22. Kriegstag in der Ukraine Türkei forciert Gespräche, G7 und EU klagen Russland an

Russlands Militär setzt trotz hoher Verluste Bombardements und Belagerungen fort. Der türkische Präsident telefoniert mit Putin. Selenskyj nutzt Bundestagsrede zu Anklage und Appell. Die Entwicklungen des Tages im Überblick.
Frau vor einem von Beschuss getroffenem Haus in Mariupol

Frau vor einem von Beschuss getroffenem Haus in Mariupol

Foto: Alexander Ermochenko / REUTERS

Am 22. Tag des Kriegs Russlands gegen die Ukraine setzen sich das Sterben und die Zerstörung fort. Die russische Offensive gerät offenbar zunehmend ins Stocken, gleichzeitig leiden Ukrainerinnen und Ukrainer in belagerten und bombardierten Städten. Eine Verhandlungslösung scheint nach wie vor in weiter Ferne, auch wenn der türkische Präsident seinen russischen und seinen ukrainischen Amtskollegen zu Gesprächen eingeladen hat.

Die Entwicklungen im Überblick.

Militärische Lage

Die russischen Streitkräfte kommen bei ihrem Vormarsch im Gebiet weiterhin kaum voran, berichtete der britische Militärgeheimdienst am Morgen. Die russischen Truppen erlitten demnach schwere Verluste, der ukrainische Widerstand bleibe gut koordiniert. Die USA schätzen, dass bereits mehr als 7000 russische Soldaten getötet wurden, dazu kommen nach westlichen Schätzungen 14.000 bis 21.000 russische Verwundete.

Insgesamt blieb die militärische Lage im Laufe des Tages unverändert. Dem ukrainischen Generalstab zufolge haben sich die russischen Streitkräfte im Luhansker Gebiet im westlichen und nordwestlichen Teil der Stadt Rubischne festgesetzt. Westlich und nördlich der Separatistenhochburg Donezk würden ukrainische Positionen angegriffen.

Russische Truppen hätten sich im nordwestlichen Teil des Gebietes Cherson an der Grenze zur Region Dnipropetrowsk festgesetzt, hieß es. Damit wären sie nur rund 30 Kilometer von der Großstadt Krywyj Rih entfernt. Mehrere Großstädte wie Mariupol im Südosten und Tschernihiw im Nordosten werden belagert.

In der Nähe von Charkiw sind Behördenangaben zufolge bei Angriffen in der Stadt Merefa 21 Menschen getötet und 25 weitere verletzt worden. In Kiew wurden durch Trümmer abgefangener russischer Raketen Menschen getötet und verletzt sowie ein 16-stöckiges Wohnhaus getroffen. Ukrainische Streitkräfte haben laut dem Präsidentenberater Olexij Arestowytsch einen Kommandostand der russischen 35. Armee zerstört. Russlands Militär meldet, ein 300 Kilometer westlich von Kiew gelegenes Raketen- und Munitionsdepot der ukrainischen Armee getroffen zu haben. Diese Angaben lassen sich nicht überprüfen.

Humanitäre Lage

Insbesondere die Belagerung großer Städte führen zu einer katastrophalen Situation. In Mariupol und Tschernihiw sind zahlreiche Menschen ohne Heizung, Strom und fließendes Wasser. Ukrainische Behörden wollen die Flucht aus diesen und weiteren Gebieten über insgesamt neun Korridore ermöglichen, über die verhandelt werde. Die EU wertet die Belagerung und Bombardierung Mariupols als »ernsthaften und schwerwiegenden Verstoß gegen das humanitäre Völkerrecht«, die G7 fordern Russland auf, sofort humanitäre Hilfe zu ermöglichen. Von den vormals 400.000 Einwohnern harren laut Stadtrat immer noch 350.000 in der Stadt aus, etwa 80 Prozent der Wohnungen sollen zerstört sein.

Aus Mariupol kommen aber auch gute Nachrichten. Der Luftschutzkeller unter dem am Vortag bombardierten Theater hat standgehalten, bis zum Nachmittag konnten laut ukrainischen Angeben rund 130 Menschen daraus gerettet werden. Zum Zeitpunkt des Angriffs sollen mehrere Hundert Menschen im Theater Schutz gesucht haben, laut ukrainischen Behörden sogar mehr als tausend.

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch wirft Russland Kriegsverbrechen vor, darunter den Einsatz von Streumunition. Das Rote Kreuz mahnt die Einhaltung der Genfer Konvention an, etwa den Schutz der zivilen Bevölkerung und Infrastruktur. Das Uno-Hochkommissariat für Menschenrechte hat seit dem Einmarsch russischer Truppen den Tod von 780 Zivilisten und 1252 zivile Verletzte in der Ukraine dokumentiert, weist aber darauf hin, dass die tatsächlichen Zahlen mit Sicherheit deutlich höher liegen.

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Tag 22: Bilder aus der Ukraine

Foto: Fadel Senna / AFP

Verhandlungen

Die Türkei schaltet sich zunehmend diplomatisch ein. Präsident Recep Tayyip Erdoğan hat mit Wladimir Putin gesprochen und ihn zu einem Treffen mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj in die Türkei eingeladen. Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu traf den ukrainischen Amtskollegen Dmytro Kuleba in Lwiw, am Vortag war er beim russischen Außenminister Sergej Lawrow. Kuleba soll den Wunsch geäußert haben, dass die Türkei eine der Garantiemächte für ein mögliches Friedensabkommen mit Russland wird. Russland sei damit ebenfalls einverstanden, sagte Çavuşoğlu.

Unterdessen beteuert Russland, die Verhandlungen mit der Ukraine ernsthaft und energisch zu führen. »Unsere Delegation unternimmt kolossale Bemühungen«, sagte Kremlsprecher Dmitrij Peskow, dementierte aber Berichte, beide Seiten seien bei einem vorläufigen 15-Punkte-Friedensplan weit vorangekommen. Frankreichs Außenminister wirft Russland dagegen vor, nur zum Schein mit der Ukraine zu verhandeln, in Wirklichkeit aber weiter die Waffen sprechen lassen zu wollen.

Selenskyis Anklage und Appell

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat sich in einer Rede an den Deutschen Bundestag gewandt. Eindringlich beschrieb er die Folgen des Kriegs in seinem Land, die Bombardements, die Zerstörungen. Tausende Ukrainer seien bisher gefallen, darunter auch Kinder. »Die Besatzer haben bereits 108 Kinder getötet, mitten in Europa, mitten im 21. Jahrhundert«, sagte Selnskyj, und: »In Europa wird ein Volk vernichtet.«

Die deutsche Politik kritisierte der Präsident deutlich. Es sei zu spät gehandelt worden, Sanktionen seien zu zögerlich beschlossen worden, viele Konzerne hätten zu lange gute Verbindungen zu Russland aufrechterhalten, zu lange sei an der Ostseepipeline Nord Stream 2 festgehalten worden. Mitten in Europa stehe wieder eine Mauer, zwischen Freiheit und Unfreiheit, und Deutschland habe daran mitgewirkt, diese zu errichten. »Herr Scholz, zerstören Sie diese Mauer. Geben Sie Deutschland die Führungsrolle, die es verdient«, sagte Selenskyj an den Bundeskanzler gerichtet. Deutschland müsse seine Hilfe verstärken: »Helfen Sie uns, diesen Krieg zu stoppen.«

Das sollten Sie lesen

  • Wird der Konflikt über die Ukraine hinaus eskalieren? »Das ist bereits geschehen«: Der frühere US-Sicherheitsberater H.R. McMaster fordert den Westen auf, die Waffenlieferungen an die Ukraine drastisch auszuweiten – und nennt vier Ziele im Umgang mit den »revisionistischen Diktaturen« in Moskau und Peking.

  • Wie der Bundestag der historischen und mitreißenden Rede des ukrainischen Präsidenten eine würdelose Sitzung folgen ließ: Geburtstagswünsche, Streit über die Geschäftsordnung, Impfpflichtdebatte.

  • Boris Nemzow war der bekannteste Oppositionspolitiker in Putins Russland, bevor er 2015 auf einer Brücke nahe dem Kreml ermordet wurde. Seine Tochter Schanna Nemzowa spricht im Interview über den Krieg in der Ukraine, Fehler des Westens und die Menschen in Russland.

fdi/Reuters/dpa/AFP
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