Vergiftungen durch Bleifabrik in Kenia Slumbewohner erhalten mehr als zehn Millionen Euro Entschädigung

Es ist ein unerwarteter Erfolg: Umweltaktivistin Phyllis Omido hat Millionenentschädigungen für die Bewohner eines Slums in Mombasa erkämpft. Sie wurden durch eine benachbarte Batterierecycling-Fabrik vergiftet.
Jackson Oseya und seine siebenjährige Tochter vor ihrem Haus in Owino Uhuru. Beide leiden an einer Bleivergiftung

Jackson Oseya und seine siebenjährige Tochter vor ihrem Haus in Owino Uhuru. Beide leiden an einer Bleivergiftung

Foto: Anne Backhaus/ DER SPIEGEL
Globale Gesellschaft

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Das Umweltgericht in Kenia hat den rund 3000 Einwohnern von Owino Uhuru, einem Slum nahe der ostafrikanischen Hafenstadt Mombasa, mehr als zehn Millionen Euro zugesprochen. Sie waren einer jahrelangen Bleivergiftung durch eine benachbarte Batterierecycling-Fabrik ausgesetzt gewesen. Die Entschädigungszahlung soll von der Regierung und den Fabrikbetreibern getragen werden.

Das Gerichtsurteil gilt als Präzedenzfall und könnte vielen weiteren Gemeinden helfen. "Endlich erfahren wir Gerechtigkeit", sagt Phyllis Omido am Telefon.

Die 42-jährige Aktivistin kämpft seit Jahren für Umwelt und Anwohner. Am 20. Februar 2016 reichte das von ihr gegründete Center for Justice, Governance and Environmental Action  eine Sammelklage gegen die Betreiber der "Metal Refinery"-Fabrik im Namen der Bewohner von Owino Uhuru ein. Sie bezichtigt außerdem sechs Regierungsstellen, darunter das Gesundheits- und Umweltministerium sowie die Regionalregierung von Mombasa, ihre Fürsorgepflicht vernachlässigt zu haben.

Phyllis Omido, 42, setzt sich seit 2009 für Bewohner eines Slums ein, die durch Blei vergiftet wurden

Phyllis Omido, 42, setzt sich seit 2009 für Bewohner eines Slums ein, die durch Blei vergiftet wurden

Foto:

Goldman Environmental Prize

"Wir werden das Urteil in der Dorfgemeinschaft feiern und der Toten gedenken, die diesen Erfolg nicht mehr erleben durften", sagt Omido.

Mehr als 300 Kinder und 50 Erwachsene sind nach ihren Ermittlungen in den vergangenen Jahren mit nachgewiesenen Bleivergiftungen gestorben. Viele weitere Anwohner der Fabrik, die 2014 den Betrieb einstellte, leiden noch immer unter teils schweren Vergiftungen. Sie konnten sich bislang keine medizinische Behandlung leisten. "Nun können sie alle ins Krankenhaus und hoffentlich gesund werden", sagt Omido.

Als indische Unternehmer im Jahr 2007 die Fabrikanlage aufbauten, freuten sich viele über den neuen Arbeitgeber in der Nachbarschaft. Omido, die Betriebswirtschaft studiert hat, heuerte damals selbst in der Verwaltung an. Sie war glücklich, dass sie sogar ihren kleinen Sohn mit ins Büro bringen konnte. Doch nur wenige Wochen später bekam er so starkes Fieber, dass er kaum noch ansprechbar war.

Er kam ins Krankenhaus, doch keine Behandlung schlug an. Durch einen Zufall kam Omido auf die Idee, sein Blut auf Blei testen zu lassen. Der Bleigehalt lag um das 37-Fache über dem zulässigen Wert. Ihr Sohn war vergiftet.

Kurz darauf klagten die ersten Arbeiter über Beschwerden wie Müdigkeit, Kopfschmerzen und Erbrechen, Darmkrämpfe, kalten Schweiß oder Fieber. Viele hielten die Symptome jedoch vorerst für Anzeichen von Infektionskrankheiten wie zum Beispiel Malaria.

Wer mit einer hohen Konzentration an Blei in Berührung kommt, erleidet schnell eine Bleivergiftung. Bei einer dauerhaft hohen Konzentration, wie die Fabrikarbeiter und Anwohner ihr in Owino Uhuru ausgesetzt waren, bedeutet das auch Ekzeme, Organausfälle, Geschwüre und in vielen Fällen: Tod. Vor allem, wenn es an medizinischer Versorgung und oft auch dem Nötigsten zum Überleben mangelt.

"In der Entschädigungssumme sind an die 4000 Euro für jede einzelne betroffene Person in der Gemeinde enthalten. Das wird ihr Leben massiv verbessern", sagt Phyllis Omido. Viele der Bewohner in Owino Uhuru leben sonst von maximal einem Euro am Tag. "Sie wurden von der Coronakrise zusätzlich hart getroffen, haben ihre Jobs verloren und hatten kaum noch Hoffnung auf Hilfe."

Viele der Häuser von Owino Uhuru grenzen direkt an die Fabrikmauer, durch die auch verseuchtes Wasser in den Slum lief

Viele der Häuser von Owino Uhuru grenzen direkt an die Fabrikmauer, durch die auch verseuchtes Wasser in den Slum lief

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Anne Backhaus/ DER SPIEGEL

Die Gewinnung von Blei aus alten Autobatterien ist in Afrika ein oft tödliches Geschäft: Die Deutsche Akademie für Technikwissenschaften nimmt an, dass 25 bis 30 Prozent des in Europa anfallenden Elektroschrotts illegal exportiert werden, darunter viele Autobatterien. Jedes Jahr werden etwa 1,2 Millionen Tonnen Blei-Säure-Batterien in afrikanischen Ländern recycelt. Daraus werden gut 800.000 Tonnen "sauberes" Blei gewonnen, das zu einem Großteil von Afrika zurück in die EU exportiert wird. Auch nach Deutschland.

Zu den Hauptabnehmern gehört die Kfz-Industrie. Mit der Technologisierung steigt jedoch der weltweite Bleiverbrauch. Die Nachfrage ist hoch und Blei teuer. Bleirecycling in Afrika lohnt sich also.

Vor allem, weil nicht viel investiert werden muss: Oft erhalten die Arbeiter keine Schutzkleidung und zerspalten Batterien per Hand; und die Fabriken erfüllen keine Umweltauflagen. So landet Bleistaub in hohen Mengen auf der Haut und der Kleidung, in der Luft und im Grundwasser. Wie in Owino Uhuru.

Anhaltende Gefahr für die Einwohner: In Owino Uhuru sind noch immer Boden und Häuser mit Blei verseucht

Anhaltende Gefahr für die Einwohner: In Owino Uhuru sind noch immer Boden und Häuser mit Blei verseucht

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Anne Backhaus/ DER SPIEGEL

Phyllis Omido wies in dem Slum außerdem Blei im Boden, auf den Fenstern, auf Hausdächern und Innenwänden nach. Das Gericht hat die Regierung in seinem Urteil aus der vergangenen Woche nun dazu verpflichtet, das verseuchte Fabrikgelände und die angrenzende Siedlung zu reinigen. Bei einer Nichteinhaltung dieser Auflage drohen sieben Millionen Euro an Strafzahlungen.

"Das Blei ist noch überall: auf den Dächern, in der Erde, an den Wänden und Fenstern", sagt Omido. "Der Boden muss abgetragen und ersetzt, die Häuser grundsaniert werden. Vor uns liegt viel Arbeit."

Omido hatte gehofft, mit ihrer Sammelklage einen Präzedenzfall zu schaffen, den Aktivisten und Umweltschützer von allein 17 betroffenen Gemeinden in Kenia für sich nutzen können. "Jetzt, wo diese Hoffnung eingetreten ist, werden wir auch für sie kämpfen. Es gibt außerdem noch viel mehr Orte in Ostafrika, die durch Blei vergiftet wurden und die versuchen müssen, sich zu wehren", sagt Omido. Sie wird von einigen Menschenrechts- und Umweltorganisationen, Spenden und der Uno unterstützt.

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Titel: Mit der Wut einer Mutter
Autor: Phyllis Omido
Verlag: Europa Verlag
Seitenzahl: 220
Preis: 18,00 €
Erscheinungsdatum: 20. September 2019
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Preisabfragezeitpunkt

04.12.2022 17.39 Uhr

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Sich auf ihrem Erfolg ausruhen wird Omido nicht können. Zu viel muss nun getan werden, zu vorsichtig muss sie weiterhin sein. In den vergangenen Jahren hat die Umweltaktivistin immer wieder Morddrohungen erhalten und nicht mal mehr Familie und Freunden verraten, wo sie lebt. Auch jetzt gilt ihre erste Sorge der Sicherheit. Ihr Sohn ist inzwischen wieder gesund, ihre Tochter etwas älter als ein Jahr.

"Ich kümmere mich gerade um eine Security-Einheit, die meine Mitarbeiter und mich in den kommenden Monaten schützen kann", sagt Phyllis Omido. Sie rechnet damit, dass es nicht einfach sein wird, das den Einwohnern von Owino Uhuru zugesprochene Geld auch zu erhalten. Der Staat und die Firmeneigentümer könnten noch Berufung einlegen. "Und wir leben in Kenia. Es ist hier nicht ungewöhnlich, dass Menschen einfach verschwinden, die ungemütlich werden."

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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