Missbrauch in Kenia "Eltern verlassen ihre Kinder, weil sie nicht mehr für sie sorgen können"

Mehr als 5000 Fälle von sexuellem Missbrauch hat das kenianische Gesundheitsministerium während der Corona-Pandemie registriert. Frauenrechtlerin Dorothy Aseyo erklärt, warum vor allem Kinder betroffen sind.
Ein Interview von Anne Backhaus
Kibera Slum in Kenia: Kinder stehen Schlange, um Wasser zu holen

Kibera Slum in Kenia: Kinder stehen Schlange, um Wasser zu holen

Foto: GORDWIN ODHIAMBO/ AFP
Globale Gesellschaft

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Tausende Missbrauchsfälle von Kindern sind bekannt, zudem wird eine hohe Dunkelziffer befürchtet: Das Gesundheitsministerium in Kenia hat eine Zunahme an sexueller Gewalt während der Pandemie registriert. Im Vergleich zu einem ähnlichen Zeitraum im Vorjahr sei ein offizieller Anstieg von sieben Prozent verzeichnet worden, teilt die Behörde mit.

"Kinder unter 18 tragen die größte Last", sagt Mercy Mukui Mwangangi, Sprecherin des Gesundheitsministeriums. Minderjährige machen 70 Prozent der 5000 zwischen März und Juni gemeldeten Vergewaltigungsfälle aus. Laut der Hilfsorganisation Care International soll es insbesondere zu einer Zunahme von Kindesmissbrauch durch Verwandte und erweiterte Familienmitglieder gekommen sein, was unter anderem auf den Lockdown im Land zurückgeführt wird. Oft liegt es aber auch daran, dass die Kinder nun tagsüber nicht beaufsichtigt und damit ungeschützt vor Übergriffen sind.

Die meisten Betroffenen sind junge Frauen, viele von ihnen erwarten nun selbst Kinder. In Kenias Hauptstadt Nairobi wurden allein 2432 schwangere Mädchen unter 14 Jahren erfasst. Hilfsorganisationen gehen von einem starken Anstieg an Teenagerschwangerschaften als direkte Folge der Verbreitung des Coronavirus aus - in vielen afrikanischen Ländern. Es wird vermutet, dass 380.000 Mädchen betroffen sein könnten.

"Wir haben in Kenia schon lange mit Teenagerschwangerschaften zu kämpfen, nun verschlimmert die Pandemie die ohnehin schwierige Situation", sagt Dorothy Aseyo

"Wir haben in Kenia schon lange mit Teenagerschwangerschaften zu kämpfen, nun verschlimmert die Pandemie die ohnehin schwierige Situation", sagt Dorothy Aseyo

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Brian Inganga/ AP

Dorothy Aseyo betreut in Kenia Projekte zur Stärkung von Frauen und arbeitet mit vielen Hilfs- und Menschenrechtsorganisationen zusammen. Im Interview erklärt sie, warum vor allem Kinder von sexuellen Übergriffen während der Pandemie betroffen sind - und was Teenagerschwangerschaften für Mädchen und die gesamte Gesellschaft bedeuten.

SPIEGEL: Frau Aseyo, wie können wir uns die derzeitige Lebenssituation der Menschen in Kenia vorstellen?

Dorothy Aseyo: Ein Großteil der Menschen hat durch den Lockdown sowie durch Reise- und Ausgangsbeschränkungen das Einkommen verloren. Familien müssen täglich um ihr Überleben kämpfen. Mütter wissen nicht, wie sie Nahrung für ihre Kinder kaufen oder die Miete bezahlen sollen. Kinder gehen nicht mehr zur Schule, wo sie sonst meist eine Mahlzeit erhalten - und das soll auch noch bis zum kommenden Jahr so bleiben.

SPIEGEL: Die Maßnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus haben nicht nur zu einer bedrohlichen ökonomischen Lage vieler Menschen geführt, es wurden auch Tausende Missbrauchsfälle von Minderjährigen registriert. Wie erklären Sie sich das?

Aseyo: Es ist eine direkte Folge des Lockdowns und der daraus resultierenden lebensbedrohlichen Lage. Normalerweise verbringen Kinder viel Zeit in der Schule. Die ist nun für alle geschlossen, sie haben also tagsüber keinen geschützten Raum für sich. Hier ist es nicht wie in Deutschland, wo viele Eltern von zu Hause im Homeoffice arbeiten und weiterhin Geld verdienen können. Die Eltern in Kenia versuchen verzweifelt, Geld aufzutreiben.

SPIEGEL: Das heißt, sie können sich nicht um die Kinder kümmern?

Aseyo: Genau. Viele Kinder sind tagsüber unbeaufsichtigt und kaum jemand betritt noch das Haus eines anderen. So sind Täter ungestört. Das ist aber nicht das einzige Problem. Denn viele dieser Kinder können nicht in ihrem Zuhause auf die Rückkehr der Eltern warten. Sie werden ebenfalls losgeschickt, um zum Einkommen der Familie beizutragen. Die Mädchen versuchen zum Beispiel, an Straßen Waren zu verkaufen, die Jungen helfen auf Baustellen aus. Das setzt sie einem hohen Risiko aus, tagsüber vergewaltigt zu werden. Einige Eltern sind inzwischen so verzweifelt, dass sie sogar extra ihre Töchter losschicken.

SPIEGEL: Was meinen Sie damit?

Aseyo: Vor wenigen Tagen hat uns der Fall einer Mutter erreicht, die ihre beiden 12- und 14-jährigen Töchter dazu angehalten hat, sich anzubieten. Sie sind zu einem Händler gegangen und haben für ihre sexuellen Dienste Nahrungsmittel für die Familie bekommen. Andere Eltern verlassen ihre Kinder, weil sie nicht mehr für sie sorgen können. Sie gehen morgens aus dem Haus und kommen nicht zurück. Diese Kinder sind nun häufig sich selbst überlassen und sehr angreifbar.

"Viele Kinder werden losgeschickt, um zum Einkommen der Familie beizutragen", sagt Dorothy Aseyo

"Viele Kinder werden losgeschickt, um zum Einkommen der Familie beizutragen", sagt Dorothy Aseyo

Foto: YASUYOSHI CHIBA/ AFP

SPIEGEL: Gleichzeitig gehen Sie aber auch von einer Zunahme von Kindesmissbrauch durch Verwandte und Mitglieder der erweiterten Familie aus.

Aseyo: Ja, es passiert alles gleichzeitig. Als in Kenia verkündet wurde, dass Reisen innerhalb des Landes im Zuge des Lockdowns unterbunden werden, haben viele Eltern in den Städten ihre Kinder zu Verwandten aufs Land geschickt. Sie wollten sie schützen. Zum einen, weil angenommen wurde, dass sich das Virus schnell in Großstädten wie Nairobi verbreiten würde. Zum anderen, weil sie für ihre Kinder auf dem Land eine bessere Versorgung mit Grundnahrungsmitteln erhofften.

SPIEGEL: Und dort sind sie nun sexuellen Übergriffen ausgesetzt?

Aseyo: Ja, nach allem, was wir von unseren Mitarbeitern vor Ort und anderen Hilfsorganisationen hören, gehen wir von weitaus höheren Zahlen als den bereits registrierten Fällen aus. Viele trauen sich nicht, etwas gegen den Onkel zu unternehmen, der sie aufgenommen hat. Viele wissen nicht, dass es nicht in Ordnung ist, wenn ein Cousin sie bedrängt. Und alle schämen sich.

SPIEGEL: Für viele Mädchen bedeutet das auch ungewollte Schwangerschaften.

Aseyo: Das ist ein unglaubliches Problem. Tausende von ihnen sind jünger als 14 Jahre und verlieren durch ihre Schwangerschaft die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Wir haben in Kenia schon lange mit Teenagerschwangerschaften zu kämpfen, nun verschlimmert die Pandemie die ohnehin schwierige Situation. Mädchen, die schwanger werden, kommen meist nicht in die Schule zurück. Zudem werden sie ausgegrenzt, gelten teilweise als dreckig, weil sie so jung schon Sex hatten.

Gleichzeitig bedeutet eine so frühe Mutterschaft und der Abbruch der Ausbildung, dass der ewige Kreislauf der Armut nicht durchbrochen wird. Junge Mütter müssen irgendwie versuchen, ihre Kinder zu ernähren, viele sind von einem Mann abhängig, erdulden sexuelle und geschlechtsspezifische Gewalt, um überleben zu können. In Folge bekommen viele noch mehr Kinder, die Armut vergrößert sich.

SPIEGEL: Laut den Zahlen des kenianischen Gesundheitsministeriums sind fünf Prozent der gemeldeten Vergewaltigungen an Jungen verübt worden. Sind sie sicherer oder holen sie sich seltener Hilfe?

Aseyo: Letzteres. In unserer Kultur muss ein Mann stark sein und für seine Familie sorgen können, das lernen Jungen schon sehr früh. Sie erdulden sexuelle Übergriffe, wenn das bedeutet, Geld für die Familie zu beschaffen. Sie wollen nicht weinen und leiden in Stille. Die meisten Vergewaltigungsfälle werden registriert, wenn die Kinder ernste körperliche Verletzungen davongetragen haben. Oft kommen sie sogar erst dann zu einem Arzt, wenn diese schon viel zu lange unbehandelt geblieben sind.

Kinder in einem Slum in Nairobi

Kinder in einem Slum in Nairobi

Foto:

SIMON MAINA/ AFP

SPIEGEL: Sind der Anstieg von Missbrauchsfällen in Kenia und die Ursachen dafür übertragbar auf andere afrikanische Länder?

Aseyo: Es passiert gerade überall. Ich habe mit Kollegen in vielen Teilen des Kontinents gesprochen. Simbabwe, Elfenbeinküste, Sudan – egal wohin Sie schauen: Vergewaltigungen und Teenagerschwangerschaften steigen an.

SPIEGEL: Wie könnte ein Ausweg aussehen?

Aseyo: Die besten Erfahrungen haben wir mit Programmen gemacht, die möglichst direkt mit Menschen zusammenarbeiten und unbürokratisch helfen. Dabei ist die Unterstützung mit Geld besonders hilfreich. Selbst geringe Zahlungen können die Dynamik in Familien erheblich beeinflussen und Kinder schützen.

SPIEGEL: Und auf politischer Ebene?

Aseyo: Wir brauchen einen doppelten Blick. Im Moment sind alle Augen auf das Coronavirus gerichtet. Es ergibt jedoch keinen Sinn, die Covid-Kurve abzuflachen, während in ihrem Schatten eine andere Kurve stetig wächst: die der Ungleichheit und existenziellen Bedrohung von schutzlosen Menschen. Diese zweite Kurve wird einen erheblichen Einfluss auf viele weitere Generationen haben. Die Regierungen müssen sich ihr mit Kraft, Investitionen und großem Engagement entgegenstellen.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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