Deutsche Hilfe für Südafrika Erst Kohle für die Kohle. Und dann für den Ausstieg

Deutschland fördert den Kohleausstieg in Südafrika. Dabei wurde dort gerade erst ein neues Kohlekraftwerk eröffnet – bezahlt aus Deutschland. Rohstoffexpertin Melanie Müller erklärt die Widersprüche in der Klimapolitik.
Ein Interview von Heiner Hoffmann, Nairobi
Südafrika generiert 90 Prozent der Energie aus Kohleverbrennung

Südafrika generiert 90 Prozent der Energie aus Kohleverbrennung

Foto: Waldo Swiegers / Bloomberg / Getty Images
Globale Gesellschaft

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Es ist ein monströses Bauwerk aus Beton, zwei riesige Schornsteine ragen aus der kargen Landschaft empor. Das Kohlekraftwerk Medupi in Südafrika ist erst im August vollständig ans Netz gegangen, es soll das Land mindestens 50 Jahre lang mit Strom versorgen. Zahlreiche deutsche Firmen haben daran mitgewirkt, das Kernstück des Kraftwerks – die Kessel – wurden mit deutschen Krediten der KfW-Tochter IPEX finanziert. Die Bundesregierung half mit einer Hermes-Bürgschaft aus.

Südafrika generiert 90 Prozent seiner Energie aus Kohle, das Land hat den neunthöchsten CO₂-Ausstoß der Welt. Ein Klimasünder, der gleichzeitig unmittelbar mit den Folgen der Klimakrise konfrontiert ist. Die Dürren in Südafrika nehmen zu, im Jahr 2018 wäre der Millionenmetropole Kapstadt fast das Wasser ausgegangen.

Auch das Kohlekraftwerk Kusile wurde mit deutschen KfW-Krediten errichtet

Auch das Kohlekraftwerk Kusile wurde mit deutschen KfW-Krediten errichtet

Foto: Waldo Swiegers / Bloomberg / Getty Images

Doch nun geht die Reise in eine andere Richtung. Mehrere Länder, darunter Deutschland und die USA, haben am Rande des Uno-Klimagipfels in Glasgow verkündet: Sie wollen den Kohleausstieg in Südafrika mit mehr als sieben Milliarden Euro unterstützen, ein Großteil davon als Kredite. Mit dem Geld sollen die erneuerbaren Energien in Südafrika ausgebaut werden, verkündete der deutsche Entwicklungsminister Gerd Müller.

Zur Person
Foto: SWP

Melanie Müller, Jahrgang 1984, ist Wissenschaftlerin bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), einem Thinktank. Sie forscht zu den politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in Südafrika und leitet ein Forschungsprojekt zur nachhaltigen Gestaltung von Rohstofflieferketten.

Der SPIEGEL hat mit der Rohstoff-Expertin Melanie Müller von der Stiftung Wissenschaft und Politik über das Hin und Her der deutschen Kohlepolitik in Südafrika gesprochen.

SPIEGEL: Frau Müller, Südafrika bezieht 90 Prozent seiner Energie aus Kohle. Ist ein Ausstieg realistisch?

Melanie Müller: Nein, in nächster Zeit nicht. Das Land bezieht den Großteil seines Stroms aus Kohle, es hat eine Reihe von Kohlekraftwerken, darunter die größten in der südlichen Hemisphäre. Südafrika kämpft mit einer Energiekrise. Es gibt immer wieder massive Stromausfälle, die auch die wirtschaftliche Entwicklung gefährden. Daher lassen sich die Kohlekraftwerke nicht schnell abschalten. Zwei der neu gebauten Kraftwerke müssen sogar länger laufen, damit sich die Investition lohnt.

SPIEGEL: Der deutsche Entwicklungsminister und die Umweltministerin sprechen aber von einem kompletten Kohleausstieg, mit deutscher Unterstützung.

Müller: Es ist eine Frage der Zeit. Diese Investitionen in erneuerbare Energien sind absolut richtig. Es ist klar: Südafrika braucht massive Investitionen, vor allem in die Infrastruktur und die Elektrizitätsversorgung. Mehr Erneuerbare sind dringend nötig. Denn das heißt, dass man alte Kraftwerke früher abschalten kann. Aber natürlich braucht es auch Energiesicherheit und die hat Südafrika nicht. Deswegen muss man die Euphorie ein bisschen dämpfen, weil auch die Infrastruktur-Entwicklung für erneuerbare Energien ihre Zeit brauchen wird.

Bundeskanzlerin Angela Merkel und der südafrikanische Präsident Cyril Ramaphosa, hier beim Compact-for-Africa-Treffen in Berlin im August 2021

Bundeskanzlerin Angela Merkel und der südafrikanische Präsident Cyril Ramaphosa, hier beim Compact-for-Africa-Treffen in Berlin im August 2021

Foto: Tobias Schwarz / AP

SPIEGEL: Erst vor wenigen Wochen ist ein neues Kohlekraftwerk ans Netz gegangen – finanziert mit deutschen Krediten und Bürgschaften der Bundesregierung. Jetzt will man Millionen bereitstellen, damit Südafrika aus der Kohle aussteigt. Das ist doch widersinnig.

Müller: Ja, so ein Kraftwerk wäre heute sicherlich auch nicht mehr finanziert worden. Diese Kredite sind 2008 vergeben worden, wo wir eine ganz andere Diskussion hatten. Das Problem bei diesen Riesenprojekten ist, dass man eine Entscheidung über einen sehr langen Zeitraum trifft. Solche Kraftwerke haben eine bestimmte Laufzeit, wir sprechen hier von mehreren Jahrzehnten. Südafrika diskutiert daher: Wie schaffen wir unter diesen Bedingungen einen sozial verträglichen Umbau in den Kohleregionen? Wie bekommt man diesen Umbau hin, ohne dass noch mehr Arbeitsplätze verloren gehen? Südafrika kämpft ohnehin mit hoher Arbeitslosigkeit, gerade im ländlichen Raum.

Alle Artikel zum Uno-Klimagipfel

Anfang November trifft sich die Staatengemeinschaft im schottischen Glasgow zur 26. Uno-Klimakonferenz, der COP26. Auf dem zweiwöchigen Treffen geht es darum, die Ziele der Länder zu erhöhen und gemeinsame Regeln für den Kampf gegen die Klimakrise zu definieren. Lesen Sie hier alle Artikel zum Gipfel.

SPIEGEL: Ist Deutschland also mit den falschen Entscheidungen der Vergangenheit konfrontiert? 2008 flossen Millionensummen in neue Kohlekraftwerke in Südafrika, jetzt gibt es wieder Millionen, um in die entgegengesetzte Richtung zu marschieren.

Müller: Ja, und das betrifft nicht nur Deutschland. Es war ein internationales Konsortium und letztlich auch die Entscheidung der südafrikanischen Regierung in diese Kraftwerke zu investieren. Man ist damals davon ausgegangen, dass neue Kraftwerke weniger CO₂ emittieren, effizienter sind und man alte, marode Kraftwerke vom Netz nehmen kann. Und jetzt sind alle mit dieser Entscheidung konfrontiert, die sich als falsch herausgestellt hat. Und zwar nicht nur mit Blick auf die Klimafrage, sondern auch mit Blick auf Nachhaltigkeit. Die Kraftwerke haben weitaus mehr Geld gekostet als geplant. Hinzu kommen Konflikte in den Regionen, in denen die Kraftwerke gebaut wurden. Diese Vorhaben sind vor Ort massiv umstritten. Und dann hat es nicht mal geklappt, gleichzeitig die alten Kraftwerke vom Netz zu nehmen, weil man sonst die Grundlast nicht decken kann. Da muss man schon sagen, dass die Entscheidungen nicht gut umgesetzt worden sind.

SPIEGEL: Welche Folgen haben diese Kohlekraftwerke für die Anwohner?

Müller: Kurzzeitig gab es erst mal eine gewisse Euphorie. In diesen Regionen gibt es nicht viele Arbeitsplätze, da kommen die Jobs durch die Kraftwerke sehr gelegen. Die Leute hoffen, dass sich die sozialen Verhältnisse vor Ort verbessern. Das passiert aber kaum, zumindest nicht für die Mehrheit der Menschen. Außerdem wurden Bewohnerinnen und Bewohner für die Kohleminen zwangsumgesiedelt. Alte Minen werden nicht saniert oder renaturiert. Die Abwässer verseuchen das Grundwasser. Dann kommen neue Minen für die Versorgung der Kraftwerke dazu und die Verschmutzung steigt weiter. Das hat oft langfristige gesundheitliche Auswirkungen für die Anwohner vor Ort. Bei der Kohleförderung entsteht Kohlenstaub, der massiv zur Luftverschmutzung beiträgt.

Zwangsumsiedlungen, verseuchtes Wasser, Kohlestaub: Die Kohleenergie hat gravierende Folgen für die Anwohnerinnen und Anwohner

Zwangsumsiedlungen, verseuchtes Wasser, Kohlestaub: Die Kohleenergie hat gravierende Folgen für die Anwohnerinnen und Anwohner

Foto: Waldo Swiegers / Bloomberg / Getty Images

SPIEGEL: Deutschland hat in den vergangenen Jahren auch Millionen Tonnen Kohle aus Südafrika importiert, um sie in deutschen Kraftwerken zu verheizen. Hat das zum Boom der Kohleindustrie in Südafrika beigetragen?

Müller: Es beziehen nach wie vor viele Länder Kohle aus Südafrika. Für Deutschland ist das ein Widerspruch: Wir steigen aus der Kohleförderung aus, aber importieren dann eben aus anderen Ländern. Aber ich würde schon sagen, dass die südafrikanische Regierung die größte Verantwortung trägt. Da geht es um viel Macht, es gab ein riesiges Interesse innerhalb der Regierungspartei ANC, weiter Kohle zu fördern. Es wurde versäumt, frühzeitig langfristige Pläne für Alternativen zu erarbeiten. Das hat sich jetzt etwas geändert. Präsident Cyril Ramaphosa hat im vergangenen Jahr eine Klimawandel-Kommission eingesetzt und Pläne vorgelegt, um den Ausbau der erneuerbaren Energien zu unterstützen. Dafür braucht es jetzt die versprochenen internationalen Gelder. Es kommt später, als es für das Weltklima nützlich gewesen wäre. Aber es kommt immerhin. Doch ein großes Problem bleibt die Korruption, insbesondere im Energiesektor. Die Geldgeber müssen jetzt sehr genau kontrollieren, dass die Projekte für erneuerbare Energien zügig und effizient ohne Korruption umgesetzt werden. Da habe ich große Sorgen.

SPIEGEL: Also könnte ein Teil der versprochenen Gelder versickern?

Müller: Da muss man sehr kritisch hinschauen. Wir hatten im letzten Jahr in Südafrika auch im Gesundheitssektor das Problem, dass internationale Corona-Hilfsgelder veruntreut wurden. Und auch beim staatlichen Energiekonzern Eskom gab es massive Korruption in den letzten Jahren. Das ist hinlänglich bekannt. Es gab Reformen bei Eskom, es wurden auch Leute wegen Korruption entlassen. Die Frage ist nun: Reicht das? Ich glaube nicht, Südafrika hat weiterhin ein massives Korruptionsproblem. Und es wäre natürlich katastrophal, wenn jetzt auch noch beim Ausbau der erneuerbaren Energien die Gelder nicht korrekt ausgegeben werden.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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