Mega-Explosion im Libanon So kam das Ammoniumnitrat in den Hafen von Beirut

Hat Ammoniumnitrat die Explosionen in Beirut ausgelöst? Nach SPIEGEL-Informationen lagerten bereits seit 2015 große Mengen der Chemikalie in einer kaum gesicherten Halle. Anträge, die gefährliche Fracht wegzubringen, wurden ignoriert.
Zerstörte Gebäude nach der Explosion im Hafen von Beirut

Zerstörte Gebäude nach der Explosion im Hafen von Beirut

Foto: -/ AFP

Noch ist nicht bekannt, was der Auslöser der furchtbarsten Explosion war, die Libanons Hauptstadt Beirut je erschüttert hat. Weder was den ersten Brand verursachte, noch was die Serie kleinerer Explosionen in Lagerhaus 12 des Hafens von Beirut auslöste. Doch zur Ursache der folgenden Megadetonation um 18.08 Uhr Ortszeit, die Tausende verletzte, mehr als hundert Menschen tötete und bis nach Zypern spürbar war, kommen immer mehr Details ans Licht. Sie erlauben mittlerweile eine belastbare Rekonstruktion.

Noch am Dienstagabend erklärte der Chef der libanesischen Zollverwaltung, Badri Daher, dass "Tonnen von Nitrat" explodiert seien. Was er nicht erklärte: warum die Ladung jahrelang in wenigen hundert Metern Entfernung zum Stadtzentrum gelagert wurde.

Bereits im Oktober 2013 war der unter moldawischer Flagge fahrende Frachter "Rhosus" mit 2750 Tonnen des hochexplosiven Stoffs Ammoniumnitrat auf dem Weg von Georgien nach Mosambik im Mittelmeer unterwegs gewesen. Der Stoff wird zur Herstellung von Düngemitteln und Sprengstoff genutzt. 

Die "schwimmende Bombe"

Vermutlich wegen eines Maschinenschadens hatte die "Rhosus" den Hafen von Beirut angelaufen. Ausweislich eines Berichts des Monitordienstes FleetMon vom Juli 2014 war das Schiff anschließend in Beirut festgesetzt worden. Die vierköpfige Besatzung, ein Russe, drei Ukrainer, durften das Schiff nicht verlassen. Niemand fühlte sich verantwortlich, die "schwimmende Bombe" wieder flottzumachen: Der Besitzer, ein Russe mit Wohnsitz auf Zypern, "kommuniziert nicht, schickt keine Gehälter, keine Unterstützung", so FleetMon damals. Der Besitzer der Ladung habe sie als aufgegeben gemeldet. Aber auch die libanesischen Behörden unternahmen nichts, um der "Rhosus" das Verlassen des Hafens wieder zu ermöglichen. Nach einem längeren Rechtsstreit durfte die Crew ausreisen, das Schicksal des Schiffes ist unbekannt.

Die Ladung wurde 2015 an Land gebracht: in jene Lagerhalle 12, die Dienstag erst in Brand geriet, dann zum Epizentrum jener gewaltigen Explosion wurde. Die Halle war nicht besonders gesichert oder klimatisiert, wie das Sicherheitsstandards zur Lagerung von Ammoniumnitrat in anderen Ländern vorsehen. 

Warum wurde die Ladung nicht an einen anderen Ort gebracht? Ein undatierter Aktenvermerk - mutmaßlich von der Hafenbehörde - führt auf, dass es 2014, 2015, 2016 und 2017 Anträge gegeben habe, die hochgefährliche Fracht aus dem Hafengelände herauszuschaffen, sie "entweder an den Entsender zurückzuschicken oder die notwendigen Schritte einzuleiten, sie an eine auf Sprengstoffe spezialisierte libanesische Firma verkaufen zu können". 

Nichts davon geschah. Bis es zu spät war. 

Das Ausmaß der Verwüstungen ist bislang noch nicht gänzlich absehbar: Zwar sind nur wenige Gebäude gänzlich eingestürzt. Aber in mehreren Kilometern Umkreis zerschmetterte die Druckwelle Fenster, Fassaden, Inneneinrichtungen, was die enorme Zahl von Verletzten erklärt. 

DER SPIEGEL

Die Katastrophe hat das Land im Moment der ohnehin schwersten Wirtschafts- und Finanzkrise seiner Geschichte getroffen . Schon zuvor arbeiteten die Krankenhäuser am Rand ihrer Kapazitäten, da sie komplett von medizinischen Importgütern abhängig sind. Durch den Währungsabsturz haben sich die Preise vervielfacht, oder medizinisches Material kommt schlicht gar nicht mehr ins Land. Jetzt sind mehrere der großen Kliniken schwer beschädigt, manche verweigerten Dienstagabend Verletzten den Zutritt auch aus Furcht um die Statik der Gebäude. 

Dass die Explosion zudem den größten Getreidespeicher des Landes zerstört hat, wird die angespannte Versorgungslage weiter verschärfen. Dass der Libanon unter einer steigenden Zahl von Corona-Infektionen leidet, spielt da im Moment kaum eine Rolle. 

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