Acht Milliarden – Krieg gegen die Ukraine »Als stünde die russische Gesellschaft am Rande eines Bürgerkriegs«

Kirill Martynov ist Chefredakteur der »Nowaja Gaseta Europe«. Hier spricht er über die Informationslage in Putins Propagandareich und die subversiven Möglichkeiten unabhängiger Medien.
Ein Podcast von Olaf Heuser

Es ist nicht leicht, im Kampf gegen das russische Propagandasystem abgehärtete Journalisten zum Weinen zu bringen.

Aber genau das geschah, als sich der Vater eines Studenten in den Zoom-Bereich der Philosophievorlesung von Kirill Martynov einloggte. Fast 20 Jahre lang hatte Martynov Vorlesungen über moderne Philosophie an staatlichen Hochschulen gehalten; in den vergangenen acht Jahren arbeitete er außerdem als Redakteur für die »Nowaja Gaseta«, die kritischste Stimme in der russischen Medienlandschaft.

»Ich hielt eine Vorlesung über Immanuel Kant und Moralphilosophie und begann über den Krieg zu sprechen, der vor wenigen Tagen begonnen hatte. Und auch darüber, dass wir nicht so tun könnten, dass er nie passiert sei«, erzählt er im Podcast-Interview, »dann meldete sich dieser Mann, ein früheres Mitglied der Spezialkräfte. Er sagte, dass er sofort einen Bericht schreiben werde, damit ich verhaftet werde. Ich brach in Tränen aus und sagte ihm, dass ich niemals aufhören würde, über den Krieg zu sprechen. Egal, was passiert.«

Kirill Martynov darf weder preisgeben, wo die neue Europa-Ausgabe der »Nowaja Gaseta« produziert wird, wo er sich aufhält oder wie viele Mitarbeiter noch für das Medium arbeiten. Erst vor einer Woche wurde Dmitri Muratow, Chefredakteur der Zeitung und Friedensnobelpreisträger des Jahres 2021, in Moskau von zwei Männern attackiert und mit roter Ölfarbe übergossen.

In dieser Folge des SPIEGEL-Podcasts »Acht Milliarden« spricht Kirill Martynov über die Besonderheiten seiner Zeitung, über die stillschweigende Unzufriedenheit der russischen Bevölkerung und auch darüber, wie man Putins Propagandamacht unterwandern könnte.

»Das Hauptproblem ist momentan, dass viele Russinnen und Russen gar keine unabhängigen Informationen wollen, denn das käme einem Trauma gleich«, erklärt er, »denn momentan sind die russischen Helden des Zweiten Weltkrieges der Maßstab für alles. Aber außerhalb der Propaganda müssten sich alle fragen: Warum machen wir das mit der Ukraine? Wer ist Putin eigentlich? Und warum begeht er diese Kriegsverbrechen? Das ist eine gefährliche Diskussion für das russische Selbstverständnis. Ich glaube, die Russen sind noch nicht so weit.«

Martynov glaubt allerdings, dass diese Diskussion unvermeidlich ist und zu tiefgreifenden Veränderungen in der russischen Gesellschaft führen könnte.

»Das ganze Land ist schon gespalten«, sagt er, »jeder hasst jeden, weil man entweder für den Krieg ist oder dagegen, egal ob es Paare, Familien, Firmen oder Geschäftspartner sind. Für mich fühlt es sich so an, als stünde die russische Gesellschaft am Rande eines Bürgerkrieges.«

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