Augenzeugenberichte "Ich habe den Bürgerkrieg erlebt, aber so was wie heute noch nie"

Eine Rauchsäule über dem Hafen von Beirut, dann eine gigantische Detonation: Die Menschen im krisengeschüttelten Libanon dachten, es könnte nicht noch schlimmer kommen. Doch die Eindrücke aus Beirut sind erschütternd.
Aus Beirut berichtet Thore Schröder
Endzeit-Szenario in der libanesischen Hauptstadt

Endzeit-Szenario in der libanesischen Hauptstadt

Foto: ISSAM ABDALLAH/ REUTERS

Früher tobte im Beiruter Viertel Gemmayze das Nachtleben, dann kam die Wirtschaftskrise, die Hyperinflation, die Pandemie. Zuletzt hatten die meisten Bars und Restaurants hier geschlossen und die Häuser kaum noch Strom. Für viele war der Tiefpunkt erreicht.

Bis zum frühen Dienstagabend, als eine gewaltige Detonation im nahen Hafen Verwüstung und Zerstörung über die libanesische Hauptstadt brachte. Die Druckwelle ließ die Glasscheiben an Autos und Häusern zerbersten, Balkone wurden abgerissen, einzelne Häuser fielen komplett in sich zusammen. Dutzende Tote und Tausende Verletzte zählte das Gesundheitsministerium bis zum späten Abend - die Zahlen steigen stündlich. In der Nacht sprachen die Behörden von 73 Toten und mehr als 3700 Verletzten.

Augenzeugen sprachen von Leichen auf den Straßen und Menschen, die unter Trümmern verborgen seien. Die Armee half, Verletzte in Krankenhäuser zu bringen. Bürger wurden aufgerufen, Blut zu spenden.

Ein gewaltiger Pilz, apokalyptische Rauschschwaden, ein bissiger Gestank

"Ich habe den Bürgerkrieg hier erlebt, aber so was wie heute noch nie", sagt Paul Sakr, der in den Trümmern seiner Apotheke steht. "Ich habe zwei Geschäfte hier auf der Straße, beide sind vollkommen zerstört." Wie das passieren konnte, wer verantwortlich ist - darüber will er nicht mutmaßen. Aber er ist sich sicher: "Wir Libanesen verdienen das nicht. Aber unsere Politiker schon, die haben uns immer wieder im Stich lassen." 

Sein syrischer Angestellter Mohammed hatte Paul Sakr zunächst Fotos eines Feuers im Hafen gezeigt, die riesige Detonation folgte Augenzeugenberichten etwa eine halbe Stunde später. "Bei der Explosion war ich in meiner Wohnung gegenüber der Apotheke. Zum Glück geht es mir und meiner Familie gut, das ist das Wichtigste." Nach dem Schock sahen Sakr und Mohammed einen gewaltigen Pilz aufsteigen und dicke orangefarbene Rauchschwaden, berichten sie. Apokalyptische Bilder.

DER SPIEGEL

Unweit von Sakrs Apotheke, auf einem Parkplatz, versorgen Freiwillige des Libanesischen Roten Kreuzes bis in die Nacht hinein Verletzte. In einer Ecke türmen sich die leeren Verpackungen von Verbandsmaterial und blutige Binden. Eine alte Frau im rottriefenden Unterhemd wird davongetragen.

Faiz Ahmad wurde gerade aus der improvisierten Krankenstation entlassen. Er sitzt auf einem Stuhl in einer Garageneinfahrt, umgeben von umgestürzten Palmenkübeln und Glassplittern. 

Das Militär beteiligte sich an den Aufräum- und Bergungsarbeiten

Das Militär beteiligte sich an den Aufräum- und Bergungsarbeiten

Foto: Marwan Naamani/ dpa

"Ich arbeite beim Schlüsseldienst, stand gerade vor einem alten Haus, als die Druckwelle kam, Teile des Hauses, vor allem eine schwere Leiter sind auf mich gestürzt", erzählt Ahmad. "Dann haben mich die vom Roten Kreuz da rausgezogen und verbunden." Eine kleine Kopfplatzwunde und je einen gebrochenen Finger an beiden Händen hat er. "Ich hatte Glück", sagt Faiz Ahmad, "ich lebe." 

Die Luft in Beiruts östlichem Zentrum riecht auch am späten Abend noch bissig und steht voller Staub. Das Feuer im Hafen lodert weiter, die Küstenautobahn davor ist gesperrt. Sämtliche Autos an den dicht beparkten Straßen von Gemmayze haben Totalschaden, Dachziegel liegen auf der Fahrbahn. Glassplitter, überall Glassplitter. Sirenen tönen.

"Unser Land hat wirklich total verloren"

Die Hintergründe blieben zunächst unklar, teils widersprüchliche Meldungen machten die Runde. Innenminister Mohammed Fahmi sagte, dass nach vorläufigen Informationen hochexplosives Material detoniert sei. Demnach seien die explosiven Güter über Jahre vom Zoll beschlagnahmt und im Hafen eingelagert worden. Darunter soll auch hochexplosives Ammoniumnitrat gewesen sein

Hinweise auf einen Anschlag oder einen politischen Hintergrund gab es zunächst nicht. Wenige Kilometer vom Ort der Explosion entfernt waren 2005 der damalige libanesische Ministerpräsident Rafik Hariri und 21 weitere Menschen bei einem Sprengstoffanschlag getötet worden. Die Residenz seines Sohnes, der frühere Ministerpräsident Saad Hariri, wurde bei der jetzigen Explosion beschädigt.

Der libanesische Präsident Michel Aoun berief umgehend eine Dringlichkeitssitzung des Obersten Verteidigungsrates ein. Die Regierung erklärte den Mittwoch zum Tag der nationalen Trauer. Wie der Sicherheitschef Abbas Ibrahim sagte, sollen Ermittlungen zu den Explosionen eingeleitet werden.

Zerstörter Silo im Hafen: Sightseeing auf Beiruts Ground Zero

Zerstörter Silo im Hafen: Sightseeing auf Beiruts Ground Zero

Foto: STR/ AFP

Am Abend dauerten die Bergungs- und Aufräumarbeiten an. Und auch Schaulustige zog die Katastrophe an. "Ich wollte mir das hier anschauen", sagt Katja Mugrabi. Die 26-Jährige wohnt eigentlich in Baabda, unweit der Hauptstadt, und ist extra mit ihren Freunden in die Hafengegend gekommen. Sightseeing auf Beiruts Ground Zero. 

"Natürlich wollten wir auch gucken, ob wir hier helfen können", sagt sie und zuckt dann mit den Schultern: "Unser Land hat wirklich total verloren."

Mitarbeit: Christoph Reuter; mit Material der Nachrichtenagentur dpa

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