Kenia will Waisenhäuser abschaffen Daheim statt Heim

Der Dezember ist ein Spendenmonat, auch Waisenhäuser in Afrika werden gern bedacht. Doch nach heftigen Skandalen wollen nun mehrere Länder die Einrichtungen dichtmachen und die Kinder in Familien unterbringen.
Diese beiden Geschwister sind bei einer Pflegemutter untergekommen

Diese beiden Geschwister sind bei einer Pflegemutter untergekommen

Foto: Gordwin Odhiambo / DER SPIEGEL
Globale Gesellschaft

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Wambui* und Robin* rennen kichernd den Hühnern hinterher, die schaffen es gackernd gerade noch rechtzeitig um die Ecke. Früher war es oft umgekehrt: Die beiden Geschwister mussten weglaufen, wenn sie mal wieder beim Klauen erwischt worden waren. Ihre Mutter hat sich nie um die Siebenjährige und den Zehnjährigen gekümmert, sie landeten bei einem Fremden, der sie losschickte, um Klamotten und Essen zu stehlen. Irgendwann hatten die Nachbarn genug und alarmierten das Jugendamt.

Dann geschah etwas Ungewöhnliches: Wambui und Robin kamen nicht in eines der vielen prekären Kinderheime in Kenia, die oft Verwahranstalten und sehr selten Betreuungseinrichtungen sind. Sie kamen zu Jane Gitae.

Die 60-Jährige legt großen Wert auf Ordnung, das erkennt man in ihrem Haus sofort. Alles ist zugedeckt mit dünnen rosafarbenen Stofftüchern: der Fernseher, der Tisch, die Sofas. Kein Staubkorn soll die Polster berühren. An einer Wand stehen, sorgsam ineinander gestapelt, Dutzende blaue Plastikstühle. Jane will vorbereitet sein, falls mal Besuch kommt. Sonntags geht sie in die Kirche.

Pflegemutter Jane Gitae mit ihren Pflegekindern und Enkelsohn

Pflegemutter Jane Gitae mit ihren Pflegekindern und Enkelsohn

Foto: Gordwin Odhiambo / DER SPIEGEL

Auch Janes Enkelkind, der 11-jährige James, wohnt mit im Haus, seitdem seine Mutter gestorben ist. Keine ungewöhnliche Konstellation in vielen afrikanischen Ländern: Großmütter oder Tanten kümmern sich um Familienangehörige in Not. Dass Wambui und Robin auch hier sind, das ist allerdings ungewöhnlich. Denn sie gehören nicht zur Familie, sie sind sogenannte Pflegekinder. Jane kannte sie bis vor drei Monaten nicht einmal.

»Ich habe mit einem Kind angefangen, das wurde zu mir gebracht. Mir hat die Rolle als Pflegemutter gefallen, das Jugendamt war offenbar auch zufrieden, und jetzt bekomme ich ständig Anfragen«, erzählt Jane Gitae. Sie ist Teil eines Pilotprojekts: In Murang’a, einer Kleinstadt nördlich der Hauptstadt Nairobi, werden Kinder nur noch selten in Heime gesteckt. Sie sollen stattdessen in einem häuslichen Umfeld unterkommen – zumindest so lange, bis sie im besten Fall zu ihren leiblichen Familien zurückkehren können.

Nun wollen die kenianischen Behörden diese Strategie auf das gesamte Land ausweiten. So hat es die Regierung vor wenigen Wochen in einem neuen Kinderschutzkonzept beschlossen, das bald verabschiedet werden soll. Die Heime sollen nach und nach geschlossen und die Kinder familiennah untergebracht werden. Internationale Organisationen forderten diesen Schritt schon länger. Denn die Kinderheime sind oft Orte des Grauens.

Robin und Wambui wurden früher zum Stehlen geschickt, heute genießen sie das Spielen im Garten

Robin und Wambui wurden früher zum Stehlen geschickt, heute genießen sie das Spielen im Garten

Foto: Gordwin Odhiambo / DER SPIEGEL

»Diese Heime sind für viele ein reines Geschäft«, sagt Jane Munuhe von der staatlichen kenianischen Kinderschutzbehörde. »Die Betreiber wollen Spender aus dem Ausland anlocken, und damit das Geld immer weiter fließt, verbessern sie die Bedingungen vor Ort nicht.« Immer wieder komme es zu Verstößen gegen kenianisches Recht.

Tatsächlich ist die Liste an Skandalen lang, das zeigt sich auch in einer Studie aus Murang’a. Im Auftrag der Behörden wurde die Lage in den Heimen untersucht, das Papier enthält schwere Vorwürfe. Ein Gemeindevorsteher beschreibt darin, wie Heimbetreiber herumlaufen und Kinder aus ihren Familien heraus »rekrutieren« würden, um daraus finanziellen Nutzen zu schlagen. Mehrere Einrichtungen würden ohne Lizenz und damit ohne jegliche Kontrolle operieren. Tatsächlich laufen in Kenia immer wieder Ermittlungen und Gerichtsverfahren wegen Kinderhandels im Umfeld von Heimen.

Die Spender wiederum kommen oft aus dem Globalen Norden. In vielen Kinderheimen »helfen« weiße Freiwillige aus Europa oder den USA, zahlen dafür viel Geld. Weiße Touristen besuchen gern die Heime, Kinder tanzen dann meist zu vermeintlich afrikanischen Liedern, am Ende wird gespendet. Ein attraktives Geschäftsmodell für viele, denen es nicht unbedingt ums Kindeswohl geht. Die neue Strategie der kenianischen Regierung soll dem nun einen Riegel vorschieben.

Doch Widerstand dagegen kommt offenbar nicht nur von den Heimbetreibern selbst. Laut Jane Munuhe von der staatlichen Kinderschutzbehörde würden sich seit dem Beginn der Reform Geldgeber aus reichen Ländern zurückziehen oder zumindest damit drohen: »Die wollen unbedingt Heime unterstützen, sie begreifen die Gefahr gar nicht«, sagt die Beamtin.

Sozialarbeiterin Irene Makena bildet angehende Pflegeeltern aus, der Bedarf ist riesig

Sozialarbeiterin Irene Makena bildet angehende Pflegeeltern aus, der Bedarf ist riesig

Foto: Gordwin Odhiambo / DER SPIEGEL

Eine der größten und bekanntesten Kinderschutzorganisationen, die SOS-Kinderdörfer, zeigen sich offener für den Wandel. Auch sie musste vor Kurzem einen weitreichenden Skandal aufarbeiten, es ging um körperlichen, sexuellen und emotionalen Missbrauch. Den aktuellen Reformen in vielen Ländern stehe man grundsätzlich positiv gegenüber, sagt Sprecher Boris Breyer: »Die SOS-Kinderdörfer sind ja als Gegenentwurf zu klassischen Heimen gegründet worden, daher die Idee des Dorfcharakters mit individueller familiennaher Betreuung.« In Osteuropa unterstütze man Regierungen bereits beim Ausbau von alternativen Pflegemodellen, auch mit vielen afrikanischen Regierungen sei man hierzu im Austausch.

Doch in Kenia stehen die Behörden noch vor einem massiven Problem: Es fehlt an Pflegeeltern, die Kinder bei sich aufnehmen wollen. Irene Makena steigt in ihrem kleinen Büro über Säcke und Kisten mit Lebensmitteln, Seife und Klamotten. Diese Produkte bekommen Pflegefamilien gestellt, um sie finanziell etwas zu entlasten. Makena ist Sozialarbeiterin bei der Stahili-Stiftung, die sich in ganz Afrika für Alternativen zur Heimunterbringung einsetzt. Die Sozialarbeiterin wählt und bildet die angehenden Pflegeeltern aus, wenn sie denn welche findet. »Es gibt einen großen Bedarf, wir brauchen deutlich mehr«, sagt Makena.

Dabei seien die Erfolge des Pilotprojekts schon jetzt deutlich, findet sie. Kinder in Heimen würden meist drei Jahre und länger dort verbringen, die Zeit bei Pflegeeltern ist von vornherein auf nur ein Jahr ausgelegt. Das kann im Notfall verlängert werden, doch oberstes Ziel sei es, die Kinder danach in die Kernfamilie zurückzubringen. Wenn das nicht geht, sollen weitere Familienangehörige oder eine Adoption in Betracht gezogen werden. Außerdem gelinge es häufig, durch gezielte Sozialarbeit die betroffenen Minderjährigen gar nicht erst von ihren Verwandten zu trennen.

Bislang geht die Reform, die Abkehr von den Kinderheimen, in Kenia nur schleppend voran. Andere afrikanische Länder sind da schon weiter, allen voran Ruanda. Dort wurde in Zusammenarbeit mit der Uno-Kinderschutzorganisation Unicef bereits 2012 mit dem Umbau des Pflegesystems begonnen. Zahlreiche Heime wurden seither geschlossen, zwei Drittel der landesweit betreuten Kinder stattdessen wieder bei ihren Familien oder bei Pflegeeltern untergebracht. Mehr als tausend Pflegemütter haben die Behörden ausgebildet. Inzwischen wurde das Programm evaluiert, das Fazit: »Ein Pflegeeltern-System ist auch in Niedrigeinkommens-Ländern möglich.« Die Nachbarländer Uganda und Tansania wollen nun nachziehen.

Kinderheime als koloniales Erbe

Auch Jane Munuhu in Kenia ist davon überzeugt, dass sich schnell etwas tun muss. Kinderheime seien ein koloniales Erbe, Afrika müsse zur Betreuung in Familienstrukturen zurückkehren. Doch bis auch in Kenia genug Alternativen zu Kinderheimen zur Verfügung stehen, wird es noch Jahre dauern. Munuhu richtet einen Appell an potenzielle Spender: »In der Zwischenzeit sollten sie weiterhin zertifizierte und gut geführte Kinderheime finanziell unterstützen – zumindest bis wir echte Alternativen bieten können.«

Wambui und Robin rennen derweil durch ihr neues Zuhause, die Klamotten noch nass vom Regen. Ihre Pflegemutter Jane lächelt milde, sie kennt das schon. Eines ist ihr wichtig: In diesem Jahr sollen die Kinder ein richtiges Weihnachtsfest erleben. Bei einer Familie. Auch wenn es nicht ihre eigene ist.

*Die Namen wurden zum Schutz der Kinder geändert.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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