Coronakrise in Kuba Milch gegen Dollar

Kuba hat das Coronavirus medizinisch im Griff. Jetzt kämpft die Insel um das wirtschaftliche Überleben - auch, weil US-Präsident Trump die Sanktionen weiter verschärft hat.
Von Jens Glüsing, Rio de Janeiro
Mann mit Mundschutz in Havanna: Dem Virus akribisch nachgespürt

Mann mit Mundschutz in Havanna: Dem Virus akribisch nachgespürt

Foto: Ramon Espinosa/ dpa

Schlangestehen ist in Kuba nicht ungewöhnlich. Doch die Menschenaufläufe, die sich seit einigen Tagen vor Devisenläden in Havanna bilden, sind neu: Die Wartenden harren geduldig in der Tropensonne aus, um mit Dollars oder Euros einkaufen zu können.

Bislang konnten die Kubaner Waren, die nicht rationiert und subventioniert sind, nur in CUC bezahlen, einer konvertiblen Währung, die nur auf der Insel zirkuliert. Jetzt hat die Regierung die Bezahlung mit Dollars und anderen Devisen freigegeben, auch der gewohnte Aufschlag von zehn Prozent auf Dollar-Transaktionen entfällt. Ob Milch, Rindfleisch, Klimaanlagen oder Fernseher - was seit Wochen kaum zu bekommen war, steht plötzlich für harte Währung zum Verkauf.

Mit der Liberalisierung will die Regierung die dramatischen Folgen der Coronakrise abmildern. Denn das Virus hat Kuba dank seines für lateinamerikanische Verhältnisse vorbildlichen Gesundheitssystems zwar unter Kontrolle – nicht aber die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie.

"Bei der Eindämmung des Virus hat Kuba einen hervorragenden Job gemacht"

Der größte Teil der Insel ist inzwischen praktisch Corona-frei, die Maskenpflicht ist aufgehoben, Restaurants und Geschäfte sind geöffnet. 13 Neuerkrankungen meldete das Gesundheitsministerium für vergangenen Mittwoch auf der Elf-Millionen-Insel.

"Die kubanische Regierung hat bei der Eindämmung des Virus einen hervorragenden Job gemacht", sagt Gunther Neubert, Delegierter der Deutschen Wirtschaft in Havanna. "Sie hat früh eine Maskenpflicht eingeführt, den öffentlichen Nahverkehr eingestellt und sämtliche öffentlichen Veranstaltungen abgesagt. Vor allem haben sie die Infektionsketten akribisch nachverfolgt."

Zehntausende Medizinstudenten sind in den vergangenen Monaten ausgeschwärmt, um möglichst jeden Corona-Infizierten aufzuspüren. Ein landesweiter Lockdown wurde nie verhängt und war offenbar auch nicht nötig.

Mit Maske: Kuba hat die Corona-Pandemie medizinisch gut im Griff

Mit Maske: Kuba hat die Corona-Pandemie medizinisch gut im Griff

Foto: Ramon Espinosa/ dpa

Nur Havanna und einige kleinere Bezirke befinden sich noch in der "Phase 1" der Lockerungen. In der Hauptstadt muss man weiterhin eine Schutzmaske tragen, das Distanzhalten ist Pflicht, in den Restaurants wurden die Anzahl der Plätze reduziert und strenge Hygienevorschriften erlassen. "Man sieht niemanden, der ohne Maske unterwegs ist", sagt Neubert.

Der Erfolg bei der Corona-Bekämpfung hat jedoch eine Kehrseite: Die ohnehin siechende Inselwirtschaft wurde gänzlich abgewürgt. Dramatisch ist vor allem der Einkommensverlust beim Tourismus, dem zweitwichtigsten Devisenbringer.

Seit März kommen keine ausländischen Touristen mehr auf die Insel. Alle Hotels mussten schließen, ebenso Hunderte Privatunterkünfte. Mangels Kundschaft haben auch viele Paladares zugemacht, wie die privaten Restaurants heißen.  

Zugleich liefert das krisengeschüttelte Venezuela weniger Öl zu Vorzugspreisen; auch die Einnahmen aus der Entsendung von Ärzten und medizinischem Personal, dem wichtigsten Posten in der Außenhandelsbilanz, sind zurückgegangen.

Die Einsätze kubanischer Ärzte gegen Corona in Italien und anderen Ländern wiegen den Verlust der Einnahmen nicht auf, der Havanna durch das Ende des Ärzteprogramms in Brasilien entstanden ist, wo bis zum Amtsantritt des rechtsextremen Präsidenten Jair Bolsonaro vor eineinhalb Jahren Zehntausende kubanische Ärzte im Einsatz waren. Jetzt fehlen dringend benötigte Devisen für den Import von Lebensmitteln – 70 Prozent werden eingeführt.

Hilfe aus Havanna: Als Italien mit dem Coronavirus kämpfte, schickte Kuba Ärzte

Hilfe aus Havanna: Als Italien mit dem Coronavirus kämpfte, schickte Kuba Ärzte

Foto: Ismael Francisco/ dpa

Experten fürchteten anfangs, dass die Regierung in der Coronakrise die wirtschaftlichen Entscheidungen noch stärker zentralisieren würde. Doch das Gegenteil ist eingetreten: Die Coronakrise beschleunigt die wirtschaftliche Öffnung.

"Wir können wirtschaftlich nicht so weitermachen wie vorher, denn so werden wir nicht die nötigen Ergebnisse erreichen", bekannte Präsident Miguel Díaz-Canel vor zehn Tagen in einer Fernsehsendung. Er verkündete eine Reihe von Reformen, die der Privatwirtschaft neue Impulse verleihen sollen:

  • Die Regierung will den Privatsektor ausweiten und eine eigene, unabhängige Rechtsform für kleine und mittlere Unternehmen einführen.

  • Der Im- und Export soll erleichtert werden. Kleine und mittlere Unternehmen sollen Geschäfte mit Staatsfirmen sowie mit ausländischen Unternehmen machen dürfen.

  • Private Großmärkte sollen die Privatunternehmer mit allem Notwendigen beliefern.

"Priorität der Regierung ist es, die Landwirtschaft zu stärken und die eigene Produktion von Nahrungsmitteln anzukurbeln", sagt Neubert. "Das geht nur, wenn es in diesem Bereich Reformen gibt".

Trump hat die Sanktionen in der Pandemie weiter verschärft

Mehl, Eier, Nudeln und andere Grundnahrungsmittel waren in den vergangenen Wochen nicht einmal für konvertible CUC zu bekommen. "Milch gab es vier Monate lang nicht", sagt Gunther Neubert. Jetzt ist sie gegen harte Währung in den Devisenläden zu bekommen. Gleichzeitig wächst der Druck auf eine umfassende Währungsreform.

Seit Jahren wird über eine Zusammenführung von Peso und CUC spekuliert. "Die meisten Reformen sind nicht neu", sagt Neubert. "Es kommt nun darauf an, wie sie umgesetzt werden".

Selbst wenn die Regierung mit der Öffnung Ernst macht, ist der Erfolg nicht sicher. Kubas Volkswirtschaft ist auf ausländische Hilfe angewiesen. Die Bereitschaft europäischer Unternehmen, auf der Insel zu investieren, ist allerdings gering.

Die USA drohen, auch Firmen aus Drittländern abzustrafen, die auf Kuba investieren. US-Präsident Donald Trump hat das Embargo während der Coronakrise weiter verschärft - so will er einen Regimewechsel erzwingen.

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