Thomas MacDonell in Glen Feshie, dem privaten Naturschutzprojekt von Anders Povlsen, dem reichsten Mann Dänemarks

Thomas MacDonell in Glen Feshie, dem privaten Naturschutzprojekt von Anders Povlsen, dem reichsten Mann Dänemarks

Foto: Kieran Dodds / DER SPIEGEL

Aufforstung in Schottland Ein Masterplan für die Highlands

Einst bedeckte dichter Urwald die schottischen Hügel, dann kam der Mensch. Die berühmten Highlands sind Zeugnis beispielloser Naturzerstörung. Jetzt kehrt der Wald zurück – auch dank des reichsten Mannes Dänemarks.
Von Jan Petter und Kieran Dodds (Fotos), Glen Feshie
Globale Gesellschaft

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An einem Montag im November stapft Thomas MacDonell durch die schottischen Highlands, um seinen Ring zu finden. Die Beine versinken fast bis zu den Knien im Gestrüpp, es ist kaum 15 Uhr und schon fast dunkel, dichter Nebel hängt über den Hängen. Doch MacDonell ist sich sicher, ihn wiederzufinden. Plötzlich greift seine rechte Hand ins Gestrüpp. »I have it«, ruft der 57-Jährige mit tiefer Stimme und zeigt mit leuchtenden Augen auf einen schwarzen Plastikring, der an einem geradezu lächerlich kleinen Setzling hängt. »Hier steht unser erster Baum.«

20 Jahre lang hatte die Pflanze Zeit, zu einem mächtigen Baum heranzureifen, doch geklappt hat es nicht. Für MacDonell spielt das keine Rolle. Für ihn zählt nur, dass sich seine Geduld gelohnt hat. Rings um den Zwerg wachsen heute auf 18.000 Hektar dunkle Nadelbäume an den Hängen von Glen Feshie, dicke Laubbäume ragen aus dem Unterholz hervor. Für MacDonell ist das weitaus mehr wert als das Schicksal seines ersten Setzlings.

Denn die kargen Hügel der Highlands, die jährlich von Millionen Touristen bewundert werden, sind in Wahrheit das Ergebnis einer beispiellosen Naturzerstörung. Noch nach der letzten Eiszeit bedeckte dichter Urwald die Täler Kaledoniens. Dann kam der Mensch.

Mehr als ein Jahrtausend lang wurden die Bäume für Weideland gefällt, als Stützen in Bergwerken verbaut oder als Brennstoff für die industrielle Revolution verfeuert. Natur wie Menschen wurden ausgebeutet, sodass nach dem Ersten Weltkrieg nur noch fünf Prozent von Schottland bewaldet waren. Noch heute fehlt in ganz Großbritannien so viel Holz, dass das Land nach China zum weltweit größten Nettoimporteur geworden ist. Holz von weit her zu holen ist ökologisch fragwürdig und kostet gleichzeitig mehr Geld.

Seit den 1950er-Jahren wird in Schottland wieder aufgeforstet, vor wenigen Monaten verkündete das Land stolz, so viele Bäume zu haben wie seit 900 Jahren nicht. Doch die gepflanzten Bäume haben der Natur oft mehr geschadet als genützt.

In dichten Reihen stehen sie beieinander, allerdings: stets dieselbe Sorte. Wie viele andere Länder setzte Schottland in den vergangenen Jahrzehnten auf Monokulturen. Lange ging es nur darum, möglichst viel Geld zu verdienen. Teils wurden Moore trockengelegt, um darauf schnell wachsende Fichten zu pflanzen. Dabei wurde mehr CO₂ freigesetzt, als die Bäume je speichern könnten. Zudem begünstigten die Monokulturen die Verbreitung von Schädlingen und Pilzen. Und so kommt es, dass heute erst einmal kilometerweit Wald herausgerissen werden muss, um anschließend einheimische Arten pflanzen zu können.

Um den Wald nachhaltig zu erhalten, müssen teilweise alte Monokulturen gefällt werden

Um den Wald nachhaltig zu erhalten, müssen teilweise alte Monokulturen gefällt werden

Foto: Kieran Dodds / DER SPIEGEL
Zu den Highlands gehören auch Moore, die besonders viel CO₂ speichern können – und oft für schnell wachsende Bäume trockengelegt wurden

Zu den Highlands gehören auch Moore, die besonders viel CO₂ speichern können – und oft für schnell wachsende Bäume trockengelegt wurden

Foto: Kieran Dodds / DER SPIEGEL
Was in Schottland für viele natürlich aussieht, ist in Wahrheit das Ergebnis jahrhundertelanger Naturzerstörung

Was in Schottland für viele natürlich aussieht, ist in Wahrheit das Ergebnis jahrhundertelanger Naturzerstörung

Foto: Kieran Dodds / DER SPIEGEL

Nach jahrhundertelanger Ausbeutung soll der Wald nun nachhaltig zurückkehren. Bis 2025 werden, so der Plan, in ganz Großbritannien jährlich 30.000 Hektar neuer Wald entstehen, ein Großteil davon in Schottland. Die Bäume sind Teil der »Carbon Zero«-Klimastrategie des Vereinigten Königreichs – sie sollen CO₂ speichern und einen Teil der bisherigen Emissionen ausgleichen.

Wie geht das?

Eine entscheidende Rolle dabei spielt Thomas MacDonell. Er ist weder Biologe noch Forstwirt, sondern hat sein Geld jahrelang mit dem Errichten von Zäunen verdient. Heute leitet er Wildland, ein Unternehmen, das wie eine Naturschutzorganisation auftritt und Anders Povlsen, dem reichsten Mann Dänemarks, gehört. Povlsen wurde mit Modemarken wie Jack & Jones, Asos und Zalando zum Milliardär. Als er in Schottland ein Anwesen kaufte, traf er – so die Kurzfassung – auf MacDonell. Dieser überzeugte ihn, das Land zur Wiederaufforstung seiner Heimat zu nutzen und noch viel mehr zu erwerben. Heute ist Povlsen mutmaßlich der größte Grundeigentümer Großbritanniens und MacDonell dank ihm der wohl wichtigste Naturschützer der Highlands.

Um den Wald zurück nach Schottland zu bringen, sagt MacDonell, brauche es drei Dinge: Geld, Geduld – und Zehntausende tote Hirsche. Doch dazu später mehr.

Mit ihrem Engagement waren MacDonell und Povlsen Vorreiter. Inzwischen bemühen sich verschiedenste Akteure um eine nachhaltige Wiederaufforstung, nicht nur der Staat und Umweltorganisationen, sondern auch weitere Unternehmen und Superreiche. Es ist ein Wettlauf: gegen den Klimawandel, der kaum noch Zeit lässt. Aber auch um Fördergelder. Allein in diesem und im nächsten Jahr unterstützt Schottland die Aufforstung mit umgerechnet rund 80 Millionen Euro.

Stephanie Kiel arbeitet als Biologin an der Rückkehr des Waldes

Stephanie Kiel arbeitet als Biologin an der Rückkehr des Waldes

Foto: Kieran Dodds / DER SPIEGEL

Auch Stephanie Kiel sorgt sich um den Wald. Die deutsche Biologin leitet ein Projekt bei Trees for Life, einer schottischen Umweltorganisation. In den Highlands sucht sie mit ihren Kolleginnen und Kollegen die Samen alter Bäume, um daraus neue Wälder zu pflanzen. Ihre Baumschule unweit von Loch Ness versorgt auch andere Organisationen, darunter Wildland. Kiel führt durch Gewächshäuser, in denen auf Knöchelhöhe bereits ein kleiner Forst entstanden ist. Sie zeigt auf Zwerg-Birken und kleine Espen.

Im Gewächshaus von Trees for Life wachsen auch Bäume für andere Organisationen

Im Gewächshaus von Trees for Life wachsen auch Bäume für andere Organisationen

Foto: Kieran Dodds / DER SPIEGEL
Der größte Feind der Pflanzen ist im Moment nicht das Klima, sondern der Hirsch

Der größte Feind der Pflanzen ist im Moment nicht das Klima, sondern der Hirsch

Foto: Kieran Dodds / DER SPIEGEL

Neue Bäume zu pflanzen ist eine große Herausforderung. »Wir sind oft wochenlang unterwegs, um genügend Saat für unsere Bäume zu sammeln«, sagt Kiel. Nur ganz vereinzelt gibt es noch Überreste des einstigen Urwalds. Inzwischen gelten strenge Umweltstandards, um den einheimischen Wald wieder zu stärken. »Schon Samen aus Glasgow wären bei uns nicht mehr erlaubt«, sagt Kiel und führt durch den Morast, der ihr Arbeitsplatz ist. Gerade hat ein Mitarbeiter ihr 28 Gramm Saat mitgebracht, genug für 50.000 neue Espen. Anders als MacDonnell spricht Kiel nicht von Aufforstung, sondern von »Rewilding« – dem Zurückdrängen menschlicher Einflüsse. Ein Ansatz, der bei Jägern und Hoteliers bisweilen für Skepsis und Ärger sorgt.

Die größte Bedrohung für ihre Arbeit ist jedoch nicht der Mensch oder der Klimawandel. Es ist der Hirsch.

Die Tiere sind bis heute Symbol der Highlands. Jahrhundertelang wurden sie von den Lairds, den schottischen Feudalherren, bejagt. Heute reichen dafür eine Lizenz und genügend Geld. Ein ganzer Wirtschaftszweig hat sich auf reiche Gäste eingestellt, die in Tweed und dicken Stiefeln einmal einen kapitalen Hirsch erlegen wollen. Auf jeden Bock kommen jedoch mehrere Hirschkühe und zahlreiche Kälber, für die sich kaum jemand interessiert. Natürliche Fressfeinde haben sie nicht, junge Bäume sind ihre natürliche Nahrungsquelle. Auch deshalb sind die Highlands heute oft baumlos. »Für die Hirsche sind unsere Setzlinge wie Zucker. Sie fressen alles weg, was nicht umzäunt ist«, sagt Biologin Kiel.

»Wir quälen Tiere und zerstören unsere Natur, nur damit wenige hier Landadel spielen können«

Thomas MacDonell

Früher setzte auch Thomas MacDonell auf Zäune, heute wählt er einen anderen Ansatz: Er beschäftigt elf Jäger. Und auch er selbst greift regelmäßig zum Gewehr, oft beiläufig, während er mit seinem Pick-up das Schutzgebiet erkundet.

Vor wenigen Jahren lebten hier 45 Hirsche auf jedem Quadratkilometer – heute sind es noch ein oder zwei. In den vergangenen 20 Jahren, schätzt er, hätten er und sein Team um die 15.000 Tiere erlegt. »Wir erschießen immer zuerst die Jungen«, sagt er ruhig, »dann die Hirschkuh.«

Was herzlos klingt, ist eine Strategie, um zu vermeiden, dass es verwaiste Jungtiere gibt – und um die zerstörerische Überbevölkerung dauerhaft zu stoppen. »Als ich früher im Winter Zäune errichtete, sah ich oft abgemagerte Hirsche, die mich lange anstarrten«, sagt MacDonnell. »Wir können so nicht weitermachen. Wir quälen Tiere und zerstören unsere Natur, nur damit wenige hier Landadel spielen können.«

Das Fleisch der Tiere verkauft er an Händler, die Geweihe an Touristen. Zusätzlich entstehen hochpreisige Gästehäuser, die langfristig helfen sollen, die Arbeit von Wildland finanziell zu sichern. Künftig könnten Einnahmen aus dem Verkauf von Zertifikaten für aufgeforstete Wälder und renaturierte Moore hinzukommen. Mit solchen Siegeln sollen sich Schadstoffemissionen kompensieren lassen. Schottland gilt mit seinem leeren Land und der hohen Umweltförderung als Paradies für entsprechende Vorhaben. Bis Dezember 2021 wurden 638 Projekte angemeldet. Zu den Landbesitzern gehören zunehmend auch Versicherungen, Ölkonzerne und Handelsunternehmen.

Einer von MacDonells Jägern reinigt das Geweih eines am Morgen erlegten Hirsches

Einer von MacDonells Jägern reinigt das Geweih eines am Morgen erlegten Hirsches

Foto: Kieran Dodds / DER SPIEGEL
In den vergangenen 20 Jahren haben MacDonell und sein Team schätzungsweise 15.000 Tiere erlegt

In den vergangenen 20 Jahren haben MacDonell und sein Team schätzungsweise 15.000 Tiere erlegt

Foto: Kieran Dodds / DER SPIEGEL
Einst lebten hier 45 Hirsche pro Quadratkilometer – heute sind es ein oder zwei

Einst lebten hier 45 Hirsche pro Quadratkilometer – heute sind es ein oder zwei

Foto: Kieran Dodds / DER SPIEGEL

Jedoch werden Hirschejagen und Samensammeln noch nicht ausreichen, um die ehrgeizigen schottischen Aufforstungsziele zu erreichen.

Eine weitere Lösung steht am Ortsrand von Dundee im Südosten Schottlands. Dave Scott hat hier in den vergangenen neun Jahren mit Ingenieuren und Wissenschaftlern an etwas gearbeitet, das im Inneren wie ein Ikea-Lager voller Pflanzen aussieht. Die Luft ist schwülwarm, Licht, Wasser und Temperatur lassen sich in jedem Regalfach einzeln einstellen. »Die Pflanzen sind Maschinen«, sagt Scott, »und sie sind viel schneller, als wir dachten.«

Statt alle 24 Stunden kann die Sonne in seinem Hightechgewächshaus alle paar Sekunden auf- und wieder untergehen. Der ständige Wechsel bedeutet für die jungen Bäume Stress – und fördert deren Wachstum. Statt in eineinhalb Jahren wachsen die Setzlinge jetzt in 90 Tagen heran. Scott sieht in seinem Vorgehen auch eine Vorbereitung auf den Klimawandel. Die Pflanzen wüchsen nicht anders als früher, nur eben schneller.

Dave Scott kann in seinem Anzuchtturm auf Wunsch das Wetter in Sekunden ändern – der Stress fördert das Wachstum der Pflanzen

Dave Scott kann in seinem Anzuchtturm auf Wunsch das Wetter in Sekunden ändern – der Stress fördert das Wachstum der Pflanzen

Foto: Kieran Dodds / DER SPIEGEL
In wenigen Jahren sollen so Millionen Bäume für die Highlands gezüchtet werden

In wenigen Jahren sollen so Millionen Bäume für die Highlands gezüchtet werden

Foto: Kieran Dodds / DER SPIEGEL

Sofern die Regierung das Projekt finanziert, könnten mit der neuen Technik bis zu 60 Prozent der 24 Millionen neuen Bäume herangezüchtet werden, die jährlich neu gepflanzt werden sollen. Schon jetzt sei die Überlebensquote seiner Bäume höher als im klassischen Gewächshaus, sagt Scott. Auch andere Unternehmen und Länder dürften künftig von der Methode profitieren, schon jetzt gebe es Hunderte Vorbestellungen.

Thomas MacDonell will von solchen kurzfristigen Ideen nichts wissen. Zusammen mit seinem dänischen Sponsor Anders Povlsen und Behörden hat er einen Plan für den Schutz der Highlands um Glen Feshie erstellt. Es ist eine langfristige Vision, um die historischen Fehler zu beheben. Und zugleich eine Mahnung, wie lange es dauert, Spuren menschlicher Zerstörung wieder auszugleichen. »Derzeit«, sagt MacDonell, »planen wir für 200 Jahre.«

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

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