Flüchtlings-Not im Libanon Wael, elf Jahre, Müllsucher

Immer mehr Syrer im Libanon leben vom Abfallsammeln, darunter viele Kinder. Dabei gibt es längst Recycling-Konzepte zur Unterstützung der Ärmsten.
Aus Beirut berichten Thore Schröder und Maria Klenner (Fotos)
Der elfjährige syrische Geflüchtete Wael sucht in einem Müllcontainer in Beirut nach verwertbarem Abfall wie Plastik, Papier und Dosen

Der elfjährige syrische Geflüchtete Wael sucht in einem Müllcontainer in Beirut nach verwertbarem Abfall wie Plastik, Papier und Dosen

Foto: Maria Klenner / DER SPIEGEL
Globale Gesellschaft

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Wael war neun Jahre alt, als er das erste Mal im Müll wühlte, um seine Familie zu ernähren. Heute, zwei Jahre später, hat er im Sammeln von Abfall Routine. Wenn seine Arme zu kurz sind, um die Tüten zu erreichen, stützt er seine Hüfte auf den Rand des Containers und kippt den Vorderkörper vornüber. Es sieht dann aus, als würde Wael abtauchen im Müll.

Der Elfjährige ist noch ein kleiner Junge, 1,20 Meter groß, doch seine Kindheit ist längst vorüber. Vor fünf Jahren hat sein Vater Hussein die Familie in den Libanon geholt.

Damals herrschte in ihrem Dorf in der Wüste Ostsyriens Krieg. Der »Islamische Staat« (IS) kontrollierte das Gebiet, die internationale Anti-IS-Koalition und das Assad-Regime warfen Bomben. »Auch unser Haus wurde getroffen«, sagt Wael und blickt mit seinen großen dunkelbraunen Augen ins Leere.

Müllsuchen zum Überleben: die syrischen Geflüchteten Wael, Saleh, Suleiman und Mohammed (v.l.n.r.) auf einer ungenutzten Fläche in der Beiruter Innenstadt

Müllsuchen zum Überleben: die syrischen Geflüchteten Wael, Saleh, Suleiman und Mohammed (v.l.n.r.) auf einer ungenutzten Fläche in der Beiruter Innenstadt

Foto: Maria Klenner / DER SPIEGEL

In Syrien ist noch immer kein Frieden, und im Libanon ist erst die Wirtschaft kollabiert, dann kam die Pandemie. »Früher habe ich im Hafen gearbeitet oder mal auf einer Baustelle«, sagt Hussein Hassoud, »doch diese Jobs gibt es nicht mehr.« Der 50-Jährige hat sechs Kinder. Seine Frau, drei Töchter und das Baby leben in einem Zeltlager in der Bekaa-Ebene, Wael und sein 18-jähriger Bruder Alaa helfen dem Vater in Beirut beim Sammeln von Glas, Altmetall oder Dosen, die sie dann an Händler in ihrem Viertel verkaufen.

»Wir haben die Hilfszahlungen an geflüchtete Syrer in den vergangenen Monaten noch einmal stark ausgeweitet, aber es ist einfach noch immer deutlich zu wenig«, sagt Lisa Abou Khaled vom Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) über die nun schon seit eineinhalb Jahren dauernde Wirtschaftskrise, in der die libanesische Währung mehr als 80 Prozent ihres Werts verloren hat. In der Folge leben mittlerweile rund 90 Prozent der mehr als eine Million syrischen Geflüchteten im Land in extremer Armut.

Wael sitzt am frühen Morgen auf der Schwelle seines Schlafzimmers, das er sich mit seinem Vater (M.) und anderen Geflüchteten teilt und zieht seine Schuhe an

Wael sitzt am frühen Morgen auf der Schwelle seines Schlafzimmers, das er sich mit seinem Vater (M.) und anderen Geflüchteten teilt und zieht seine Schuhe an

Foto: Maria Klenner / DER SPIEGEL

»Kinderarbeit hat es im Libanon schon lange vor der Pandemie, der Explosion in Beirut und der sich verschärfenden Wirtschaftskrise gegeben. Doch jetzt stellen wir fest, dass immer mehr Kinder unter immer schlechteren Bedingungen mehr und länger arbeiten müssen«, sagt Abou Khaled von UNHCR.

Verheerend ist meist auch ihre Unterbringung. Gemeinsam mit Vater, Bruder und fünf anderen jungen Männern aus Syrien bewohnt Wael ein Zimmer in einem Haus, in dem Fenster und Türen fehlen. Das Gebäude im Beiruter Stadtteil Basta ist seit dem Bürgerkrieg verlassen, aus der Fassade wächst ein Baum, von den Decken tropft Wasser, eine Dusche für die mehr als hundert syrischen Mieter gibt es nicht.

Waels Tag beginnt morgens um sieben. Seine einst himmelblaue Jacke ist schwarz-grau vor Dreck, in seine Nike-Turnschuhe schlüpft er ohne Socken. In der Nacht hat es geregnet. Der Elfjährige zieht los, blickt routiniert in die Container, greift die obenauf liegenden Tüten, leert sie aus und sammelt, was sie verkaufen können. Gerade hat er drei alte Parfumflaschen gefunden, dafür zahlen die Händler extra, weil die Flakons wieder befüllt werden können.

Am Abend treffen sich die Jungen auf einer Brache, um den Rest zu sortieren. Sie trennen durchsichtiges von mattem dickerem Plastik, beim Altmetall Kupferkabel, Teile von Motoren und Aluminiumgebinde.

»Früher haben wir manchmal 50.000 Lira am Tag verdient«, sagt der 21-jährige Hamed, »jetzt im Lockdown ist es nicht mal die Hälfte.« Nach neuestem Wechselkurs rund drei Dollar für zehn Stunden Wühlen im Dreck, vollkommen schutzlos. Waels Vater zuckt mit den Schultern: »Wir können uns doch nicht jeden Tag neue Masken und Handschuhe leisten.«

Rund drei Dollar für zehn Stunden Wühlen im Dreck: Wael hat eine ungeöffnete Spielzeugverpackung gefunden

Rund drei Dollar für zehn Stunden Wühlen im Dreck: Wael hat eine ungeöffnete Spielzeugverpackung gefunden

Foto: Maria Klenner / DER SPIEGEL

Im Beirut boomt das informelle Geschäft mit dem Müll, weil bestimmte Wertstoffe ins Ausland verkauft werden und dafür harte Währung gezahlt wird. Ein syrischer Mann, der selbst Abfall transportiert, berichtet: »Das Business ist in Bezirke und Arbeiterklassen aufgeteilt: Die unterste Gruppe bilden die Kinder und Jugendlichen, dann gibt es diejenigen, die den Müll mit Karren von ihnen abholen und schließlich die Besitzer der Sammelplätze.« Am Ende landen alle Wertstoffe in einer zentralen Presse, deren Besitzer aus der Dahiyye kommen, den südlichen Vororten, in denen die Schiiten-Milizen Hisbollah und Amal regieren.

Am strukturellen Müllproblem des Landes ändert das informelle Abfallbusiness wenig. Bereits 2015 hatten sich in Beirut die Massen erhoben, weil die Stadt wortwörtlich an ihrem Unrat zu ersticken drohte. Die für ihre Korruption und Vetternwirtschaft berüchtigten Politiker hatten es über Jahre versäumt, Ersatz für eine längst überfüllte Deponie zu organisieren. Über mehrere heiße Sommerwochen stapelte sich der stinkende Abfall auf den Straßen der Hauptstadt.

Wael ist noch ein Kind, manchmal muss er fast in den Müllcontainern verschwinden, um den Abfall zu durchwühlen

Wael ist noch ein Kind, manchmal muss er fast in den Müllcontainern verschwinden, um den Abfall zu durchwühlen

Foto: Maria Klenner / DER SPIEGEL

»Ich war damals zu Besuch aus Mosambik«, erzählt Georges Bitar, 33, der in Afrika als Privatbanker gearbeitet hatte. Schockiert von den Zuständen in seiner Heimat wollte er anfangen zu recyceln, doch es ließ sich kein Anbieter finden. »Deswegen habe ich kurzerhand über Uber einen Abholdienst organisiert, das lief für drei Wochen. Danach haben wir die App entwickelt.«

In Kooperation mit einer anderen NGO entstand Live Love Recycle. Das Prinzip ist einfach: Die Nutzer der App können Wertstoffsäcke bei sich abholen lassen, kostenlos, so viele und so oft sie wollen. »Mittlerweile nutzen rund 35.000 Menschen unsere App, das Volumen der recycelten Stoffe wächst monatlich um zwölf Prozent«, sagt Bitar.

Georges Bitar, Sozialunternehmer und Gründer von Live Love Recycle, in der neuen Hauptlagerhalle seines Unternehmens neben Stapeln von gepressten Wertstoffen wie Plastik und Metall

Georges Bitar, Sozialunternehmer und Gründer von Live Love Recycle, in der neuen Hauptlagerhalle seines Unternehmens neben Stapeln von gepressten Wertstoffen wie Plastik und Metall

Foto: Maria Klenner / DER SPIEGEL

2018 bekam seine Organisation ein Darlehen des deutschen Entwicklungsministeriums, konnte damit unter anderem 36 Geflüchtete anstellen. Die zentrale Sammelstelle von Live Love Recycle ist inzwischen in den Beiruter Vorort Mansouriyye gezogen. Lastwagen bringen die Säcke von mehreren Stationen in der Stadt und im Umland in die 2000 Quadratmeter große Tiefgarage zum Sortieren und Pressen. Die Wertstoffblöcke werden dann an libanesische Recyclingfirmen verkauft.

Doch bei allem Erfolg, sagt Georges Bitar, ginge da noch viel mehr: »Seit 2018 haben wir insgesamt 3000 Tonnen gesammelt, das ist gerade einmal die Hälfte der Müllmenge, die im Libanon täglich anfällt. Das Potenzial ist gewaltig.« Und noch immer würden 90 Prozent des Mülls im Meer landen, erzählt er über die Deponien, die seit den Neunzigerjahren unmittelbar an der Küste entstanden sind, dort die Gewässer verschmutzen und damit zum Beispiel den Fischfang zunehmend erschweren.

In der neuen Hauptlagerhalle der libanesischen Recyclingfirma Live Love Recycle entleeren die Arbeiter Müllsäcke voller Plastik, Papier und Metall

In der neuen Hauptlagerhalle der libanesischen Recyclingfirma Live Love Recycle entleeren die Arbeiter Müllsäcke voller Plastik, Papier und Metall

Foto: Maria Klenner / DER SPIEGEL

In einer halbwegs geregelten Recyclingbranche dagegen könnten im Zedernstaat schnell viele neue Arbeitsplätze entstehen, auch und besonders für geflüchtete Menschen aus Syrien.

Bachar Zarkan ist seit zwei Wochen bei Live Love Recycle angestellt. Mit seinem eigenen Mofa, über das er einen Regenschutz gespannt hat, bringt er die Säcke der App-Nutzer zu den Sammelstellen im Osten Beiruts. Er bekommt dafür rund 130 Dollar im Monat, in Inflationszeiten ein vergleichsweise gutes Gehalt.

Bachar Zarkan verdient jetzt 130 Dollar im Monat, ein vergleichsweise gutes Gehalt in diesen Zeiten im Libanon

Bachar Zarkan verdient jetzt 130 Dollar im Monat, ein vergleichsweise gutes Gehalt in diesen Zeiten im Libanon

Foto: Maria Klenner / DER SPIEGEL

»Davor habe ich eineinhalb Jahre zu Hause gesessen«, sagt Zarkan, der 2016 als 16-Jähriger aus Damaskus geflohen ist. Er habe es überall probiert, aber es gab einfach keine Jobs mehr in Beirut. »Am Ende«, sagt Bachar Zarkan, »wäre mir wohl auch keine andere Wahl mehr geblieben, als im Müll zu wühlen.«

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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