenne, hatte ebenfalls großes Glück, er hat einen Job als Buchhalter bei der Regierung bekommen. Alle anderen haben ihre Jobs verloren.

Karisa Kenga Mbitha (2.v.l.) und ein Teil seiner Familie

Karisa Kenga Mbitha (2.v.l.) und ein Teil seiner Familie

Foto: Bettina Rühl

Am 13. März wurde in Kenia der erste Corona-Fall gemeldet, aber schon seit Februar kamen wegen der Pandemie kaum noch Touristen aus Europa. Hier an der Küste sind deshalb Tausende Menschen arbeitslos geworden – wir leben alle vom Tourismus, es gibt hier kaum Industrie. Jetzt hat niemand mehr Geld.

Meine Frau verdient normalerweise als Friseurin umgerechnet etwa 150 Euro im Monat, aber wegen Corona hat sie höchstens noch eine Kundin in der Woche. Also muss ich auch meine Frau und unseren zweijährigen Sohn Lucky allein ernähren.

Als ich meinen Job noch hatte, war das für mich alles kein Problem. Ich war Animateur in einem Hotel und habe mit unseren Gästen Sport gemacht. Ich liebe Sport, ich habe mir sogar zu Hause mein eigenes Gym gebaut. Aber im Moment trainiere ich nicht mehr, ich will keine unnötigen Kalorien verbrauchen. Und wenn man Muskeln aufbauen möchte, muss man sich gut ernähren, man braucht vor allem Protein. Seit Monaten können wir uns aber kein Fleisch mehr leisten, und statt drei Mahlzeiten essen wir meist nur noch zweimal am Tag: Bohnen und Maisbrei. Den Mais bauen wir selbst an.

Früher haben wir hin und wieder ein Huhn geschlachtet, wir hatten selbst Hühner, um die sich meine Mutter gekümmert hat. Zum Schluss waren es bestimmt 50 oder mehr. Im September sind alle verendet. Nicht alle auf einmal, sondern an einem Tag drei, am nächsten vier und so weiter. Wir standen daneben und konnten nichts tun, weil wir uns die Medikamente nicht leisten konnten, um sie zu retten. Eine von unseren fünf Ziegen haben wir auch verloren, sie ist vergangene Woche gestorben. Immerhin sind die anderen vier gesund.

Wir wohnen ganz in der Nähe eines Priels, des Mida-Creeks, der von Mangroven gesäumt ist. Nachdem ich in der elften Klasse die Schule verlassen musste, um für meine Familie Geld zu verdienen, hat mir einer meiner Freunde das Fischen beigebracht.

Als ich genug Geld zusammen hatte, habe ich einen sechsmonatigen Lehrgang zum Animateur mitgemacht. Danach habe ich mich bei einem Hotel beworben und den Job gekriegt. Für mich ging damit ein Traum in Erfüllung. Als ich vor acht Jahren zum ersten Mal zur Arbeit ging, dachte ich: Jetzt fängt das Leben richtig an. Jetzt kann ich mir eine Zukunft aufbauen.

Safari in Kenia: »Wir leben nun von der Hand in den Mund«

Safari in Kenia: »Wir leben nun von der Hand in den Mund«

Foto: Sergi Reboredo / VWPics / imago images

Und ich habe die Arbeit so sehr genossen! Es hat mir Spaß gemacht, Menschen aus aller Welt kennenzulernen. Gut verdient habe ich auch, 30.000 Schilling im Monat, knapp 230 Euro. Allerdings haben wir immer nur in der Saison gearbeitet, etwa die Hälfte des Jahres. Das hat für die Schulgebühren und die anderen Ausgaben zwar nicht gereicht, aber ich habe ein Bankkonto eröffnet, und als ich dort 10.000 Schilling gespart hatte, konnte ich einen Kredit aufnehmen.

Das Geld habe ich in die Ausbildungen meiner Schwestern investiert. Sie waren sehr gut in der Schule, und wenn sie mir ihre Noten gezeigt haben und baten, weiter lernen zu können, konnte ich gar nicht anders, als alles dafür zu tun.

Die älteste heißt Agnes. Sie ist 29 Jahre alt und unterrichtet an einer Privatschule. Wegen der Pandemie mussten alle Schulen schließen, aber inzwischen dürfen wenigstens die Abschlussklassen wieder zum Unterricht kommen. So verdient Agnes jetzt umgerechnet knapp 40 Euro im Monat – ein Viertel ihres üblichen Einkommens. Die mittlere heißt Mapenzie, sie ist 27 Jahre alt. Sie geht in Mombasa aufs College und lernt Buchhaltung. Dafür muss ich vier Jahre lang jedes Jahr fast 530 Euro bezahlen. Und natürlich muss ich für ihren Lebensunterhalt aufkommen. Vor Corona hat unser Vater etwas von dem Geld beigesteuert, das er mit dem Palmwein verdient, aber jetzt kann sich niemand mehr Palmwein leisten.

Wir leben nun von der Hand in den Mund. Zusammen mit neun Freunden habe ich einen Mikrokreditverein gegründet. Jeder gibt monatlich knapp vier Euro, und nach einer gewissen Zeit kriegt einer das Geld. Ich war auch schon mal dran und habe 76 Euro bekommen. Die Hälfte davon habe ich in die Ausbildung meiner Schwester investiert, von dem Rest habe ich Telefongebühren und Lebensmittel bezahlt.

Mit einigen Freunden zusammen gehört mir ein Fischereinetz, wir wechseln uns damit ab. Mein Vater hat früher immer zu mir gesagt: ›Ich werde dir nicht beibringen zu betteln, sondern zu fischen, dann kannst du immer für dich sorgen.‹ Aber das stimmt nicht mehr, wir können den Fisch kaum noch verkaufen. Die Menschen haben kein Geld, die Restaurants und Hotels sind wegen der Corona-Pandemie entweder geschlossen, oder sie haben kaum Kunden.

Bisher hatten wir an der Küste nur wenige Corona-Infektionen, aber nun steigen die Zahlen. Mein Vater ist 95, wenn er krank würde, wäre das eine Katastrophe. Wir haben keine Krankenversicherung, ich kenne fast niemanden, der versichert ist.

Flughafen in Kenias Hauptstadt Nairobi Ende Juli 2020: »Von der Regierung fühlen wir uns im Stich gelassen«

Flughafen in Kenias Hauptstadt Nairobi Ende Juli 2020: »Von der Regierung fühlen wir uns im Stich gelassen«

Foto: Dennis Sigwe / ZUMA/ imago images

Von der Regierung fühlen wir uns im Stich gelassen. Sie hätte schon längst andere wirtschaftliche Ideen für die Küstenregion entwickeln müssen, es war doch klar, dass wir nicht nur vom Tourismus leben können. In der Pandemie lässt sie uns auch allein. Die Regierung hat zwar versprochen, dass sie Menschen ohne Einkommen unterstützt, aber das waren leere Worte.

Im September haben die Dorfältesten die Namen aller Bedürftigen notiert und gesagt, wir bekämen Lebensmittel, Seife und Desinfektionsmittel. Etwas später erhielten ein paar Familien ein Kilo Maismehl. Kannst du dir das vorstellen? Familien mit 15 oder 20 Mitgliedern, und dann kriegen die ein Kilo Mehl! Manche waren so wütend, dass sie das Mehl verweigert haben.

Ich mache mir große Sorgen, auch um die Zukunft meines Sohnes. Mir ist so wichtig, dass er und meine Geschwister gute Ausbildungen bekommen, aber ich kann nichts mehr sparen. Die Zeiten sind für alle hier sehr, sehr hart. Das Einzige, was uns bleibt, ist zu beten.«

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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