Ehemalige Kindersoldaten »Wenn wir die Kinder fallen lassen, landen sie wieder an der Waffe«

Tausende Minderjährige werden jedes Jahr als Soldaten rekrutiert, doch kaum jemand interessiert sich dafür. Dabei gibt es Organisationen, die den Kindern die Rückkehr in ein normales Leben ermöglichen. Drei Beispiele aus Afrika.
Von Heiner Hoffmann, Nairobi
Fast 8000 für den Kampf rekrutierte Kinder hat der Uno-Sicherheitsrat 2019 gezählt. Und das sind nur die bestätigten Fälle

Fast 8000 für den Kampf rekrutierte Kinder hat der Uno-Sicherheitsrat 2019 gezählt. Und das sind nur die bestätigten Fälle

Foto: ANDREEA CAMPEANU / REUTERS
Globale Gesellschaft

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Samuel* ist elf, als plötzlich uniformierte Männer in seinem Klassenzimmer im Südsudan stehen. »Sie sagten uns, es gebe ein Treffen, wir sollten mitkommen«, erinnert er sich. Doch das Treffen findet nie statt. Die Kinder werden stattdessen auf einen langen Fußmarsch Richtung Kongo geschickt. »Einige sind dabei vor Erschöpfung gestorben«, erzählt Samuel.

In der Demokratischen Republik Kongo durchlaufen die Jungen eine militärische Ausbildung: Training an der Waffe, Feind erspähen. Nach knapp neun Monaten geht es zurück in ihre Heimat, als Kindersoldaten. »Ich musste Tag und Nacht kämpfen. Am Anfang hatte ich noch Angst, aber die ging irgendwann weg. Ich wusste, wie man einen Menschen tötet.« Samuel ist heute 17, sechs Jahre seiner Kindheit hat er mit Töten verbracht.

In der Grenzregion zwischen Kenia und Südsudan tragen viele Kinder Waffen

In der Grenzregion zwischen Kenia und Südsudan tragen viele Kinder Waffen

Foto: Goran Tomasevic / REUTERS

Vor knapp einem Jahr wendet sich sein Schicksal: Das Uno-Kinderhilfswerk Unicef erwirkt Samuels Freilassung. Inzwischen wohnt der Jugendliche in einem Übergangsheim für ehemalige Kindersoldaten, geht wieder zur Schule. Leicht ist das nicht: »Die Zeit als Soldat hat mich verändert. Ich habe mich gefühlt wie ein Mann, hatte Macht und eine Waffe«, erzählt der Teenager. Heute muss er wieder auf seine Lehrer hören.

Unicef hat ein mehrstufiges Programm entwickelt, um die Kinder ins zivile Leben zurückzuholen. Zuerst legen sie ihre Uniform ab, bekommen Jeans und T-Shirts. Dann werden ihnen Sozialarbeiter und Psychotherapeuten an die Seite gestellt, auch um Traumata zu verarbeiten. Schließlich suchen Betreuer die Familien der Kinder, die meisten kehren zurück in ihre Heimatdörfer und besuchen dort wieder eine Schule.

»Neulich habe ich ein paar Jungs wiedergetroffen, die haben mir ihre guten Noten gezeigt. Da saß ich da wie ein stolzer Opa«, erzählt Jean Lieby, Leiter des Unicef-Kinderschutzprogramms im Südsudan.

Noch immer werden in zahlreichen Ländern der Welt Minderjährige für bewaffnete Konflikte rekrutiert. 7747 bestätigte Fälle zählt der letzte Jahresbericht des Uno-Sicherheitsrats auf, die meisten davon in Afrika. Doch das ist nur die Spitze des Eisbergs, denn ein Großteil landet nicht in offiziellen Statistiken. Einfacher ist das Zählen der freigelassenen Kinder: 13.200 waren es 2019. Sie stellen Behörden und internationale Organisationen vor große Herausforderungen: Wie umgehen mit Minderjährigen, die das Kindsein verlernt haben?

Auch im Südsudan sind die Antworten nicht immer einfach. Zumal nicht alle Kindersoldaten wie Samuel verschleppt und zum Kämpfen gezwungen wurden. »Viele melden sich freiwillig, weil sie hoffen, so wenigstens ein kleines Einkommen zu erzielen«, erzählt Michael Deng*. Er betreut als Sozialarbeiter ehemalige Kindersoldaten, manche gerade einmal zwölf Jahre alt. »Sie davon zu überzeugen, wieder in die Schule zu gehen, wieder Kind zu sein, ist extrem schwierig. Wir müssen ihnen etwas bieten.«

Sie lernen wieder zu spielen

Derzeit kümmert sich Deng um 26 Minderjährige. Drei davon sind inzwischen zu ihren Familien zurückgekehrt, bei den anderen müssen die Angehörigen noch gefunden werden. »In manchen Fällen wurden die Eltern erschossen«, sagt der Sozialarbeiter. Dann kommen die Kinder zunächst in einem Heim unter, so wie Samuel. Sie holen die Schule nach, machen eine Ausbildung oder tun etwas, was viele von ihnen verlernt haben: Spielen.

Doch nicht immer klappt das. In seinem jüngsten Jahresbericht hält der Uno-Sicherheitsrat fest: »Grundlegende Probleme haben die erfolgreiche Reintegration dieser Kinder verhindert.« Jean Lieby von Unicef kennt diese »grundlegenden Probleme« aus seiner täglichen Arbeit. Er hat bereits ehemalige Kindersoldaten in Ruanda, Sierra Leone und im Kongo zurück ins zivile Leben begleitet. »Eine Situation wie jetzt habe ich noch nie erlebt«, sagt er. Es fehle an allem: Schulplätzen, Sozialarbeitern, Psychologen.

Jean Lieby leitet das Unicef-Kinderschutzprogramm im Südsudan

Jean Lieby leitet das Unicef-Kinderschutzprogramm im Südsudan

Foto: Unicef

»Vor ein paar Jahren war die internationale Aufmerksamkeit groß«, erinnert sich Lieby. »Doch momentan interessiert sich niemand für das Problem.« Im vergangenen Jahr mussten sie bereits Sozialarbeiter entlassen, die Partnerorganisationen mehrere Standorte schließen. Spätestens im Frühjahr droht das Geld komplett auszugehen. »Dann wird alles wieder den Bach runtergehen. Wenn wir die Kinder fallen lassen, landen sie wieder an der Waffe.«

Der Fall Dominic Ongwen in Uganda hat den schwierigen Umgang mit Kindersoldaten erneut in den Fokus gerückt. Er macht auch deutlich, was passiert, wenn der Kreislauf der Gewalt nicht durchbrochen wird. Ongwen wurde als Kind von der berüchtigten Lord's Resistance Army verschleppt und zum Kämpfen gezwungen. Als Erwachsener stieg er zum Kommandeur der Rebellentruppe auf und beging selbst schlimmste Gräueltaten. Inklusive Mord, Folter, Vergewaltigung – und Rekrutierung von Kindersoldaten.

Am Donnerstag sprach ihn der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag in zahlreichen Anklagepunkten für schuldig. »Endlich wird die Rekrutierung von Kindern auch vor Gericht geahndet«, sagt Unicef-Experte Jean Lieby. Die Verkündung des Strafmaßes für Dominic Ongwen steht allerdings noch aus, sie wird mit Spannung erwartet. Denn spätestens dann stellt sich die Frage: Wie viel Opfer und wie viel Täter steckt in dem ehemaligen Kindersoldaten?

Verurteilt unter anderem wegen Mordes, Folter und Zwangsrekrutierung: Der ehemalige Kindersoldat und Kommandeur Dominic Ongwen

Verurteilt unter anderem wegen Mordes, Folter und Zwangsrekrutierung: Der ehemalige Kindersoldat und Kommandeur Dominic Ongwen

Foto: POOL New / REUTERS

Mit diesen moralischen Fragen hat sich auch General Roméo Dallaire beschäftigt. Dallaire war während des Genozids 1994 in Ruanda Befehlshaber der Uno-Truppen. Seine verzweifelten Rufe nach Verstärkung blieben damals ungehört, dem Völkermord musste er tatenlos zusehen. Eine Erfahrung, die den General später zu mehreren Selbstmordversuchen trieb: »Der Anblick von Jungen mit Sturmgewehren in der Hand verfolgt mich bis heute. Ich wurde selbst Zeuge der Schäden, die der Krieg den Kindern zufügt.«

Im Jahr 2007 gründete der Kanadier daraufhin das Dallaire Institute. Es bildet seither Sicherheitskräfte weltweit darin aus, die Rekrutierung von Kindersoldaten frühzeitig zu erkennen und dagegen vorzugehen. In der Ausbildung geht es aber auch um ein ethisches Dilemma vieler Soldaten: Wenn ein Kind mit einer Waffe auf sie zielt – dürfen sie dann schießen, um ihr eigenes Leben zu retten? Die Sicherheitskräfte sollen lernen, erst alle anderen Optionen auszuschöpfen.

»Im Chaos des Gefechts können Kinder am besten fliehen.«

Shelly Whitman, Direktorin des Dallaire Institutes

»Oft hören wir, dass Einheiten gar nicht erst angreifen, wenn sie wissen, dass Kindersoldaten auf der anderen Seite stehen«, erzählt die Direktorin des Instituts, Shelly Whitman. »Aber das kann auch eine vertane Chance bedeuten. Denn im Chaos des Gefechts können Kinder am besten fliehen.« Es sind solche praktischen Tipps, die das Dallaire Institut zu einer gefragten Institution gemacht haben.

Doch derzeit stockt der Einsatz gegen Kindersoldaten. Gerade wollten die Trainer des Dallaire Instituts in Kamerun aktiv werden, auch hier gibt es Berichte über rekrutierte Minderjährige. Doch das Projekt musste abgesagt werden, wegen fehlender Finanzierung. Das Thema Kindersoldaten hat derzeit keine Priorität.

General Roméo Dallaire war Befehlshaber der Uno-Truppen in Ruanda, musste dem Genozid tatenlos zusehen

General Roméo Dallaire war Befehlshaber der Uno-Truppen in Ruanda, musste dem Genozid tatenlos zusehen

Foto: Mark Horton / Getty Images

Samuel aus dem Südsudan hat am Montag seine Prüfung geschrieben. Besteht er sie, kann er mit 17 Jahren zumindest einen Grundschulabschluss vorweisen. Danach will er Automechaniker werden – und irgendwann mithilfe der Sozialarbeiter seine Familie wiederfinden.

Ein Ziel hat Samuel schon erreicht: Er habe keine Albträume mehr, erzählt der ehemalige Kindersoldat.

*Wir haben die Namen der Protagonisten auf ihren Wunsch hin und zu ihrem Schutz geändert.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

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