Klimawandel in Südosteuropa Was wächst denn noch in der rumänischen Sahara?

Rumänien ist stark vom Klimawandel betroffen. In manchen Gegenden herrschen wüstenähnliche Bedingungen. Die Landwirte versuchen, sich umzustellen.
Trockenes Flussbett: Rumänien kämpft gegen den Klimawandel an (Archiv)

Trockenes Flussbett: Rumänien kämpft gegen den Klimawandel an (Archiv)

Foto: DANIEL MIHAILESCU/ AFP
Globale Gesellschaft

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"Albtraum-Sommer", "Extreme Dürre lässt Bauern verzweifeln", "Gluthitze verbrennt Äcker": In Rumänien berichten viele Medien immer öfter in dramatischem Ton über die Wetterlage und ihre Folgen. Aus triftigem Grund: Das Land ist im mittel- und südosteuropäischen Vergleich besonders stark vom Klimawandel betroffen.

In den vergangenen Jahren ist es dort spürbar wärmer und vor allem im Süden und Osten des Landes viel trockener geworden. Mit gravierenden Konsequenzen für die Landwirtschaft: Nach einem EU-Bericht von 2018 gehört Rumänien zu den sieben europäischen Ländern mit dem größten Risiko sogenannter Desertifikation - im Klartext: der Niedergang von einer Kulturlandschaft hin zu wüstenähnlichen Gebieten. 

Vor allem ein Landstrich Rumäniens ist in der Öffentlichkeit zum Symbol für die Folgen des Klimawandels geworden: die "Sahara an der Donau", wie Medien sie nennen. Ein Gebiet im Süden des Landes nahe dem Donau-Fluss, das sogar schon auf Satellitenbildern gut zu erkennen ist - als helles Dreieck, umgeben von dunkleren Regionen mit grünen Flecken. 

Viele Flächen liegen brach, sind verödet

Die "Sahara an der Donau", gelegen in den Verwaltungskreisen Dolj und Olt, erstreckt sich über rund 800 Quadratkilometer. Sie ist weitgehend waldfrei und voller stark sandiger Böden, stellenweise gibt es sogar Sanddünen-Landschaften. Während der Ceausescu-Diktatur wurde hier, wie überall in der südrumänischen Tiefebene, intensive Landwirtschaft betrieben. Inzwischen liegen viele Flächen brach, sind verödet und erodiert. 

Zwar ist die "Sahara an der Donau" schon immer eine sandige Gegend gewesen. Allerdings haben sich Sandflächen, die für die Landwirtschaft kaum noch nutzbar sind, in den letzten Jahrzehnten besonders schnell ausgebreitet. "Die Ursache ist ein komplexes Zusammenspiel menschengemachter und natürlicher Faktoren", sagt die Klimaforscherin Roxana Bojariu von der staatlichen rumänischen Meteorologie-Behörde ANM. 

"Während der Ceausescu-Diktatur wurden viele Feuchtgebiete an der Donau trockengelegt und Waldstreifen, die Ackerflächen vor dem trockenen, warmen Westwind schützten, abgeholzt", so Bojariou. "Nach 1989 ist dann das Bewässerungssystem der Landwirtschaft Stück für Stück verkommen. Gleichzeitig stieg die mittlere Lufttemperatur der Gegend seit 1960 um drei Grad, während seit einigen Jahren immer öfter große Niederschlagsmengen in sehr kurzer Zeit fallen, was die Bodenerosion begünstigt." Das Fazit der Expertin: "Leider wird sich diese Tendenz und damit auch die Desertifikation künftig noch verstärken." 

"In den vergangenen Jahren habe ich manchmal schon die Hälfte der Ernte verloren, weil es zu heiß und zu trocken war" 

Emilian Banica, rumänischer Bauer

Für Emilian Banica ist der regionale Klimawandel nichts Abstraktes. Sondern ein ständiger Begleiter im Alltag. Einer, der ihn nicht zur Ruhe kommen lässt. Banica, 45, ist Bauer in Dabuleni, einem schmucklosen 12.000-Einwohner-Ort mitten in der "Sahara an der Donau". Er bewirtschaftet hier zwanzig Hektar Land, auf denen er fast ausschließlich Weizen und Mais anbaut. Vor allem Letzterer ist die traditionelle rumänische Kulturpflanze schlechthin.

Für viele Rumänen gehört Maisbrei zum täglichen Speiseplan, das Land ist der größte Maisproduzent Europas. Banica überlegt sich allerdings immer öfter, den Weizen- und Maisanbau aufzugeben. "Es ist in unserer Gegend immer wärmer geworden in den letzten zwanzig Jahren", sagt er. "Früher funktionierte das Bewässerungssystem noch, heute bin ich auf Regen angewiesen und von den Launen des Wetters abhängig. In den vergangenen Jahren habe ich manchmal schon die Hälfte der Ernte verloren, weil es zu heiß und zu trocken war." 

Banica ist kein Mann, der sich lange mit Klagen aufhält. Eine Alternative zum Weizen- und Maisanbau hat er bereits gefunden, zusammen mit dreißig anderen Bauern aus der Gegend, die vor ähnlichen Problemen standen wie er. Vor anderthalb Jahren gründeten sie eine Kooperative für den Anbau von Wassermelonen. Der hat in Rumänien, besonders im Süden, eine lange Tradition, auch wenn der Anbau durch die heißeren und trockeneren Sommer ebenfalls schwierig geworden ist. In der Kooperative verwenden sie deshalb innovative Methoden und Technologien für den Anbau. 

  • Unter anderem werden die Melonensamen in speziellen Gewächshäusern durch das Aufpfropfen auf Kürbispflanzen gezogen.

  • Deren Wurzeln sind widerstandsfähiger und resistenter gegen Krankheiten.

  • Nach dem Umsetzen der Sämlinge aufs Feld sorgt dann eine sehr sparsame und genau auf die Wurzel gerichtete Tröpfchenbewässerung für ideales Wachstum von Pflanzen und Melonen. 

Neu ist diese Art des Anbaus nicht. Allerdings bedurfte es jahrelanger Forschungsarbeit, um sie speziell für die Boden- und Wetterbedingungen in Dabuleni zu entwickeln. Zu verdanken haben Emilian Banica und die anderen Bauern aus der Melonenkooperative das den Agraringenieuren Vasile Toma und Cosmin Toma.

"Eine echte Wüste werden wir hier zwar nicht haben, aber wir müssen uns auf die Versandung und Versalzung der Böden einstellen" 

Cosmin Toma, Agraringenieur

Die beiden sind Vater und Sohn. Sie betreiben im Ort die Gartenbaufirma Hortitom. Ohne solche neu entwickelten Anbaumethoden, sagt Cosmin Toma, werde die Landwirtschaft in der Region auf Dauer wohl nicht bestehen können. "Eine echte Wüste werden wir hier zwar nicht haben, aber wir müssen uns auf die Versandung und Versalzung der Böden einstellen." 

Nicht nur die Firma Hortitom arbeitet an Lösungen. Pionier in dem Bereich ist die ebenfalls im Ort ansässige Forschungsstation für Pflanzen auf Sandböden. Gegründet wurde sie 1975 und ist formal eine öffentliche Einrichtung. Praktisch funktioniert sie wie ein Landwirtschaftsbetrieb. Die Mitarbeiter der Station bauen auf rund 2000 Hektar Fläche Getreide, Gemüse, Obst und andere Nutzpflanzen an, die resistent gegen Trockenheit und Hitze sind und auf Sandböden gut gedeihen. 

Dann eben Erdnüsse

Vieles ist Experiment. Einiges auch Geschäft. Beispielsweise vertreibt die Station seit Längerem Saatgut für Bohnen, die in großer Hitze und auf Sand gedeihen. Außerdem werden hier für eine der größten Supermarktketten Rumäniens Süßkartoffeln produziert - ein Novum im Land. Noch im experimentellen Stadium ist der Erdnussanbau in der Station. "Insgesamt wächst bei uns die Nachfrage nach Sorten, die resistent sind gegen Hitze und Trockenheit", sagt Stefan Nanu, der wissenschaftliche Sekretär der Station. "Und ich sehe in der Zukunft auch ein Potenzial für exotische Kulturen wie Erdnüsse oder Süßkartoffeln." 

Um eines jedoch, da sind sich Experten einig, wird Rumänien bei aller Agrarinnovation nicht herumkommen: Es muss die Folgen des Klimawandels durch eine bessere Umweltpolitik abfedern. "Es müssten zum Beispiel großflächig frühere Feuchtgebiete renaturiert und neue, schützende Waldstreifen gepflanzt werden", sagt die Klimaforscherin Roxana Bojariu. Sie fügt hinzu: "Dazu braucht es allerdings auch politischen Willen." 

In Dabuleni gab es ihn: Das Bürgermeisteramt ließ auf dem Gemeindegebiet in den vergangenen fünf Jahren 150 Hektar Akazienwald neu pflanzen.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

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