CO₂-neutral bis 2025 Bornholm, die Insel von morgen

Ab 2025 nur noch grüner Strom, ab 2032 komplettes Müll-Recycling: Die dänische Insel Bornholm soll leuchtendes Beispiel für andere werden. Doch wer profitiert davon?
Von Jan Petter und Anne Lass (Fotos), Rønne
Umweltaktivisten der Biokooperative Økojord auf Bornholm: »Der jüngste Landwirt auf der Insel ist 48, das wollen wir ändern«

Umweltaktivisten der Biokooperative Økojord auf Bornholm: »Der jüngste Landwirt auf der Insel ist 48, das wollen wir ändern«

Foto: Anne Lass / DER SPIEGEL
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Thomas Thors stapft auf eine Anhöhe. Der Wind peitscht ihm ins Gesicht, hinter ihm biegen sich Birken im Herbststurm. Nach wenigen Minuten tropft Regen von seiner Brille, sein Mantel ist klatschnass. Thors ist Bürgermeister von Bornholm, 72 Jahre alt, ein hagerer Typ. Sein Finger zeigt über den Hafen aufs Meer. »Da draußen«, sagt er, »machen wir künftig richtig viel Strom.«

Bornholm gehört zu Dänemark und liegt in der Ostsee, knapp 40.000 Menschen leben hier. Es gibt ein Kunstmuseum auf der Insel, viele Schweine, Kühe, Burgruinen, einige Hünengräber und ein paar Hotels. Und es gibt sehr viel Wind. Die Windräder stehen nicht nur im Meer, sondern auch auf der Insel selbst, wenn sie auch nicht ganz so groß sind. Wie viel Strom sie produzieren, das lässt sich in Thors Arbeitszimmer im Rathaus verfolgen. Auf seinem Laptop blinkt eine Animation auf einer Karte, daneben steht die entscheidende Zahl: 40 Megawatt – so viel Strom exportiert Bornholm gerade ans Festland.

Bürgermeister Thomas Thors: Die Insel für die Zukunft erhalten

Bürgermeister Thomas Thors: Die Insel für die Zukunft erhalten

Foto: Anne Lass / DER SPIEGEL

Damit ist, zumindest für diesen Tag, bereits das Ziel erreicht: Bornholm erzeugt mehr erneuerbare Energie als es selbst verbraucht. Bis 2025 will die dänische Ostseeinsel CO2-neutral werden. Im Moment liefert auch eine Müllverbrennungsanlage noch Strom, die soll aber spätestens 2032 geschlossen werden. Sämtlicher Abfall soll dann auf der Insel recycelt werden. 2035 will Bornholm klimaneutral sein. »Bright Green Island« nennen sie diese Vision, es ist ein ambitioniertes Vorhaben, um die Insel auf den Klimawandel vorzubereiten.

Fast sein ganzes Leben hat Thors bislang auf Bornholm verbracht. Nun sagt er, gehe es ihm darum, die Insel für die nächsten Generationen zu erhalten. Denn Dänemarks östlichste Insel ist ein Eiland im Niedergang, seit Jahrzehnten wandert die Bevölkerung ab. Selbst die vorherige Bürgermeisterin, die das Projekt anstieß, verließ die Insel für einen neuen Job. Thors war ihr Vorgänger, nun ist er auch ihr Nachfolger und muss dafür sorgen, dass die Insel ihre selbst gesteckten Ziele erreicht. Hohe Erwartungen ruhen auf ihm.

In seiner Kindheit gab es noch Dutzende Fischer, sagt Thors. Heute sind es nur noch zwei.

In seiner Kindheit gab es noch Dutzende Fischer, sagt Thors. Heute sind es nur noch zwei.

Foto: Anne Lass / DER SPIEGEL

Als er ein Kind gewesen sei, erzählt Thors, seien jeden Morgen noch Dutzende Fischer hinaus aufs Meer gefahren. Heute sind es noch zwei. Bornholm ist angewiesen auf Hilfe von außen, auch beim Strom. Als 2018 ein russisches Schiff nördlich der Insel versehentlich ein Starkstromkabel aus dem Meeresboden riss, saßen die Bewohnerinnen und Bewohner an Heiligabend im Dunkeln.

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Vielleicht ist eine Spur Egoismus dabei, wenn Bornholm nun eine Vorreiterrolle im Kampf gegen den Klimawandel einnehmen möchte. Es muss aber kein schlechtes Motiv sein. Denn am Ende geht es darum, sich den Problemen zu stellen und sie zu lösen, anstatt auszuharren, bis alles zu spät ist.

Windrad auf Bornholm: Bei Starkwind exportiert die Insel schon heute mehr Strom, als sie verbraucht.

Windrad auf Bornholm: Bei Starkwind exportiert die Insel schon heute mehr Strom, als sie verbraucht.

Foto: Anne Lass / DER SPIEGEL

Klaus Vesløv bevorzugt es, den Wandel als Chance zu beschreiben. Vesløv, braun gebrannt, die dunkelblonden Haare über der Designerbrille sauber gescheitelt, ist der Kommunikationschef der Stadtwerke. Fast genau ein Prozent der Dänen, erklärt er im Amtszimmer des Bürgermeisters, lebe auf Bornholm. »Das ist perfekt.« Die Insel sei damit gewissermaßen ein Modell der dänischen Gesellschaft, der ideale Standort für neue Klimaschutzkonzepte. Kleine Städte, Dörfer, Landwirtschaft – »und viel Raum für Ideen«.

Verwirklicht werden sollen diese nun mithilfe von Windrädern vor der Küste. Der bislang größte nordeuropäische Windpark Kriegers Flak wurde bereits von hier aus montiert. In den kommenden Jahren sollen gigantische, noch größere Parks folgen. Sie werden mehr Strom erzeugen als Dänemark selbst verbraucht. Die dänische Regierung möchte dafür teils künstliche Energieinseln errichten, auf denen der Strom gebündelt, umgewandelt und an die umliegenden Länder weitergeleitet wird. Bornholm soll eine dieser Umwandlungsstationen sein, die einzige, auf der auch Menschen leben. Auch deutsche Haushalte könnten künftig von hier aus mit Energie versorgt werden.

Stadtwerke-Vertreter Klaus Vesløv: Die Insel als Modell für den Rest des Landes

Stadtwerke-Vertreter Klaus Vesløv: Die Insel als Modell für den Rest des Landes

Foto: Anne Lass / DER SPIEGEL

Doch die Pläne der Bornholmer gehen noch weiter. In Zukunft, hofft Vesløv, könnte der Strom gleich auf der Insel genutzt werden, um klimaneutralen Wasserstoff zu erzeugen. Erst kürzlich kündigte die weltgrößte Reederei Maersk an, ihre Schiffe auf neue, fossilfreie Kraftstoffe umstellen zu wollen. Doch sie zu produzieren verbraucht viel Energie. »Warum sollte man das nicht gleich bei uns erledigen?«, fragt Vesløv. Das kleine Bornholm könnte so zur grünen Riesentankstelle in der Ostsee werden.

Bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Deutlich konkreter sind bereits die Projekte im Inneren der Insel. In den vergangenen Jahren wurde die gesamte Energieversorgung modernisiert. Es gibt mittlerweile Fernwärme, Solarpaneels, Windräder und zwei neue Biomasse-Kraftwerke. Zumindest beim Strom ist die Insel bereits heute nahe am selbst gesteckten Ziel, CO2-neutral zu werden, obwohl Rückschläge nicht ausblieben. Den Bau neuer größerer Windräder an Land legte die Mehrheit in einem Bürgerentscheid knapp ab. Die Argumente waren dieselben wie andernorts: zu groß, zu laut, vielleicht eine Gefahr für Vögel. Gebaut werden sollen sie jetzt auf dem Meer.

Bornholm ist Dänemarks östlichste Insel und liegt näher an Schweden als Kopenhagen

Bornholm ist Dänemarks östlichste Insel und liegt näher an Schweden als Kopenhagen

Foto: Anne Lass / DER SPIEGEL

Gleichzeitig erproben internationale Konzerne neue Technologien, es gibt mehr EU-Förderprogramme, als man zählen könnte. Die Insel profitiert davon, als Vorreiter aufzutreten. Für seine Größe und Lage ist Bornholm schon jetzt überdurchschnittlich mit Elektrozapfsäulen, Teslas und Wärmepumpen versorgt.

Bisweilen verursacht dieser Fortschritt jedoch Probleme. Als bei einem Testprojekt von Siemens und IBM die smarten Thermostate mitten im Winter verrückt spielten, riefen die betroffenen Bornholmer nicht bei den Ingenieuren an, sondern bei Klaus Vesløv. »Das ist dann schon eine Motivation, die Dinge zum Funktionieren zu bringen«.

Das Klimaprogramm hat auch die Menschen verändert. Hunderte Ingenieure, Projektleiter und Techniker sind in den vergangenen Jahren auf die Insel gekommen. Einer von ihnen ist David Christensen, 37 Jahre alt, ein Umweltingenieur, der dafür sorgen soll, dass Bornholm in zehn Jahren alle Abfälle selbst recycelt. Der Umzug auf die abgelegene Insel sei für ihn und seine Familie kein Problem gewesen, erzählt Christensen. »Solche Chancen gibt es in unserer Branche nicht oft. Die politischen Debatten werden in Kopenhagen geführt, aber die echte Arbeit findet hier statt.«

Umweltingenieur David Christensen: »Die echte Arbeit findet hier statt«

Umweltingenieur David Christensen: »Die echte Arbeit findet hier statt«

Foto: Anne Lass / DER SPIEGEL

Um zu zeigen, wie die Müllentsorgung zurzeit noch erfolgt, führt Christensen in einen dunklen Raum, hoch wie eine Kathedrale. In der Luft liegt ein süßlicher Gestank, in der Mitte schnauft ein blau angestrichenes Metallmonster. Immer wieder kracht es in undefinierbarer Entfernung, Christensen zeigt auf ein Bullauge, hinter dem Flammen lodern. »Vor 30 Jahren war es noch ein Fortschritt, dass wir den Müll nicht mehr vergraben«, sagt er. »Doch aus heutiger Sicht ist dieses Konzept kaum besser. Wir verbrennen hier pausenlos Rohstoffe.«

Auf dem Weg in die Zukunft führt Christensen in den Keller des Giftmülllagers. Hier, in zwei zusammengesackten Säcken, finden sich die Überbleibsel seiner bisherigen Arbeit. Es sind die gehäckselten Überreste von Lebensmittelverpackungen, hergestellt aus Kunststoff. Ihre Zusammensetzung ist oft nicht anders als das Material für Ölkanister und Putzutensilien. Doch für das vollständige Recycling müssen die Verpackungen getrennt werden. Nur so lassen sie sich erneut für Lebensmittel verwenden.

Vor dem Müllheizkraftwerk türmt sich bislang noch Müll auf. 2032 soll es stillgelegt werden

Vor dem Müllheizkraftwerk türmt sich bislang noch Müll auf. 2032 soll es stillgelegt werden

Foto: Anne Lass / DER SPIEGEL

Christensen klopft auf einen Holzbehälter in der Größe eines Kleinwagens. An den Seiten sind zehn Öffnungen mit Piktogrammen angebracht, für Papier, Elektroschrott, Essensreste und verschiedene Plastiksorten. Mit dem »Wasteman«, dem Müllmann, hat er im vergangenen Jahr erprobt, wie weit die Recycling-Bereitschaft der Bornholmer wirklich geht. Selbst Fischernetze sollen künftig recycelt werden.

»Bislang kommt alles nur in zwei, drei Tonnen«, erklärt Christensen. »Um den Müll aber künftig verwerten zu können, müssen wir erst einmal lernen, was die Menschen überhaupt wegwerfen.«

Drei Monate lang haben er und eine Handvoll Mitarbeiter den Müll aus 33 Test-Haushalten nicht nur an zwei Sammelpunkten mitgenommen, sondern auch ausgepackt, sortiert und gewogen. Eine Drecksarbeit. Doch wie repräsentativ sind die Abfälle von Menschen, die freiwillig ihren Müll sortieren? »Wir dachten auch, dass es vielleicht irreführend ist«, sagt Christensen. »Aber der Vergleich mit einer größeren Stichprobe zeigte, dass die Teilnehmenden sich nicht anders verhielten als die Allgemeinheit. Das eigentliche Problem ist viel eher die Motivation – und die Möglichkeit, tatsächlich alles recyceln zu können.«

»Wasteman«-Projekt: Künftig könnte es auf Bornholm zehn Sorten von Müll geben

»Wasteman«-Projekt: Künftig könnte es auf Bornholm zehn Sorten von Müll geben

Foto: Anne Lass / DER SPIEGEL

Die Recyclingpläne sind Neuland. Wie Kunststoff in großem Maßstab aufbereitet werden kann, ist inzwischen bekannt, jeder Turnschuhhersteller hat heute ein Recyclingprogramm. Doch wie funktioniert es im kleinen Maßstab? Können Elektroschrott und Plastikmüll auf Bornholm wirklich sinnvoll weiterverarbeitet werden? »Wir werden noch vieles ausprobieren, um zu lernen, wie wir den Abfall sinnvoll nutzen können«, sagt Christensen.

Auch die Bürger werden umdenken müssen. Um die Entsorgung und das Recycling in den Inseldörfern organisieren zu können, sollen sie ihre Abfälle künftig bis zu 300 Meter von ihren Häusern entfernt zu zentralen Sammelstellen bringen. Dafür, verspricht Christensen, wird niemand zehn Mülltonnen zu Hause aufstellen müssen. »Wir werden einen guten Teil der Zeit damit verbringen, den Menschen die Vorteile zu erklären und sie zu überzeugen.«

Mads Kissow ist einer derjenigen, die man schon heute nicht mehr überzeugen muss. Wer ihn besuchen möchte, muss eine halbe Stunde aus Rønne heraus ins Landesinnere in den Wald fahren und auf eine holprige Piste abbiegen, bis man an einer Lichtung vor bunten Holzbauten steht. Mit 14 Mitstreiterinnen und Mitstreitern hat Kissow hier auf knapp zwölf Hektar eine Art Kommune errichtet. Die meisten kommen vom Festland, nach Bornholm zogen sie, weil es hier ruhiger und grüner als in der Großstadt ist und noch bezahlbaren Wohnraum gibt.

Kommune Friskoven: von der Großstadt ins Grüne

Kommune Friskoven: von der Großstadt ins Grüne

Foto: Anne Lass / DER SPIEGEL

Die Klimaziele auf der Insel sind aus Kissows Sicht ambitioniert, aber auch unehrlich. »Sie schauen nur auf den Strom und die Heizungen, aber nicht auf die anderen Ursachen für CO2-Ausstoß«, sagt er am Küchentisch. »Dabei ist die Landwirtschaft heute der wichtigste Wirtschaftszweig – 25 Prozent der Emissionen kommen allein von Traktoren, wussten Sie das?«

Er erzählt von den 300 Beschäftigten im Schlachthof, der Armut unter den Einheimischen, insbesondere im Landesinneren. Auf Bornholm werden täglich Tausende Tiere geschlachtet. Schweinefleisch ist, wie in ganz Dänemark, gewissermaßen Kulturgut. »Doch wir verarbeiten das Fleisch noch nicht einmal, sondern exportieren unsere Rohstoffe wie ein Dritte-Welt-Land direkt mit der Fähre aufs Festland«, sagt Kissow.

Bio-Aktivist Kissow: »Wir exportieren unsere Rohstoffe wie ein Dritte-Welt-Land«

Bio-Aktivist Kissow: »Wir exportieren unsere Rohstoffe wie ein Dritte-Welt-Land«

Foto: Anne Lass / DER SPIEGEL

Aus seiner Sicht ist Insel geteilt. Von Leuchtturmprojekten wie Ladestationen für Elektroautos hätten Touristen mehr als die meisten Einheimischen. Wenn er einen Tesla vor dem Bäcker im Dorf sehe, biete er seinen Freunden oft eine sarkastische Wette an: »Wetten, es sind deutsche Ärzte?«

Kissow trennt seinen Müll bereits heute sorgfältig, seinen blauen Bauwagen hat er nach eigenen Angaben ausschließlich aus recycelten Materialien gebaut. Seine Toilette ist ein Plumpsklo aus Holz. Bis hierhin könnte man ihn als Überzeugungstäter abtun. Einer, der zwar viel macht, aber nicht unbedingt als Vorbild für die breite Mehrheit funktioniert. Kissow sagt, er wisse, wie man anfangs über ihn gedacht habe. Es gebe ja genügend Leute, die aus der Stadt aufs Land kämen, um plötzlich alles besser zu wissen. Doch er hat den Anspruch, es anders zu machen.

Fischernetze zu Hängematten: Garten des Wohnprojekts Friskoven, im Innern der Insel

Fischernetze zu Hängematten: Garten des Wohnprojekts Friskoven, im Innern der Insel

Foto: Anne Lass / DER SPIEGEL

Seit Anfang des Jahres ist er Präsident von Bornholms Økojord, einer Bio-Kooperative mit 142 Anteilseignern. 125 von ihnen, sagt Mads Kissow, seien von der Insel. Ihr Ziel ist es, gemeinsam Land zu kaufen und nachhaltig zu bewirtschaften. »Der größte Teil der Insel gehört einer Handvoll Leute«, erzählt Kissow. »Der jüngste Landwirt auf Bornholm ist 48. Wir wollen das ändern.«

Anfangs ging es den Biorebellen kaum anders als den Großstädtern, vor denen Kissow so warnte. In den ersten vier Monaten sammelten sie kaum 80.000 Euro an Kapital. Dann änderten sie den Kurs. »Wir dachten erst, dass unsere Sache von allein überzeugt. Jeder ist für Klimaschutz. Aber wenn du von anderen Engagement willst, musst zu den Leuten«, sagt Kissow heute. Vier Wochen lang tourten er und seine Mitstreiter über die Insel, besuchten Bauernhöfe, Dörfer, Vereine und alteingesessene Familien. 40 Treffen später hatten sie umgerechnet mehr als eine halbe Million Euro eingesammelt und eine funktionierende Bewegung gegründet.

Kissow spricht auch regelmäßig mit Landwirtschaftsschulen auf dem Festland. Die jungen Bauern, sagt er, stellten sich dieselben Fragen wie er: Wie soll es weitergehen? Wer heute Landwirt werden wolle, brauche im Schnitt zwei bis fünf Millionen Euro, um einen Hof zu übernehmen. Außer der umwelt- und klimaschädlichen Massentierhaltung gebe es fast nichts. »Niemand, der heute 23 ist und denken kann, will die nächsten 40 Jahre so arbeiten. Wir wollen hier Alternativen bieten.«

Gudhjem auf Bornholm ist eine der beiden Städte, die an dem »Wasteman«-Projekt teilnahmen

Gudhjem auf Bornholm ist eine der beiden Städte, die an dem »Wasteman«-Projekt teilnahmen

Foto: Anne Lass / DER SPIEGEL

Statt Schweinefleischhälften zu exportieren, wollen die Mitglieder von Økojord alte Getreidesorten anbauen und Gemüse, das mit dem rauen Ostseeklima gut zurechtkommt. »Wir wollen dafür sorgen, dass unsere Produkte auf der Insel verarbeitet werden«, sagt Kissow. Schon jetzt gibt es ein Bio-Craftbeer, das mittlerweile auch in Kopenhagen bekannt ist.

Auch der Recyclingingenieur David Christensen kennt die Arbeit der Ökoaktivisten. Kissow sei einer der fleißigsten Teilnehmer beim Wasteman-Projekt gewesen, sagt er. »Ich bin politisch ein bisschen anderer Typ. Aber Mads ist jemand, der sich einmischt und Dinge verändert.« Kissow sagt, er sehe die großen Umweltpläne der Stadtverwaltung weiterhin kritisch, das Management, die Deals mit Großkonzernen. »Es gibt Probleme, die ich ansprechen will, ja. Aber seien wir ehrlich: Das ist insgesamt schon ein sehr gutes Projekt.«

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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