Jordaniens König Abdullah II. "Die Gefahr, dass Menschen verhungern, ist größer als die Gefahr durch das Virus"

Jordanien fürchtet wegen der Coronakrise um seine Nahrungsmittelsicherheit. König Abdullah II. spricht im SPIEGEL-Interview über die Pandemie und warnt US-Präsident Trump vor der Umsetzung von dessen Nahostplan.
Ein Interview von Susanne Koelbl und Maximilian Popp
König Abdullah II.: "Ich versuche, die Moral der Menschen zu stärken"

König Abdullah II.: "Ich versuche, die Moral der Menschen zu stärken"

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Royal Hashemite Court

Der König von Jordanien, Abdullah II., 58, hat gegenwärtig mit zwei Krisen zu kämpfen. Sein Land leidet, wie der Rest der Welt, unter den Folgen der Corona-Pandemie. Gleichzeitig wehrt sich Abdullah gegen eine Ein-Staaten-Lösung im Israel-Palästina-Konflikt, wie sie US-Präsident Donald Trump de facto propagiert

Ab Juli will Israel Trumps Nahostplan umsetzen, der unter anderem die Annektierung von Siedlungen im Westjordanland durch Israel vorsieht. Sollte Israel tatsächlich die Grenzen verändern, würde dies einen massiven Konflikt mit Jordanien heraufbeschwören, warnt Abdullah II.

SPIEGEL: Eure Majestät, wie regiert ein König im Lockdown?

Abdullah II.: Ich halte mich an das Abstandsgebot. Aber ich reise vom Norden in den Süden, besuche die Sicherheitskräfte. Ich versuche, die Moral der Menschen zu stärken. In der vergangenen Woche hatten wir keine neuen Corona-Fälle. Wir haben das Virus schnell unter Kontrolle gebracht. 

SPIEGEL: Was haben Sie besser gemacht als andere?  

Abdullah II.: Keiner von uns Staatsführern wird eine Eins plus für das Management der Krise bekommen. Aber unsere Regierung hat das Land schnell abgeriegelt. Alle Einreisenden wurden direkt vom Flughafen in Hotels in Quarantäne gebracht. Inzwischen helfen wir anderen.

Alle Artikel zum Coronavirus

Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

SPIEGEL: Welche Folgen hat das Virus für die Weltpolitik?

Abdullah II.: Es bringt neue Unsicherheiten. Gesundheit und Nahrungsmittelsicherheit werden zu hohen Gütern. Europa hat fruchtbare Böden, dort wird man Lebensmittelvorräte verständlicherweise horten. Auch wir haben begonnen, massiv in die Lagerung unseres Weizens zu investieren. Wir haben ein Polster für eineinhalb Jahre. Aber was passiert danach? Die Gefahr, dass Menschen verhungern, ist vielerorts größer als die Gefahr durch das Virus selbst.

SPIEGEL: In Jordanien leben zwei Millionen Flüchtlinge. Viele Bürger waren schon vor der Krise arm. Fürchten Sie Aufstände? 

Abdullah II.: Wir alle stehen wirtschaftlich unter Druck. Flüchtlinge bekommen in Jordanien die gleichen Bildungs- und Gesundheitsleistungen wie alle anderen Bürger. Das ist natürlich eine Herausforderung. Am schlimmsten trifft es Tagelöhner. Wie sichert man das Einkommen dieser Menschen, wenn man gleichzeitig Unternehmen geschlossen halten muss? Militär und Polizei liefern bereits Lebensmittel und Medikamente in die Wohngebiete. Aber wir werden zwei Jahre lang eine Rezession haben. Wie schnell wir uns in 2020 und 2021 erholen, wird davon abhängen, wie schlau wir unsere Wirtschaftssektoren wieder öffnen.

SPIEGEL: Was ist der Weg aus der Krise? 

Abdullah II.: Wir alle sollten beginnen, einander mit anderen Augen zu sehen. Zwischen Westküste und Ostküste in den USA gibt es Handelspakte, die sicherstellen, dass sich die Bundesstaaten gegenseitig versorgen. So etwas braucht es auch auf globaler Ebene. 

Zur Person

König Abdullah II. bin al-Hussein, 58, regiert Jordanien seit 1999. Er absolvierte eine Ausbildung an der Militärakademie Sandhurst und studierte Politik in Oxford und Washington D.C. Bevor er an die Spitze des Staates aufrückte, diente er im jordanischen Militär.

SPIEGEL: In der Realität ist Jordanien umgeben von Staaten, die einander feindlich gegenüber stehen. Israel will ab Juli den Nahost-Friedensplan von US-Präsident Donald Trump umsetzen, der unter anderem die Annektierung von Teilen des Westjordanlandes durch Israel vorsieht. Was würde es für Jordanien bedeuten, wenn Trumps Plan für den Nahen Osten umgesetzt wird?

Abdullah II.: Ist das jetzt, inmitten der Corona-Pandemie, wirklich der Zeitpunkt, darüber zu diskutieren, ob wir eine Ein-Staaten-Lösung für Israel und Palästina wollen? Oder sollten wir darüber diskutieren, wie wir uns gemeinsam gegen die Pandemie wehren können? Die Zwei-Staaten-Lösung ist für uns der einzige Weg, um hier voranzukommen.

SPIEGEL: Machtpolitiker wie Israels Premier Benjamin Netanyahu wollen die Chance nutzen, die sich ihnen durch Trump bietet und sich weite Teile Palästinas aneignen.

Abdullah II.: Führungspersönlichkeiten, die für eine Ein-Staaten-Lösung eintreten, verstehen nicht, was das heißen würde. Was würde geschehen, wenn die palästinensische Autonomiebehörde zusammenbricht? Es gäbe noch mehr Chaos und Extremismus in der Region. Falls Israel im Juli wirklich das Westjordantal annektiert, würde dies zu einem massiven Konflikt mit dem Haschemitischen Königreich Jordanien führen.

SPIEGEL: Sie würden den Friedensvertrag mit Israel aufkündigen? 

Abdullah II.: Ich will keine Drohungen ausstoßen und eine Atmosphäre des Streits provozieren, aber wir ziehen sämtliche Optionen in Betracht. Wir sind uns mit vielen Ländern in Europa und der internationalen Gemeinschaft einig, dass im Nahen Osten nicht das Recht des Stärkeren gelten sollte. 

SPIEGEL: Den arabischen Herrscher am Golf scheint der Kampf gegen Iran inzwischen wichtiger zu sein als der Israel-Palästina-Konflikt. Fühlen Sie sich verraten?

Abdullah II.: Jordanien hat in der Geschichte schon einige Herausforderungen bestanden. Aber lassen Sie mich meinem lieben Freund Mohammed bin Zayed, Kronprinz von Abu Dhabi, und anderen gegenüber fair sein: Bei Treffen der Arabischen Liga wird der Vorschlag einer Ein-Staaten-Lösung immer noch vehement zurückgewiesen. Als der Ein-Staaten-Plan vor sechs oder sieben Monaten vorgestellt wurde, sagte seine Majestät, der König von Saudi-Arabien dazu: "Nein, wir stehen an der Seite der Palästinenser."

SPIEGEL: Deutschland ist zweitgrößter Unterstützer Ihres Landes, nach den USA. Was erwarten Sie von Berlin?  

Abdullah II.: Ich kenne Bundeskanzlerin Merkel seit sehr langer Zeit. Die jordanisch-deutschen Beziehungen sind so gut wie nie zuvor. Wir haben eine exzellente Arbeitsbeziehung, auch unserer Militär- und Sicherheitsdienste. Deutschland versteht, was die richtige Entscheidung in der israelisch-palästinensischen Frage ist. Wir sind Verbündete und Freunde und schreiten bei diesem Thema gemeinsam voran.