Krieg in der Ukraine – die aktuelle Lage Mit Cherson fällt erste Großstadt an russische Armee, Mariupol ist umstellt

Russische Einheiten haben Cherson am Fluss Dnjepr eingenommen, aus der Hafenstadt Mariupol kommt ein verzweifelter Appell. Bundesaußenministerin Baerbock mahnt »gravierendste Verletzungen der Menschenrechte« an. Tag acht des Ukrainekrieges. Der Überblick.
Ein zerstörtes Auto, fotografiert durch ein Loch in einer Häuserwand in Mariupol

Ein zerstörtes Auto, fotografiert durch ein Loch in einer Häuserwand in Mariupol

Foto: Evgeniy Maloletka / AP

Am Vormittag meldete sich der Bürgermeister der ukrainischen Hafenstadt Mariupol zu Wort. »Wir werden zerstört«, heißt es in einem offiziellen Statement, das von der Stadtregierung veröffentlicht wurde. Eine Woche dauert Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine bereits. Obwohl sich ukrainische Einheiten und die Zivilbevölkerung dem Militär mutig entgegenstellen, rücken Russlands Truppen weiter vor.

Präsident Wolodymyr Selenskyj hat die Menschen in seinem Land aufs Durchhalten eingeschworen. »Wir haben nichts zu verlieren, außer unsere Freiheit«, sagte Selenskyj in einem am Vormittag auf Facebook veröffentlichten Video. Die ukrainische Armee werde den Angriffen der Russen weiterhin standhalten, so der Staatschef weiter – trotz der verstärkten Luftangriffe Moskaus seit Mitternacht. Wer glaube, die Ukrainerinnen und Ukrainer zeigten Angst oder gäben auf, »der weiß nichts über die Ukraine!«

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Militärische Lage

Die russische Armee hat die südukrainische Stadt Cherson eingenommen. Das bestätigten ukrainische Beamte Mittwochabend. Damit ist die erste Großstadt unter russische Kontrolle gefallen. Zuvor hatte die Regierung in Kiew russische Berichte über die Einnahme der umkämpften Hafenstadt noch zurückgewiesen. Nach Angaben des russischen Militärs war Cherson angeblich bereits seit Mittwochmorgen unter russischer Kontrolle.

Ukrainische Medien hatten zuvor von Kämpfen in der Stadt mit etwa 280.000 Einwohnern berichtet. Der Berater des Innenministeriums, Anton Heraschtschenko, sprach von zahlreichen toten Zivilisten, die Cherson unter anderem mit sogenannten Molotowcocktails verteidigt hätten. Nach örtlichen Berichten starben auch zahlreiche ukrainische Soldaten. Eine unabhängige Überprüfung der Angaben ist derzeit nicht möglich.

Die südukrainische Hafenstadt Mariupol ist nach Angaben von Bürgermeister Wadym Bojtschenko nach Luftangriffen ohne Wasser, Heizung und Strom. »Heute war der härteste aller sieben Kriegstage«, sagte Bojtschenko der Agentur Unian zufolge am Mittwoch. Die Energieversorgung der Stadt mit rund 440.000 Einwohnern sei beschädigt worden. »Morgen werden unsere Stadtwerke darangehen, die kritische Infrastruktur wiederherzustellen«, sagte er.

Ukrainische Behörden meldeten zudem, Mariupols Hafen sei vollständig von russischen Truppen umstellt.

Der Stadtrat von Mariupol wirft Russland »Genozid an der ukrainischen Bevölkerung« vor. Russland halte die Hafenstadt unter kontinuierlichem Beschuss und beschädige seit sieben Tagen vorsätzlich die zivile Infrastruktur. Kaputte Brücken und Gleise machten Evakuierungen und Lieferungen von Versorgungsgütern unmöglich. Die Wasser- und Energieversorgung werde behindert, ebenso wie die Möglichkeit zu heizen. Der Stadtrat fordert die Einrichtung humanitärer Korridore.

Die Ukraine fordert Russland zu einer Feuerpause in den Regionen Charkiw und Sumy auf, um Zivilisten in Sicherheit bringen zu können. In Korosten nördlich der Stadt Schytomyr starben nach Angaben der Verwaltung zwei Menschen bei einem Luftangriff auf einen großen Kontrollpunkt. Fünf Menschen wurden verletzt.

Situation der Zivilbevölkerung

Der Sprecher des Uno-Flüchtlingshilfswerks UNHCR in Deutschland, Chris Melzer, sieht in der großen Zahl von Flüchtlingen aus der Ukraine eine nie dagewesene Situation. Innerhalb einer Woche seit Kriegsbeginn seien mehr als eine Million Flüchtlinge registriert worden – »das haben wir so noch nicht gehabt nach 1945«, sagte Melzer bei einer Online-Pressekonferenz. Allein am Sonntag seien in Polen rund 100.000 Menschen eingetroffen.

Bei russischen Angriffen auf das Gebiet um die ostukrainische Millionenstadt Charkiw sind nach ukrainischen Angaben am Mittwoch und Donnerstag mindestens 34 Zivilisten getötet worden. 285 Menschen wurden zudem verletzt, darunter zehn Kinder, wie der regionale Zivilschutz mitteilte. Diese Angaben können nicht unabhängig überprüft werden. Es soll Raketen- und Luftangriffe auf Charkiw selbst sowie auf die Stadt Isjum und zwei Dörfer gegeben haben. Auf Amateurvideos, die in Charkiw aufgenommen worden sein sollen, sind schwere Verwüstungen zu sehen.

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Tag 7

Foto: Vadim Ghirda / AP

Laut dem ukrainischen Rettungsdienst sind seit Beginn des russischen Angriffs mehr als 2000 Zivilisten und Zivilistinnen getötet worden. Hunderte Gebäude seien zerstört worden, darunter Krankenhäuser, Kindergärten und Wohngebäude. »Jede Stunde verlieren Kinder, Frauen und Verteidigungskräfte ihr Leben«, heißt es in einer Erklärung. Unter den Toten seien zehn Rettungskräfte. Die Angaben lassen sich aktuell nicht überprüfen, die Uno sprach zuletzt von 142 Toten.

Reaktionen des Westens

Die US-Regierung beobachtet und dokumentiert nach eigenen Angaben genau, wie Russland im Ukrainekrieg gegen die Zivilbevölkerung vorgeht. »Wir haben in der Vergangenheit sicherlich gesehen, dass eine der Kriegsmethoden Russlands darin besteht, absolut brutal vorzugehen und zu versuchen, die Bürger eines Landes einzuschüchtern«, sagte US-Außenminister Antony Blinken am Mittwoch in Washington.

Die litauische Generalstaatsanwaltschaft sagte am Donnerstag, sie habe mit der Untersuchung mutmaßlicher Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen in der Ukraine nach der russischen Invasion begonnen. »Die Untersuchung wurde im Hinblick auf die militärische Aggression in der Ukraine eingeleitet«, hieß es in einer Erklärung. Die Untersuchung werde »militärische Angriffe auf Zivilisten, Ärzte, die Zerstörung von Häusern, Krankenhäusern, Bildungseinrichtungen und anderen zivilen Einrichtungen umfassen, die zum Tod von Erwachsenen und Kindern führen«, hieß es.

Bundesaußenministerin Annalena Baerbock hält Russland schwere Menschenrechtsverletzungen vor und fordert eine Untersuchung der Vorgänge in der Ukraine. »Russlands Invasion der Ukraine ist ein Angriff auf das ukrainische Volk: auf seine Freiheit und auf seine Grundrechte«, sagte die Grünenpolitikerin in einer Videobotschaft an die Sitzung des Uno-Menschenrechtsrats in Genf. »Es geht hier um nichts Geringeres als um gravierendste Verletzungen der Menschenrechte«, sagt Baerbock in ihrer auf Englisch gehaltenen Rede.

Ähnlich hatte sich die Außenministerin auch bei ihrer Rede vor der Uno-Vollversammlung in New York geäußert. Die Vollversammlung hatte mit deutlicher Mehrheit den Krieg in der Ukraine verurteilt und einen sofortigen Rückzug gefordert.

Das französische Außenministerium rät Franzosen in Russland unterdessen dringend zur Ausreise. Aufgerufen sind alle Franzosen, deren Anwesenheit in Russland nicht notwendig ist, heißt es auf der Website des Außenministeriums. »Im Kontext der russischen Invasion in die Ukraine und der internationalen Sanktionen ist erhöhte Wachsamkeit gefordert«, betont das Ministerium, das zugleich von Reisen nach Russland abrät.

Reaktionen in Russland

Angesichts von Warnungen vor einem Atomkrieg  hat Russland dem Westen Panikmache vorgeworfen. »Alle wissen, dass ein dritter Weltkrieg nur ein nuklearer sein kann«, sagte der russische Außenminister Sergej Lawrow. Diese Frage stelle sich aber nur in den Köpfen westlicher Politiker und nicht in denen der Russen.

»Ich versichere Ihnen, dass wir keine Provokationen zulassen werden, die uns das Gleichgewicht verlieren lassen«, sagte Lawrow in einem vom Staatsfernsehen übertragenen Gespräch mit russischen und internationalen Medien. »Aber wenn (der Westen) anfängt, einen echten Krieg gegen uns zu entfesseln, sollten diejenigen, die solche Pläne aushecken, darüber nachdenken, und sie denken meiner Ansicht darüber nach.«

Lawrow behauptete, dass sein Land nach der militärischen »Spezial-Operation« kein Besatzungsregime in der ukrainischen Hauptstadt Kiew plane. Das ukrainische Volk solle selbst darüber entscheiden, wie es künftig leben wolle, sagte Lawrow. Die größte Minderheit in der Ukraine sind Russen. Darüber hinaus gibt es beispielsweise auch eine ungarische, bulgarische und rumänische Minderheit. Es gilt allerdings unter Fachleuten als sicher, dass Russland ein kremltreues Regime in dem Land installieren würde, sollte es die demokratisch gewählte ukrainische Regierung gewaltsam beseitigen.

Russland rechnet nach eigenen Angaben mit dem Beginn weiterer Gespräche mit der Ukraine noch an diesem Donnerstagnachmittag. »Ich denke, dass die Verhandlungen um 15 Uhr beginnen«, sagte der Leiter der russischen Delegation, Wladimir Medinski, der Agentur Interfax zufolge. »Die Verhandlungen werden stattfinden, wir sind in Kontakt mit der ukrainischen Seite.« Beide Seiten wollen sich im Westen von Belarus treffen.

Auch der Kreml in Moskau bestätigte die Verhandlungsbereitschaft Russlands. Derzeit – während russische Einheiten weiter ukrainische Städte beschießen – scheint indes ausgeschlossen, dass beide Seiten einen Kompromiss finden können.

muk/dpa/Reuters/AFP