Junge Menschen in Beirut "Niemand im Libanon macht mehr Pläne"

Eine massive Wirtschaftskrise, zuletzt die verheerende Explosion im Hafen von Beirut - viele junge Libanesen wollen nur noch eines: weg. Der deutsch-libanesische Autor Pierre Jarawan über die "verlorene Generation".
Ein Interview von Maria Stöhr
Eine Libanesin protestiert im Oktober in Beirut. Vor einem Jahr gingen noch Hunderttausende auf die Demos, heute wollen viele das Land verlassen

Eine Libanesin protestiert im Oktober in Beirut. Vor einem Jahr gingen noch Hunderttausende auf die Demos, heute wollen viele das Land verlassen

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ANWAR AMRO / AFP

Globale Gesellschaft

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Das Schlimmste an einer Verletzung ist oft nicht der Schmerz, sondern die Narbe, die hinterher an ihn erinnert, immer und immer wieder. Es gibt eine Szene im Buch des Autors Pierre Jarawan, sie spielt in Beirut in den Neunzigerjahren, der Bürgerkrieg ist gerade vorbei. 15 Jahre waren seit seinem Beginn 1975 bis zum Ende 1990 vergangen. Eine Menge Zeit für Verbrechen und Verletzungen. Und in dieser Szene heißt es:

Der Krieg war vorbei. Amnestiegesetze unterschrieben. Bagger rückten an und verbannten das Geschehene nach und nach aus dem Stadtbild.

Trümmer, die Narben einer Stadt.

Autor Jarawan porträtiert in "Ein Lied für die Vermissten" die Generation nach dem Bürgerkrieg, Frauen und Männer, heute zwischen 30 und 40 Jahre alt. Sie erinnern sich noch an die Trümmer von damals, und die Krisen und die Kriege, die folgten.

Zur Person
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Marvin Ruppert

Pierre Jarawan wurde 1985 in Jordanien geboren, nachdem seine Eltern vor dem Bürgerkrieg im Libanon geflohen waren. Er hat einen libanesischen Vater und eine deutsche Mutter. Mit drei Jahren kam er nach Deutschland, heute lebt er in München. Sein Debüt "Am Ende bleiben die Zedern" aus dem Jahr 2016 wurde ein internationaler Bestseller. Im März 2020 erschien sein zweiter Roman, "Ein Lied für die Vermissten". Es geht um 17.000 Libanesen, die seit Ende des Bürgerkrieges vermisst werden, und darum, was das Schweigen mit der Gesellschaft macht.

Eine Generation, über die man sich im Ausland gern erzählt, dass sie feiern könne, als gäbe es kein Morgen, dort in den Partyvierteln von Beirut, in Gemmayze oder Mar Mikhael. Dabei, sagt Jarawan, rechnen die Leute im Libanon immer damit, dass es für sie vielleicht kein Morgen gibt.

Nun liegt das Land wieder in Trümmern, wegen einer massiven Wirtschaftskrise und spätestens seit Anfang August 2750 Tonnen Ammoniumnitrat im Hafen von Beirut explodierten. Als Hunderte starben und die Wohnungen und Häuser von Hunderttausenden zerbarsten.

SPIEGEL: Herr Jarawan, als die Katastrophe  im Beiruter Hafen passierte, haben Sie geschrieben: "Jeder Mensch über 30 im Libanon weiß, was im Fall einer Explosion zu tun ist." Was meinen Sie damit?

Jarawan: In der Erkenntnis steckt ja eine Tragödie. Explosionen und Feuergefechte lösen bei den Menschen leider automatisierte Abläufe aus. Wer den Bürgerkrieg erlebt hat, erinnert sich, was dann zu tun ist. Aber auch die Jüngeren wissen das, sie haben den Julikrieg 2006 erlebt. Der Libanon ist auch in der Zeit nach dem Bürgerkrieg nie zur Ruhe gekommen.

SPIEGEL: In Ihrem Buch sagt ein Schulmädchen kurz nach dem Bürgerkrieg: "Wir sind alle hundert Jahre alt." Was haben die Krisen im Libanon mit den Menschen gemacht, gerade mit den jungen?

Jarawan: Man spricht von der "verlorenen Generation". Manche haben ihre gesamte Kindheit über nichts anderes als Krieg gekannt. Diese Generation hat anschließend nie wirklich Fuß gefasst. Sie war überfordert vom Frieden. Traumatisiert. Und aktuell, nach der Explosion in Beirut, gibt es wieder um die 80.000 Kinder, die dringend psychologische Hilfe bräuchten, aber nicht bekommen.

Trauernde nach der Explosionskatastrophe in Beirut Anfang August

Trauernde nach der Explosionskatastrophe in Beirut Anfang August

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Hassan Ammar / AP

SPIEGEL: Warum wurde der Krieg nie aufgearbeitet im Libanon?

Jarawan: Einmal, weil diejenigen, die für Massaker und Kriegsverbrechen verantwortlich waren, nach dem Krieg an die Macht kamen und sich Dank eines Amnestiegesetzes problemlos dort halten konnten. Aber auch, weil man es im Libanon mit 18 verschiedenen Religionsgruppen zu tun hat. Das heißt: mit 18 verschiedenen Versionen von Geschichte und Vergangenheit. Es gibt bis heute kein Geschichtsbuch für den Schulunterricht, das die Jahre des Bürgerkriegs abdeckt. Weil man sich bis heute auf keine Geschichte einigen kann. Christen, Sunniten, Schiiten, Alawiten, Drusen, sie alle pflegen ihre eigenen Opfer- und Tätergeschichten.

Am Anfang war die Verdrängung sicher ein wichtiger Reflex, um überhaupt weitermachen zu können. Doch später hätte dringend eine Aufarbeitung folgen müssen, und das ist nie passiert.

SPIEGEL: Im vergangenen Jahr haben viele Libanesinnen und Libanesen ihr Schweigen gebrochen. Sie gingen zu Hunderttausenden auf die Straßen. Was war passiert?

Jarawan: Es gab verschiedene Auslöser, die zusammenkamen: verheerende Waldbrände, die von der Regierung ignoriert wurden. Eine Steuer, die auf WhatsApp-Anrufe erlassen werden sollte. Viele Leute haben erkannt, dass die Machtelite sich nicht um die Bevölkerung schert. Denn schon 2019 - vor der Explosion in Beirut - war die Lage im Land katastrophal, schon da dachte man, schlimmer geht es nicht. Es gab eine Währungskrise, Leute kamen nicht mehr an ihr Geld. Die Armut stieg an und erfasste selbst die Mittelschicht. Das alles trieb die Leute auf die Straße.

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Jarawan, Pierre

Ein Lied für die Vermissten: Roman

Verlag: Berlin Verlag
Seitenzahl: 464
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Preisabfragezeitpunkt

28.01.2023 20.50 Uhr

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SPIEGEL: Dann kam das Jahr 2020, eine Pandemie, der das Land nichts entgegenzusetzen hat - und schließlich die Katastrophe im Beiruter Hafen. Auf die Straße geht aber kaum noch jemand.

Jarawan: Möglicherweise war die Explosion der eine Nackenschlag zu viel. 300.000 Menschen wurden innerhalb von Sekunden obdachlos. In Relation ist das, wie wenn in Deutschland 4 Millionen Menschen - ganz Berlin und Umland - ihr Zuhause verlören. Jetzt gerade geht es für die Bevölkerung schlicht darum, zu überleben, das Essen auf den Tisch zu kriegen. Für die Libanesen war schon immer vieles vorstellbar, auch Gewalt, aber diese Explosion hat selbst diejenigen aus der Bahn geworfen, die glaubten, bereits alles erlebt zu haben.

SPIEGEL: Sie haben Verwandte im Libanon. Worüber sprechen Sie mit ihnen?

Jarawan: Mein Cousin ist 25, er sagt, er will das Land verlassen. Mehr als die Hälfte der Libanesen wird zum Jahresende hin voraussichtlich unter der Armutsgrenze leben. Wer jung ist, hat kaum Chancen auf einen Job, auf Bildung. Seit Jahren ist es schon so, dass Väter etwa in die Emirate gehen, Geld verdienen und es zurückschicken, damit das Kind studieren kann. Um dann mit der Bildung das Land zu verlassen. Die libanesische Diaspora ist riesig, die Landsleute leben in Kanada, Brasilien, Deutschland. Dorthin wollen auch die Jungen, die noch im Libanon sind.

Was früher schon galt, gilt jetzt umso mehr: Niemand im Libanon macht mehr Pläne. Man stellt sich unmittelbare Fragen, man improvisiert - und das kann bedeuten, von heute auf morgen die Tasche zu packen. Schon jetzt besteigen viele Libanesen Flüchtlingsboote Richtung Zypern, sie wollen nur weg.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

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