Krieg in der Ukraine Soldaten befürchten Großangriff auf Stahlwerk, Selenskyj sieht Russen isoliert – das geschah in der Nacht

Hunderte Kämpfer harren in Mariupol aus – und warten auf den Sturm der Russen. Attacke auf Schule entsetzt die Nato. Und: klare Worte des ukrainischen Präsidenten. Der Überblick.
Qualm über Asow-Stahlwerk in Mariupol

Qualm über Asow-Stahlwerk in Mariupol

Foto: Alexander Ermochenko / REUTERS

Was in den vergangenen Stunden geschah

Vor der Militärparade in Moskau zum Jahrestag des Sieges über Nazideutschland haben sich die in Mariupol verschanzten ukrainischen Kämpfer auf einen russischen Sturmangriff eingestellt. Nach der Evakuierung Hunderter Zivilisten aus dem Asow-Stahlwerk befanden sich in dem Industriekomplex am Sonntag noch Hunderte ukrainische Soldaten. Im Osten der Ukraine verstärkte die russische Armee am Sonntag ihre Angriffe, an der Grenze zu Moldau war die Lage laut ukrainischem Generalstab »gespannt«.

Das Asow-Stahlwerk ist die letzte Bastion des ukrainischen Militärs im zerstörten Mariupol. Eine Kapitulation schlossen die eingeschlossenen Kämpfer in dem Industriekomplex am Sonntag aber erneut aus. »Aufgeben ist keine Option, weil unsere Leben Russland nicht interessieren«, erklärte Ilja Samojlenko, ein Offizier des Asow-Regiments.

Das sagt Kiew

Bei dem Bombenangriff auf die Dorfschule in der ostukrainischen Region Luhansk sind laut Ministerpräsident Wolodymyr Selenskyj etwa 60 Menschen getötet worden. Es handele sich um Zivilisten, die dort Unterschlupf gesucht hätten. Gouverneur Serhij Gaidai hatte schon am Nachmittag die Befürchtung geäußert, dass es 60 Tote gegeben haben könnte. In der Schule in Bilohoriwka hätten 90 Menschen Unterschlupf gesucht, hatte er erklärt. Nach dem Angriff sei dort ein Feuer ausgebrochen. Nach dem Löschen des Brandes habe man 30 Menschen aus den Trümmern retten können, sieben davon verletzt.

Zerstörte Schule in der Region Luhansk

Zerstörte Schule in der Region Luhansk

Foto: LUHANSK REGIONAL MILITARY-CIVIL ADMINISTRATION / via REUTERS

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat eine Befreiung der von russischen Truppen besetzten Hafenstadt Mariupol derzeit ausgeschlossen. »Die Ukraine hat nicht genügend schwere Waffen, um Mariupol auf militärischem Wege zu befreien«, sagte Selenskyj bei einer Pressekonferenz mit Kanadas Regierungschef Justin Trudeau, der am Sonntag in Kiew zu einem Solidaritätsbesuch angereist war. Immerhin sei es auf diplomatischem Wege gelungen, Zivilisten aus dem belagerten Stahlwerk herauszuholen, sagte Selenskyj. Für die verbliebenen ukrainischen Soldaten gestalte sich eine Evakuierung aber schwierig.

»Die russischen Soldaten, die russische Armee, die Armeeführung und die politische Führung der Russischen Föderation wollen unsere Soldaten nicht herauslassen«, sagte der ukrainische Staatschef. Kiew habe die Türkei, Israel, Frankreich, die Schweiz, die Vereinten Nationen und das Internationale Komitee vom Roten Kreuz um Vermittlung gebeten.

Zuletzt hatte auch der Vorsteher der größten ukrainisch-orthdoxen Kirche des Moskauer Patriarchats, Onufrij, den russischen Präsidenten Wladimir Putin gebeten, den ukrainischen Soldaten freien Abzug zu gewähren.

U2-Sänger Bono (l.) in Kiew

U2-Sänger Bono (l.) in Kiew

Foto: OLEG PETRASYUK / EPA

Selenskyj sieht eine große Symbolkraft in den Reisen internationaler Prominenz in sein Land zum Jahrestag des Weltkriegsendes in Europa. »Der heutige Tag in der Ukraine hat gezeigt, dass wir bereits ein vollwertiger Teil der freien Welt und eines vereinten Europas sind«, betonte Selenskyj in seiner täglichen Videoansprache am Sonntagabend. »Dies ist ein offensichtlicher Kontrast zu Moskaus Einsamkeit in Bösem und Hass, die morgen jeder sehen wird«, sagte er in Anspielung auf die Feierlichkeiten zum »Tag des Sieges« über Hitlerdeutschland in der russischen Hauptstadt am Montag.

Am Sonntag hatten unter anderen US-Präsidentengattin Jill Biden, Bundestagspräsidentin Bärbel Bas, der kanadische Regierungschef Justin Trudeau und die U2-Musiker Bono und The Edge die Ukraine besucht. Selenskyj sprach auch in einer Konferenzschalte mit den Regierungschefs der G7-Industrienationen.

Internationale Reaktionen

Die Nato hat Russlands Präsident Putin zum »Tag des Sieges« über Hitlerdeutschland aufgefordert, die Kampfhandlungen in der Ukraine umgehend einzustellen. »Ich rufe Präsident Putin zum 9. Mai noch einmal auf, den Krieg unverzüglich zu beenden, seine Truppen aus der Ukraine zurückzuziehen und Friedensverhandlungen aufzunehmen«, sagte Stoltenberg der »Welt«. »Wir stehen fest an der Seite der Ukraine und werden dem Land weiterhelfen, sein Recht auf Selbstverteidigung durchzusetzen.«

DER SPIEGEL

Uno-Generalsekretär António Guterres hat sich am Sonntag »entsetzt« über den von der Ukraine berichteten russischen Angriff auf eine Schule mit vielen Toten gezeigt. Guterres bekräftigte nach Angaben seines Sprechers Stephane Dujarric in einer in New York veröffentlichten Erklärung, dass »Zivilisten und zivile Infrastruktur in Kriegszeiten« nicht angegriffen werden dürften. Der Angriff sei »eine weitere Erinnerung daran, dass in diesem Krieg, wie in so vielen anderen Konflikten, die Zivilisten den höchsten Preis zahlen«.

Wirtschaftliche Konsequenzen

Großbritannien verhängt neue Sanktionen gegen Russland und Belarus, darunter Einfuhrzölle auf Edelmetalle und Exportverbote. »Dieses weitreichende Paket von Sanktionen wird der russischen Kriegsmaschinerie weiteren Schaden zufügen«, erklärte Handelsministerin Anne-Marie Trevelyan am Sonntagabend. Die Strafzölle unter anderem auf Platin und Palladium betreffen ein Handelsvolumen von insgesamt 1,4 Milliarden Pfund (1,6 Milliarden Euro). Die Exportverbote für Waren im Wert von 250 Millionen Pfund richten sich gegen die russische Industrie.

Mit dem neuen Sanktionspaket unterliegen nun Waren im Wert von insgesamt über vier Milliarden Pfund Einfuhr- und Ausfuhrsanktionen, die »Putins Kriegsanstrengungen erheblich schaden«, erklärte Finanzminister Rishi Sunak. Wie Trevelyan betonte, sei auch die jüngste Sanktionsrunde international abgestimmt.

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck sieht trotz der Sanktionen gegen russisches Öl eine Zukunft für die Raffinerie im ostdeutschen Schwedt. Mit Öl aus anderen Ländern und einem vollen staatlichen Zugriff auf die Raffinerie könne man Schwedt retten und mittelfristig sogar zu einem Leuchtturmprojekt für Wasserstoff machen, sagt Habeck der »Welt«. Man komme aber nicht weiter, solange sich aber der russische Ölkonzern Rosneft querstelle.

Die Raffinerie versorgt den Großraum Berlin und Brandenburg und Teile Polens und gehört mehrheitlich Rosneft. Dort wird russisches Öl über eine Pipeline angeliefert. Habeck reist am Montag nach Schwedt. Er will dort Gespräche mit der Geschäftsführung und der Belegschaft führen.

Was heute passiert

  • Große Militärparade in Moskau zum »Tag des Sieges« der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg: Der russische Präsident Putin nimmt auf dem Roten Platz die traditionelle Parade zum Sieg über Hitlerdeutschland ab. Angekündigt sind rund 11.000 Soldaten. Zudem rollen Panzer und Raketen durch das Zentrum der russischen Hauptstadt. Kampfflugzeuge sollen am Himmel den Buchstaben »Z« bilden – zur Unterstützung der »militärischen Spezialoperation« in der Ukraine, wie Putins Angriffskrieg in Russland offiziell genannt wird

  • Die Berliner Polizei begleitet mit einem Großaufgebot mehrere Veranstaltungen zum Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa. Einer der Einsatzschwerpunkte sei eine Demonstration unter dem Titel »Rotarmisten-Gedächtnis-Aufzug zum Gedenken an die gefallenen sowjetischen Soldaten während des Zweiten Weltkriegs«, sagte ein Polizeisprecher. Etwa 1300 Teilnehmende seien dort angemeldet.

  • Für seine erste Auslandsreise nach seiner zweiten Amtszeit reist Frankreichs wiedergewählter Präsident Emmanuel Macron nach Berlin. Er will mit Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) über den russischen Angriffskrieg in der Ukraine und die europäische Souveränität sprechen. Im Mittelpunkt sollen dabei die Themen Verteidigung und Energie stehen.

jok/Reuters/dpa