Collage: Eine Frau und ihr Hund suchen Schutz in einer U-Bahn-Station in Kiew (11. März) / Visualisierung von Luftalarm-Daten, Foto: AA / ddp/abaca press [M] DER SPIEGEL

Luftalarm-Daten im Ukrainekrieg Leben im Sirenenlärm

Die Menschen in der Ukraine leben in dauernder Angst vor russischen Luftangriffen, Sirenenlärm gehört zum Alltag. Die Auswertung von Luftalarm-Daten zeigt, wie häufig die Bevölkerung diesem Stress ausgesetzt ist.

So klingt für viele Menschen in der Ukraine seit Beginn der russischen Invasion der Alltag:

Sirenen warnen am 26. Februar vor russischen Luftangriffen in Kiew, Quelle: Reuters

Ukrainische Behörden haben früh versucht, die Zivilbevölkerung vor möglichen russischen Luftangriffen zu schützen. Die Stadtverwaltung in Kiew etwa veröffentlichte Pläne, mit Unterschlupfmöglichkeiten wie Unterführungen, Kellern oder Tiefgaragen, etwa 15.000 Menschen brachten sich Anfang März notdürftig in den U-Bahn-Stationen der Stadt in Sicherheit.

An zahlreichen Orten im Land, wo es noch Elektrizität und ein funktionierendes Handynetz gibt, wird die Bevölkerung seither zusätzlich mithilfe von Messengerdiensten wie Telegram oder über Twitter per Smartphone vor herannahenden russischen Flugzeugen und Raketen gewarnt. Der ständige Alarmzustand wirkt sich stark auf die Psyche der Menschen aus, auf ihren Schlaf und Lebensalltag. Es ist ein Leben in dauerhafter Angst.

Menschen suchen Schutz vor russischen Luftangriffen in einer U-Bahn-Station in Kiew (11. März 2022)

Menschen suchen Schutz vor russischen Luftangriffen in einer U-Bahn-Station in Kiew (11. März 2022)

Foto: AA / ddp/abaca press

Wie groß diese Einschnitte sind, zeigt die Auswertung von Luftalarm-Daten. In manchen Teilen des Landes, etwa im Westen, wo sich auch die Stadt Lwiw befindet, haben die Warnungen mittlerweile nachgelassen, doch es gibt sie noch immer:

In Kiew heulten die Sirenen oder warnten die Handys seit Beginn des Krieges teilweise stundenlang ohne Unterbrechung, Tag und Nacht:

Ende März verkündete die russische Regierung, die Angriffe im Norden der Ukraine auf die Städte Tschernihiw und Kiew »radikal« reduzieren zu wollen. Seither hat sich dort die Situation etwas entspannt. Die US-Regierung warnte jedoch auch nach dem Abzug russischer Truppen vor einer andauernden Bedrohung der Hauptstadt durch russische Luftangriffe. Trotzdem wagt Kiew eine vorsichtige Rückkehr zur Normalität.

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Verlagerung der Luftstreitkräfte nach Osten

Die Ursache für den Dauereinsatz der Sirenen liegt hinter der Landesgrenze in Belarus. Dort befinden sich die Militärbasen Baranawitschy, Luninez und Matschulischtschy, die Russland unter anderem nutzt, um Angriffe mit Hubschraubern und Kampfflugzeugen zu fliegen und Marschflugkörper abzufeuern.

Von hier aus wollte Putin wohl auch in Form eines Blitzkriegs die politische Führung in Kiew entmachten. Luftlandeeinheiten brachten nach anfangs schweren Kämpfen und Rückschlägen in einer riskanten Aktion den Flughafen in Hostomel  nördlich von Kiew unter ihre Kontrolle. Er sollte als Vorposten für den Sturm auf die Hauptstadt dienen. Russische Einheiten konnten den Flughafen mehr als einen Monat halten, bis sie schließlich Ende März, durch ukrainische Gegenoffensiven geschwächt, abziehen mussten und sich danach im Osten des Landes neu formierten.

Noch im März spielten die belarussischen Stützpunkte für Putins Luftstreitkräfte eine große Rolle, wie Daten von Open-Source-Analysten, welche die Aktivitäten auf belarussischen Boden dokumentieren, zeigen: Insgesamt verzeichneten die Analysten im März 769 russische Flugaktivitäten und 362 mögliche Raketenabschüsse in Richtung Ukraine.

Ende März, Anfang April dann, beginnend mit dem angekündigten Abzug russischer Bodentruppen, nahmen die Aktivitäten noch einmal zu. Das hat Militärexperten zufolge vermutlich mehrere Gründe: Einerseits versuchte Russland wohl durch Luftangriffe den Abzug seiner Truppen zu sichern. Gleichzeitig entlud die abrückende russische Armee noch einmal mit aller Brutalität ihren Frust an der Zivilbevölkerung und zerstörte zusätzlich wichtige Infrastruktur wie Treibstoffdepots, um die ukrainische Gegenoffensive zu schwächen.

Weitere Zunahme der Kampfhandlungen in der Ostukraine

Analysen von Truppenbewegungen zeigen laut Militärexperten, dass zusätzlich zu den Bodentruppen nach und nach auch zahlreiche russische Flugzeuge und Kampfhubschrauber Richtung Osten abgezogen wurden, um die Front dort zu verstärken.

Im Osten der Ukraine entzündet sich die nächste Phase des russischen Angriffskriegs. Luftlandeeinheiten die vormals in Hostomel kämpften, wurden bereits nahe der Millionenstadt Charkiw gesichtet.  Die Metropole nahe der russischen Grenze erlebt seit Kriegsbeginn intensive Luftangriffe. Entsprechend wird weiterhin unermüdlich Luftalarm ausgelöst.

Doch die Frühwarnsysteme bieten nur teilweise Schutz vor Angriffen aus der Luft. Vor Artillerie, welche die russische Armee zum flächendeckenden Beschuss zahlreicher ukrainischer Städte einsetzt, können sie nicht warnen. Immer häufiger tauchen Videos auf, die wohl den Einsatz von Streumunition durch Mehrfachraketenwerfer dokumentieren.

Russischer Raketenangriff, vermutlich mit Streumunition, in Charkiw, Veröffentlichungsdatum des Videos am 11. April, Quelle: Twitter / @ OSINTtechnical, Telegram / h_saltovka

Für die belagerte Großstadt Mariupol existieren keine Luftalarm-Daten. Die Stadt ist weitestgehend von der Außenwelt abgeschnitten, Elektrizität und Wasserversorgung sind gekappt. Die Lage der dortigen Bevölkerung verschlimmert sich von Tag zu Tag. Militärexperten rechnen damit, dass in Mariupol schon bald der letzte ukrainische Widerstand gebrochen sein wird. Im Rest des Landes ertönt währenddessen weiterhin regelmäßig das Geheul der Luftalarm-Sirenen.

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