Wahlkampfkundgebung im Stadion in Kiambu: Warnwesten als Geschenk

Wahlkampfkundgebung im Stadion in Kiambu: Warnwesten als Geschenk

Foto: Brian Otieno / DER SPIEGEL

Präsidentschaftswahlen in Kenia Acht Euro für ein paarmal jubeln

Am Dienstag wird in Kenia ein neuer Präsident gewählt. Die Jugend glaubt schon lange nicht mehr an die Versprechungen der Politiker und unterstützt sie dennoch – gegen Bezahlung.
Aus Kiambu County, Kenia, berichtet Heiner Hoffmann
Globale Gesellschaft

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Laut jubelnd sprinten die Menschen auf den Rängen am Metallgitter entlang, sie folgen dem Mann unten auf dem Rasen. Es ist Wahlkampf in Kenia, und Raila Odinga, der Favorit im Rennen um die Präsidentschaft, hat seine Anhänger ins Fußballstadion der Stadt Kiambu geladen.

Doch die Menschen auf den Rängen rennen nicht dem 77-jährigen Kandidaten hinterher, denn der ist noch gar nicht im Stadion eingetroffen, sondern kommt mal wieder mehrere Stunden zu spät. Die jubelnde Menge folgt einem kräftig gebauten Mann mit Sonnenbrille, der ein Bündel roter Warnwesten über seinem Kopf schwingt. Die Westen wirft er gekonnt über das Metallgitter in das dichte Gedränge auf den Rängen, dort wird geschubst und gesprungen, um eines der Gratis-Kleidungsstücke zu ergattern. Der Wahlkampf in Kenia wirkt nicht selten wie eine Schnäppchenjagd.

Viele vermeintliche Anhänger der Präsidentschaftskandidaten erhalten eine Gegenleistung

Viele vermeintliche Anhänger der Präsidentschaftskandidaten erhalten eine Gegenleistung

Foto: Brian Otieno / DER SPIEGEL
Foto: Brian Otieno / DER SPIEGEL

Dann kämpft sich ein junger Mann nach vorne, er hat die Journalisten aus dem Ausland bemerkt und möchte dringend etwas klarstellen. Mit lauter Stimme ruft er: »Ich bin nur hier, weil sie mir Geld geben. Ich unterstütze eigentlich den anderen Kandidaten.« John wurde mit einem Bus aus einem 30 Kilometer entfernten Dorf ins Stadion gebracht, so wie zahlreiche andere vermeintliche Unterstützer. 1000 Kenianische Schilling, umgerechnet rund acht Euro, habe er bekommen, berichtet er, um sich als Anhänger Raila Odingas auszugeben.

Vor dem Stadion stauen sich die Kleinbusse, verkeilen sich, versperren einander den Weg, es ist ein unentwegtes Hupen und Motorendröhnen. Neben den Bussen erhalten die Herangekarrten Anweisungen, wann sie wie zu jubeln haben. Das Ziel ist klar: In den Abendnachrichten und auf Twitter soll es so aussehen, als hätte Odinga in allen Regionen des Landes Hunderttausende Anhänger, vor allem unter jungen Wählerinnen und Wählern.

Im Stadion sind die Gratis-Westen inzwischen verteilt, ein Mann mit schwarzer Jacke und Basecap hat sich vor den Rängen positioniert. Er übt für Odingas kurz bevorstehende Ankunft, reißt die Arme in die Höhe, die Menge macht es ihm nach. Peter Mwai nennt sich »mobilizer«, also »Mobilisierer«. Er erzählt, was das konkret heißt: Mwai bekommt Geld vom Wahlkampfteam, um mit Jugendlichen das Stadion zu füllen. 1000 Leute habe er organisiert, sagt er stolz, sie erhalten wie John jeweils acht Euro für das Demokratie-Schauspiel.

1000 Jugendliche hat Peter Mwai für Raila Odinga mobilisiert, die vermeintlichen Anhänger bekommen umgerechnet acht Euro

1000 Jugendliche hat Peter Mwai für Raila Odinga mobilisiert, die vermeintlichen Anhänger bekommen umgerechnet acht Euro

Foto: Brian Otieno / DER SPIEGEL

»Die Zeiten sind hart gerade, die Preise steigen immer weiter, viele haben nicht einmal einen Euro pro Tag zur Verfügung. Wenn sie jetzt plötzlich acht Euro auf die Hand bekommen, ist das ein Grund zu feiern«, erzählt der »Mobilizer«. Er hatte angesichts der Inflation im Land leichte Karten, tausend käufliche Jubelnde aufzutreiben. Zwar sind solche Almosen im Umfeld von Wahlkampagnen illegal, doch das interessiert kaum jemanden. Es ist ein offenes Geheimnis, dass Geld die Stadien füllt und nicht etwa politische Überzeugung.

Für Peter Mwai sind Wahlkampfzeiten lukrative Zeiten. Alle Parteien heuern ihn an, um von seinem Netzwerk zu profitieren. Mwai ist Delegierter der Nationalen Jugendversammlung Kenias, er soll die Interessen der Jugend gegenüber der Regierung vertreten. An die Heilsversprechen, die er gegen Bezahlung bejubeln lässt, glaubt er selbst schon lange nicht mehr.

Während er von seinem Job erzählt, zeigt der 29-Jährige auf eine Bauruine. Sie liegt direkt neben dem Stadion, in dem Raila Odinga gleich seine Rede halten wird. »Das sollte ein Jugendzentrum werden, hier sollten Hunderte Jugendliche Arbeit finden. Aber seit Jahren steht die Baustelle still. Die jungen Leute fragen sich: Warum sollte ich wählen gehen, wenn am Ende doch nichts passiert?«

Vor dem Wahlkampfauftritt geben die sogenannten Mobilisierer den vermeintlichen Anhängern Regieanweisungen

Vor dem Wahlkampfauftritt geben die sogenannten Mobilisierer den vermeintlichen Anhängern Regieanweisungen

Foto: Brian Otieno / DER SPIEGEL

Tatsächlich lassen die Zahlen nichts Gutes erhoffen. Fast 80 Prozent der Einwohnerinnen und Einwohner Kenias sind unter 34, das Land hat eine der jüngsten Bevölkerungen der Welt. Um wählen zu können, muss man sich registrieren lassen. Doch unter den registrierten Wählerinnen und Wählern sind junge Menschen deutlich unterrepräsentiert, ihre Zahl ist im Vergleich zur letzten Wahl sogar um fünf Prozentpunkte gesunken. Von einer »Apathie« der Jugendlichen ist die Rede. In Kiambu zeigt sich: Die Jugend hat das Vertrauen in die Politik verloren.

Vor dem Stadion dröhnt es inzwischen immer lauter. Vier Hubschrauber nähern sich, sie landen auf einer Wiese direkt neben dem Haupteingang. Mit Mühe steigt der 77-jährige Odinga aus einem der Helikopter, er wirkt müde, muss beim Laufen teilweise gestützt werden. Auf der Bühne redet er dann viel über die Geschichte des Landes, lobt den noch amtierenden Präsidenten Uhuru Kenyatta, obwohl die beiden einmal Erzfeinde waren. Inzwischen wirbt Kenyatta offen für Odinga – weil er sich mit dessen Hauptkonkurrenten William Ruto, seinem amtierenden Vizepräsidenten, überworfen hat. Viele junge Wählerinnen und Wähler haben in diesem Dickicht der wechselnden Solidaritäten und Hinterzimmerdeals längst keine Orientierung mehr.

Raila Odinga klettert auf die Bühne des Fußballstadions von Kiambu

Raila Odinga klettert auf die Bühne des Fußballstadions von Kiambu

Foto: Brian Otieno / DER SPIEGEL
Foto: Brian Otieno / DER SPIEGEL

Zwei Tage nach dem Wahlkampfauftritt Odingas ist wieder Ruhe eingekehrt in Kiambu Town. Die Busse sind verschwunden, die Bilder aus dem Stadion voller angeblicher Anhänger sind auf Twitter gepostet, die Helikopter schwirren über irgendeiner anderen Stadt.

Auf einem Fußballplatz trainiert eine Gruppe Jugendlicher, sie üben schnelle Dribblings. Die meisten von ihnen stammen aus den umliegenden Slums, manche haben heute noch nichts gegessen. Der Fußballplatzplatz ist eingerahmt von einer hohen Betonmauer, darauf Elektrodraht, der Wall schützt eine neue Reichensiedlung vor potenziellen Eindringlingen.

Gerade einmal vier von 19 Fußballspielern des Vereins Nyumba Kumi in Kiambu wollen am kommenden Dienstag wählen gehen

Gerade einmal vier von 19 Fußballspielern des Vereins Nyumba Kumi in Kiambu wollen am kommenden Dienstag wählen gehen

Foto: Brian Otieno / DER SPIEGEL

Peter Ngugi steht im Mantel am Rande des Feldes, es ist gerade Winter in Kenia, und Ngugi hat sich eine Erkältung eingefangen, deshalb kann er heute nicht mitspielen. Auch er war am Montag im Stadion, hat dem Präsidentschaftskandidaten Odinga zugejubelt. Wie viele Wahlkampfveranstaltungen er insgesamt besucht hat, weiß er nicht mehr. Er hat zu Hause T-Shirts aller Parteien, die jetzt im Regal Staub ansetzen. Zwischen 1,50 Euro und vier Euro habe er meist erhalten, um auf Befehl zu jubeln, erzählt der 26-Jährige: »Natürlich weiß ich, dass die Politiker uns nur verarschen. Sie kommen mit ihren großen Versprechungen, dann verschwinden sie auf Nimmerwiedersehen. Aber ich bin arbeitslos, also nehme ich mit, was ich bekommen kann.« So wie die meisten Jugendlichen ohne Einkommen, ohne Perspektive und ohne Glauben an die warmen Worte der Kandidaten.

Peter Ngugi auf dem Fußballplatz in Kiambu

Peter Ngugi auf dem Fußballplatz in Kiambu

Foto: Brian Otieno / DER SPIEGEL

Unter den 19 Spielern des Fußballklubs wollen in diesem Jahr gerade einmal vier wählen gehen. Vor kurzem sollte der Verein Besuch bekommen von einem Lokalpolitiker, sie hatten schon Zelte aufgebaut und Getränke besorgt. Allein der Politiker kam am Ende nie. Es sind auch solche Erfahrungen, die Jugendliche von der Wahlurne fernhalten.

Dabei sind die Spieler des Fußballvereins in Kiambu keineswegs unpolitisch oder gar desinteressiert. Sie organisieren Stipendien für ärmere Schüler, starten Spendenaktionen, betreuen junge Menschen mit psychischen Problemen. »Natürlich sind das alles Dinge, die wir von unserer Regierung erwarten würden«, sagt Vereinsvorsitzender Alex Mugo. Doch da nichts kommt, nehmen sie es eben selbst in die Hand. Das erscheint effektiver, als am kommenden Dienstag irgendwo ein Kreuz zu machen.

Während die Fußballer trainieren, ist auch William Ruto, der andere aussichtsreiche Kandidat um die Präsidentschaft, im Landkreis unterwegs. Im offenen Auto fährt er herum, eine Drohne macht Luftaufnahmen für die sozialen Medien. Rutos Reden klingen anders als die von Odinga, er ist deutlich jünger, spritziger. Ruto kommt im gelben Kapuzenpullover, er will gezielt die Jugend ansprechen. Der Kandidat gibt sich als Mann aus einfachem Hause, sein Kampagnensymbol ist die Schubkarre. Er spricht von Umverteilung, von Jobs für die Jugend, von den hohen Lebensmittelpreisen.

Vizepräsident William Ruto: Er gibt sich als Vertreter der weniger privilegierten Kenianerinnen und Kenianer

Vizepräsident William Ruto: Er gibt sich als Vertreter der weniger privilegierten Kenianerinnen und Kenianer

Foto: Brian Otieno / DER SPIEGEL
Ruto-Anhängerinnen bei einer Rally im Landkreis Kiambu

Ruto-Anhängerinnen bei einer Rally im Landkreis Kiambu

Foto: Brian Otieno / DER SPIEGEL
Vizepräsident und Präsidentschaftskandidat William Ruto kommt im gelben Kapuzenpullover, er will gezielt die Jugend ansprechen

Vizepräsident und Präsidentschaftskandidat William Ruto kommt im gelben Kapuzenpullover, er will gezielt die Jugend ansprechen

Foto: Brian Otieno / DER SPIEGEL

Ruto hat keine Busse kommen lassen, die meisten Jugendlichen, die ihm zujubeln, scheinen echte Fans zu sein. Dann entdeckt der Kandidat von seinem wuchtigen SUV aus einen Rollstuhlfahrer, durchs Mikrofon weist er sein Team an: »Gebt dem Mann 160 Euro!« Die Menge tobt. Ganz ohne Geld kommt auch der amtierende Vizepräsident nicht aus. Und die angekündigte Mega-Rally fällt am Ende überschaubar aus, ein paar hundert Menschen sind vielleicht gekommen.

Naomi Kibe und Florah Njuguna sitzen im oberen Stockwerk eines Cafés, unten auf der Straße fahren im Minutentakt Autos mit aufmontierten Lautsprechern vorbei, in völlig überdrehter Lautstärke werben sie für die beiden Kandidaten. Die Studentinnen trinken unbeirrt ihren Tee, unterhalten sich über die gestiegenen College-Gebühren, sie schauen nicht einmal nach unten. Um die Wahlkampfauftritte von Ruto und Raila machen sie in diesen Tagen einen weiten Bogen.

Naomi Kibe glaubt keinem der beiden aussichtsreichsten Kandidaten, sie bleibt am Wahltag zu Hause

Naomi Kibe glaubt keinem der beiden aussichtsreichsten Kandidaten, sie bleibt am Wahltag zu Hause

Foto: Brian Otieno / DER SPIEGEL

»Ruto verspricht, dass er alles anders machen will«, sagt die 22-jährige Naomi Kibe, die in diesem Jahr zum ersten Mal wählen dürfte. »Aber er hat in den letzten Jahren als Vizepräsident das Land doch mitgelenkt. Er hätte die Dinge längst angehen können.« Kibe wird am Wahltag zu Hause bleiben, auf ihrem Handy die Nachrichten verfolgen, auf einen friedlichen Verlauf der Wahl hoffen. Mehr erwartet sie nicht. Ihre Stimme wird sie nicht abgeben, so wie Millionen weitere junge Menschen im Land.

Auf Twitter verbreitet sich währenddessen die Eilmeldung, dass den Banken die 200-Schilling-Scheine ausgehen, wegen des Wahlkampfes. Cash für die Jugend – die dann doch nicht wählen geht.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

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