Folgen der Coronakrise Jedes zehnte Kind auf der Welt muss arbeiten

Jahrelang nahm Kinderarbeit ab, doch die Pandemie könnte den Trend umkehren: Viele arme Familien sind derzeit auf die Mithilfe der Jüngsten angewiesen – so wühlen Kinder nun im Müll, statt zur Schule zu gehen.
152 Millionen Kinder müssen arbeiten, statt zur Schule zu gehen – wie dieser Junge im indischen Bundesstaat Jharkhand

152 Millionen Kinder müssen arbeiten, statt zur Schule zu gehen – wie dieser Junge im indischen Bundesstaat Jharkhand

Foto: Jonas Gratzer / LightRocket / Getty Images
Globale Gesellschaft

In Reportagen, Analysen, Fotos, Videos und Podcasts berichten wir weltweit über soziale Ungerechtigkeiten, gesellschaftliche Entwicklungen und vielversprechende Ansätze für die Lösung globaler Probleme.

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Vor etwas mehr als einem Jahr noch bestand Shekh Zahids Alltag darin, in die vierte Klasse einer Schule in Westbengalen zu gehen, einem Bundesstaat ganz im Norden Indiens. Nun stochert der Zehnjährige, tausend Kilometer entfernt von zu Hause, im Müll einer Deponie der indischen Hauptstadt Delhi. Der Müll türmt sich dort 50 Meter hoch. Es stinkt, die Hände des Jungen sind schwarz vom Dreck.

Shekh kommt jeden Tag hierher, mit seinem Onkel und mit anderen Kindern, sie suchen nach Dingen, die noch jemand brauchen könnte. Dinge, die sie verkaufen können. 150 Rupien macht jeder von ihnen an den meisten Tagen, das entspricht 1,70 Euro.

Shekhs Familie hatte ihn während der Pandemie nach Delhi geschickt. »Wir sind arm«, sagt Shekh. »Während des Lockdowns haben wir viel gelitten.« Sein Vater, ein Rikscha-Fahrer, verdiene derzeit viel weniger – nun muss der Junge die Familie unterstützen.

Jedes zehnte Kind weltweit von Kinderarbeit betroffen

Millionen Kindern auf der Welt geht es ähnlich wie Shekh Zahid. Zwar ist die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die arbeiten, anstatt zur Schule zu gehen oder eine Ausbildung zu machen, seit dem Jahr 2000 um etwa 100 Millionen gesunken. Trotzdem ist noch immer fast jedes zehnte Kind weltweit von Kinderarbeit betroffen – und die Coronakrise hat ihre Lage bedeutend verschlechtert; 152 Millionen Unter-18-Jährige arbeiten , um zum Überleben der Familien beizutragen, 48 Prozent von ihnen sind jünger als zwölf Jahre. Zu dem Ergebnis kommt die Internationale Arbeitsorganisation (ILO).

In der Pandemie seien die Einkommen der Menschen, die am Existenzminimum leben, im weltweiten Durchschnitt noch einmal um 60 Prozent gesunken. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt ein aktueller Uno-Bericht . Das erhöht den Druck auf Familien, und auf die Eltern, die ihre Kinder zur Arbeit schicken müssen. Es geht ums Überleben der Familie.

Coronakrise verschärft Lage für die Ärmsten

Laut ILO spüren vor allem Männer und Frauen die Folgen der Krise, die Essen an Straßenständen verkaufen, auf Feldern arbeiten, kleine Verkaufsstände betreiben, Wäsche waschen, Häuser putzen, im Restaurant bedienen. Die Weltbank schätzt , dass bis zu 150 Millionen Menschen wegen der Coronakrise bis Ende des Jahres in extremer Armut landen könnten. Ihnen blieben dann weniger als umgerechnet 1,50 Euro am Tag.

Die Pandemie könne die Menschen »um Jahre, wenn nicht eine ganze Generation zurückwerfen«, sagt Benjamin Smith, Experte für Kinderarbeit bei der ILO.

Dazu kommt, dass in vielen Ländern seit Monaten Corona-bedingt die Schulen geschlossen haben. In Indien etwa hatten Kinder in den Schulküchen bisher kostenloses Essen erhalten. Online-Unterricht ist, ohne Internetzugang, nicht möglich. Ohne Bildung sinken die Chancen der Kinder, der Armut einmal zu entkommen. Die meisten Mädchen und Jungen, die arbeiten müssen (72 Millionen), leben laut Unicef  in Afrika, gefolgt von Asien (62 Millionen).

Die Mädchen und Jungen werden durch Kinderarbeit ihrer Kindheit, ihrer Ausbildung und ihrer Entwicklung beraubt: Laut international gültigen Kinderrechten (Kinderrechtskonvention  von 1989) ist jene Arbeit verboten, die gefährlich oder ausbeuterisch ist, die ihre körperliche oder seelische Entwicklung schädigt oder von Bildung abhält.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

mst/dpa
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