Oppositionspolitiker Nawalny im Koma Kreml äußert Unverständnis über deutsche "Eile" bei Giftdiagnose

Der Kreml leitet vorerst keine Untersuchung zu der Vergiftung von Alexej Nawalny ein. Dazu sei es erst notwendig, die Substanz zu kennen, die ihn ins Koma versetzt habe.
Alexej Nawalny wird in der Charité behandelt

Alexej Nawalny wird in der Charité behandelt

Foto: Christoph Soeder / dpa

Der Kreml hat vorerst nicht vor, eine strafrechtliche Untersuchung der Umstände der Vergiftung von Alexej Nawalny einzuleiten. Das sagte Kreml-Sprecher Dimitri Peskow. Er sagte, die Befunde der deutschen Ärzte zeigten nicht eindeutig, dass Nawalny vergiftet worden sei. "Wir verstehen diese Eile der deutschen Kollegen nicht."

Laut Peskow sei es zunächst notwendig, die Substanz zu ermitteln, die Nawalny ins Koma versetzt hat. "Wir brauchen einen Grund für eine Untersuchung. Bislang haben wir den Patienten im Koma vorgefunden", sagte der Sprecher des Präsidenten.

Peskow weist Mitwirkung des Regimes am Mordanschlag zurück

Laut der Berliner Charité weisen klinische Befunde darauf hin, dass Nawalny vergiftet wurde. Die Befunde deuteten "auf eine Intoxikation durch eine Substanz aus der Wirkstoffgruppe der Cholinesterase-Hemmer" hin, wobei die konkrete Substanz bislang nicht bekannt sei, erklärte die Charité. Der bekannte Anti-Korruptions-Aktivist und scharfe Kritiker von Russlands Präsident Wladimir Putin wird seit dem Wochenende in der Berliner Klinik behandelt, nachdem er bei einem Flug in Russland zusammengebrochen war.

Nawalnys Mitstreiter warfen dem Präsidenten vor, selbst in den Mordanschlag involviert gewesen zu sein. Das wies Peskow zurück. "Wir können solche Anschuldigungen nicht ernst nehmen", sagte er laut einem Tweet der Moskauer BBC-Korrespondentin Sarah Rainsford. "Sie können absolut nicht wahr sein. Sie sind mehr wie leeres Rauschen, wir haben nicht vor, sie ernst zu nehmen", sagte Peskow demnach.

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Auch russische Ärzte hätten Nawalny mit Gegenmittel Atropin behandelt

Zuletzt hieß es von der Charité, Nawalny befinde sich auf einer Intensivstation und weiterhin im künstlichen Koma. Sein Gesundheitszustand sei ernst, es bestehe aber keine akute Lebensgefahr. Entsprechend der Diagnose werde der Patient mit dem Gegenmittel Atropin behandelt. Der Ausgang der Erkrankung bleibe unsicher, und Spätfolgen, insbesondere im Bereich des Nervensystems, könnten zum jetzigen Zeitpunkt nicht ausgeschlossen werden.

Peskow sagte, auch die Ärzte in Omsk hätten den niedrigen Cholinesterase-Wert bemerkt und Nawalny mit dem entsprechenden Gegenmittel behandelt. Der Grund für den niedrigen Wert könne aber laut Peskow unterschiedliche Gründe haben.

Cholinesterasehemmer werden in der Medizin eingesetzt, etwa um Muskelschwäche zu behandeln. Sie sind aber auch als Nervengifte bekannt. So gehört etwa Nowitschok zur Gruppe der Cholinesterasehemmer. Der Anschlag auf den britisch-russischen Doppelagenten Sergej Skripal und seine Tochter 2018 machte das Mittel bekannt.

höh/heb/Reuters/AFP
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