Kosovos Ex-Präsident vor Gericht in Den Haag Der Fall der "Schlange"

Kosovos zurückgetretener Staatschef Hashim Thaci muss sich vor dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag verantworten. Die Anklage ist auch eine Blamage für Washington.
Thaci nach der Vernehmung in Den Haag

Thaci nach der Vernehmung in Den Haag

Foto: Eva Plevier / REUTERS

Es ist eine schallende Ohrfeige für die Duellanten in Washington: Während sich Donald Trump und Joe Biden am Donnerstag noch ein Kopf-an-Kopf-Rennen um die Präsidentschaft lieferten, landete gut 6000 Kilometer nordöstlich in den Niederlanden eine Militärmaschine aus dem Kosovo.

An Bord war Hashim Thaci, der soeben zurückgetretene Präsident der kleinen Balkanrepublik. Vom Flugplatz weg wurde der Spitzenpolitiker nach Den Haag überführt, in die Haftanstalt des Sondertribunals für Kriegsverbrechen im Kosovo.

Ausgerechnet Thaci – zwei Jahrzehnte lang der Ziehsohn und Musterschüler Washingtons auf dem Balkan – hinter Gittern? Joe Biden, damals Vizepräsident unter Barack Obama, hatte den ehemaligen Kopf der mehrheitlich albanischen Befreiungsarmee UCK als "George Washington des Kosovo" geadelt.

Donald Trump wollte noch Ende Juni 2020 mit Thaci und seinem serbischen Widerpart Aleksandar Vucic einen Deal im Rosengarten des Weißen Hauses besiegeln – ein Abkommen, das das Verhältnis zwischen den beiden seit dem blutigen Kosovokrieg 1999 verfeindeten Staaten neu regeln sollte.

Trump und Biden setzten auf den Ex-Rebellenführer

Trumps Vorhaben scheiterte, weil drei Tage vor dem Gipfeltreffen in Washington jene Anklage aus Den Haag eintraf, die nun richterlich bestätigt wurde. In ihr werden vom EU-finanzierten Sondertribunal Thaci und seinen drei Mitangeklagten Kriegsverbrechen sowie Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen, darunter knapp hundert Morde und Fälle von Folter.

Dass Thaci, UCK-Codename "Schlange", nun in Untersuchungshaft sitzt, mehr als zwanzig Jahre nach dem mit Nato-Unterstützung beendeten Kosovokrieg, blamiert die Amerikaner und ihre westlichen Verbündeten, darunter die Deutschen. Andernorts aber dürfte die Entwicklung eher für Genugtuung sorgen – vor allem in der Schweiz.

Carla del Ponte, die bis 2007 verantwortliche Chefanklägerin des Uno-Sondertribunals für Kriegsverbrechen war es, die nicht nur gegen die maßgeblich an den Zerfallskriegen schuldigen Serben vorging. Del Ponte drang auch darauf, die Verbrechen ethnischer Albaner an Serben, Roma und an nicht linientreuen albanischen Landsleuten zu ahnden. Ihre Bemühungen aber, so schilderte es die Anklägerin im Rückblick, wurden in einem von UCK-Veteranen geschürten Klima brutaler Einschüchterung erstickt.

Del Pontes Schweizer Landsmann Dick Marty war es dann, der als Sonderermittler des Europarats in akribischer Arbeit Indizien für mögliche Verbrechen der UCK zusammentrug. Sein 2011 vom Europarat gebilligter Bericht darf als erster Meilenstein auf dem Weg zu jener Aufarbeitung gelten, die nun in Gang gekommen ist.

Die infrage stehenden Verbrechen mögen dem Vergleich nicht standhalten mit all dem, was die jugoslawische und serbische Soldateska im Kosovo angerichtet hat – und was die Nato letztendlich zum Eingreifen bewog. Eine juristische Klärung aber ist dringlich für eine Republik, die sich die EU-Mitgliedschaft als Ziel gesetzt hat, deren politisches Spitzenpersonal aber seit zwei Jahrzehnten von ehemaligen Rebellenführern gestellt wird.

Wer Thaci persönlich traf, zwischen vergoldeten Rokokostühlchen und Kristall-Lüstern an seinem Amtssitz in Pristina, der erlebte einen Mann, der vorgab, mit sich im Reinen zu sein. "Kein Sondergerichtshof der Welt kann die Geschichte umschreiben", sagte er. Der bewaffnete Kampf der UCK gegen die serbischen Unterdrücker in der Provinz Kosovo sei nichts, wofür er sich zu rechtfertigen gedenke.

Im letzten Moment zurückgepfiffen

Thaci fühlte sich lange Zeit unverwundbar, weil er die Rückendeckung Washingtons genoss. Emblematisch die Umarmung durch Madeleine Albright auf Schloss Rambouillet 1999, wo die erfahrene US-Außenministerin dem jugendlichen Rebellenführer einen Kompromiss abhandelte.

Unvergessen der Tag im Februar 2008, als Thaci, damals Regierungschef, die Unabhängigkeit des Kosovo verkünden wollte und im letzten Moment von der US-Botschafterin in Pristina telefonisch zurückgepfiffen wurde. Strahlend das Lächeln Thacis an der Seite von Donald Trump und Gattin Melania im Weißen Haus 2017.

Nicht nur vom Ausgang der Wahlen in Washington hängt nun ab, wie es weitergeht mit Europas Sorgenkind Kosovo. Die überwiegend albanisch besiedelte Zwei-Millionen-Einwohner-Republik ist bis heute von Dutzenden Ländern nicht anerkannt, darunter fünf EU-Staaten. An Planspielen, den Anschluss ans Mutterland Albanien zu betreiben, beteiligte sich auch der nun verhaftete Thaci. Das bevorstehende "absurde Gerichtsverfahren", so droht nun Albaniens Premier Edi Rama, wird eine Lösung in der Krisenregion nicht erleichtern.

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