Kupfermine in Norwegen Wie eine indigene Minderheit sich erfolgreich gegen ein Milliardenprojekt wehrte

Im Norden Norwegens sollte mithilfe eines deutschen Konzerns die weltweit erste CO₂-neutrale Kupfermine entstehen. Doch die indigenen Samen wehrten sich gegen das Milliardenprojekt – und setzten sich durch.
Runar Myrnes Balto im samischen Parlament: »Das ist grüner Kolonialismus«

Runar Myrnes Balto im samischen Parlament: »Das ist grüner Kolonialismus«

Foto: Marie Louise Somby
Globale Gesellschaft

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Die Bagger fuhren bereits, da kam das Kommando zum Rückzug. Mit einer kurzen Pressemitteilung beendete der Hamburger Rohstoffkonzern Aurubis in der vergangenen Woche ein geplantes Jahrhundertprojekt.

Nördlich des Polarkreises sollte am Repparfjord gemeinsam mit dem norwegischen Minenbetreiber Nussir die weltweit erste CO₂-neutrale Kupfermine entstehen. Aurubis unterhält Europas größtes Kupferwerk, die Ausbeute aus Norwegen wollte sich der Konzern gleich für zehn Jahre sichern – für etwa eine Milliarde Euro.

Ein samischer Rentierhirte repariert im Norden Norwegens

Ein samischer Rentierhirte repariert im Norden Norwegens

Foto: STOYAN NENOV / REUTERS

Für viele Menschen in der Region, die zum Volk der Samen gehören, ist das Aus wohl eine positive Nachricht. Die vermeintlich grüne Mine, so fürchteten sie, zerstöre ihre Lebensgrundlage und die Natur am Rande der Arktis noch gleich dazu. Im Norden Europas, wo Skandinavien, Finnland und Russland zusammentreffen, leben schätzungsweise 110.000 Samen, die meisten in Norwegen. Die Samen sind nicht nur eine Minderheit – sie gelten als einziges indigenes Volk in Norwegen und der EU.

Für Runar Myrnes Balto, den Präsidenten der norwegischen Samen, ist die Verhinderung der Kupfermine am Repparfjord ein historischer Erfolg – der zugleich neue Fragen aufwirft.

Zur Person

Runar Myrnes Balto, Jahrgang 1987, ist Präsident des Norgga Sámiid Riikkasearvi – des norwegischen Verbands der Samen. Der NSR ist als Kulturorganisation und politische Vertretung aktiv, im samischen Minderheitenparlament hat er die Mehrheit. Myrnes Balto ist Mitglied.

SPIEGEL: Der Hamburger Rohstoffkonzern Aurubis hat bei der Begründung für seinen Rückzug auf »bestimmte soziale Aspekte« verwiesen – gemeint ist offensichtlich der Protest Ihres Volkes. Kaufen Sie dem Unternehmen sein Gespür für Gerechtigkeit ab?

Runar Myrnes Balto: Ich kann Ihnen nicht sagen, ob Aurubis das ehrlich meint oder Angst vor schlechter Presse hat. Aber es ist ein historischer Schritt und ein starkes Signal. Die Mine ist jetzt vermutlich Geschichte. Wir haben im vergangenen Jahr immer wieder Kontakt zu Aurubis gesucht. Es gab mehrere Gespräche, in denen wir unsere Position klarmachen konnten. Ich gebe aber zu, dass ich selbst von dieser Entwicklung überrascht bin.

SPIEGEL: Inwiefern?

Myrnes Balto: Ich frage mich, wie es sein kann, dass ein gewinnorientiertes Unternehmen offenbar eher auf indigene Rechte und Umweltschutz achtet als die norwegische Regierung. Für unsere Parteien ist das peinlich. Das ist eine neue Erkenntnis für uns. Aber es ist ein starkes Zeichen, dass wir auch als kleine Minderheit stark sind, wenn wir zusammenhalten.

Rentiere grasen vor einem Haus in Hammerfest, nördlich des Polarkreises

Rentiere grasen vor einem Haus in Hammerfest, nördlich des Polarkreises

Foto: STOYAN NENOV / REUTERS

SPIEGEL: Wie haben Sie sich gegen das Projekt gewehrt?

Myrnes Balto: Wir kämpfen seit mehr als zehn Jahren gegen die Idee. Inzwischen ist daraus ein großes Bündnis entstanden. Seitdem die Pläne im vergangenen Sommer konkreter wurden, kamen junge Studierende aus dem Süden hier hoch. Die Naturschutzorganisation »Natur og Ungdom« errichtete im Juni ein Zeltlager und störte die Vorarbeiten für das Minenprojekt mit zivilem Ungehorsam. Diese Art der Zusammenarbeit mit anderen war essenziell für uns. Solange wir allein waren, konnte man uns leichter ignorieren.

Protest von Umweltschützern in Oslo gegen das Bergbauprojekt

Protest von Umweltschützern in Oslo gegen das Bergbauprojekt

Foto: Stian Lysberg Solum / picture alliance / NTB scanpix

SPIEGEL: Der Bergbaukonzern Nussir wollte mithilfe der Deutschen die nach eigenen Angaben weltweit erste CO₂-neutrale Kupfermine errichten. Was stört Sie eigentlich daran?

Myrnes Balto: Das ist keine ökologische Kupfermine, das ist Greenwashing. Das Projekt bedrohte die Fischbestände im Fjord, von denen die Menschen hier leben. Der Abbau hätte einen großen Teil der Weiden in der Region zerstört, auf denen unsere Rentierherden leben. Auf diesem Gebiet bringen die Tiere ihre Jungen zur Welt. Die Maschinen und der Lärm würden sie fernhalten. Unsere Rentiere sind halbwild. Damit wir mit und von ihnen leben können, müssen wir ihnen folgen, wenn sie durch die Natur ziehen. Wenn hier Kupfer abgebaut würde, wäre dieser Kreislauf nicht mehr möglich.

Repparfjord

Repparfjord

Foto: Photographer: David Oberholzer / picture alliance / Prisma

SPIEGEL: Die Rentierhaltung ist doch bereits schwierig. Wären neue Jobs und die langfristige Perspektive der Mine in dieser abgelegenen Region nicht auch eine Chance für die Samen?

Myrnes Balto: Nicht so, dass es angemessen wäre. Wir haben traditionelle Jobs, die nachhaltig sind. Die Mine ist irgendwann leer. Das Fernbleiben der Rentiere würde auch Familien in anderen Regionen betreffen. Es wäre ein Dominoeffekt, der unsere Lebensweise bedroht.

SPIEGEL: Kupfer spielt eine entscheidende Rolle bei der Energiewende, es steckt in Batterien und Hightech-Produkten. Wenn selbst ein CO₂-neutrales Bergwerk keine Chance mehr hat, wie kann es dann überhaupt weitergehen?

Myrnes Balto: Wir sind nicht gegen Klimaschutz, aber der Schaden für unsere Kultur und Umwelt wäre bei diesem Projekt zu hoch. Norwegen ist eines von vier Ländern weltweit, die es noch erlauben, giftigen Grubenschlamm ins Meer zu pumpen. Genau das wäre hier passiert, mindestens zehn Jahre lang. Dass so etwas möglich ist, liegt doch nicht an uns. Auch die gestiegene Nachfrage nach Kupfer hat mit unserem Verhalten wenig zu tun. Es gibt Berichte, wonach in Norwegen allein durch Recycling bereits so viel Kupfer gewonnen werden könnte wie durch die Mine. Vielleicht sollte man damit anfangen.

Ein samischer Rentierhalter im Norden von Norwegen: Das kleine Volk wurde als erste indigene Gruppe Europas anerkannt

Ein samischer Rentierhalter im Norden von Norwegen: Das kleine Volk wurde als erste indigene Gruppe Europas anerkannt

Foto: STOYAN NENOV / REUTERS

SPIEGEL: Norwegische Politiker werfen Ihnen vor, demokratische Entscheidungen zu missachten und dafür sogar eigens eine PR-Firma engagiert zu haben. Stimmt das?

Myrnes Balto: Ja, das hat das samische Parlament vor einigen Jahren veranlasst, um Kontakte zu Unternehmen, Medien und in die Politik zu bekommen und eine Strategie zu erarbeiten, damit man uns hört. Dass wir überhaupt so handeln mussten, liegt auch daran, dass wir kein Mitbestimmungsrecht haben.

Wir Samen waren die erste indigene Minderheit in Europa, die rechtlich anerkannt wurde. Seit 1989 haben wir in Norwegen ein eigenes Parlament. Doch wenn es um Entscheidungen geht, werden wir oft übergangen. Die Regierung und das Parlament dürfen unsere Einwände ignorieren. Es ist deshalb ein seltsamer Vorwurf, dass wir uns wehren. Aus unserer Sicht ist es eine Menschenrechtsverletzung, unsere Bedürfnisse als indigenes Volk zu übergehen.

SPIEGEL: Wie blicken Sie jetzt in die Zukunft?

Myrnes Balto: Wir fühlen uns doppelt bedroht. Der Klimawandel trifft uns hier oben vermutlich vor allen anderen. Wir sehen bereits, wie sich die Natur verändert: Das Eis taut, die Lachse in den Fjorden werden weniger. Gleichzeitig dient der Klimaschutz oft auch als Ausrede, um uns im Namen des Fortschritts erneut zu übergehen. Die Situation sei jetzt oft so ernst, dass man uns nicht mehr zuhören könne, heißt es dann. Wir erleben meiner Meinung nach zunehmend einen grünen Kolonialismus. Auch die Windkraftindustrie baut in unserer Region immer neue Windräder ohne Rücksicht auf unsere Herden und die Natur. Wir sind nicht gegen grüne Energie. Aber wir haben das Gefühl, dass es kein fairer Deal ist. Wir zahlen die Rechnung für eure Zerstörung der Erde.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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