Lebensmittelpreise in der Pandemie Wo Tomaten Luxus sind

Weltweit sind die Preise für Lebensmittel in der Pandemie gestiegen. In Schwellenländern kann das eine Existenzfrage sein – und sehr gefährlich werden.
Michelle Davids beim Einkaufen in Kapstadt, Südafrika: Gemüse kauft die Polizistin kaum mehr – zu teuer

Michelle Davids beim Einkaufen in Kapstadt, Südafrika: Gemüse kauft die Polizistin kaum mehr – zu teuer

Foto: Brenton Geach / DER SPIEGEL
Globale Gesellschaft

In Reportagen, Analysen, Fotos, Videos und Podcasts berichten wir weltweit über soziale Ungerechtigkeiten, gesellschaftliche Entwicklungen und vielversprechende Ansätze für die Lösung globaler Probleme.

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Gemüse hat Michelle Davids weitgehend vom Speiseplan der Familie gestrichen. Auch Obst kauft sie kaum mehr, zu teuer. »An Fleisch ist gar nicht zu denken«, sagt sie. Früher leistete sie sich mit ihrer Familie zweimal im Monat ein Barbecue. »Das geht jetzt vielleicht noch alle drei Monate einmal«, sagt Davids, 32, Polizistin aus Kapstadt, Südafrika.

Statt »normalem Hühnchen« kaufe sie jetzt sogenanntes Formfleisch. »Ich weiß, Gemüse wäre gesünder«, sagt Davids. Aber wenn sie sich zwischen einer Avocado und einem Laib Brot entscheiden müsse, dann nehme sie das Brot, dazu eine billige Erdnussbutter. »Das macht uns wenigstens ein paar Tage lang satt.« Auch das Milchpulver für ihre zweijährige Tochter kann sie sich nicht mehr leisten.

Gemüse hat Michelle Davids aus Sea Winds in Südafrika vom Speiseplan der Familie gestrichen

Gemüse hat Michelle Davids aus Sea Winds in Südafrika vom Speiseplan der Familie gestrichen

Foto: Brenton Geach / DER SPIEGEL

Mit Beginn der Pandemie veränderte sich das Leben der Familie radikal: Davids' Ehemann verlor seinen gut bezahlten Job als Touristenführer in Kapstadt. Mit nur noch einem Einkommen blieb der Familie nichts anderes übrig, als mit ihren beiden Töchtern Kenya, 2, und Cassidy, 14, wieder bei Davids' Eltern einzuziehen. Nun leben sie zu viert in einem Zimmer in dem ärmlichen Vorort Sea Winds. Trotzdem, sagt Davids, eine kräftige Frau mit freundlichen Augen, sei sie dankbar: Immerhin sei ihr Job bei der Polizei sicher.

Es ist die Geschichte einer ganz normalen Familie, eine Geschichte, wie sie weltweit millionenfach erzählt werden könnte. Mit Beginn der Pandemie verloren Menschen, besonders in Schwellen- und Entwicklungsländern, an Einkommen. Zugleich aber sind die Lebensmittelpreise stark angestiegen. Es ist eine Mischung, die Experten Sorgen bereitet. Eines der wichtigsten Entwicklungsziele der Vereinten Nationen, den Hunger in der Welt bis 2030 auszulöschen, ist damit in weite Ferne gerückt.

Frauen in Nigeria bei der Reisernte

Frauen in Nigeria bei der Reisernte

Foto: Thomas Imo / Photothek / Getty Images

»Wir könnten eine Dekade zurückfallen«, sagt Ervin Prifti, Wirtschaftsanalyst beim Internationalen Währungsfonds (IWF). Gemeinsam mit zwei Kollegen hat der Forscher Daten aus der Vergangenheit analysiert und eine Prognose erstellt . Wirtschaftswachstum ist demnach die entscheidende Größe, die Mangelernährung verringert; reale Einkommensverluste führen zu Hunger.

Allein 2020 könnten demnach mehr als 60 Millionen Menschen weltweit zusätzlich in einen Zustand von Mangelernährung oder Hunger abgerutscht sein. Andere Schätzungen gehen von bis zu 130 Millionen Menschen aus. Die Forscher um Prifti warnen vor »Lebensmittelunsicherheit als einem der am meisten dramatischen Kollateralschäden der Pandemie«.

Bereits vor der Coronakrise waren 680 Millionen Menschen nicht ausreichend ernährt. Besonders schwer sind neben sieben afrikanischen Ländern – darunter der Südsudan, Nigeria, die Demokratische Republik Kongo und Äthiopien – auch Syrien und der Jemen im Nahen Osten betroffen, sowie Haiti und Afghanistan. Ein neuer Bericht der Hilfsorganisation Oxfam zeigt, dass die Zahl der Menschen, die weltweit unter schwerstem Hunger leiden, von Ende 2019 (also vor Beginn der Coronapandemie) bis Juni 2021 fast um das Sechsfache gestiegen ist. »Konfliktregionen bergen nach wie vor das größte Risiko für Hungerkrisen«, so die Ökonomin Moniko Tothova von der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO).

Doch nun droht sich das Problem massiv auszuweiten – mit dramatischen Folgen. »Mangelernährung kann kurzfristig zu sozialen Unruhen führen«, sagt Prifti, »und langfristig zu einer verringerten Produktivität, einer Verminderung des Entwicklungspotenzials von Menschen und Ländern.«

Der Lebensmittelpreisindex der FAO stieg zwischen März 2020 und Juni 2021 um 31 Prozentpunkte. Zwar handelt es sich hier um einen Durchschnittswert, den Importeure bezahlen müssen – also nicht um Preise im Einzelhandel. Doch auch im Supermarkt und am Marktstand ist der Preisanstieg für Grundnahrungsmittel weltweit spürbar: Für Tomaten, Pflanzenöle oder Bohnen müssen die Südafrikanerinnen und Südafrikaner inzwischen rund 30 Prozent mehr ausgeben als noch vor einem Jahr. In Brasilien klagen die Menschen über steigende Preise für Rindfleisch, Huhn und Reis, in Indien ist die traditionelle Dal-Suppe jetzt deutlich teurer.

Beim Anstieg der Verbraucherpreise spielen unterschiedliche globale und lokale Faktoren eine Rolle, der südafrikanische Argarwissenschaftler Wandile Shilobo drückt es so aus: »Pandemie trifft auf Klimawandel.«

Der Anstieg der Lebensmittelpreise begann bereits vor der Coronakrise, darauf verweisen die Analysten des IWF  in einem Blogpost. Zu Beginn der Pandemie hätten dann Lockdowns, Hamsterkäufe sowie Exportstopps für Reis oder Weizen die Lieferketten gestört und für Preissteigerungen gesorgt.

Hinzu kommen die gestiegenen Transportkosten, die sich ebenfalls auf die Verbraucherpreise auswirken. Der Güterverkehr per Schiff ist in den vergangenen zwölf Monaten mehr als doppelt so teuer geworden, zahlreiche Passagierflüge sind weggefallen – auch damit wurden Lebensmittel von A nach B gebracht. Das teurere Benzin und regionale Engpässe bei Lkw-Fahrern haben zudem den Transport auf der Straße verteuert.

Food Market in Lagos, Nigeria: »Wir erwarten daher in den nächsten Monaten weitere Preissteigerungen für Lebensmittel«

Food Market in Lagos, Nigeria: »Wir erwarten daher in den nächsten Monaten weitere Preissteigerungen für Lebensmittel«

Foto: Adekunle Ajayi / NurPhoto / Getty Images

Die Nachfrage nach Agrargütern blieb unterdessen hoch: unter anderem weil China sich entschloss, seine Vorratskammern zu füllen und etwa große Mengen an Soja aufzukaufen. Auch der weltweit gestiegene Bedarf an Biodiesel verteuerte Pflanzenöle.

Zugleich kam es zu Wetterextremen, die etwa die Palmölproduktion in Indonesien störten und zu Dürren sowie schlechteren Ernten in vielen klassischen Exportländern führten, etwa in Brasilien, Argentinien, aber auch in Russland, der Ukraine und den Vereinigten Staaten.

Letztere Faktoren wirken sich allerdings bisher hauptsächlich auf den Preis aus, den Hersteller für ihre Güter verlangen können. Er ist um mehr als 40 Prozent angestiegen. »Diese Entwicklung sickert allerdings nur teilweise und erst mit der Zeit an die Verbraucher durch und ist bisher kaum angekommen«, sagt der Analyst Prifti, »wir erwarten daher in den nächsten Monaten weitere Preissteigerungen für Lebensmittel.«

Die sogenannte Lebensmittel-Inflation, also der Anstieg der Preise für Verbraucher, wirkt sich nicht in allen Weltregionen gleich stark aus. Entwicklungs- und Schwellenländer sind deutlich mehr betroffen, insbesondere wenn sie stark auf Importe angewiesen sind.

Während die örtliche Agrarproduktion kaum zurückging, da der FAO-Ökonomin Tothova zufolge landwirtschaftliche Arbeiter meist von Quarantäneregeln ausgenommen gewesen seien, störten die Lockdowns wohl aber Lieferketten und regionale Transportwege. Das führte zu Engpässen, die etwa Obst und Gemüse, aber auch Getreide teurer machten. Straßenverkäufer konnten zeitweise nicht arbeiten, Märkte blieben geschlossen und Menschen mussten in den teureren Supermärkten einkaufen.

In Subsahara-Afrika stiegen in der Folge die Preise an einigen Orten um bis zu 200 Prozent. Eine Hungersnot droht, »weil zugleich die Einkommen weggebrochen sind«, sagt Tothova. Zudem befindet sich der Kontinent gerade in der dritten Coronawelle.

Besonders kritisch ist die Lage in vielen Ländern des Globalen Südens und Nahen Ostens, in denen Wirtschaftskrisen auf Hyperinflation treffen, wie etwa in Nigeria oder dem Libanon: Die Abwertung der nationalen Währungen gegenüber dem Dollar verteuert Lebensmittelimporte. Dies dürfte in den kommenden Monaten zu weiteren Problemen führen, vor allem für Länder in Subsahara-Afrika, dem Nahen Osten und Nordafrika, die stark auf diese Einfuhren angewiesen sind.

Suppenküche für Bedürftige in São Paulo, Brasilien

Suppenküche für Bedürftige in São Paulo, Brasilien

Foto: Alexandre Schneider / Getty Images

Um den Lebensmittelschock und seine Folgen abzufedern, sehen die IWF-Wissenschaftler um Prifti als adäquates Mittel die Erhöhung der Ausgaben durch Regierungen, also Zahlungen an die Ärmsten. »Es ist ja meist nicht so, dass keine Lebensmittel verfügbar sind, die Leute können sie sich nur nicht leisten«, so Prifti. Verschiedene Länder operierten in der Krise mit einer Art bedingungslosem Grundeinkommen.

Brasilien etwa zahlte 2020 eine Art Nothilfe an Bedürftige. Auch in Südafrika gab es ein vergleichbares Programm, wonach die Ärmsten 350 Rand erhielten, das jedoch inzwischen ebenfalls eingestellt wurde. »Was mich am meisten schmerzt, ist, dass viele Länder hier einfach nicht die finanziellen Möglichkeiten haben, solche Programme aufzulegen«, sagt der südafrikanische Agrarökonom Shilobo.

Kinder stehen in Michelle Davids' Straße Schlange, um sich von der Polizistin etwas Essen abzuholen

Kinder stehen in Michelle Davids' Straße Schlange, um sich von der Polizistin etwas Essen abzuholen

Foto: Brenton Geach / DER SPIEGEL

Trotz ihrer eigenen Not hat die südafrikanische Polizistin Davids unterdessen ein kleines Hilfsprogramm für bedürftige Kinder aus der Nachbarschaft gestartet. Jeden Montag, Mittwoch und Donnerstag vergibt sie vor ihrem Haus Essen an bis zu 150 hungrige Kinder, die mit mitgebrachten Tupperdosen auf der Straße anstehen. Auf Facebook bittet Davids um Spenden. Davon kauft sie Hühnerhälse, Brot oder was auch immer billig zu haben ist. »Ich mache, was ich kann«, sagt sie, »aber manchmal werden es einfach zu viele.«

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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