Krieg in der Ukraine – die aktuelle Lage Russland bombardiert wichtige Städte – Raketen töten weitere Zivilisten

Am achten Kriegstag sind ukrainischen Angaben zufolge Dutzende Zivilisten getötet worden. Weitere Konzerne ziehen sich aus Russland zurück. Und: Ein Oligarch kritisiert Kremlchef Putin. Der Überblick.
Ausschnitt aus Video der ukrainischen Rettung: Zerstörung in Tschernihiw

Ausschnitt aus Video der ukrainischen Rettung: Zerstörung in Tschernihiw

Foto: HANDOUT / AFP

Russlands Offensive in der Ukraine geht weiter – und damit auch die Raketeneinschläge auf zivile Gebäude. Bei einem Luftangriff in der nordukrainischen Stadt Tschernihiw sind laut Angaben des ukrainischen Rettungsdienstes mindestens 22 Zivilisten getötet worden. Trotz der Angriffe gingen die Verhandlungen zwischen Russland und der Ukraine in eine zweite Runde, während weitere Konzerne – darunter VW – sich vom russischen Markt abwenden.

DER SPIEGEL

Militärische Lage

Nachdem die russische Armee am Mittwoch die südukrainische Stadt Cherson eingenommen hatte, gingen heute die Kämpfe in einer anderen Hafenstadt am Asowschen Meer weiter – Mariupol. Die Stadt mit rund 500.000 Einwohnern wurde am Donnerstag vollständig umzingelt. Der Berater im ukrainischen Innenministerium Anton Heraschtschenko zog einen drastischen Vergleich: »Die Besatzer wollen die Stadt in ein belagertes Leningrad verwandeln«, sagte er. Dabei bezieht er sich auf die Belagerung des heutigen Sankt Petersburg – in der Sowjetunion noch Leningrad genannt. Während der mehrjährigen Blockade der Stadt durch Nazi-Deutschland im Zweiten Weltkrieg waren rund eine Million Menschen gestorben.

Auch der Bürgermeister von Mariupol, Wadym Bojtschenko, berichtete am Morgen von dramatischen Zuständen in der Stadt. Russische Truppen »behindern die Versorgung und Rückgewinnung von Strom, Wasser und Wärme«, teilte er auf dem Telegram-Kanal des Stadtrats mit. Zudem werde die Lebensmittelversorgung behindert, unter anderem durch die Beschädigung der Bahninfrastruktur.

»Wir tun unser Bestes, um die kritische Infrastruktur der Stadt so schnell wie möglich wiederherzustellen«, schrieb Bojtschenko weiter. »Gleichzeitig bleibt Mariupol unter Beschuss«, hieß es. »Frauen, Kinder und ältere Menschen leiden. Wir werden als Nation zerstört«, schrieb er. »Diese Heuchler« – so bezeichnete er die russischen Truppen – seien gekommen, »um die russischsprachigen Bürger von Mariupol und der Region zu ›retten‹«, stattdessen betrieben sie aber »die Vernichtung« von Menschen »russischer, ukrainischer, griechischer und anderer Herkunft«, heißt es in der Mitteilung.

Auch im Norden des Landes gab es heftige Kämpfe. Nach Raketeneinschlägen in Tschernihiw suchen die Rettungsdienste nach weiteren Opfern, heißt es laut eigenen Angaben. Russische Streitkräfte hätten Wohngebiete, darunter Schulen und ein Hochhaus, beschossen, teilte der Notdienst mit. Zuvor hatte der Gouverneur Wjatscheslaw Tschaus im Messengerdienst Telegram von neun Toten berichtet. Es seien zwei Schulen sowie Wohngebiete von dem Luftangriff betroffen gewesen, schrieb er. Die Rettungskräfte veröffentlichten Bilder, auf denen Rauch zu sehen ist, der aus zerstörten Wohnungen aufsteigt.

Auch in der zweitgrößten Stadt der Ukraine, Charkiw, gingen die Raketenangriffe weiter. Laut ukrainischen Angaben starben am Mittwoch und Donnerstag mindestens 34 Zivilisten. Außerdem wurden 285 Menschen verletzt, darunter zehn Kinder, wie der regionale Zivilschutz mitteilte. Diese Angaben können nicht unabhängig überprüft werden.

In der Nähe der südukrainischen Metropole Saporischschja wird ukrainischen Angaben zufolge derzeit um das leistungsstärkste Kernkraftwerk Europas gekämpft. Dieses befindet sich in der Gemeinde Enerhodar. Dem dortigen Bürgermeister zufolge haben russische Truppen auf einen von Zivilisten errichteten Kontrollposten geschossen, schrieb Dmytro Orlow im Nachrichtendienst Telegram. Russland dementiert vehement, gezielt Zivilisten anzugreifen. Am Vortag hatten Hunderte Menschen an dem Checkpoint den russischen Truppen den Vormarsch verweigert. Nach Gesprächen zogen sich die Russen zu Beratungen zurück.

Kernkraftwerk in Enerhodar, nahe Saporischschja

Kernkraftwerk in Enerhodar, nahe Saporischschja

Foto: Dmytro Smolyenko; / imago images / Ukrinform

Ein schwerer militärischer Zwischenfall dürfte sich außerdem im Schwarzen Meer ereignet haben. Unweit von Odessa ist ein estnisches Frachtschiff gesunken. Laut Angaben des Schiffsversicherers sei es von der russischen Marine als Schutzschild benutzt worden. Hier finden Sie die ganze Meldung zu dem Vorfall.

USA: Bereits 90 Prozent der versammelten russischen Kräfte im Einsatz

Einer Einschätzung der USA zufolge sind bislang 90 Prozent der zuvor an der Grenze zur Ukraine versammelten russischen Truppen bereits in das Land vorgerückt. Das sagte ein hochrangiger US-Verteidigungsbeamter in Washington. Die Tatsache, dass jeden Tag mehr Kräfte nachrückten, sei aber keinesfalls so zu deuten, »dass ihre Kampfkraft innerhalb der Ukraine so weit geschwächt ist, dass sie das Gefühl haben, dass ihnen der Saft ausgeht«. Russland stünden weiter immense militärische Ressourcen zur Verfügung.

Die nachrückenden Truppen seien keine Reserven, betonte er. »Das ist die Kampfkraft, die sie zur Durchführung dieses Plans zusammengestellt hatten.« Es gebe bislang auch weiterhin keine Anzeichen dafür, dass Moskau darüber hinaus weitere militärische Ressourcen Richtung Ukraine schicke.

Seit dem Start der Attacke auf die Ukraine habe Russland bislang insgesamt mehr als 480 Raketen abgefeuert, sagte der amerikanische Verteidigungsbeamte weiter. Mehr als 230 davon seien innerhalb der Ukraine abgefeuert worden, mehr als 160 aus Russland, mehr als 70 aus dem angrenzenden Belarus und weniger als zehn vom Schwarzen Meer aus.

Verstärkung für die russischen Streitkräfte soll laut Angaben des ukrainischen Militärs nun aus Belarus kommen: Eigenen Angaben zufolge gehen die Militärs in Kiew davon aus, dass belarussische Truppen bereits den Befehl zur Überquerung der Grenze erhalten haben. Präsident Alexander Lukaschenko hatte zuletzt erklärt, eine Beteiligung belarussischer Streitkräfte an der Invasion der Ukraine sei ausgeschlossen.

Situation der Zivilbevölkerung

Während die Kämpfe weitergehen, flüchten immer mehr Menschen Richtung Westen. In Polen sind laut dem Grenzschutz seit Beginn des Ukrainekrieges mehr als 604.000 Geflüchtete angekommen. Allein am Donnerstag hätten bis zum Nachmittag 56.400 Menschen die Grenze überquert, teilten die polnischen Grenzschützer mit. Die Mehrheit der Geflüchteten seien ukrainische Staatsbürger, es seien aber auch Menschen aus Usbekistan, Belarus, Indien, Nigeria, Marokko und Afghanistan abgefertigt worden.

Hilfe für die Menschen in der Ukraine – hier können Sie spenden

Angesichts der Massenflucht haben sich die Staaten der EU darauf verständigt, Geflüchteten aus der Ukraine Zuflucht zu gewähren. Dies teilte Innenkommissarin Ylva Johansson nach Beratungen der EU-Innenminister in Brüssel mit. Auf Twitter schrieb die schwedische Politikerin: »Die EU steht geeint, um Leben zu retten.« Demnach erhalten ukrainische Staatsbürger, die vor dem Krieg in ihrem Heimatland fliehen, in der EU unbürokratisch und schnell eine Aufenthaltsgenehmigung, ohne dabei etwa ein Asylverfahren durchlaufen zu müssen. Johansson sagte, diese Regelung gelte nicht für Angehörige von Drittstaaten. Diese Personen würden nach ihrer Ankunft auf EU-Gebiet in ihre Heimatländer gebracht.

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Tag 7

Foto: Vadim Ghirda / AP

Reaktionen im Westen

90 Minuten lang sollen der französische Präsident Emmanuel Macron und Wladimir Putin telefoniert haben – diesmal auf Initiative des russischen Präsidenten. Trotz der Länge des Gesprächs, die auf bessere Nachrichten hoffen ließ, herrschte danach große Ernüchterung in Paris. »Wir müssen in den nächsten Tagen mit dem Schlimmsten rechnen«, hieß es aus dem Umfeld des französischen Präsidenten.

Putins Aggression auf die Ukraine und sein diplomatisches Verhalten ernüchtern aber nicht nur den Westen, sondern auch Staaten des ehemaligen Ostblocks – und treibt sie politisch Richtung Westen. Georgien und die Republik Moldau haben heute offiziell eine Aufnahme in die EU beantragt. Hier können Sie die ganze Meldung lesen.

Reaktionen der Wirtschaft

Wie bereits in den vergangenen Tagen haben erneut mehrere westliche Konzerne ihren Rückzug aus Russland oder eine Einstellung der dortigen Produktion angekündigt.

  • Der Volkswagen-Konzern teilte mit, »bis auf Weiteres« die Produktion von Fahrzeugen in Russland einzustellen. Das betreffe die russischen Produktionsstandorte Kaluga und Nischni Nowgorod. Zudem werde »mit sofortiger Wirkung« der Fahrzeugexport nach Russland gestoppt. Damit ziehe der Konzern die Konsequenzen aus der derzeit unsicheren Gesamtsituation.

  • Die Möbelhauskette Ikea kündigte an, ihre Tätigkeiten in Russland und Belarus einzustellen. Betroffen sind rund 15.000 Mitarbeiter.

  • Der spanische Modehersteller Mango schloss bis auf Weiters seine Filialen in Russland und stoppte den Onlineverkauf.

Reaktionen in Russland

In Russland mehren sich einflussreiche Stimmen, die zum Ende des Krieges in der Ukraine aufrufen. Mit Lukoil hat sich das erste große russische Unternehmen öffentlich gegen den Krieg positioniert. Man fordere ein schnelles Ende des bewaffneten Konflikts, heißt es in einer auf der Website des Unternehmens veröffentlichten Mitteilung, wie die Nachrichtenagenturen AFP und Reuters übereinstimmend berichten. Lesen Sie hier die ganze Meldung.

Auch der kremlnahe und vom Westen mit Sanktionen belegte russische Oligarch Oleg Deripaska hat zu einem Ende des Krieges in der Ukraine aufgerufen. »Frieden ist sehr wichtig!«, schrieb der Multimilliardär in seinem Nachrichtenkanal auf Telegram.

Zudem kommen aus Moskau weitere Drohungen. Der Leiter des russischen Auslandsgeheimdienstes sagte der Nachrichtenagentur Reuters zufolge, es könne kein neuer Kalter Krieg mit dem Westen entstehen, denn die Situation sei jetzt schon »heiß«.

Ausblick

Kiew und Moskau haben eine zweite Verhandlungsrunde beendet. Die beiden Staaten meldeten anschließend eine Einigung bezüglich der Errichtung humanitärer Korridore. Konkrete Schritte zu einer Beendigung des Krieges wurden bisher nicht signalisiert. Bald solle es dennoch eine dritte Verhandlungsrunde geben.

Alle News des Tages zum russischen Angriffskrieg auf die Ukraine finden Sie hier.

col/dpa/Reuters/AFP