LGBTQ-Referendum in Ungarn »Allein der Verdacht, schwul zu sein, führt zu Beschimpfungen«

Mit einem LGBTQ-Referendum will Viktor Orbán Homosexuelle und Transmenschen in Ungarn weiter ausgrenzen. Doch es gibt auch Protest. Hier erzählen Betroffene, was die Ankündigung für ihr Leben bedeutet.
Emmett Hegedűs: »Ich wollte nicht so sein«

Emmett Hegedűs: »Ich wollte nicht so sein«

Foto: Akos Stiller / DER SPIEGEL
Globale Gesellschaft

In Reportagen, Analysen, Fotos, Videos und Podcasts berichten wir weltweit über soziale Ungerechtigkeiten, gesellschaftliche Entwicklungen und vielversprechende Ansätze für die Lösung globaler Probleme.

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Jedes Mal, wenn Emmett Hegedűs seinen Ausweis in der Hand hält, weiß er, dass er nicht dazugehört. Der Jugendliche aus einem Vorort von Budapest ist trans, sein eingetragener Vorname ein anderer, als jener, den er selbst verwendet. Doch eine Anpassung ist in Ungarn inzwischen unmöglich. Seit vergangenem Mai ist es per Gesetz verboten, den Geburtsnamen oder die Geschlechtsangabe im Ausweis zu ändern.

Und wenn es nach der Regierung geht, kann Emmett noch nicht einmal mit seinen Lehrerinnen und Lehrern offen darüber sprechen. Zum angeblichen »Schutz vor Pädophilie« soll künftig auch der Aufklärungsunterricht beschränkt werden. Medien und Werbung wird es mit dem Anfang Juli verabschiedeten »LGBTQ-Gesetz« untersagt, Familien anders als die Einheit von Mutter, Vater, Kind darzustellen.

Aktivistinnen und Aktivisten errichten Anfang Juli ein überdimensionales Herz vor dem ungarischen Parlamentsgebäude

Aktivistinnen und Aktivisten errichten Anfang Juli ein überdimensionales Herz vor dem ungarischen Parlamentsgebäude

Foto: Laszlo Balogh / AP

»Das Verbot der ›Darstellung und Verbreitung‹ von LGBTIQ-Identitäten würde bedeuten, dass unsere Angebote für Jugendliche unter 18 Jahren nicht mehr zugänglich sind«, sagt Luca Dudits von Ungarns vielleicht bekanntester NGO Háttér Society dem SPIEGEL. »Die Gesetzesänderung verstößt eindeutig gegen das Recht auf freie Meinungsäußerung, Menschenwürde und Gleichbehandlung.« Nicht zuletzt gefährde das Verbot von Hilfsangeboten die Gesundheit von Transjugendlichen, da sie besonders oft suizidgefährdet  seien, so Dudits.

Die Regierung von Ministerpräsident Viktor Orbán führt einen Feldzug gegen Minderheiten, das Thema habe in der öffentlichen Diskussion den Streit um Geflüchtete längst abgelöst, sagen Kritiker. Die englische Abkürzung LGBTQ steht für lesbisch, schwul, bisexuell, transgender und queer. Angehörige dieser Gruppen werden aus Sicht von Menschenrechtsorganisationen in Ungarn seit Jahren immer stärker diskriminiert. Nun könnte der Streit mit der autoritären Regierung endgültig eskalieren .

Das neue LGBTQ-Gesetz beschäftigt inzwischen auch die Europäische Union. Die Kommission hat als Reaktion inzwischen ein Vertragsverletzungsverfahren eingeleitet. Europa werde es niemals zulassen, dass »Teile unserer Gesellschaft diskriminiert werden«, erklärte EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen.

Doch bislang denkt die Regierung in Budapest nicht ans Einlenken, im Gegenteil. Vor wenigen Tagen kündigte Orbán für kommendes Frühjahr ein Referendum an, das seinen Kurs bestätigen soll. In fünf meist rhetorischen Fragen sollen sich die Ungarinnen und Ungarn dann für den Schutz von Kindern und gegen das »Bewerben« von Homo- und Transsexualität aussprechen.

Budapest-Pride Mitte Juli: Mehr als 30.000 Menschen gegen Orbán

Budapest-Pride Mitte Juli: Mehr als 30.000 Menschen gegen Orbán

Foto: FERENC ISZA / AFP

Diese Ankündigung mobilisiert in Ungarn nun auch die Zivilgesellschaft. Allein am vergangenen Wochenende demonstrierten beim »Budapest Pride« mehr als 30.000 Menschen für mehr Gleichberechtigung. Es war die bislang größte derartige Kundgebung des Landes. Die NGO Háttér hat bereits angekündigt, ihre Arbeit notfalls vor Gericht zu verteidigen. »Wir werden uns nicht an das Informationsverbot halten«, sagte Luca Dudits.

Hier erzählen Emmett und vier weitere Betroffene von ihrer Wut, ihrer Angst, und weshalb sie gegen das Referendum ankämpfen wollen.

Lilla Tokovics, 23, Angestellte

Lilla Tokovics (l.): »Wir müssen uns verstecken«

Lilla Tokovics (l.): »Wir müssen uns verstecken«

Foto: Lilla Tokovics

»Ich bin gleich mit 18 vom Land nach Budapest gezogen, weil ich dachte, es sei hier besser. Ich wollte das Großstadtleben genießen, die Freiheit. Aber inzwischen müssen wir uns auch hier verstecken. Wenn ich mit einer Frau Händchen halte, werden wir von Passanten beleidigt. Wer im öffentlichen Dienst arbeitet, outet sich nicht mehr, aus Angst, später womöglich deswegen entlassen zu werden.

Als ich vom Referendum hörte, musste ich heulen. Und als ich dann die Plakate der Regierung sah, gleich noch einmal. Es ist so unfair und bösartig, wie man uns darstellt. Einfach schrecklich. Wie kann man uns unterstellen, den Schutz von Kindern zu gefährden? Ich fühle mich wirklich unwohl, wenn ich an die Zukunft in Ungarn denke.«

Emmett Hegedűs, 17, Schüler, Bruder von Máté

Emmett Hegedűs: »Das ist tödlich für uns«

Emmett Hegedűs: »Das ist tödlich für uns«

Foto: Akos Stiller / DER SPIEGEL

»Ich wusste mit zehn Jahren, dass ich mich für Mädchen interessiere. Mit 12 begann ich zu verstehen, dass ich ein Junge bin. Mit 14 war ich mir sicher. Damals wusste ich nicht, was Transgender heißt. Ich kannte nicht einmal das Wort, obwohl ich in einer liberalen Familie aufwuchs. Und nein, ich wollte nicht so sein. Ich hatte Angst.

Doch wenn es nach der Regierung geht, wurde ich manipuliert oder umerzogen. Nach den aktuellen Gesetzen ist es verboten, Jugendliche bis zum 18. Geburtstag über Vielfalt aufzuklären. Transmenschen können ihren Namen nicht ändern. Schwule und Lesben dürfen keine Kinder adoptieren. Das ist hart.

Ich habe das Glück, dass meine Familie mich liebt und akzeptiert, wie ich bin. Mein großer Bruder ist selbst schwul und Mitorganisator der Pride. Meine Eltern, meine Schwester und er stehen zu mir. Nach einigem Zögern unterstützen mich nun auch meine Lehrerinnen und Lehrer. Inzwischen nutzen alle meinen neuen Namen. Beim Sportunterricht muss ich aber immer noch in die Mädchenkabine.

Auf der Pride-Demonstration konnte ich eine kurze Rede halten. Ich habe versucht zu zeigen, was es heißt, in meiner Lage zu sein. Gerade in der Pubertät braucht man doch Unterstützung. Ich habe mich lange Zeit nicht normal gefühlt, trotz meines Umfelds. Ich frage mich oft, wie es erst anderen geht. Es ist alles schon hart genug. Transjugendliche sind doppelt herausgefordert. Dass darüber nicht gesprochen werden soll, das ist tödlich für uns.«

Máté Hegedűs, 24, Student, Mitorganisator des Budapest Pride

Máté Hegedűs: »Der Druck, der auf uns lastet, ist enorm«

Máté Hegedűs: »Der Druck, der auf uns lastet, ist enorm«

Foto: Akos Stiller / DER SPIEGEL

»Seit etwa einem Jahr hat Orbáns Fidesz-Partei uns zum Feind erklärt. Seitdem fühlen sich noch rechtere Kräfte ermutigt, uns anzugreifen. Unsere Fahnen wurden geklaut und verbrannt. Kinderbücher wurden öffentlich zerstört, weil sie auch schwule Figuren zeigten. Transmenschen und Homosexuelle werden auf offener Straße geschlagen und beleidigt. Ich frage mich seitdem oft: Was ist hier eigentlich los?

Ich bin 1,90 Meter groß und eher maskulin, bislang fühle ich mich selbst nicht körperlich bedroht. Doch wenn es um andere aus der Community geht, habe ich Angst. Es ist eine groteske Kampagne gegen uns. Aber ich fürchte, dass sie ankommt. Es macht mich jedes Mal so wütend, wenn ich die Poster der Regierung sehe und weiß, dass ich dafür Steuern zahle, dass mir »sexuelle Propaganda« unterstellt wird.

Die Poster für das Referendum hängen bereits überall. Ein blauer Hintergrund, weiße Schrift und ein Emoji. Dazu immer eine Frage: Haben Sie Angst vor Brüssel? Wollen Sie, dass Ihre Kinder von sexueller Propaganda beeinflusst werden? Die Emojis sollen einem zeigen, wie man sich dabei fühlen soll: ängstlich und wütend.

Geschwister Hegedűs: »Was ist hier eigentlich los?«

Geschwister Hegedűs: »Was ist hier eigentlich los?«

Foto: Akos Stiller / DER SPIEGEL

Die Regierung nutzt das Thema, um ihre Macht weiter auszubauen. Die Angriffe sollen von anderen Problemen ablenken: Junge Menschen gehen ins Ausland. Alte haben kaum Rente. Das Gesundheitssystem ist schlecht. Dazu die Korruption. Doch anstatt darüber zu reden, geht es jetzt darum, ob queere Menschen Kinder gefährden.

Wir versuchen den Leuten zu sagen, dass das nicht stimmt. Wir wollen keine Kinder umerziehen. Lesben, Schwule und Transmenschen sind nicht ansteckend, niemand wird aus Langeweile queer. Der Druck, der auf uns lastet, ist enorm.

»Wir streiten mit einem viel kleineren Budget um unsere Sache als die Regierung.«

Máté Hegedűs, Mitorganisator des Budapest Pride

Das Referendum ist perfide. Die fünf Fragen sind so formuliert, dass man ihnen nicht widersprechen kann. Keiner will sich gegen den Schutz von Kindern stellen. Unsere einzige Chance ist es deshalb, dass möglichst viele ungültige Stimmen abgegeben werden.

Doch die Ausgrenzung hat uns auch zusammengebracht. Wir wussten, dass der diesjährige Pride-Umzug größer sein würde. Es geht nicht mehr nur um uns, sondern auch um die Rechte von anderen Gruppen: Migranten, Roma – eigentlich die gesamte Zivilgesellschaft kämpft gerade ums Überleben. Nur so lässt sich erklären, weshalb plötzlich 30.000 Menschen zusammen auf die Straße gingen. Wegschauen ist in Ungarn keine Alternative mehr.«

Vivien G., 51, Ingenieurin

Vivien G.: »Die Fidesz-Propaganda läuft inzwischen auf allen Kanälen«

Vivien G.: »Die Fidesz-Propaganda läuft inzwischen auf allen Kanälen«

Foto: Akos Stiller / DER SPIEGEL

»In meiner Familie habe ich mich vor Jahrzehnten geoutet und ich bin mir sicher, ich würde es heute wieder tun. Doch ich kann mir kaum vorstellen, was es bedeutet, heute jung und lesbisch zu sein. Erst vor Kurzem hat ein junges Mädchen in meinem Heimatdorf versucht, sich das Leben zu nehmen. Zuvor kam heraus, dass sie Frauen liebt.

Ich bin jetzt selbst wieder aktiv geworden bei Labrisz, einer Organisation von lesbischen und bisexuellen Frauen. In den Jahren davor war das für mich kein großes Thema, Arbeit und Privates schienen wichtiger. Doch die Hasskampagne der Regierung ist beispiellos. Die Fidesz-Propaganda läuft inzwischen auf allen Kanälen. Deshalb habe ich mich entschlossen, etwas zu tun.

In den Jahren unter Orbán ist es immer schlimmer geworden. Ich habe viele Beispiele für Ausgrenzung aus dieser Zeit: In einem Hotel wurden meine Partnerin und ich vom Personal ausgelacht, weil wir unsere Einzelbetten zusammengestellt hatten. In einem anderen erhielten wir kein Doppelzimmer, weil das für Eheleute reserviert sei. Wir haben uns nicht gewehrt.

Wer in Ungarn nicht den konservativen Wertvorstellungen folgt, wird angegriffen. Doch ich hoffe, dass sie dieses Mal zu weit gegangen sind. Wenn das Referendum scheitert, könnte das auch einen Regierungswechsel einläuten. Dass im kommenden Frühjahr Wahlen sind, ist auch eine Chance, die wir nutzen müssen. Ich will kein Mensch zweiter Klasse mehr sein.«

David Scholl, 22, Student

David Scholl: »Meine Großmutter, die nur das regierungsnahe Fernsehen schaut, lebt in einer völlig anderen Welt als ich«

David Scholl: »Meine Großmutter, die nur das regierungsnahe Fernsehen schaut, lebt in einer völlig anderen Welt als ich«

Foto: privat

»Budapest gilt als liberal, doch ich würde mich auch hier nie trauen, mit einem Mann Händchen zu halten. Allein der Verdacht, schwul zu sein, führt schon zu Beschimpfungen. Selbst, wenn man ohne Begleitung ist. Ich bin schon von fast jeder Altersgruppe beleidigt worden.

Wir haben längst einen Sinn dafür entwickelt, welche Situationen man meiden sollte. Nachts gehe ich Gruppen von jungen Männern grundsätzlich aus dem Weg. Es gab schon Situationen, in denen ich nur deshalb nicht verprügelt wurde, weil andere dazwischengingen, ich in ein Taxi stieg und wegfuhr. Ich denke, so geht es vielen queeren Menschen.

Das Klima in Ungarn hat sich leider auch durch die Medien verschlimmert. Meine Großmutter, die nur das regierungsnahe Fernsehen schaut, lebt in einer völlig anderen Welt als ich. Viele staatliche Medien sind kostenlos, aber fast alles untersteht dem Einfluss der Regierung. Es geht nur noch um christliche Werte, Minderheiten und Feinde von außen.

Ich weiß, dass das alles hier nicht normal ist. Ein Teil meiner Familie kommt aus Deutschland, dadurch habe ich andere Verhältnisse kennengelernt. Doch was bringt das? In meinem Freundeskreis ist Auswandern längst normal geworden. Auch bei denen, die nicht lesbisch oder schwul sind. Viele aus unserer Generation haben einfach genug, die Pride-Parade hat das ja erst kürzlich gezeigt.

Das Referendum wird die Spaltung unserer Gesellschaft nur weiter vorantreiben. Unsere Nerven werden schon jetzt jeden Tag strapaziert. Psychisch ist das nicht gut. Wir sind ständig gestresst. Es ist ein ewiger Kampf. Man möchte die engagierten Menschen hier nicht im Stich lassen, aber auch ein Leben in Würde führen. Ich selbst will nicht länger abwarten, sondern werde im Herbst nach Deutschland ziehen.«

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

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