Kriegsreporter in Zeiten von Corona Aus Bagdad entkommen

Christoph Reuter, Nahost-Reporter des SPIEGEL, ist mit heiklen Situationen vertraut. In der Coronakrise aber hat die Gefahr plötzlich die Seiten gewechselt. Ist nun der Irak gefährlich - oder Deutschland?
Soldat in Bagdad: Perfekter Sturm.

Soldat in Bagdad: Perfekter Sturm.

Foto: Khalil Dawood/ dpa

Dass es eilig werden würde, war klar. Aber dass ich nach drei Tagen im Irak mit der vorletzten Maschine aus Bagdad entkommen würde, statt wie geplant zwei Wochen durch den Irak und Afghanistan zu reisen - damit hatte ich nicht gerechnet.

Meine Reisen als Nahostreporter sind oft unberechenbar, manchmal riskant, in den Irak und nach Jemen, Syrien, Libyen. Doch diesmal hat die Gefahr die Seiten gewechselt. Und obwohl ich als Krisenreporter heikle Situationen gewöhnt bin, habe ich unterschätzt, wie blitzartig die Welt binnen Tagen eine andere werden sollte.

Auf einmal war die einstige Qaida-Hochburg Falludscha der sicherste Ort im Irak

Auf einmal war die einstige Qaida-Hochburg Falludscha der sicherste Ort im Irak, weil hier kaum Auswärtige hinkommen. Und das sonst so stabile Netz internationaler Flugverbindungen dünnt sich blitzartig aus.

Meine Reise beginnt am Donnerstagmittag vor einer Woche. Noch läuft am Hamburger Flughafen alles normal. Es scheint noch machbar, jenen Dramen nachzugehen, die in der Vor-Corona-Epoche die Welt in Atem hielten.

Seit die USA Anfang Januar den iranischen General Qassem Soleimani  in Bagdad töteten, bekämpfen sich US-Truppen und iranisch befehligte Milizen umso heftiger. Seit Wochen ermorden Killerkommandos in Bagdad und anderen Städten ungehindert Journalisten, Anwälte, Unternehmer – wer immer gegen Teherans Statthalter das Wort erhebt.

In Afghanistan haben Washington und die Taliban nach mehr als 18 Jahren Krieg zu einer Einigung gefunden, die mit hoher Wahrscheinlichkeit die Taliban zurück an die Macht in Kabul bringen wird.

Das waren Gründe genug für einen letzten kurzen Besuch in beiden Ländern, bevor es voraussichtlich monatelang nicht mehr möglich sein würde. 

Alarmstimmung am Flughafen

Bagdad ist am Freitagmorgen in Alarmstimmung – und das nicht wegen eines Virus. An mehreren Stellen des riesigen Flughafenareals sind die "Anti-Terror-Kräfte" in Stellung gegangen, von den USA aufgebaute Elitetruppen.

Am Vortag hatten Raketen im schwersten Angriff seit Jahren zwei US-Militärangehörige und einen britischen Soldaten getötet, in der Nacht haben die Amerikaner Vergeltungsangriffe auf Waffendepots einer Miliz und am Flughafen Kerbela geflogen.

"Corona?" Ein junger Mann aus der geschrumpften Zahl der Demonstranten am zentralen Tahrir-Platz, wo Zehntausende seit Oktober gegen Korruption und Irans Einflussnahme protestiert haben, lacht bitter. "Wir haben hier ein schlimmeres Virus: die Mächtigen, die ungestraft morden und das Land plündern." Wobei auch er einen Mundschutz trägt und viele andere Gasmasken dabeihaben – allerdings gegen das oft in Salven verschossene Tränengas.

Christoph Reuter, Jahrgang 1968, ist Reporter im Ressort Ausland des SPIEGEL. Er berichtet seit Jahrzehnten aus den Krisenregionen der islamischen Welt - seit 2011 vor allem aus und über Syrien. Er ist studierter Islamwissenschaftler und spricht fließend Arabisch. Neben zahlreichen preisgekrönten Reportagen veröffentlichte er 2015 das Buch "Die schwarze Macht" über das Innenleben des "Islamischen Staates". Zuvor erschienen: "Mein Leben ist eine Waffe" (2002) über Selbstmordattentäter und, gemeinsam mit Susanne Fischer, "Café Bagdad" (2004) über den Alltag im umkämpften Irak.

Es ist nicht genug damit, dass der Irak seit dem Rücktritt von Premier Adil Abd Al-Mahdi seit Monaten ohne handlungsfähige Regierung ist. Nun setzt auch noch der Ölpreisverfall der Wirtschaft zu. Ein anderes nennenswertes Exportgut als Öl produziert der Irak nicht. Bald dürften die Gehälter halbiert werden oder ganz ausbleiben für die Mehrheit der irakischen Erwerbstätigen, die beim Staat angestellt sind.

"Perfect storm" nennen Amerikaner jene Lage, wenn mehrere Unwetterlagen einander potenzieren zur Katastrophe. Davor steht der Irak dieser Tage.

Und nun kommt auch noch das Coronavirus. Die Welle hat Bagdad noch nicht erreicht. Aber im benachbarten Iran, das mit dem Irak eng verflochten ist, sind schon Tausende Menschen gestorben.

Alle Artikel zum Coronavirus

Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Die irakischen Behörden haben Schulen, Universitäten, Malls und Restaurants schließen lassen. Jeder weiß, dass die Stadt, das Land einem Anstieg der Krankenzahlen nicht gewachsen sind. "Wir haben kaum Test-Sets", resümiert ein Arzt des renommierten Kindi-Krankenhauses, "also wissen wir nicht, wie viele Menschen schon infiziert sind."

Im Trakt für Privatpatienten, wo jedes Bett unter einem Vorhangzelt steht, läuft ein Pfleger mit einer Räucherpfanne durch den Raum, in der Samen der Steppenraute vor sich hin kokeln. Ihr bitterer Geruch solle das Böse fernhalten.

Corona-Patienten werden schon am Eingang abgehalten. Sie sollen sich zum Furat-Krankenhaus begeben, das als zentrales Quarantäne-Hospital ausgewiesen wurde. Als einziges für eine Stadt mit mehreren Millionen Einwohnern.

Am Freitagabend lässt der Regen nach. Doch immer rascher schließt sich der Himmel: Royal Jordania stellt seine Flüge aus Bagdad ein, Emirates fliegt schon nicht mehr, nur Qatar Airways will seinen Service zumindest am Montag noch aufrecht erhalten. Aber nun erzählen immer mehr Informanten aus den irakischen Ministerien, dass der Flughafen bald geschlossen werde.

Der SPIEGEL-Mitarbeiter aus Afghanistan meldet sich. Die letzte verbliebene Verbindung ins Land führe über Dubai. Doch die Botschaft der Vereinigten Arabischen Emirate mache seit Tagen Druck. Wenn die afghanischen Behörden nicht endlich ihre Corona-Kontrollen am Flughafen verschärften, würden die Flüge eingestellt. "Falls du nicht die nächsten Monate in Afghanistan verbringen möchtest", hebt der Mitarbeiter an, pausiert, sagt schließlich: "Vielleicht kommst du besser nicht."

Es wird zu riskant. Ich bekomme den vorletzten Flug mit Qatar Airways Montagfrüh von Bagdad zurück nach Berlin. Katar kündigt an, den Flughafen Doha teilweise zu schließen. Immerhin, Transitreisende sollen noch passieren dürfen.

Überall, in Bagdad, Tel Aviv, Beirut stellen sich Korrespondenten derzeit dieselbe Frage: Bleiben oder gehen?

Überall, in Bagdad, Tel Aviv, Beirut stellen sich Korrespondenten derzeit dieselbe Frage: Bleiben oder gehen? Ein Fotograf in Beirut hat seine französische Freundin noch zum Flughafen gebracht, bleibt selbst aber zurück, weil er seinen Hund nicht im Stich lassen möchte.

Es geht auf der Welt nur noch von einer Unsicherheitszone in die nächste. Die Unterschiede liegen in der Qualität medizinischer Versorgung.

Ich hatte lange geplant, von Bagdad aus nach Falludscha zu fahren: jene einstige Hochburg von al-Qaida, wo ein Jahr nach Washingtons vermeintlichem Sieg 2003 der Krieg gegen die Besatzer entbrannte, wo schon im Januar 2014 der "Islamische Staat" die Macht übernahm und bis 2016 behielt. Noch 2019 war es als ausländischer Journalist schwierig, durch die rigiden Kontrollposten an der Provinzgrenze zu Bagdad zu kommen. Nun sei es leichter, hieß es ab Februar. 

Auf verquere Weise haben der prekäre Ruf und die lange Abriegelung die Stadt jetzt zu einem der sichersten Orte im Land gemacht. Kaum ein Auswärtiger kommt hierher. Die jahrelang militärisch gesicherten Provinzgrenzen lassen sich rasch wieder sperren, Kontrollposten gibt es ohnehin noch überall.

Am berüchtigten Sukur-Checkpoint, wo man früher stundenlang warten musste, stehen am Sonntagmorgen nicht nur Bewaffnete: sondern auch vier Männer in weißen Schutzanzügen mit Masken, Handschuhen, die jedem Reisenden ein Fiebermessgerät an die Stirn halten. Unzulänglich, gewiss – aber mehr Vorsicht als zuvor an den Flughäfen Hamburg, Wien und Bagdad.

"Deutschland. Gefährlich dort, nicht?" 

Doch kaum sitzen wir im Vorzimmer des Bürgermeisters, fragt dessen Büroleiter: "Wie, Sie sind noch durchgekommen? Die ganze Provinz geht gerade in Quarantäne." Die vereinbarten Termine schnurren zusammen, der Rückweg nach Bagdad wird ein Slalom zwischen mehrspurig verkeilten Lastwagen vor dem Checkpoint.

Dienstagmorgen werde der Flughafen in Bagdad komplett geschlossen, verkünden die Abendnachrichten. Der Flug am kommenden Vormittag ist die vorletzte Chance, den Irak noch zu verlassen. 

Auf der morgendlichen Fahrt zum Flughafen ist die Stadt leer. Der Fahrer fragt nach dem Ziel der Reise. Berlin. "Ah, Sie sind Deutscher?" Normalerweise ginge ein solches Gespräch im Nahen Osten nun weiter mit BMW, Bayern München und dem entfernten Cousin, der auch irgendwo in "Almanja" wohne.

Doch diesmal schnalzt der Fahrer nur kurz und rückt ein wenig ab. "Deutschland, hmhm. Viele Corona-Fälle, habe ich gehört. Gefährlich dort, nicht?" 

Die Frage, die zwischen uns im Raum steht, lautet: Wer sollte vor wem Angst haben? Wir verabschieden uns nickend.

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