Zum Abendessen in Beirut "Momentan ernähren meine Schwester und ich unsere sechsköpfige Familie"

Viele ihrer Freunde sind in den vergangenen Wochen ins Ausland gezogen, sie verdient für ihre Eltern und drei Geschwister mit: Hier erzählt eine Libanesin von ihrem Leben seit der Explosion in Beirut.
Aus Beirut berichten Theresa Breuer und Maria Klenner (Fotos)
Roula el Khoury (l.) bereitet mit ihrer jüngeren Schwester Rachelle und ihrer Mutter Samia in der Küche das Abendessen zu

Roula el Khoury (l.) bereitet mit ihrer jüngeren Schwester Rachelle und ihrer Mutter Samia in der Küche das Abendessen zu

Foto: Maria Klenner / DER SPIEGEL
Globale Gesellschaft

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An einem Samstagnachmittag im Oktober erledigen die Menschen in Sin el-Fil, einem christlichen Stadtviertel in Beirut, ihre Wochenendeinkäufe. Der Smog rostiger Autos hängt in der stickig-heißen Luft.

Im siebten Stock eines Neubaus hilft Roula el Khoury, 29, ihrer Mutter beim Kochen. Die Lebensversicherungshändlerin lebt zusammen mit ihren Eltern und ihren drei erwachsenen Geschwistern in einer Vier-Zimmer-Eigentumswohnung. Im Libanon ist es üblich, bis zur Heirat zu Hause zu wohnen.

Die Frauen in der Küche kichern und diskutieren, im Hintergrund läuft der libanesische Nachrichtensender LBCI. Roulas Schwester Rachelle, 20, schneidet Tomaten für den Ta­bou­lé-Salat, die Mutter Samia, 49, läuft immer wieder auf die Dachterrasse zum zweiten Herd, brät die Zwiebeln.

Roula in der Küche der Wohnung in Beirut, in der sie mit ihren Eltern und drei Geschwistern lebt

Roula in der Küche der Wohnung in Beirut, in der sie mit ihren Eltern und drei Geschwistern lebt

Foto: Maria Klenner / DER SPIEGEL

Roulas Vater Hanna, 66, ein pensionierter Ingenieur, spielt auf dem Handy und probiert das Abendessen: Moghrabieh, Hähnchen mit Kichererbsen, Zwiebeln und Weizengrieß. Dazu gibt es Ta­bou­lé-Salat und Makdous, gefüllte Auberginen.

"Früher hätten wir an einem solchen Abend mindestens fünf Gerichte gekocht", sagt Roula. Es klingt fast wie eine Entschuldigung. Eigentlich lieben es die el Khourys, Freunde, Nachbarn und Verwandte einzuladen. Doch seitdem der Libanon 2019 in eine tiefe Wirtschafts- und Finanzkrise  gerutscht ist, sind solche Abendessen für die el Khourys Luxus, den sie sich nicht mehr leisten können, sagt Roula.

Das libanesische Pfund hat im vergangenen Jahr 80 Prozent seines Werts verloren. Importierte Produkte sind für die meisten unbezahlbar: Eine Tube Zahnpasta kostet nach dem offiziellen Umrechnungskurs 20 Euro.

Die Familie el Khoury: Rani, 20, Roula, 29, Rachelle, 20 (Zwillingsschwester von Rani), Mutter Samia, 49, Vater Hanna, 66 (nicht im Bild: Rania, 28)

Die Familie el Khoury: Rani, 20, Roula, 29, Rachelle, 20 (Zwillingsschwester von Rani), Mutter Samia, 49, Vater Hanna, 66 (nicht im Bild: Rania, 28)

Foto: Maria Klenner / DER SPIEGEL

Vom Esstisch der el Khourys auf ihrer Dachterrasse blickt man über die Dächer der libanesischen Hauptstadt gen Hafen. Am 4. August explodierten dort 2750 Tonnen Ammoniumnitrat. Mehr als 190 Menschen starben, Tausende wurden verletzt, Hunderttausende obdachlos . An diesem Tag versammelten sich zum letzten Mal viele Nachbarn bei den el Khourys. Die Familie besitzt als einzige im Haus einen Fernseher.

Beim Essen in Beirut erzählt Roula el Khoury von ihrem Alltag, was sie gerade am meisten beschäftigt, besorgt und freut - politisch, finanziell und persönlich.

Rachelle, Roula (M.) und Mutter Samia

Rachelle, Roula (M.) und Mutter Samia

Foto: Maria Klenner / DER SPIEGEL

Roula el Khoury über die aktuelle Situation: "Wer klug ist und es sich leisten kann, verlässt das Land"

"Vor zwei Monaten ist mir mein Land um die Ohren geflogen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Ich fuhr im Auto zu meinem Freund und plötzlich: Boom! Ich hielt den Wagen an, spürte eine riesige Druckwelle, dann einen Knall, so laut, dass mein Herz stillstand. Um mich herum brach das Chaos aus.

Menschen rannten, jemand brüllte ins Telefon: 'Mein Vater ist tot!' Erst als ich hörte, dass meine Familie in Sicherheit ist, konnte ich wieder atmen. Jeder in Beirut hat die Explosion gespürt. Es ist ein kollektives Trauma, das wir durchlebt haben. Seitdem fühle ich mich deprimiert. Wir alle fühlen uns deprimiert.

Und die Regierung lässt uns im Stich, wieder mal. Wer klug ist und es sich leisten kann, verlässt das Land. Viele meiner Freunde haben genau das getan. Sie studieren jetzt in Paris, suchen in Kanada nach Jobs. Ich würde das auch gern, aber ich kann es mir nicht leisten.

Außerdem: Allein der Gedanke daran, den Libanon zu verlassen, schmerzt. Ich liebe mein Land. Nirgendwo im Nahen Osten gibt es so viel religiöse und kulturelle Vielfalt, so viel Austausch zwischen den Menschen. Wir können nicht nur nebeneinander leben, sondern tatsächlich miteinander. Mit einem Bier in der Hand oder einer Wasserpfeife. Ich bin Christin, aber mein Freund ist Schiit, meine beste Freundin Drusin. Eigentlich bin ich das lebende Beispiel dafür, dass Vielfalt im Nahen Osten möglich ist."

Blick von der Wohnung der el Khourys über die Dächer des Beiruter Viertels Sin el-Fil in Richtung Hafen

Blick von der Wohnung der el Khourys über die Dächer des Beiruter Viertels Sin el-Fil in Richtung Hafen

Foto: Maria Klenner / DER SPIEGEL

Politik: "Corona und die Explosion haben unserem Land den Rest gegeben"

"Am 17. Oktober vor einem Jahr habe ich meinen Job als Verkäuferin bei einem Innenausstatter gekündigt. Zufällig war das der Tag, an dem unsere Massenproteste begannen. Drei Monate lang bin ich jeden Abend zum Märtyrerplatz im Zentrum marschiert, habe mit Zehntausenden 'Thawra' gerufen - 'Revolution!'.

Die Regierung hat jahrelang missgewirtschaftet, uns viel zu spät vor den Waldbränden rund um Beirut gewarnt. Und dann wollten sie Steuern auf soziale Medien und WhatsApp einführen. Wir forderten den Rücktritt der Regierung. Wir wollten ihnen zeigen, dass wir uns nicht länger wie Tiere behandeln lassen. Und was haben Regierung und Sicherheitskräfte getan? Sie haben mit Tränengas auf uns geschossen.

An einem Abend bekam meine Schwester Rachelle kaum noch Luft, ein Freund hat sie gepackt und in Sicherheit gebracht. Heute wird kaum noch demonstriert; die Coronakrise und die Explosion haben unserem Land den Rest gegeben.

Meine kleinen Geschwister, sie sind Zwillinge, studieren beide an der Libanesischen Universität hier in Beirut. Doch ich fürchte um die kommenden Generationen. Ohne gute Bildung hat man kaum Aussicht auf einen guten Job, und die bekommt man nur auf teuren Privatschulen.  Aber wer kann sich das leisten? Je ärmer und ungebildeter die Jugendlichen, desto leichter können Gruppen wie die Hisbollah, die Amal-Bewegung oder christliche Milizen sie radikalisieren.

Wozu das führen kann, haben wir im Bürgerkrieg zwischen 1975 und 1990 erlebt. Auch damals haben sich die Religionsgruppen im Libanon bekämpft. Um Glauben ging es dabei nie. Er wurde lediglich dazu missbraucht, Menschen zu instrumentalisieren. Ich merke, wie dieses Gerede zurückkommt. Christen sagen jetzt wieder: Die Schiiten sind schuld an unserer Misere! Die Schiiten sagen: Die Sunniten werden von Saudi-Arabien gesteuert! Und so weiter. Pure Dummheit!

Trotzdem habe ich Hoffnung. Ich glaube, dass sehr viele Menschen dieses Land nicht aufgeben wollen. Sie bauen hier Unternehmen auf, gründen Familien, demonstrieren. Das heißt: Sie sind bereit, dafür zu kämpfen - ohne Waffen."

Roula in der Küche

Roula in der Küche

Foto: Maria Klenner / DER SPIEGEL

Arbeit und Geld: "Momentan ernähren meine Schwester Rania und ich unsere Familie"

"Nach meinem Job beim Innenausstatter habe ich für die deutsche Firma Miele gearbeitet, aber den Job wieder verloren. Importprodukte kann sich niemand mehr leisten.

Nun versuche ich mich auch an Lebensversicherungen, wie meine Schwester Rania. Wir verkaufen beide Policen, bezahlt werden wir auf Provisionsbasis. Momentan ernähren wir unsere ganze Familie, obwohl, eigentlich ist es vor allem Rania. Sie hat vor drei Monaten einen großen Auftrag abgeschlossen, von diesen 4000 Dollar leben wir gerade. Ich verkaufe noch nicht so gut wie sie.

Mein Vater ist vor drei Jahren in Rente gegangen. Er hat sein Leben lang als Telekommunikationsingenieur geschuftet. Auf seinem Konto liegen 50.000 Dollar, seine gesamte Rente. Mehr wird es nicht geben. Aber die libanesischen Banken weigern sich, Dollar auszugeben.

Der Grund: Das Bankenwesen könnte sonst die nationale Währung nicht mehr mit Dollar decken, das System würde zusammenbrechen. Aber das libanesische Pfund ist nichts mehr wert; es lohnt sich nicht, zu dem Umrechnungskurs das Geld abzuheben. Ein Kilo Tomaten, das mal 1500 libanesische Pfund gekostet hat, kostet jetzt fast fünfmal so viel, umgerechnet mehr als vier Euro. Und der Kurs ändert sich ständig.

Vater Hanna auf der Dachterrasse der Familie im siebten Stock

Vater Hanna auf der Dachterrasse der Familie im siebten Stock

Foto: Maria Klenner / DER SPIEGEL

Ich habe meine Familie eigentlich immer zur Mittelschicht gezählt. Doch seit vergangenem Jahr, seit dem Verfall des Landes, geht es auch uns schlechter. Uns gehört unsere Wohnung. Aber wie soll der Alltag weitergehen, wenn Essen unbezahlbar wird? Ich verstehe, warum die Menschen hier in den vergangenen Monaten Bankfilialen gestürmt und angezündet haben. Es ist ein Verbrechen, dass die Regierung die Menschen nicht an ihre Ersparnisse lässt. Ich frage mich sowieso, ob das Geld überhaupt noch auf dem Konto liegt."

Die el Khourys beim Abendessen

Die el Khourys beim Abendessen

Foto: Maria Klenner / DER SPIEGEL

Sorgen und Wünsche: "Unsere schlimmsten und unsere besten Augenblicke im Leben fallen oft zusammen"

"Ich kann mich nicht erinnern, wann ich mir das letzte Mal etwas gegönnt habe. Irgendwann vor der Revolution vergangenes Jahr habe ich mir eine neue Jeans gekauft. Ich will mich nicht beschweren. Aber ich würde mir schon wünschen, mal wieder mein Auto waschen zu lassen oder mir einen Besuch beim Frauenarzt leisten zu können. Eine Krankenversicherung habe ich nicht.

Wir Libanesen sind widerstandsfähig: Unsere schlimmsten und unsere besten Augenblicke im Leben fallen oft zusammen. Meine Eltern haben 1989 geheiratet, da wütete im Libanon noch der Bürgerkrieg. Außerdem hält meine Familie wirklich zusammen. Wer gerade Geld verdient, unterstützt die anderen. Das ist unsere Stärke. Keiner würde die anderen hängen lassen. Aufzugeben ist einfach nicht in uns.

Deshalb brennt in mir noch immer Hoffnung, dass wir die Kraft finden, das Land zu verändern. Man könnte sagen: Ich bin ein hoffnungsloser Optimist."

Blick über Beirut von der Wohnung der Familie el Khoury kurz nach Sonnenuntergang

Blick über Beirut von der Wohnung der Familie el Khoury kurz nach Sonnenuntergang

Foto: Maria Klenner / DER SPIEGEL

Gegen Ende des Abendessens kommt Roulas Bruder Rani, 20, vorbei. Sie trinken einen arabischen Kaffee, dann will der Vater die Nachrichten schauen.

Die Frauen räumen ab und beginnen, in der Küche abzuspülen. Am nächsten Tag können sie ausschlafen. Sie werden auf dem Balkon dösen und die Reste vom Moghrabieh essen, bevor am Montag wieder die Arbeit oder die Uni losgeht.

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Samia Khourys Lieblingsrezept für Moghrabieh - libanesischer Couscous

Foto: Maria Klenner / DER SPIEGEL

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

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