Tödliche Proteste in Kolumbien Die riskante Revolte der Teenager

In Kolumbien gehen junge Leute gegen Ungleichheit und eine verkrustete politische Ordnung auf die Straße. Die Polizei reagiert mit maßloser Gewalt, feuert in die Menge und macht Treibjagd auf Jugendliche.
Von Jens Glüsing, Rio de Janeiro
Demonstrantin in Bogotá: Abgestürzte Mittelschicht, Frust über den Lockdown und ein gescheiterter Friedensprozess

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Foto: Fernando Vergara / dpa

Er nennt sich J. M. und sagt, er sei »einer von vielen Jungs der Ersten Linie«, so nennen die Demonstranten von La Luna ihre Frontkämpfer, die sie vor der Polizei beschützen sollen. La Luna ist ein Arbeiterviertel von Cali, der drittgrößten Stadt Kolumbiens, und eines der Zentren der gewalttätigen Proteste, die seit vergangenem Mittwoch das südamerikanische Land erschüttern.

Mindestens 20 Menschen sind seit dem Beginn der Demonstrationen ums Leben gekommen, Hunderte wurden verletzt, Dutzende sind verschwunden. Die meisten sind junge Menschen wie J. M. Am Telefon sagt er, er sei 22 Jahre alt und lebe davon, dass er gelegentlich Texte aus dem Englischen übersetze. Seit einer Woche sei er zusammen mit seinen Freunden jede Nacht auf der Straße in La Luna, um die Esmad abzufangen, eine Sondereinheit der Polizei, die von den Demonstranten für die meisten Toten verantwortlich gemacht wird.

»Wir hindern sie daran, die Häuser zu stürmen und die Anwohner zu bedrohen«, sagt der junge Mann. Dazu ziehen sie eine Art Verteidigungsring um die Häuser, sie blockieren die Zufahrten zu dem Viertel und fangen die Polizisten ab, die auf Motorrädern durch die Gassen rasen und nach Schlupflöchern suchen. Es sei ein gefährlicher Job. »Wir haben Angst«, bekennt J. M. Sie werfen Steine und schützen sich mit selbst gebastelten Schilden aus Metall, sagt er: »Schusswaffen haben wir nicht«.

Die Polizei feuere dagegen mit scharfer Munition. Zum Beweis schickt er verwackelte Videos, man hört Schüsse und Menschen schreien, es gibt Bilder von Patronenhülsen und Verletzten.

Bilder wie aus einem Polizeistaat

J. M. unterbricht das Telefongespräch kurz, im Hintergrund ist Geraune zu hören. Gerade habe er die Nachricht erhalten, dass ein weiterer Junge ums Leben gekommen sei, sagt er, als er wieder am Hörer ist, aber das sei noch nicht bestätigt. »Es ist gefährlich, was wir hier machen«.

Auf Twitter und Facebook kursieren Hunderte Videos, die in schwer erträglichen Bildern zeigen, wie die Polizei auf Demonstranten feuert und junge Menschen im Kugelhagel zusammenbrechen. Verzweifelte Mütter knien schreiend neben den Leichen ihrer Söhne; Polizisten veranstalten regelrechte Treibjagden durch die Straßen von Cali und anderen kolumbianischen Städten. Es sind Bilder wie aus einem Polizeistaat, dabei gilt Kolumbien trotz Guerillakrieg und Drogenhandel seit Jahrzehnten als stabile Demokratie.

Aber etwas ist aus dem Lot geraten in den vergangenen Jahren, es hat auch mit der Pandemie zu tun, vor allem aber mit der schreienden Ungleichheit in dem rohstoffreichen Land, in dem wenige Familien das Sagen haben, die Politik und Wirtschaft beherrschen.

Es hat zu tun mit dem Absturz einer einst stabilen Mittelschicht, mit einem in Gewalt erstickten Friedensprozess und dem Frust über einen Lockdown, der nun schon ein Jahr dauert und viele Familien in den Ruin getrieben hat. Die Wirtschaft ist im vergangenen Jahr infolge der Pandemie um sieben Prozent geschrumpft, die Armut ist von 36 auf fast 43 Prozent hochgeschnellt.

Längst geht es um mehr als eine Steuerreform

Auslöser der Proteste war eine geplante Steuerreform, mit der der konservative Präsident Iván Duque den überschuldeten Staat vor der Abstufung durch Ratingagenturen bewahren wollte. Mit einer Erhöhung der Mehrwertsteuer und einer höheren Steuerlast für mittlere und kleine Einkommen wollte er das Defizit im Staatshaushalt auffüllen, das infolge der Pandemie drastisch angewachsen ist. Doch er hatte den Widerstand in der Bevölkerung unterschätzt.

»Auf die ersten Proteste reagierte die Polizei mit unverhältnismäßiger Gewalt«, sagt Sergio Guzmán, Direktor von »Colombia Risk Analysis«, einer privaten Beratungsfirma. Die Demonstranten blockierten daraufhin zahlreiche Straßen im Land, der Konflikt schaukelte sich auf. »Es war ein Schneeballeffekt«, sagt Guzmán. »Statt den Dialog und eine politische Lösung zu suchen, schickte die Regierung Polizei und Militär, um die Straßen zu räumen«.

Über das Wochenende eskalierten die Proteste, am Montag zog Duque die Steuerreform zurück. Der Finanzminister trat zurück, es war ein Sieg der Demonstranten. Doch die haben ihre Ziele jetzt höhergesteckt, längst geht es um mehr als Steuererhöhungen, einige fordern Neuwahlen. Indigene und Kleinbauern marschieren gegen die Gewalt auf dem Land; Umweltschützer, Lehrer und Hochschulprofessoren machen ihrem Unmut Luft, Schüler und Studenten protestieren.

»Wir wollen ein gerechtes Bildungssystem und sind gegen die Privatisierung des Gesundheitssystems«, sagt Straßenkämpfer J. M. Alle neoliberalen Reformen, die die Regierung in der Pipeline hat, stehen zur Debatte; der Frust über ein jahrzehntealtes, erstarrtes System, das die Privilegien einer kleinen Kaste zementiert, bricht sich Bahn.

Armenviertel in Bogotá: Der Lockdown hat viele Familien in den Ruin getrieben

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Foto: allOver / imago

Ein Ex-Präsident heizt die Polizeigewalt an

Es ist ein System, das seit zwanzig Jahren von demselben Mann dominiert wird: Dem rechten Ex-Präsidenten Álvaro Uribe, der von 2002 bis 2010 mit eiserner Hand regierte. Ihm werden Verbindungen zu rechten Paramilitärs nachgesagt,  er ist für einige der größten Skandale der vergangenen Jahre verantwortlich. Aber er hatte es mit militärischen Mitteln geschafft, die verhasste Guerilla aus vielen Landesteilen zu vertreiben. Dafür wird er von vielen Kolumbianern immer noch als Retter des Vaterlands verehrt.

Ohne die Hilfe Uribes wäre Duque vermutlich nicht zum Präsidenten gewählt worden, er verfügt weder über das Charisma noch das politische Geschick seines Mentors. Die Proteste richten sich daher in Wahrheit gegen das politische Erbe Uribes. Der fachte den Konflikt an, als er seine Landsleute über Twitter aufrief, sie sollten »das Recht von Soldaten und Polizisten auf den Einsatz von Waffen zur Selbstverteidigung« gegen »Terrorismus« unterstützen.

Die Regierung hat Uribes Kriegsrhetorik übernommen, sie wirft den Demonstranten vor, dass sie von der Guerilla unterwandert seien. J.M. streitet das vehement ab, »sie wollen damit nur den Gebrauch der Schusswaffen rechtfertigen«. Experte Guzmán bestätigt: »Die Guerilla nutzt die Unruhen für ihre Zwecke aus, aber sie ist kein politischer Akteur«.

In Wahrheit ist es Kolumbiens Jugend, die sich für einen grundlegenden Wandel starkmacht, viele sind nicht älter als 14 oder 15, sie kämpfen für ihre Zukunft. Und sie sterben dafür.

»Sie schossen dem Jungen direkt ins Gesicht«

Daniela García unterstützt die Anliegen der Demonstranten. In Palmira, einem Vorort von Cali, hatte sie ein Geschäft für Dekorationsartikel, das sie wegen der Pandemie schließen musste; seit November hat sie immer mal wieder gegen die Maßnahmen der Regierung protestiert. Sie hat einen 15-jährigen Sohn, der bei den Protesten gern mitmarschieren würde, aber sie lässt ihn nicht mehr auf die Straße. »Ich weiß nicht, ob er wieder zurückkommt«, sagt sie.

Es war am Sonntag, der fünfte Tag der Proteste, García hielt sich in einem Gebäude nahe dem Einkaufszentrum »Llano Grande« in Palmira auf, als Jugendliche auf der Ausfallstraße demonstrierten, die an der Shoppingmall vorbeiführt. »Ich kannte sie nicht, sie sangen Protestlieder«.

Sie sah, wie ein Panzerwagen der Polizei auf die Jungen zurollte, »sie waren vielleicht 14 oder 16, nicht älter«. Ohne Vorwarnung hätten die Polizisten auf die Jugendlichen geschossen, »einen trafen sie direkt ins Gesicht, er brach zusammen«. Garcías Mann ist Arzt, er wollte Hilfe leisten, »doch die Polizei ließ ihn nicht an die Verletzten heran«.

García weiß nicht, was aus den Jungen geworden ist. Auf Videos aus Palmira sieht man, wie ein Polizist von einem Motorrad aus einen Jungen auf dem Bürgersteig niederschießt, auf anderen liegen blutüberströmte junge Männer auf dem Boden. Eine verzweifelte junge Frau, die eine Weste einer Menschenrechtsorganisation und einem weißen Mund-Nasen-Schutz trägt, ruft in die Handykamera: »Sie schießen auf uns, der Staat ist schuld, bitte helft uns!«

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