Proteste in Kolumbien »Dann haben sie einfach geschossen«

In Kolumbien geht die Polizei mit Gewalt gegen Demonstrierende vor, die gegen Armut und Korruption protestieren. Sechs von ihnen erzählen, warum sie ihr Leben riskieren.
Protokolle aus Cali, Kolumbien, aufgezeichnet von Antonia Schaefer
Demonstrierende in Cali: »Die Not war eine tickende Zeitbombe«

Demonstrierende in Cali: »Die Not war eine tickende Zeitbombe«

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Antonia Schäfer / DER SPIEGEL

Mehr als zwanzig Tote, Hunderte Verletzte. Seit mehr als einer Woche demonstrieren Zehntausende Menschen in Kolumbien. Ursprünglich sind sie gegen eine Steuerreform auf die Straße gegangen. Doch es geht um so viel mehr: Armut, soziale Ungleichheit und Korruption.

Die Polizei und die Spezialeinheit Esmad gehen mit Gewalt gegen die Proteste vor. Besonders in Cali, der drittgrößten Stadt des Landes, wurde willkürlich das Feuer eröffnet. Die Sprecherin des Hochkommissars der Vereinten Nationen für Menschenrechte in Kolumbien, Marta Hurtado, verurteilt die Polizeieinsätze. Sechs Demonstrierende berichten, was sie in den vergangenen Tagen erlebt haben – und weshalb sie weitermachen.

Sofía*, 22, die Studentin ist seit Beginn der Proteste dabei und leistet Verletzten Erste Hilfe

»Wir haben geschrien, dass sie ihm nichts tun sollen, dass wir ihm helfen wollen. Erst bin ich nach vorn gelaufen. Dann haben sie einfach geschossen. Es waren so viele Menschen und immer wieder hörte ich Schüsse. Irgendwann bin ich weggerannt. Und jetzt ist Kevin Agudelo tot. Ich konnte nichts tun. Die Spezialeinheit Esmad ist nach Siloé eingedrungen, in unseren Stadtteil, wo wir friedlich demonstriert haben. Ich kann nicht begreifen, dass sie ihn wirklich getötet haben. Wofür?

Ich bin mittlerweile davon überzeugt, dass es darum geht, uns mundtot zu machen. Die Spaltung zwischen Arm und Reich hier im Land geht sehr tief und die Reichen sehen in uns eine Bedrohung. Ich glaube, dass sie hier so großen Einfluss auf die Politik haben, dass die Polizei in ihrem Interesse handelt. Im Grunde ist es Korruption. Gestern hat mir ein Polizist erzählt, dass er eigentlich nicht mitmachen will. Er sei nur auf Befehl da. Und dann hat er gesagt: ›Schaut euch um, rund um die Armenviertel leben die Reichen – und die haben uns geschickt, um euch kleinzuhalten.‹ Ich denke, dass er recht hat.

Trotzdem habe ich nicht mit dieser Brutalität gerechnet. Aber vor ein paar Tagen habe ich gesehen, wie wohlhabende Anwohner von ihren Balkonen auf uns geschossen haben. Sie glauben, dass wir weniger wert sind als sie. Dabei sind die Reichen nur reich, weil es Arme gibt. Weil es Menschen wie uns gibt, die die Pandemie nicht gemütlich zu Hause aussitzen können.«

Jefferson, 23, nimmt als Beobachter für Menschenrechte an den Demonstrationen teil

Jefferson hat brutale Polizeieinsätze aus nächster Nähe miterlebt. Aus Angst will er sein Gesicht nicht zeigen

Jefferson hat brutale Polizeieinsätze aus nächster Nähe miterlebt. Aus Angst will er sein Gesicht nicht zeigen

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Antonia Schäfer / DER SPIEGEL

»Zu Anfang der Proteste war ich an der Universität del Valle im Süden der Stadt. Innerhalb der ersten halben Stunde kam der Esmad. Und auf einmal lagen überall Verletzte durch Schläge auf den Kopf und die Tränengaskartuschen, die die Einsatzkräfte werfen. Ich habe mindestens 20 gezählt. Das ging so schnell: Eben haben wir noch Plakate hochgehalten und Minuten später war da soviel Blut.

Ich sage nicht, dass die Demonstranten alle friedlich sind. Es gibt Vandalismus und Randalierer. Ich habe gesehen, wie Supermärkte ausgeraubt worden sind. Das finde ich beinahe noch verständlich, denn dahinter sitzen große Firmen, denen das nicht wehtut. Und viele Leute hier hatten lange nichts zu essen. Aber natürlich gibt es auch Menschen, die kein Halten mehr kennen: Sie überfallen kleine Händler und Privatleute. Manchmal geht der Zorn in die falsche Richtung. Aber so ist das, wenn das Leid zu groß wird.

Die Not war eine tickende Zeitbombe. Die Regierung hat gesagt ›bleibt während der Pandemie zu Hause, schützt euch gegenseitig.‹ Doch es gab zu wenige Hilfen, den Menschen ging die Nahrung aus. Ich habe mein Geld als Barmann verdient – doch die Bars haben zu. Wovon soll ich leben? Es hieß, die Schüler sollen Homeschooling machen, aber das Internet funktioniert auf dem Land nicht und viele ärmere Familien haben keinen Computer. Wie sollen sie lernen?

Ich glaube, dass Cali ein strategisch wichtiges Zentrum für die Proteste ist, weil die Stadt ein Knotenpunkt für die Lebensmittelversorgung im Land ist. Nur durch Blockaden können wir uns Gehör verschaffen. So bewirken wir vielleicht ein Umdenken. Und ganz vielleicht schaffen wir bei den nächsten Wahlen einen politischen Wandel.«

Diego, 32, ist Chirurg in Ausbildung und versorgt Verletzte

»Ich war gestern mit einem medizinischen Team in einem Van unterwegs. Klar gekennzeichnet mit roten Kreuzen und Dokumenten an den Scheiben. Wir sind zum Park Loma de la Cruz gefahren, wo es viele Zusammenstöße zwischen Polizei und Demonstrierenden gab. Kaum sind wir angekommen, wurde auf den Van geschossen. Mindestens ein Dutzend Mal, mehrere Kugeln sind durch die Türen geschlagen.

Es ist nicht das erste Mal, dass Ärzte attackiert wurden. Sogar ein Einsatzteam der Uno wurde angegriffen. Die Versorgungsstationen sind auch nicht sicher. Ich habe Videos gesehen, in denen Verbandsmaterial zerstört oder gestohlen wurde – alles von Menschen in zivil. Ich bin mittlerweile davon überzeugt, dass die Spezialeinheiten der Polizei die Proteste infiltriert haben. Das würde auch erklären, warum ich Drohanrufe bekomme. Wie sonst sollen sie an meine Nummer gekommen sein? Sie sagen mir, sie kennen meinen Namen und meine Adresse. Dabei bin ich doch hier, um Verletzte zu versorgen – auf beiden Seiten.

Ich sehe so viele und schwere Verletzungen wie nie zuvor bei Protesten in Kolumbien. Ich habe viele offene Wunden am Kopf und den Augen behandelt, das deutet auf schwere Schläge hin. Außerdem einige Schusswunden. Dazu kommen Atemwegsverletzungen durch das Tränengas. Das passiert eigentlich nicht so schnell bei den zugelassenen Gassorten. Aber ich habe einige Kartuschen gefunden, auf denen 2016 als Ablaufdatum stand. Ich glaube, dass das Gas mit der Zeit gefährlicher wird, anders kann ich mir die Schwere der Verletzungen nicht erklären. Erst gestern habe ich versucht, einen Mann zu intubieren, dessen Rachen stark verätzt war. Das kann meiner Meinung nach nicht von handelsüblichem Tränengas kommen.

Die Polizisten hier sind teilweise außer Kontrolle. Ich habe mich mit zwei Krankenschwestern mehreren entgegengestellt, weil sie Gaskartuschen auf Köchinnen geworfen haben. Ich wollte mit ihnen reden, erklären, dass der eingezäunte Basketballplatz, auf dem die Köchinnen saßen, ein Versorgungszentrum ist. Aber sie haben mich ausgelacht. ›Warum helft ihr den Leuten?‹, hat einer gefragt. ›Die sollen sich gefälligst selbst helfen.‹ Ich weiß nicht mehr, was ich dazu sagen soll.«

Saray, 32, organisiert die Proteste im Nordwesten der Stadt

Demonstrantin Saray: »Ich sehe jeden Tag Blut«

Demonstrantin Saray: »Ich sehe jeden Tag Blut«

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Antonia Schäfer / DER SPIEGEL

»Ich stehe nicht an der Frontlinie der Proteste, sondern organisiere, sammele Informationen und plane die nächsten Tage. Trotzdem sehe ich jeden Tag Blut. Ich selbst bin noch nicht verletzt worden, aber ich höre von Toten, Verletzten und Vergewaltigungen, teils auf offener Straße! Ich habe kaum Worte für das, was hier passiert. Es ist, als ob der bewaffnete Konflikt des Landes aus dem Wald auf die Straßen unserer Städte gekommen ist. Aber wir sind keine Guerillas oder Terroristen, wir sind unbewaffnet. Ich kann die Gewalt der Polizei und der Militärs nicht verstehen.

Wir demonstrieren, weil wir keine Chance haben, in diesem Land etwas zu werden. So wie viele hier finde auch ich trotz guter Ausbildung keine Anstellung. Ich habe öffentliche Verwaltung und Philosophie studiert. Aber nur hin und wieder kann ich einen Gelegenheitsjob ergattern. Damit kann ich nicht für die Zukunft planen.

Die Steuerreform war nur ein Auslöser für die soziale Explosion, die in diesem Land überfällig ist. Die lokale und die nationale Regierung kennt unsere Probleme. Die Zeit ist vorbei, in der wir mit Bitten und Anträgen weiterkommen. Es gibt unzählige Dokumente, Statistiken und Erhebungen, die Armut, Chancenlosigkeit und Jugendarbeitslosigkeit dokumentieren. Jetzt ist der Moment gekommen, aufzustehen.

Präsident Iván Duque hat die Steuerreform zurückgezogen, aber das ist nur Augenwischerei. Er hat angekündigt, eine neue Reform auszuarbeiten – mit den gleichen Leuten, die vorher schon bei der Planung dabei waren. Wir stecken wegen der Coronapandemie in einer Wirtschaftskrise. Jetzt ist nicht die Zeit, den Menschen noch mehr Geld abzuverlangen.«

James, 28, war selbst beim Militär und steht jetzt aufseiten der Demonstrierenden in der ersten Reihe

James hat zwei Freunde bei den Protesten verloren, er selbst wurde von der Polizei zu Hause bedroht

James hat zwei Freunde bei den Protesten verloren, er selbst wurde von der Polizei zu Hause bedroht

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Antonia Schäfer / DER SPIEGEL

»Ich habe ziemlich starke Verbrennungen am Bein. Eine Gaskartusche hat mich vorhin getroffen. Aber ich habe das nicht mal gespürt, solche Angst hatte ich. Ich stehe seit Tagen in der ersten Reihe, aber das ist bisher meine einzige Verletzung. Ich hatte wirklich Glück. Viele meiner Freunde sind in den letzten Tagen verschwunden und zwei sind jetzt tot. Kevin und Andrés haben die Proteste nicht überlebt. Irgendwie kann ich das nicht fassen. Aber dann sehe ich die Waffen der Militärs – die Waffen, mit denen sogar die Nachbarn auf uns zielen, und ich weiß, dass ich ungeschützt bin.

Vorgestern war ein bewaffneter Polizist bei mir zu Hause. Er hat gesagt, ich soll aufhören zu protestieren, sonst könne er nicht für meine Sicherheit garantieren. Das hat er in Anwesenheit meiner Mutter gesagt. Es kann hier jeden treffen.

Trotzdem kann ich nicht einfach aufhören. Es gibt sonst keine Zukunft. Ich lebe mit meinen Eltern und meiner Schwester zusammen. Seit Monaten essen wir nur noch Reis und Linsen. Fleisch können wir uns nicht mehr leisten. Meine Mutter leidet an Herzschwäche, aber für die Medikamente ist kein Geld da und wir haben keine Krankenversicherung. Ich bin selbstständig, weil ich keine Anstellung finden konnte.

Ich war selbst beim Militär und verstehe nicht, warum die Einsatzkräfte hier keinerlei Menschlichkeit zeigen. Es ist ein Haufen Verrückter in Uniform unterwegs. Ich habe Videos von Panzereinsätzen gegen Zivilisten gesehen. Das muss aufhören!

Denn ich will meine Hoffnung nicht aufgeben, dass ich eines Tages meine Kinder hier in Frieden großziehen kann und dass wir Konflikte nicht über Gewalt lösen müssen. Ich will in einer Bar Fußball mit einem Menschen schauen, der politisch anderer Meinung ist, und beim Schlusspfiff mit ihm anstoßen.«

Carlos, 37, hilft bei einer Versorgungsstelle, die an Demonstrierende Essen ausgibt

Carlos erhält anonyme Drohanrufe: »Woher haben die eigentlich meine Nummer?«

Carlos erhält anonyme Drohanrufe: »Woher haben die eigentlich meine Nummer?«

Foto: Antonia Schäfer / DER SPIEGEL

»Seit gestern erhalte ich Drohanrufe. Ich kenne die Nummern nicht. Da sind Menschen in der Leitung, die sagen, ich werde beobachtet. Man würde mich anklagen, mich mit Tränengas überschütten. Ich weiß nicht, woher die meine Nummer haben. Dabei habe ich doch nichts getan. Ich stehe nicht mal in der ersten Reihe, sondern versorge die Leute mit Nahrungsmitteln. Auch zwei Polizisten habe ich schon Essen gebracht.

Dabei stehe ich natürlich voll hinter den Protesten: Seit der Pandemie muss ich mich entscheiden, ob ich lieber Essen oder Kleidung kaufe oder die Miete bezahle. Vermieter haben in vielen Teilen des Landes Menschen vor die Tür gesetzt, weil sie wegen der Pandemie kein Einkommen mehr hatten und die Miete nicht bezahlen konnten. Obwohl das offiziell verboten ist. Und nun sollen die Steuern erhöht werden, dazu kommt die Gesundheitsreform. Den Menschen mit geringem Einkommen wird noch mehr Geld aus der Tasche gezogen.

Ein Ei kostet statt 300 Pesos (rund 6 Cents) 700 Pesos (rund 15 Cents). Wie sollen wir das bezahlen? Meine Familie lebt im Umland. Während der Pandemie haben sie immer wieder tagelang nichts gegessen. Und die Kongressabgeordneten ziehen sich Millionen rein und bekommen noch die Handyrechnung mit Steuergeld bezahlt. Wer soll das noch verstehen?«

*Name von der Redaktion aus Sicherheitsgründen geändert. Zum Schutz der Demonstrierenden werden nur ihre Vornamen genannt.

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