Die TikTokerin Cunhaporanga mit ihrem Smartphone am Ufer des Rio Negro im Amazonas

Die TikTokerin Cunhaporanga mit ihrem Smartphone am Ufer des Rio Negro im Amazonas

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Rogério Vieira / DER SPIEGEL

Klimakrise und Ernährung Wie wird die Welt in Zukunft satt?

Das globale Ernährungssystem ist klimaschädlich. Agrarexperten suchen nach Alternativen, um eine wachsende Weltbevölkerung zu ernähren. Eine indigene TikTokerin im Amazonas präsentiert Lösungen – und wird damit berühmt.
Aus dem Amazonas berichten Nicola Abé und Rogério Vieira (Fotos)
Globale Gesellschaft

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Maira Gomez Godinho vermisste die Touristen, die früher mit Booten unten am Ufer anlegten. Sie hatte sie im Dorf herumgeführt, ihnen gezeigt, wie die Indigenen vom Stamm der Tatuyo im brasilianischen Amazonas leben. Aber seit Beginn der Pandemie kam niemand mehr hierher, in die kleine Gemeinde am Rio Negro, rund eine Stunde Bootsfahrt entfernt von der Millionenmetropole Manaus, die als Epizentrum des Virus galt.

Gomez Godinho, 23, webte Körbe, die keiner mehr kaufte, oder lag in einer Hängematte in der Hütte ihrer Familie. Ihr war langweilig. Schließlich öffnete sie auf ihrem Smartphone die App TikTok. Sie nannte sich Cunhaporanga, was in ihrer Sprache so viel bedeutet wie hübsche Schwester, postete ein paar Videos, auf denen sie Playback sang oder tanzte, etwas kochte. Was man halt so macht auf TikTok. Ein paar Leute sahen zu. Es passierte nicht viel.

Es war erst dieser Wurm, der ihr Leben veränderte. Ihre Eltern brachten frische Larven von einem Nachtspaziergang im Wald mit. Cunhaporanga hielt den dicken, gelblichen, lebenden Wurm zwischen Zeigefinger und Daumen in die Kamera, dann schob sie ihn in ihren Mund, biss den Kopf ab und kaute. »Mmhmm«, sagte sie.

Quelle: TikTok, cunhaporanga_oficial

Das Video machte sie über Nacht berühmt. Mehr als zwei Millionen Menschen sahen es, gruselten sich, wollten wissen, wie der Wurm schmeckt, nämlich »nach Kokosnuss«. Stündlich kamen damals Tausende, mitunter Zehntausende neue Follower hinzu. Inzwischen ist Cunhaporanga, die über ihr Alltagsleben und indigene Ernährung posted, mit mehr als sechs Millionen Anhängern wohl Brasiliens erfolgreichste indigene Influencerin, ein Internetstar. »Ich konnte nicht glauben, dass die Leute etwas so Normales so sehr interessiert«, sagt sie und lacht.

Was für Cunhaporanga normal ist, der Verzehr von Insekten, ist Teil dessen, was Experten als Lösung für ein zentrales Menschheitsproblem betrachten: Unser globales Ernährungssystem, das in seiner heutigen Form dysfunktional und nicht zukunftsfähig ist. Herstellung und Transport von Lebensmitteln produzieren nicht nur rund ein Drittel der weltweiten CO₂-Emissionen. Auch 90 Prozent der Abholzung von Wäldern geschieht zugunsten der kommerziellen Landwirtschaft. Nur langsam dringe diese Realität ins Bewusstsein der Allgemeinheit, meint Gernot Laganda, Klimachef beim Uno-Welternährungsprogramm (WFP). »Wir müssen uns endlich klarmachen, dass das, was auf unseren Tellern liegt, auch das Wetter vor dem Fenster bestimmt.«

Für Lösungen blicken Experten nicht zuletzt auf indigene Völker, denen es oftmals gelingt, in ihren Gebieten auf nachhaltige Weise Menschen zu ernähren, also ohne dabei Ökosystem oder Artenvielfalt zu zerstören. »Indigene Völker haben ein wertvolles, von Generation zu Generation weitergegebenes Ahnenwissen«, sagt der Agrarökonom Yon Fernández de Larrinoa, der bei der Welternährungsorganisation (FAO) die Abteilung für indigene Völker leitet. Er glaubt, dass indigene Ernährungssysteme geradezu revolutionäres Potenzial haben. »Wir können viel von ihnen lernen.«

Die Herstellung von Lebensmitteln ist auf zweifache Weise mit dem Thema Klima verknüpft: Sie ist nicht nur Treiber der Erderwärmung – sondern von der Klimakrise auch besonders schwer betroffen. Das gilt nicht nur für die kommerzielle Land- und Viehwirtschaft, sondern gerade auch für die Ernährungssysteme indigener Gemeinden. Sie leiden unter Hitze und Dürren, Starkregen und Unwettern. Aber auch unter einer Reduzierung der Tier- oder Fischbestände als Folge von Umweltverschmutzung durch Bergbau oder Pestizide. Das führt zu Ernährungsunsicherheit. Beim Stamm der Yanomami etwa, mitten im Amazonas an der Grenze wischen Brasilien und Venezuela, sind mittlerweile acht von zehn Kindern unter fünf Jahren mangelernährt.

Die indigene TikTokerin Cunhaporanga bemalt sich vor einer Videoaufnahme

Die indigene TikTokerin Cunhaporanga bemalt sich vor einer Videoaufnahme

Foto: Rogério Vieira / DER SPIEGEL

Auch am Rio Negro, in der Gemeinde Tatuyo, hat sich das Wetter verändert, sagen die Bewohner, die Fische würden im Flusswasser geradezu kochen. »Die Hitze wird immer heftiger«, meint die TikTokerin Cunhaporanga, die Pflanzen bräuchten viel mehr Wasser als früher. »Viele Acai-Palmen sind gestorben.« Die Acai-Beere gehört zur traditionellen Ernährung der Völker im Amazonas, in Europa gilt sie aufgrund ihres hohen Gehalts an Antioxidantien und Vitaminen inzwischen als Superfood, in Brasiliens Städten wird sie in Form von Eiscreme gegessen.

Cunhaporanga läuft vorbei an den Hütten ihrer Nachbarn, die Wände sind hergestellt aus Baumrinde, die Dächer aus Palmwedeln. Sie trägt einen traditionellen Bastrock. Arme, Bauch und Gesicht sind mit Mustern bemalt. Am Waldrand liegen die Felder der Gemeinde. Dort pflanzen sie Maniok, Ananas und Tomaten. Grillen zirpen, auf einem Ast ruhen zwei bunte Arara-Papageien. Nachts kommen die Jaguare, manchmal reißen sie einen der Hunde.

Quelle: TikTok, cunhaporanga_oficial

Neben einer Hütte brennt ein kleines Feuer, darüber ein Holzgerüst, auf dem Fische schmoren. »Wer gerade Hunger hat, der nimmt sich einen«, erklärt Cunhaporanga. Gemeinsam isst die Familie morgens und abends. In ihren Videos zeigt Cunhaporanga oft, wie sie ihre Mahlzeiten zubereitet: Brei aus Maniok-Mehl und Acai, dazu Bananen, Fisch, Fruchtsäfte und manchmal Huhn. Rotes Fleisch gibt es selten, wenn bei der Jagd ein Tier, etwa ein Wasserschwein, erlegt wurde.

Wer Hunger hat, der nimmt sich einen Fisch

Wer Hunger hat, der nimmt sich einen Fisch

Foto: Rogério Vieira / DER SPIEGEL

Stattdessen gehören Insekten auf den Speiseplan der Tatuyo: Ameisen, Grillen und eben jene Würmer. »Eine Köstlichkeit«, sagt Cunhaporangas Vater Pino Tatuyo, Anführer der Gemeinde, »und reines Protein.« Die Larven, erklärt er, gebe es nur, wenn ein Sturm eine Palme umwirft. Dann legen die Käfer im Stamm ihre Eier, eine Art natürliche Zucht entsteht. »Wir fällen diese Bäume nicht«, sagt er, »wir ernten nur von ihnen.«

Wenig Fleisch, dafür Proteine aus anderen Quellen – es ist eine Diät, die in etwa dem entspricht, was als geeignet gilt, die Menschheit auf nachhaltige und gesunde Weise zu ernähren. »Wenn wir alle unseren Fleischkonsum reduzieren würden, dann hätte das immense Auswirkungen auf das Weltklima«, sagt Laganda vom Welternährungsprogramm. Es sei »eine der größten Schrauben, an denen wir drehen können.«

Pino Tatuyo ist der Anführer der kleinen Gemeinde am Rio Grande

Pino Tatuyo ist der Anführer der kleinen Gemeinde am Rio Grande

Foto: Rogério Vieira / DER SPIEGEL

Weniger klimaschädlich als Rindfleisch seien immerhin Huhn oder Fisch. Insekten aber haben eine noch deutlich bessere Ökobilanz. Daher werden sie, so glaubt Fernández de Larrinoa von der FAO, für die Ernährung kommender Generationen eine wichtige Rolle spielen. »Mit einer Weltbevölkerung von neun Milliarden, die wir wohl bald erreichen werden, benötigen wir gesunde Proteine, die sich günstig und klimafreundlich herstellen lassen.«

Es ist ein Zukunftsmarkt, den Firmen wie das Pariser Start-up Ynsect längst für sich entdeckt haben. Mit drei Kollegen gründete der Agrarwissenschaftler Antoine Hubert es vor zehn Jahren. Heute beschäftigt das Unternehmen rund 250 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Digital überwacht züchten sie Mehlwürmer und stellen Mehlwurm-Produkte her, in Frankreich, den Niederlanden und bald in den USA. Sie planen die »größte vertikale Farm der Welt«, wollen außerdem nach Deutschland und Asien expandieren.

Antoine Hubert, 39, Direktor der Firma Ynsect, steht in seiner vertikalen Wurmfarm in Dole, Frankreich

Antoine Hubert, 39, Direktor der Firma Ynsect, steht in seiner vertikalen Wurmfarm in Dole, Frankreich

Foto: Ynsect

»Der Mehlwurm enthält genauso viel Protein wie Rindfleisch und produziert 200-mal weniger Treibhausgas-Emissionen«, so Hubert. Der Chef von Ynsekt war früher Aktivist und führte in Schulklassen Erdwürmer vor, um über ökologische Kreisläufe aufzuklären. Dann sei er darauf gekommen, dass er als Unternehmer mehr erreichen könne.

Ynsect hat rund 400 Millionen Dollar Kapital von Investoren gesammelt, doch bei Huberts Mission geht es um mehr, als nur Geld zu machen: Er will tatsächlich die Welt verbessern. Er habe gemeinsam mit der Universität von Maastricht die Eiweiß-Qualität untersuchen lassen: Das Wurmprotein werde vom Körper so gut in Muskelmasse übersetzt wie das beste Milchprotein. »Mit pflanzlichen Proteinen ist das nicht möglich«, sagt Hubert.

Der Mehlwurm hat viele Vorteile: Er braucht wenig Platz – Mehlwürmer lieben es, sich im Dunkeln aneinanderzukuscheln; sie reproduzieren sich schnell und ernähren sich von Abfällen, die bei der Produktion von Getreide- oder Gemüseprodukten übrig bleiben; außerdem stellen sie »hervorragenden, natürlichen Dünger her«.

Zudem riechen und schmecken die Würmer neutral. Man könne, so glaubt Hubert, der sich selbst als Flexitarier bezeichnet und hin und wieder gern ein gutes Rindersteak grillt, damit das Fleisch in Fertigprodukten wie Fast-Food-Burgern oder Würstchen »zu 100 Prozent ersetzen«. Er schmecke keinen Unterschied. Auf seiner Hochzeit ließ Hubert als Appetizer Blinys aus Mehlwürmern servieren. Um die »kulturellen Barrieren« abzubauen, also das Ekelproblem anzugehen, will er in Marketing- und Aufklärungs-Kampagnen investieren, die besonders auf Millennials und jüngere Generationen abzielen.

Ein Großteil seiner Produktion allerdings wird bisher zu Tiernahrung verarbeitet. Doch auch das sei ein Schritt in die richtige Richtung, sagt Hubert, denn es sei sehr viel klimafreundlicher als Rinder, Schweine oder Hühner mit Soja oder Fischmehl zu füttern.

Es ist ein Ansatz, den FAO-Experte Fernández de Larrinoa wohl als revolutionär im besten Sinne bezeichnen würde: Eine Kreislaufwirtschaft, bei der kein Müll entsteht. In indigenen Gemeinschaften, erklärt er, sei das Konzept Müll ohnehin erst bekannt, seit dieser in Form von Plastiktüten oder Batterien von außen kam, traditionell habe man Nebenprodukte der Nahrungsmittelerzeugung zu Verpackungen oder Kompost verarbeitet. Fernández de Larrinoa hält noch weitere indigene Verhaltensweisen für übertragbar auf urbane Gesellschaften: Städtern empfiehlt er, saisonale und regionale Lebensmittel zu konsumieren, nur so viel einzukaufen, wie sie auch wirklich benötigen, und Lebensmittel mit anderen Menschen zu teilen, bevor sie verderben.

Eine indigene Frau hält eine Schale mit geräucherten Ameisen

Eine indigene Frau hält eine Schale mit geräucherten Ameisen

Foto: Rogério Vieira / DER SPIEGEL

Indigene Ernährungssysteme basierten auf dem spirituellen Glauben daran, dass überall Leben sei, das Respekt verdiene. Wenn ein Tier erlegt werde, würde häufig eine Zeremonie stattfinden. Aber auch Bäume und andere Pflanzen würden als Lebewesen angesehen. Fernández de Larrinoa hält diesen indigenen Zugang zum Ökosystem für entscheidend, um über Ernährung neu nachzudenken und erklärt das am Beispiel Fischerei: Während etwa beim kommerziellen Fischfang massenweise Fisch aus dem Wasser geholt werde, der keinen Marktwert habe und später tot oder verstümmelt wieder zurückgeworfen werde, komme so etwas bei indigenen Völkern nicht vor. Es werde nur gefischt, was man wirklich benötige. Man sei schlicht vorsichtiger. Auch sei es bei vielen Völkern nicht erlaubt, Lebensmittel in großen Mengen zu speichern, um die Regenerationsfähigkeit der natürlichen Ressourcen nicht zu überfordern.

Auch Laganda vom Welternährungsprogramm beschäftigt sich mit der Frage, wie man die Welternährung klimafreundlicher gestalten kann. Für größere Betriebe lauten seine Antworten: weniger Monokulturen, stattdessen Diversifizierung beim Anbau; weniger und auf Weiden grasende Tiere statt intensiver Viehwirtschaft mit vielen Tieren auf kleinem Raum; Einsparen von Wasser, Energie und Düngemitteln.

Eine Indigene aus der Gemeinde der Tatuyo presst mithilfe eines schlauchförmigen Korbs Wasser aus Maniok, um ihn haltbarer zu machen

Eine Indigene aus der Gemeinde der Tatuyo presst mithilfe eines schlauchförmigen Korbs Wasser aus Maniok, um ihn haltbarer zu machen

Foto: Rogério Vieira / DER SPIEGEL

Vor allem aber geht es Laganda um Kleinbauern und um die Frage, wie man deren Betriebe resilienter machen kann gegenüber dem Klimawandel. »Es gibt nicht die eine Idee, die überall funktioniert. Gute Lösungen sind meist lokal angepasst und eher Lowtech als Hightech«, sagt Laganda, »viel altes Wissen ist vorhanden, ist aber im Laufe der Zeit verloren gegangen. Wir helfen dabei, es wieder hervorzuholen.«

In der trockenen Sahelzone schützen jetzt wieder mehr Bauern ihr Land durch sichelförmige Auffangbecken vor Überschwemmungen und Starkregen. Das Wasser sickert nach unten durch und hilft so zudem den Grundwasserspiegel zu erhöhen. Im Libanon unterstützt das Welternährungsprogramm die traditionelle Düngung mit Rindenmulch. Auf den Philippinen und in Sri Lanka werden Küstengebiete durch die Aufforstung mit Mangrovenwäldern geschützt.

Sichelförmige Auffangbecken für Wasser schützen ein Feld im Niger vor Starkregen

Sichelförmige Auffangbecken für Wasser schützen ein Feld im Niger vor Starkregen

Foto: Drone Africa / WFP

»Das alte Wissen gerät jedoch dort an seine Grenzen, wo der Klimawandel schon im Leben der Menschen angekommen ist«, sagt Laganda. So sei das Wetter für Kleinbauern und indigene Völker oft nicht mehr so vorhersehbar wie früher, alte Regeln würden nicht mehr gelten. Und hier kommt nun wiederum moderne Technologie ins Spiel, zum Beispiel bei der Vorhersage von extremen Wetterereignissen. Es sind Informationen, die Bauern benötigen, um ihre Produktionsmittel oder Tiere zu schützen.

In Bangladesch unterstützt das WFP die Regierung bei der Weitergabe von Extremwetter-Warnungen an abgelegene Dörfer per Radio, SMS oder Durchsagen in Moscheen. Wenn Überschwemmungen drohen, erhalten gefährdete Menschen Bargeld, damit sie sich entsprechend vorbereiten können. So sei bereits viel Zerstörung vermieden worden, was wiederum Kosten spare.

Pino Tatuyo, der Vater der TikTokerin Cunhaporanga, ist sich noch nicht ganz sicher, wie er der modernen Technologie gegenübersteht. »Dieses Ding da frisst sehr viel Geld«, sagt er mit einer Kopfbewegung in Richtung des Antennenmastes, der Internet in sein kleines Dorf bringt. Rund 65 Euro muss er monatlich an Gebühren dafür zahlen, hinzu kommen 40 Euro Stromrechnung.

Niemand in der Gemeinde hat einen bezahlten Job, erst recht nicht mehr seit der Pandemie, viele indigene Völker am Rio Grande sind seitdem sogar auf Lebensmittelspenden angewiesen. Der Tourismus läuft erst langsam wieder an. Pino Tatuyo hat schon darüber nachgedacht, ob er seiner Tochter das Internet abstellen soll, was diese in eine tiefe Krise stürzte.

Quelle: TikTok, cunhaporanga_oficial

Denn Cunhaporanga ist zwar berühmt, aber kein bisschen reich. Sie dreht drei Videos am Tag, macht Live-Ausstrahlungen. Manchmal schenken ihr die Follower dafür virtuelle Blumen oder Diamanten, die einen monetären Gegenwert haben. So verdient sie ein paar Euro am Tag, aber ein festes Einkommen hat sie nicht. Eine Quizshow lud die Familie nach São Paulo ein, wo sie im Studio den Wassergehalt in Vasen schätzen und Popsongs anhand von Tanzbewegungen erkennen mussten. Von dem Gewinn bauen sie jetzt einen Brunnen hinter den Hütten. Das Internet bleibt – vorerst.

Cunhaporanga steht inmitten eines Maniok-Feldes

Cunhaporanga steht inmitten eines Maniok-Feldes

Foto: Rogério Vieira / DER SPIEGEL

Es gehe ihr weniger ums Geld, sagt Cunhaporanga. Sie will um Verständnis und Empathie für ihr Volk werben, in einem Land, dessen Präsident Jair Bolsonaro Indigene als »Zootiere« bezeichnete und den Amazonas-Regenwald wohl am liebsten komplett der Wirtschaft überlassen würde – im letzten Jahr wurde so viel abgeholzt wie seit 15 Jahren nicht mehr.

Und auch wenn Cunhaporangas Botschaften nicht direkt politisch sind, so hofft sie doch, damit bei den Menschen etwas bewegen zu können. »Ich bin dankbar, dass sie mir zuhören«, sagt sie.

Mitarbeit: Letícia Bilard

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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