Krieg in Osteuropa Raketen auf Dnipro, Feuerpause für Mariupol – das geschah in der Nacht

In der Großstadt Dnipro sind Eisenbahnanlagen beschossen worden. Zivilisten sollen das Asow-Stahlwerk in Mariupol bald verlassen. Und: Özdemir verurteilt Getreidediebstahl in der Ukraine. Der Überblick.
Asow-Stahlwerk in Mariupol (am 4. Mai)

Asow-Stahlwerk in Mariupol (am 4. Mai)

Foto: Alexei Alexandrov / AP

Was in den vergangenen Stunden geschah

Auf das Zentrum der ostukrainischen Großstadt Dnipro hat es Behördenangaben zufolge einen russischen Raketenangriff gegeben. Dabei sei die Eisenbahninfrastruktur getroffen worden, sagte Bahnchef Oleksandr Kamyschin am Mittwochabend. Von russischer Seite gab es bislang keine Bestätigung. Explosionen – teils durch die Flugabwehr – wurden auch aus den Gebieten Kiew, Odessa, Tscherkassy, Kirowohrad und Saporischschja gemeldet. Am Abend gab es im gesamten von der ukrainischen Regierung kontrollierten Gebiet für längere Zeit Luftalarm.

Die wiederholten russischen Raketenangriffe auf Eisenbahnanlagen in der Ukraine haben den Zugverkehr empfindlich gestört. Nach einem Überblick der staatlichen Bahngesellschaft Ukrsalisnyzja vom späten Mittwochabend waren etwa 20 Fernzüge mit Verspätungen von bis zu zwölf Stunden unterwegs.

»Russland versucht, unsere Logistik zu ruinieren, weil sie uns im Felde nicht besiegen können«, schrieb der Leiter des ukrainischen Präsidialamtes, Andrij Jermak, auf Telegram. Er bestätigte den Angriff auf ein Objekt der Eisenbahn mitten in der Stadt Dnipro.

Der Vizechef des russischen Präsidialamtes, Sergej Kirijenko, hat die fast vollständig eroberte ukrainische Hafenstadt Mariupol besucht. Das berichtete das Oberhaupt der Separatistenrepublik Donezk, Denis Puschilin, am Mittwoch auf Telegram. Der frühere russische Regierungschef Kirijenko organisiert im Kreml für Präsident Wladimir Putin die russische Innenpolitik. Den Angaben zufolge besuchte er in Mariupol das Iljitsch-Stahlwerk und den Hafen. Im anderen Stahlwerk Asow-Stahl leisten immer noch ukrainische Verteidiger Widerstand gegen russische Angriffe.

Das sagt Kiew

Das Ausreiseverbot für Männer im wehrfähigen Alter aus der Ukraine könnte nach Überlegungen der Kiewer Führung gelockert werden. »Es wird jetzt diskutiert, dass bestimmte Kategorien von Männern zumindest für kurze Zeit ins Ausland gehen dürfen«, sagte Präsidentenberater Oleksij Arestowytsch im ukrainischen Fernsehen. Dabei nannte er unter anderem Wissenschaftler oder Geschäftsleute.

Die dafür notwendige Gesetzesänderung werde allerdings Zeit brauchen, sagte Arestowytsch. Verboten ist die Ausreise derzeit für Männer zwischen 18 und 60 Jahren. Ausnahmen gelten für Familienväter, die drei oder mehr minderjährige Kinder zu versorgen haben.

Die Ukraine ist nach den Worten von Präsident Wolodymyr Selenskyj bereit, einen Waffenstillstand in Mariupol zu gewährleisten. Es sei eine längere Feuerpause zur Evakuierung der Menschen nötig. »Es wird einige Zeit dauern, die Menschen aus den Kellern und unterirdischen Bunkern zu befreien. Unter den derzeitigen Umständen können wir keine schweren Geräte einsetzen, um den Schutt wegzuräumen. Es muss alles von Hand gemacht werden«, sagt Selenskyj. Das russische Militär hatte zuvor humanitäre Korridore aus dem Asow-Stahlwerk in Mariupol zugesichert.

Das sagt Moskau

Die russischen Streitkräfte würden am Donnerstag, Freitag und Samstag jeweils von 8.00 bis 18.00 Uhr (7.00 bis 17.00 Uhr MESZ) Fluchtkorridore für Zivilisten aus dem Industriekomplex öffnen, kündigte das russische Verteidigungsministerium am Mittwoch an. In der Zeit würden »alle Feindseligkeiten einseitig« eingestellt. Die Zivilisten könnten nach Russland oder in die ukrainisch kontrollierten Gebiete reisen.

Russischer Soldat in Mariupol (im April)

Russischer Soldat in Mariupol (im April)

Foto: ALEXANDER NEMENOV / AFP

Mariupol ist nach wochenlanger russischer Belagerung und Angriffen weitgehend zerstört, das Stahlwerk ist der letzte Rückzugsort ukrainischer Soldaten in der strategisch wichtigen Hafenstadt. Nach ukrainischen Angaben sitzen noch zahlreiche Zivilisten sowie Hunderte verletzte Soldaten in ausgedehnten Tunnelanlagen auf dem Werksgelände fest.

Die russischen Streitkräfte in Kaliningrad haben nach Angaben aus Moskau inmitten der Offensive in der Ukraine Angriffe mit nuklearwaffenfähigen Raketen simuliert. Im Rahmen einer Übung hätten rund hundert Soldaten den »elektronischen Start« von mobilen ballistischen Raketensystemen mit Atomwaffen vom Typ Iskander simuliert, erklärte das Verteidigungsministerium am Mittwoch. Die Streitkräfte übten demnach Angriffe auf militärische Ziele eines imaginären Feinds sowie die Reaktion auf einen Gegenschlag.

Der russische Präsident Putin hat seit Beginn der Militäroperation in der Ukraine angedeutet, dass er bereit sei, Russlands taktische Atomwaffen einzusetzen. Ende Februar versetzte Russland seine Atomstreitkräfte in höhere Alarmbereitschaft. Der Kremlchef warnte zudem vor einer »blitzschnellen« Vergeltung, falls der Westen direkt in den Ukrainekonflikt eingreift.

Humanitäre Lage

Aus Mariupol und Umgebung sind nach Kiewer Regierungsangaben am Mittwoch 344 Menschen auf ukrainisch kontrolliertes Gebiet gerettet worden. Die Frauen, Kinder und älteren Leute seien sicher in der Stadt Saprorischschja angekommen, teilte Vizeregierungschefin Iryna Wereschtschuk am Abend mit. »Das ist ein weiterer kleiner Sieg für uns«, schrieb sie auf Telegram. Wereschtschuk dankte Mitarbeitern der Uno und des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz für ihre Unterstützung.

Nach einer aktuellen Auswertung des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (Bamf) sind seit Kriegsbeginn mehr als 600.000 Menschen aus der Ukraine nach Deutschland geflohen. Von Ende Februar bis Ende April sind bislang 610.103 Personen aus der Ukraine neu erfasst worden, berichtet die Funke Mediengruppe aus der Statistik des Bamf, die auf Daten des Ausländerzentralregisters (AZR) basiert. Demnach sind rund 69 Prozent Mädchen und Frauen und 31 Prozent Jungen und Männer.

Unter den Erwachsenen beträgt laut Bericht der Anteil der Frauen sogar gut 80 Prozent. Viele sind zudem noch Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren: insgesamt 241.769. Das entspricht fast 40 Prozent. Unklar ist allerdings, wie viele nach der Erfassung in Deutschland in ein anderes europäisches Land weitergereist sind oder trotz der Kampfhandlungen bereits wieder in ihre Heimat zurückgekehrt.

Internationale Reaktionen

Die USA haben einem Zeitungsbericht zufolge mit nachrichtendienstlichen Erkenntnissen die Ukraine bei gezielten Angriffen auf russische Generäle unterstützt. Die Regierung in Washington habe Einzelheiten über die erwarteten Truppenbewegungen sowie den Standort und Einzelheiten über Russlands mobile militärische Kommandoposten zur Verfügung gestellt, schreibt die »New York Times« . Die Ukraine habe die Informationen mit ihren eigenen kombiniert, um Angriffe durchzuführen, bei denen nach Angaben des Blattes etwa zwölf russische Offiziere getötet worden seien.

Der deutsche Landwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) hat den von Kiew beklagten Getreidediebstahl durch russische Truppen in der Ukraine scharf verurteilt. »Dass Putins Schergen gezielt ukrainisches Getreide stehlen, erinnert an dunkelste Zeiten«, sagte Özdemir den Zeitungen der Funke Mediengruppe. »Putins Rechnung ist so einfach wie grausam: Wer keine Kraft hat, wehrt sich nicht.«

Die Bundesregierung plant, sieben Panzerhaubitzen an die Ukraine zu liefern. Die Haubitzen befinden sich nach Angaben aus Regierungskreisen derzeit in der Instandsetzung und sollen bis Ende Juni intakt sein, berichtete die »Bild«. Unterdessen verzögert sich »Bild« zufolge der Ringtausch mit Slowenien. Die Slowenen sollten T-72-Kampfpanzer an Kiew liefern, dafür deutsche Marder-Schützenpanzer sowie Fuchs-Transportpanzer bekommen. Aber Sloweniens Regierung besteht offenbar auf der Lieferung modernerer Panzer.

Panzerhaubitze 2000 der Bundeswehr (Archivbild)

Panzerhaubitze 2000 der Bundeswehr (Archivbild)

Foto: Sven Eckelkamp / IMAGO

Die Bundeswehr hat auf dem Papier zwar rund hundert Waffensysteme vom Typ Panzerhaubitze 2000 – davon sind allerdings nur 40 einsatzfähig. Mit der Lieferung der sieben Haubitzen aus der Instandsetzung würde die Abgabe an die Ukraine die Lücke bei der Bundeswehr zumindest nicht vergrößern.

Was heute passiert

  • In Polen tritt eine internationale Geberkonferenz zusammen, um Geld für humanitäre Hilfe für die von Russland angegriffene Ukraine zu sammeln. Die von Polen und Schweden gemeinsam organisierte Veranstaltung soll um 12.00 Uhr in Warschau beginnen. Partner der Konferenz sind nach Angaben der Organisatoren die Präsidenten der Europäischen Kommission und des Europäischen Rates. Auch die Vereinten Nationen beteiligen sich.

jok/dpa/Reuters
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