Teures Brot, wachsender Hunger Diese Länder trifft die Inflation am härtesten

Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine steigen die Nahrungsmittelpreise. Die SPIEGEL-Datenanalyse zeigt: In manchen Staaten liegt die Teuerung bei bis zu 364 Prozent. Die Folgen sind katastrophal.
Steigende Getreidepreise treffen vor allem Länder des Globalen Südens

Steigende Getreidepreise treffen vor allem Länder des Globalen Südens

Foto: DER SPIEGEL
Globale Gesellschaft

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Wer im Libanon den Mindestlohn verdient, erhält im Monat 675.000 Pfund, rund 420 Euro. Das klingt angemessen für dortige Verhältnisse, dabei reicht das Geld kaum zum Überleben.

Das zeigen Quittungen, die Lennart Lehmann, im Libanon für die Welthungerhilfe im Einsatz, aufgehoben hat. Zwei Limos, ein Softdrink, eine große Flasche Mineralwasser: 178.000 Pfund. Ein Baguette und ein arabisches Brot: 55.000 Pfund.

Dass die Preise steigen, gerade auch die für Grundnahrungsmittel, ist nicht neu. Die Währung befindet sich im Libanon seit Monaten im freien Fall.

Neu ist, dass sich Lehmann nun auch um einen Konflikt sorgen muss, der sich Tausende Kilometer weit entfernt abspielt.

Laut dem libanesischen Zentralamt für Statistik betrug die Nahrungsmittelinflation im Mai 364 Prozent. Das bedeutet, dass sich die Preise seit Mai 2021 um mehr als das Dreifache erhöht haben.

Viele Supermärkte, sagt Lehmann, wiesen aufgrund der extremen Schwankungen inzwischen gar keine Preise mehr aus. Die Verteuerungen treffen besonders die zahlreichen syrischen Geflüchteten im Land, die sich für Lebensmittel verschulden, aber auch die libanesische Bevölkerung.

»Die marktwirtschaftliche Logik, Lebensmittel dort zu kaufen, wo sie am günstigsten sind, ist gut in Friedenszeiten. Sie funktioniert aber nicht in Krisenzeiten, wenn die Märkte durch Kriege oder Katastrophen nicht mehr richtig funktionieren«, sagt Lehmann. Nur Libyen importierte 2020 laut einer SPIEGEL-Auswertung mehr Getreide pro Einwohner aus der Ukraine und Russland (284 Kilogramm) als der Libanon (241 Kilogramm).

Der russische Angriff hat den Krieg in die Kornkammer gebracht. Russland und die Ukraine spielen als Exportländer von Nahrungsmitteln eine wichtige Rolle für die Welternährung. Exporte aus der Ukraine sind nahezu unmöglich, da das russische Militär die ukrainischen Häfen blockiert. Das sorgt weltweit auf Nahrungsmittelmärkten für Unsicherheit.

Die vergangenen Wochen haben die Zerbrechlichkeit des Welternährungssystems schonungslos offenbart. Statt das Handelssystem offen zu halten, reagierten zahlreiche Staaten auf die Preisanstiege mit Exportbeschränkungen. Unter anderem hat Indien, der weltweit zweitgrößte Weizenproduzent, vor Kurzem die Ausfuhr von Weizen gestoppt. 

Dabei drohen solche Maßnahmen die Krise noch zu befeuern, sagt Matin Qaim, Agrarökonom und Direktor des Zentrums für Entwicklungsforschung (ZEF) der Universität Bonn. Denn ohne Diplomatie geht es nicht: »Nur Handelsbeziehungen können dazu führen, dass fehlende Mengen in die Defizitregionen gelangen.«

Der Krieg hat eine globale Preiskrise verschärft, welche die Nahrungsmittel extrem verteuert hat. Besonders gut lässt sich das an den Börsenkursen von Weizen- und Maistermingeschäften ablesen.

Was diese Werte verbergen: Nicht alle Länder sind von den Preissteigerungen gleich stark betroffen. Es sind vor allem Länder des Globalen Südens, die besonders darunter leiden.

Einen ersten Hinweis darauf liefert ein Blick auf Nahrungsmittelinflationsdaten, die die Internationale Arbeiterorganisation veröffentlicht hat. Unter den zehn Ländern mit der höchsten Nahrungsmittelinflation, für die Daten aus Februar, März oder April vorliegen, sind sieben aus dem Globalen Süden.

In diesen Ländern waren die Preissteigerungen bei den Nahrungsmitteln schon seit Monaten hoch. Die Ursachen dafür sind vielfältig und auch in den Ländern selbst zu suchen. Doch der Ukrainekrieg und das dadurch entstandene Chaos auf den Nahrungsmittelmärkten tragen vor Ort nun zusätzlich zur ohnehin krassen Preisentwicklung bei. Es ist in etwa so, als würde man Benzin auf ein brennendes Haus schütten.

Viele Länder des Globalen Südens sind auf den weltweiten Handel mit Nahrungsmitteln angewiesen. Doch wenn die Preise wie derzeit explodieren, wird die Abhängigkeit zum Fluch. Drei strukturelle Faktoren zeigen die hohe Verletzlichkeit dieser Länder besonders deutlich:

In Anbetracht dieser strukturellen Defizite verwundert es nicht, dass sich die Welthungerhilfe-Berichte, die der SPIEGEL aus verschiedenen Weltregionen angefragt hat, ähneln. Der Ukrainekrieg ist eine massive Krise, die sich nahtlos an bereits existierende anschließt.

Es sei daher schwer zu sagen, ob nun die allgemeine Inflation oder der Krieg die Preise steigen ließe, sagt zum Beispiel Annalisa Lombardo, Landesdirektorin der Welthungerhilfe in Haiti. Ähnliches berichtet ihre Kollegin Regina Feindt aus Simbabwe: Das Ausmaß der hohen Inflation sei »auch hausgemacht«, schreibt sie und verweist auf innenpolitische Probleme.

»Die Mittelschicht und armen Menschen kaufen nur noch die notwendigsten Produkte zum Überleben«, heißt es aus Bangladesch. Nicht nur würden manche Leute manche Mahlzeiten ganz streichen, die Ernährung sei generell weniger vielfältig geworden.

Fehlende Strategien zur Ernährungssicherheit

Oft fehlen den Ländern die Kapazitäten und Strukturen, um auf die Krisen intern reagieren zu können. »Der Libanon hat sich nie eine Strategie zur Ernährungssicherheit überlegt. Es gibt keine Krisenvorsorge, keine ausreichenden Sozialsicherungssysteme«, sagt Lehmann.

Er fordert wie die Welthungerhilfe, die Selbstversorgung im Nahrungsmittelbereich im Globalen Süden zu erhöhen. Doch das braucht Zeit. In Haiti versucht Landesdirektorin Lombardo seit 15 Jahren, den Hunger zu lindern. Vor allem durch den Bau von Bewässerungsanlagen, um die örtliche Produktivität zu steigern.

Derzeit müssten sich jedoch noch immer 90 Prozent der haitianischen Bauern auf den Regen verlassen, sagt sie. »Wir brauchen andere, kurzfristige Antworten.«

Offenheit für neue Agrartechnologien wie Gentechnik

Dazu zählt sie stärkere finanzielle Unterstützung aus der Entwicklungszusammenarbeit. Auch Lehmann fordert, dass Geberländer ihre humanitäre Hilfe ausbauen und die gestiegenen Preise durch finanzielle Transfers an die Bevölkerung in den betroffenen Ländern abfedern.

Agrarökonom Qaim nimmt auch Deutschland in die Pflicht. Es sei wichtig, »dass wir die Grenzen offenhalten und andere Länder auffordern, das Gleiche zu tun«, sagt er mit Blick auf den wachsenden Nahrungsmittelprotektionismus. Zudem sei es wichtig, den Handel mit Nahrungs- und Düngemitteln offen zu halten.

Qaim fordert aber auch langfristige Anpassungen. »Wir müssen das Welternährungssystem überdenken.« Die Nahrungsmittelproduktion müsse »umwelt- und klimafreundlicher werden«. Gleichzeitig brauche es ein Wachstum der Produktion.

»Das kann nur gelingen, wenn wir auch offen für neue Agrartechnologien wie die Gentechnik sind. Zweitens müssen wir vielfältiger werden, auf dem Acker, auf dem Teller, und auf den Märkten. Drittens müssen wir im Konsum nachhaltiger werden, das heißt weniger Verschwendung und weniger Fleisch, denn Fleisch hat einen viel größeren Umwelt- und Klimafußabdruck als pflanzliche Lebensmittel.«

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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