Kilometerlange Staus, hohe Lautstärke, mehr als 20 Millionen Menschen – Lagos ist eine Stadt am Rande des Wahnsinns

Kilometerlange Staus, hohe Lautstärke, mehr als 20 Millionen Menschen – Lagos ist eine Stadt am Rande des Wahnsinns

Foto: Adeyinka Yusuf / Anadolu / Getty Images

Lagos in Nigeria Eine Woche in der chaotischsten Stadt der Welt

Lagos könnte die größte Metropole weltweit werden. Die nigerianische Megacity ist ein gewaltiges Experiment – unreguliert und wild, mit endlosen Staus, Armenvierteln auf dem Wasser und einer beeindruckend zähen Bevölkerung.
Globale Gesellschaft

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Ab und zu rutschen die Kinder durch die riesigen Ritzen zwischen den Holzbohlen oder fallen über den Rand. Dann verschwinden sie im Meer. »Gestern erst habe ich mit dem Kopf im Meeresboden festgesteckt«, sagt ein dreijähriges Mädchen und lacht dabei laut. Aliate Ajagun, ihre Mutter, lacht mit: »Ich bücke mich dann und ziehe sie einfach wieder nach oben.«

Nichts ist hier außergewöhnlich daran, dass Kleinkinder im Meer verschwinden und wieder auftauchen. Überhaupt finden die Lagosians, die Einwohner von Lagos, ziemlich wenig außergewöhnlich.

Das Leben von Aliate Ajagun und ihrer fünf Kinder spielt sich auf einer Art Plattform ab, etwa drei mal fünf Meter groß. Gebaut auf Stelzen in der Lagune von Lagos, gemäß einiger Statistiken der größten Stadt Afrikas. Der Boden ist aus Brettern gezimmert. Eine Szene wie aus Waterworld, dem Hollywoodfilm. Die Lücken zwischen den Brettern geben den Blick frei auf das Meerwasser unter ihnen, eine trübe, gräuliche Suppe.

Und sie geben den Blick frei auf das, was in großer Zahl in dieser Suppe treibt: menschliche Fäkalien. Die Toilette auf der Plattform ist ein Loch im Boden, die Notdurft plumpst direkt ins Wasser. Dazwischen baden Kinder. Außergewöhnlich finden sie das nicht.

Ajagun liebt das Leben auf dem Meer. »Ich habe jeden Tag Seeblick, was will man mehr«, sagt sie. Ihr Mann arbeitet als Fischer, wie fast alle hier in Makoko. So heißt der Slum, gebaut auf dem Wasser. Europäer bezeichnen es gern als Elendsviertel, für die Bewohner Makokos ist es ihre Art zu leben.

Lagos lässt sich nicht aus der Perspektive eines Europäers begreifen. Die Stadt widerspricht so ziemlich jedem westlichen stadtplanerischen Ideal. Aber sie ist nicht unbedingt dysfunktional, sie funktioniert nur anders. Man kann sich das Leben hier vorstellen wie eine Batterie. Das organische Chaos kann den Akku schnell entleeren. Für viele Lagosians ist das Gegenteil der Fall: Sie laden sich auf am Experiment Lagos.

Auf viele Beobachter wirkt Lagos extrem chaotisch. Doch aus diesem Chaos erwächst viel Kreativität

Auf viele Beobachter wirkt Lagos extrem chaotisch. Doch aus diesem Chaos erwächst viel Kreativität

Foto: Akintunde Akinleye / DER SPIEGEL

Viele in Makoko sind aus anderen westafrikanischen Ländern zugewandert, dort schon als Fischer aufgewachsen. Die Aussicht auf ein besseres Einkommen brachte sie in die Megacity Lagos. Hier leben sie ihre maritime Kultur in einem Umfeld, das urbaner nicht sein könnte.

Über Makoko thront eine mehrspurige Brücke, die sich auf mächtigen Betonstelen über die Lagune spannt. Sie verbindet das Festland mit den Inseln, auf denen sich das Geschäftsleben von Lagos konzentriert. Am Horizont Wolkenkratzer. Sie werden immer mehr. In der gesamten Metropolregion Lagos wohnen nach verschiedenen Angaben bereits 21 bis 24 Millionen Menschen, im engeren Großraum mehr als 14 Millionen. Und täglich wächst die Megacity um 3.000 Menschen. Experten rechnen damit, dass es bis zum Ende des Jahrhunderts die größte Stadt der Welt sein wird.

Lagos ist laut, alles hier hat ein Geräusch. Das Hupen der endlosen Staus, die unbarmherzige, stets leicht überdrehte Musik aus den Lautsprechern der Geschäfte. Oder die fliegenden Händler, die Dienstleistungen anbieten: Der wandernde Schneider, der mit Scheren klappert. Die Verkäufer, die für bestimmte Produkte einen bestimmten Rhythmus trommeln, während sie durch die Straßen ziehen.

Es gibt viele Codes, die man erst lernen muss und die Teil der DNA dieser Stadt sind. Es ist schwül-heiß, auch nachts gehen die Temperaturen kaum runter. Lagos ist eine Stadt, in der Reiche ihren Reichtum nicht verstecken und Arme ihre Armut nicht verstecken können. Nur eines verbindet sie alle: das Wasser.

»Wir haben Musik über Wasser, wir leben an, auf und mit dem Wasser, Wasser ist Lagos’ zentrales Element«, sagt Stadtplanerin Taibat Lawanson. Es geht um eine Stadt, die das Wasser liebt und bekämpft. Deren Untergang das Wasser sein könnte. Um eine Megacity, deren Einwohnerinnen und Einwohner sich praktisch selbst regieren. Wie tickt diese irre Metropole?

Die Megacity liegt in einer riesigen Lagune, hinten das Geschäftsviertel Victoria Island

Die Megacity liegt in einer riesigen Lagune, hinten das Geschäftsviertel Victoria Island

Foto: Akintunde Aklnleye / DER SPIEGEL

Aliate Ajaguns Hütte hat zwar Seeblick, erste Reihe, aber sonst nicht viel Komfort. Sie schläft mit ihrem Mann auf einer kleinen Matratze auf dem Boden, die Kinder auf Bastmatten daneben. Wollen sie ihre hölzerne Plattform verlassen, nehmen sie ein kleines Holzboot und navigieren durch das endlose Gewirr aus kleinen Wasserstraßen, auf denen ein Gemisch aus Plastikmüll und undefinierbarer Grütze treibt.

Mancherorts ist diese treibende Müllschicht so dicht, dass Hühner darauf laufen. Sie nennen es trotzdem das »Venedig Afrikas«. Strom, fließend Wasser oder einen Fernseher gibt es nicht. Dafür Geschichten vom Meer, vom Fischen, von hohen Wellen. Und von nahenden Baggern.

Es ist die Urangst der Bewohner von Makoko, hier wegzumüssen. Aus dem vermeintlichen Elendsviertel. Platz machen zu müssen für ein weiteres Luxusprojekt, für schicke Häuser, für die die Lagune aufgeschüttet werden soll.

Die größte Angst von Aliate Ajagun (links) ist es, aus Makoko wegzumüssen

Die größte Angst von Aliate Ajagun (links) ist es, aus Makoko wegzumüssen

Foto: Akintunde Akinleye / DER SPIEGEL

»Diese Stadt hat keinen Platz für die Armen, nur für die Reichen«, schimpft Ajagun. Tatsächlich arbeitet die Lokalregierung regelmäßig an Plänen, die Bewohner von Makoko umzusiedeln. »Aber was sollen wir in einem Apartment auf dem Land, damit können wir gar nichts anfangen«, sagt die Bewohnerin. Fast jede Familie lebt hier vom Fischfang. Mitten in der Stadt.

»Makoko ist typisch für Lagos«, sagt Stadtplanerin Lawanson. »In der Abwesenheit von effektiver Steuerung schaffen sich die Bewohnerinnen und Bewohner selbst Lösungen.« Auch für die Folgen des Klimawandels. Die Lokalregierung geht bis 2090 von einem Anstieg des Meeresspiegels um bis zu 2,40 Meter aus. Sie spielt mit dem Gedanken, künftig Pumpen einzusetzen, um das Wasser wieder loszuwerden. Bislang wurde recht viel geredet und recht wenig umgesetzt.

Quelle: Climate Central

Dabei stehen nach immer heftigeren Regenfällen bereits jetzt die niedrig gelegenen Stadtgebiete regelmäßig unter Wasser. Teile der Küsten- und Lagunenstadt, die mit all ihren Ausläufern zehnmal so groß ist wie München, drohen schlichtweg unterzugehen.

Wenn es stark geregnet hat, stehen Teile von Lagos regelmäßig unter Wasser

»Wenn das Wasser hier steigt, bauen wir die Stelzen einfach höher«, sagt Makoko-Bewohnerin Ajagun. Das Verschwinden des Wassers macht ihnen mehr Angst als dessen Anwachsen.

Der Regierung träumt indes lieber von einem »Dubai light«, einer Finanz- und Wirtschaftsmetropole mit funkelnden Neubauten. Plant Megaprojekte wie Eko Atlantic, eines der größten Infrastrukturprojekte des Kontinents. Mehr als 500.000 Menschen sollen hier wohnen oder arbeiten.

Das Land dafür hat man dem Meer abgerungen, Sand vom Grund des Ozeans ausgebaggert. Eine Handvoll Hochhäuser steht schon. Die Tiefgaragen sind voller Range Rover, Mercedes SUVs und Porsches. Vor dem Aufzug ein schwer bewaffneter Sicherheitsmann. Im Hof ein Swimmingpool, »olympic size«.

Ein Pool für die Reichen der Stadt. Wer auf Eko Island wohnen will, muss bis zu 6000 US-Dollar Monatsmiete berappen

Ein Pool für die Reichen der Stadt. Wer auf Eko Island wohnen will, muss bis zu 6000 US-Dollar Monatsmiete berappen

Foto: Akintunde Akinleye / DER SPIEGEL

Wo heute die großen Autos in die Gated Community einfahren, war früher der letzte öffentliche Strand der Stadt, der Bar Beach. Auf den Straßenschildern ist er noch ausgewiesen, dabei ist das Strandleben längst verschwunden. Auch das ein Symbol für das neue Lagos – in dem kein Platz vorgesehen ist für Menschen, die an einen Strand gehen möchten, ohne dafür zahlen zu müssen.

»Der Strand war längst weggewaschen, als wir hier angefangen haben zu bauen«, rechtfertigt sich David Adeleke. Er ist Sprecher des Großprojekts und hat die Aufgabe, Journalisten herumzufahren – sowie Kritik am Projekt zu parieren. Und davon gibt es genug.

Eko Island, laut Verantwortlichen eines der größten Infrastrukturprojekte des Kontinents

Eko Island, laut Verantwortlichen eines der größten Infrastrukturprojekte des Kontinents

Foto: Akintunde Akinleye / DER SPIEGEL

Stein des Anstoßes, oder vielmehr: Steine des Anstoßes sind unter anderem die Betonklötze der »Great Wall of Lagos«. 100.000 Stück, jeder fünf Tonnen schwer, ineinander verhakt und aufgetürmt als Schutzwall vor den Fluten des Atlantiks. Die Wellen brechen imposant an ihnen, Gischt schleudert mehrere Meter in die Höhe.

»Damit schützen wir nicht nur Eko Atlantic, sondern auch das Geschäftsviertel Victoria Island vor dem steigenden Meeresspiegel«, schwärmt David Adeleke. Denn die Erosion frisst sich seit einigen Jahren in diesem Teil Westafrikas immer tiefer ins Land vor, spült ganze Küstenabschnitte weg. Das Luxusprojekt ist jetzt geschützt.

100.000 Betonsteine, jeder fünf Tonnen schwer: Die »Great Wall of Lagos«

100.000 Betonsteine, jeder fünf Tonnen schwer: Die »Great Wall of Lagos«

Foto: Akintunde Akinleye / DER SPIEGEL

Ein paar Kilometer strandabwärts sieht die Lage anders aus. Auch der Alpha Beach ist in Lagos berüchtigt, früher vor allem für nächtliche Orgien. Ein weiterer Teil der unregulierten, wilden Megacity. Aber weder von den Orgien noch vom Strand ist viel übrig. Erstere wollten die Ordnungshüter loswerden, zweiteren hat sich das Wasser geholt.

»Wir mussten dreimal in den vergangenen Jahren umziehen«, erzählt Afolabi Animashaun. Sein Vater und er betreiben eine Strandbar am Alpha Beach, einem gebührenpflichtigen Badestrand im Osten der Stadt, der immerhin halbwegs erschwinglich ist. Doch so langsam geht ihnen die Geduld aus. Dreimal habe das Wasser ihre Existenz bereits weggespült, 2009, 2010 und 2020. Immer wieder haben sie danach neu aufgebaut, stets ein paar Meter weiter hinten. Die Uferstraße ist längst im Wasser verschwunden, vom Sandstrand immer weniger übrig.

Am Alpha Beach versinken die Häuser, das Wasser kämpft sich immer weiter vor

Am Alpha Beach versinken die Häuser, das Wasser kämpft sich immer weiter vor

Foto: Akintunde Akinleye / DER SPIEGEL

Experten befürchten, dass der Schutzwall für die Reichen die Meeresströmungen in Gegenden wie den Alpha Beach verlagert haben könnte. In Richtung derer, die nicht 6000 US-Dollar Monatsmiete zahlen können. Lagos kann da erbarmungslos sein. Der Sprecher von Eko Atlantic kontert, dass die Erosion schon immer dagewesen sei.

Immerhin hat die Regierung inzwischen auch hier Steinwälle aufgehäuft, keine Great Wall, im Vergleich dazu eher Mäuerchen. Man sei sich der Gefahr bewusst, teilt der verantwortliche Umweltkommissar von Lagos mit, und wolle den Schutz weiter ausbauen. »Das kam für uns zu spät«, kritisiert Barbesitzer Animashaun.

Barbesitzer Animashaun musste nach eigenen Angaben in den vergangenen Jahren drei Mal umziehen

Barbesitzer Animashaun musste nach eigenen Angaben in den vergangenen Jahren drei Mal umziehen

Foto: Akintunde Akinleye / DER SPIEGEL

Eko Atlantic ist auch unter Stadtplanern umstritten. »Die Lokalregierung sucht immer nach europäischen, westlichen Lösungen«, kritisiert Deji Akin. Er hat die Initiative »Rethinking Cities Africa« ins Leben gerufen, die Ideen für lebenswertere Städte entwickeln will. »Wir sollten stattdessen die Stärken, die Widerstandsfähigkeit nutzen, die Orte wie Makoko hervorgebracht haben. Wir brauchen keine Steine und Zement, wir sollten innovative Graswurzel-Strukturen erhalten und verbessern.« Von Makoko lernen also.

Das will auch Oluwadamilola Emmanuel. Er zieht seine Schwimmweste an und steigt auf ein weißes Boot, kurz darauf brummen die beiden Außenbordmotoren, hinterlassen eine schaumige Spur auf dem Wasser. Die Fahrt geht entlang der Glasfassaden von Victoria Island, vorbei an Jachten und Helikopterlandeplätzen für die Superreichen.

Er ist Herr über Fährnetzwerk von Lagos: Oluwadamilola Emmanuel

Er ist Herr über Fährnetzwerk von Lagos: Oluwadamilola Emmanuel

Foto: Akintunde Akinleye / DER SPIEGEL

»Das Wasser ist das beste Fortbewegungsmittel in einer Stadt, die in einer Lagune liegt«, sagt Emmanuel. Er ist der oberste Manager von Lagos Waterways, der Fährbehörde der Stadt. Eine Passagierin erzählt, dass sie mit dem Auto drei Stunden zur Arbeit benötigt – pro Strecke. Mit der Fähre sind es 30 Minuten.

Der Verkehr ist in Lagos nicht einfach nur Verkehr. Er ist eine Ikone der Stadt, die manche Statistiken als die Welthauptstadt des Staus ausweisen. Er entschleunigt das Leben der Menschen. Mehr als ein bis zwei Termine pro Tag sind hier nicht zu schaffen.

Einzelne Studien gehen davon aus, dass die durchschnittliche Pendlerin und der durchschnittliche Pendler sogar bis zu 30 Stunden pro Woche im Stau verbringt. Den Großteil einer Arbeitswoche. Fünf Millionen Autos sind auf Lagos’ Straßen täglich unterwegs, darin etwa acht Millionen Fahrgäste. Es ist ein kontinuierliches Hupkonzert, am Straßenrand Faustkämpfe, jeder Zentimeter Straße muss erkämpft werden. Ein Auto-Armageddon.

Statistisch gesehen kommt man in Lagos im Durchschnitt mit 17 km/h voran. In München sind es 44. Männliche Autofahrer haben meist eine leere Plastikflasche dabei, für den Notfall. Nach der Benutzung, besser gesagt Befüllung, fliegt sie nicht selten aus dem Fenster.

Emmanuel spricht von großen Plänen, um die Stadt vom Stau zu befreien. Von bis zu 40 Anlegestellen, die geschaffen werden könnten. Von Dutzenden weiteren Schiffen, die das Verkehrschaos lösen sollen.

Stau, so weit das Auge reicht: Wer in Lagos unterwegs ist, muss viel Zeit mitbringen


Doch bevor das Fährsystem ausgebaut werden kann, muss die Stadt ein anderes Problem lösen: »Wir bieten derzeit Schwimmkurse an den Schulen an«, erzählt der Manager. »Denn das Hauptproblem ist, dass viele Leute Angst vor dem Wasser haben.«

Die Angst ist verständlich: Immer wieder kam es in der Vergangenheit zu tragischen Unfällen, viele Boote der zahlreichen privaten Anbieter sind nach deutschen Kriterien nicht fahrtüchtig. Mittlerweile muss jeder Passagier eine Schwimmweste anziehen, das soll Vertrauen schaffen.

Hinzu kommen jedoch die hohen Fährpreise, die für zahlreiche Lagosians nicht bezahlbar sind. Und die lokale Regierung verdient lieber Geld an Dienstleistungen, als sie zu bezuschussen. Derzeit verzeichnet die Fährbehörde zwei Millionen Fahrgäste pro Monat – nicht einmal ein Hundertstel des Straßenverkehrs. Oder, wie man in Lagos sagt: viel Potenzial.

Alles in Lagos ist irgendwie ein Business, überall

Alles in Lagos ist irgendwie ein Business, überall

Foto: Akintunde Akinleye / DER SPIEGEL

Lagos ist eine urkapitalistische Stadt, selbst Ruhe muss erkauft werden – auf abgeriegelten Luxusinseln, auf denen sogar ein bisschen Grün wächst. Auch und gerade Wasser ist eine Ware. »Unsere Wasserversorgung wird nicht als öffentliches Gut betrieben, sondern eher wie eine Privatfirma«, sagt Stadtplanerin Taibat Lawanson. Seit der Kolonialzeit wurde das Wassersystem kaum ausgebaut.

Zwei Milliarden Liter Wasser, so schätzen Experten, werden in Lagos täglich benötigt. 795 Millionen Liter stellen die Wasserwerke bereit. Es ist eine Ironie, die so typisch ist für diese Stadt: Sie ist umgeben von Wasser, doch nichts fehlt so sehr wie Wasser. Also tun die Lagosians das, was sie immer tun: Sie helfen sich selbst. Und verdienen Geld dabei.

Oluwafemi Alowonle betreibt eine Wasserstelle. Nicht in einem Slum, sondern in einer Gegend mit geteerten Straßen, Häusern und Apartments für die untere Mittelschicht. Sein Vater hat hier vor vielen Jahren einen Wohnblock errichtet, und da seit ungefähr zehn Jahren kein Wasser mehr aus der Leitung kommt, hat er selbst gebohrt. 55 Meter tief.

Aus dem Projekt wurde ein Business: Oluwafemi verkauft das Wasser nun an die Nachbarinnen und Nachbarn. Die Leitung ist so hoch angebracht, dass Frauen mit einer Schüssel auf dem Kopf stehend darunter passen. »Oluwafemi ist meine Regierung. Er gibt mir, was ich brauche. Wie soll ich ohne Wasser überleben?«, sagt ein Nachbar im Vorbeigehen. Umgerechnet zwei Euro kassiert der Wasserhändler für fünf gefüllte Eimer. »Das Geschäft brummt«, lacht er.

Precious Oyem verbringt jeden Tag 45 Minuten damit, Wasser zu holen. Nachdem sie zwei Stunden im Stau stand

Precious Oyem verbringt jeden Tag 45 Minuten damit, Wasser zu holen. Nachdem sie zwei Stunden im Stau stand

Foto: Akintunde Akinleye / DER SPIEGEL

Doch weil immer mehr Privatleute immer tiefer bohren, um sich selbst mit Wasser zu versorgen, droht das unterirdische Wasserreservoir langsam zu verschwinden. »Lagos ist eine Katastrophe in Wartestellung. Eine nachhaltige Stadtplanung ist kaum existent, und Wasser ist der schwächste Punkt«, sagt Deji Akin von Rethinking Cities.

Precious Oyem wird laut, wenn es um dieses Thema geht. Sie hat gerade fünf Schüsseln mit Wasser auf dem Kopf in ihr kleines Apartment balanciert, dort in ein großes Fass gefüllt. Das macht sie jeden Tag: »Meine Knie, meine Beine tun mir weh. Ich verbringe zwei Stunden täglich im Verkehr, um zur Arbeit zu pendeln. Dann komme ich nach Hause und verschwende noch mal 45 Minuten mit Wasserholen. Das macht mich fertig.«

Lagos erfordert volle Aufmerksamkeit, rund um die Uhr.

Mitarbeit: Dan Ikpoyi

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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