Nach der Katastrophe Die Menschen in Beirut räumen auf - und protestieren

Viele Libanesen fühlen sich bei den Aufräumarbeiten nach der Explosion am Hafen von der Regierung allein gelassen. Das verstärkt ihre Wut auf das Regime. Sicherheitskräfte reagieren mit Tränengas.
Demo in Beirut gegen das Regime

Demo in Beirut gegen das Regime

Foto: Hassan Ammar/ AP

Rund 5000 Menschen haben am Samstag in Beirut gegen den Umgang der libanesischen Regierung mit der gewaltigen Explosion einige Tage zuvor am Hafen der Stadt protestiert. Die Bereitschaftspolizei setzte Tränengas gegen Demonstranten ein, die versuchten, eine Absperrung in Richtung Parlament zu durchbrechen. Aus der Kundgebung wurden auch Steine geworfen. "Das Volk will den Sturz des Regimes", war in Sprechchören zu hören.

"Verschwindet, ihr seid alle Mörder", stand auf Bannern. "Wir wollen eine Zukunft in Würde, wir wollen, dass das Blut der Explosionsopfer nicht umsonst vergossen wurde", sagte Rose Sirour, eine der Demonstrantinnen.

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Aufräumen und demonstrieren

Foto: HANNAH MCKAY/ REUTERS

Durch eine schwere Explosion am Hafen von Beirut waren am Dienstag mehr als 150 Menschen getötet und weitere 5000 verletzt worden.

Die Wut auf die politische Elite des kleinen Landes erreichte danach einen neuen Höhepunkt. Schon im vergangenen Oktober gab es Massendemonstrationen, bei denen eine grundlegende Reform des politischen Systems gefordert wurde. Die Gegner der Regierung werfen ihr Korruption, Selbstbereicherung und Fahrlässigkeit vor.

Explosion treibt Libanon endgültig an den Rand des Abgrunds

Seitdem hat sich die Lage der Menschen im Libanon weiter verschlechtert. Seit Monaten leidet das Land unter der vielleicht schwersten Wirtschafts- und Finanzkrise seiner Geschichte. Die Corona-Pandemie verschärfte die Lage weiter. Die Inflation ist enorm. Viele Libanesen wissen kaum noch, wie sie ihre Familien ernähren sollen. Die Explosion treibt das Land endgültig an den Rand des Abgrunds.

Viele Libanesen machen zudem die Regierung für die gewaltige Explosion verantwortlich. Offenbar lagerten über Jahre große Mengen der hochexplosiven Chemikalie Ammoniumnitrat ohne Sicherheitsvorkehrungen im Hafen. Dies soll die gewaltige Explosion verursacht haben. Warnungen wurden Berichten zufolge ignoriert. Am Freitagabend ordnete ein Richter die Festnahme von drei leitenden Hafen-Mitarbeitern an, darunter der Direktor und der Chef des Zolls.

Regierung lässt Bürger beim Aufräumen allein

Bei den Aufräumarbeiten nach der Explosionskatastrophe sind indes viele Libanesen auf sich allein gestellt. Während sie sich von der Regierung im Stich gelassen fühlen, zeigen sie untereinander große Solidarität. In den stark zerstörten Vierteln rund um den Hafen waren auch am Samstag Dutzende freiwillige Helfer im Einsatz.

Im Hafen gingen die Bergungsarbeiten am Ort der Katastrophe weiter. Rettungshelfer bargen 25 Leichen aus den Trümmern. Ihre Identität sei zunächst unklar, sagte ein Sprecher des Gesundheitsministeriums. Ihm zufolge werden noch immer rund 45 Menschen vermisst - überwiegend Hafenarbeiter.

Am Hafen und den umliegenden Vierteln bringen Freiwillige Essen und Getränke, um die Aufräumarbeiten zu unterstützen. Wie der junge Pfadfinder Alessio Zughaib, der an einem Tisch vor einem Krankenhaus Wasser und Äpfel verteilt. "Wir, die Menschen des Libanons, schaffen den Schutt weg, nicht die Regierung."

Am Sonntag wollen Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und die Vereinten Nationen gemeinsam eine Geberkonferenz für den Libanon ausrichten. Auch US-Präsident Donald Trump kündigte seine Teilnahme an der Videokonferenz an, die Gelder für den Wiederaufbau von Beirut sammeln soll. Deutschland wird von Bundesaußenminister Heiko Maas vertreten.

mfh/dpa/Reuters
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