Libyen Der Corona-Krieg

Während die Menschheit sich vor dem Coronavirus schützen will, kämpfen Libyens Konfliktparteien umso heftiger - befeuert von fünf fremden Staaten, die hier den Weltkrieg mit Drohnen und Söldnern testen wollen.
Von Mirco Keilberth und Christoph Reuter, Hamburg und Tunis
Töten nur mit Schutz: Milizionär der Hauptstadtregierung vor Tripolis

Töten nur mit Schutz: Milizionär der Hauptstadtregierung vor Tripolis

Foto: Amru Salahuddien/ dpa

Viele der Männer, die durch das Steppengelände südlich der libyschen Hauptstadt Tripolis stürmen, tragen Atemschutzmasken. Vorbildlich in Zeiten von Corona, schützt die Maske doch den Träger und mehr noch alle anderen, falls der Träger selbst infiziert sein sollte. 

Nur dass diese Männer jene auf der gegenüberliegenden Frontlinie nicht schützen wollen. Sondern umbringen. Seit zwei Wochen, seit der Rest der Welt versucht, sich in Isolation zurückzuziehen, um die Ausbreitung des Coronavirus zu bremsen, greifen die beiden Parteien in Libyens Bürgerkrieg einander umso heftiger an.

Was vor einem Jahr begann mit der Offensive des Ex-Generals und Warlords Khalifa Haftar und seiner "Nationalarmee" gegen den von der Uno und EU anerkannten Präsidenten Fayez Sarraj und seine "Einheitsregierung", reißt Libyen immer tiefer in den Abgrund.

Aber dies ist längst kein libyscher Konflikt mehr, sondern ein kaum mehr verhüllter Weltkrieg , in dem die Verbündeten beider Seiten ihren Machtbereich mit Kampfdrohnen, Jets, Söldnern und weitreichender Artillerie ausweiten wollen.

Alle Artikel zum Coronavirus

Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Dabei unterlaufen sie sämtliche Vermittlungsversuche der Uno und das Abkommen der Berliner Friedenskonferenz vom Januar, mit einer Kaltschnäuzigkeit, als wollten sie aller Welt vorführen, wie die neue, globale Ordnung nach dem weitgehenden Rückzug der USA ausgehandelt wird: mit Waffengewalt.  

Davon abbringen lassen sie sich nicht einmal durch die Corona-Pandemie, im Gegenteil. Zwar haben beide libyschen Machthaber für die Bevölkerung ihrer Städte weitgehende Quarantäne verhängt. Aber an den Frontlinien wird so heftig gekämpft wie lange nicht mehr:

  • Am 25. März griffen die Tripolis-Milizen eine Luftwaffenbasis Haftars südlich von Tripolis an.

  • In der Gegenoffensive nahmen dessen Truppen mehrere Kleinstädte im Westen ein, drohen mittlerweile, die Grenze zu Tunesien komplett einzunehmen.

  • Tripolis liegt unter Feuer von Haftars weitreichender Artillerie, er ließ überdies das Gros der Ölproduktion lahmlegen, deren Einnahmen beiden Parteien zukommen.

  • Am Sonntagmorgen traf die Rakete einer türkischen Drohne ein gerade gelandetes Antonow-32-Transportflugzeug auf der Landebahn von Haftars logistischem Drehkreuz Tarhuna, wobei russische Söldner ums Leben gekommen sein sollen. 

Die ausländischen Diplomaten in Tripolis sind alle nach Tunis evakuiert worden. Der hoch angesehene Uno-Sonderbotschafter Ghassan Salamé hat schon Anfang März verbittert seinen Rücktritt eingereicht. Wann, wenn nicht jetzt, scheint die Devise der Kombattanten zu sein. 

Coronavirus, Covid-19, Sars-CoV-2? Was die Bezeichnungen bedeuten.

Coronavirus: Coronaviren sind eine Virusfamilie, zu der auch das derzeit weltweit grassierende Virus Sars-CoV-2 gehört. Da es anfangs keinen Namen trug, sprach man in den ersten Wochen vom "neuartigen Coronavirus".

Sars-CoV-2: Die WHO gab dem neuartigen Coronavirus den Namen "Sars-CoV-2" ("Severe Acute Respiratory Syndrome"-Coronavirus-2). Mit der Bezeichnung ist das Virus gemeint, das Symptome verursachen kann, aber nicht muss.

Covid-19: Die durch Sars-CoV-2 ausgelöste Atemwegskrankheit wurde "Covid-19" (Coronavirus-Disease-2019) genannt. Covid-19-Patienten sind dementsprechend Menschen, die das Virus Sars-CoV-2 in sich tragen und Symptome zeigen.

Die treibenden Kräfte sind die libyschen Fraktionen, vielfach gespalten entlang wechselnder Stammesallianzen West- und Ostlibyens sowie der Gewinner und Verlierer der Revolution von 2011. Doch sie könnten sich einen solchen Krieg gar nicht leisten. Den Treibstoff der Zerstörung liefern die militärischen Verbündeten:

  • Haftar hat die Vereinigten Arabischen Emirate, Saudi-Arabien, Russland und Ägypten an seiner Seite,

  • Sarraj die Türkei und Katar.

Es ist ein komplizierter Machtkampf in einem fremden Land:

  • Allein die Vereinigten Arabischen Emirate haben ausweislich der Flugdatenverfolgung zwischen Mitte Januar und Mitte Februar 89 Versorgungsflüge vor allem mit Kriegsmaterial für Haftars Truppen unternommen, überdies etwa 3000 Söldner aus dem Sudan angeheuert.

  • Moskau hat Syrer aus dem Herrschaftsgebiet des Assad-Regimes sowie 600 russische Söldner eingeflogen - und dies umgehend dementiert.

  • Die Türkei hat neben 200 bis 500 eigenen Soldaten ebenfalls mehr als 2000 Syrer angeheuert.

Die Folge: Nun stehen sich syrische Kämpfer aus verschiedenen Orten der Provinz Aleppo an Libyens Frontlinien gegenüber. 

Die wichtigsten Hygieneregeln
  • Drehen Sie sich am besten weg, wenn Sie husten oder niesen müssen! Mindestens ein Meter Abstand sollte zwischen Ihnen und anderen Personen sein.

  • Ein Papiertaschentuch bitte nur einmal benutzen! Entsorgen Sie es anschließend in einem Mülleimer mit Deckel.

  • Halten Sie sich beim Husten und Niesen die Armbeuge vor Mund und Nase, wenn gerade kein Taschentuch zur Hand ist.

  • Wichtig: Waschen Sie sich nach dem Naseputzen, Niesen oder Husten gründlich die Hände, entweder mit einem Desinfektionsmittel auf Alkoholbasis oder mit Wasser und Seife.

Quelle: WHO, Gesundheitsministerium

In der Luft hingegen findet "der größte Drohnenkrieg der Welt statt", wie es der Uno-Sonderbotschafter Salamé vor seinem Rücktritt konstatierte:

  • Die Vereinigten Arabischen Emirate haben Haftar mit chinesischen Wing-Loong-Drohnen versorgt,

  • die Türken setzen die hochmodernen Bayraktar-Kampfdrohnen aus der Firma von Erdoğans Schwiegersohn ein.

Beides ist preiswerter für Leben und Material der eigenen Streitkräfte, aber verheerend für Libyens Bevölkerung. Das klingt zynisch, und genau so operieren die Verbündeten. Denn all diese Lieferungen finden weiterhin statt, nachdem alle Beteiligten im Januar zum Berliner Friedensgipfel gekommen waren und das Ende des Krieges versprochen hatten.

Der mit großem Einsatz Angela Merkels monatelang vorbereitete Gipfel zeigte das Bemühen Deutschlands, Europas und leider ebenso deutlich dessen Grenzen. Schon damals warnten Skeptiker: Das politische Ziel werde sich mit politischen Mitteln nicht durchsetzen lassen. Werde der Waffennachschub nicht auf allen Wegen gestoppt, seien die hehren Worte wertlos. 

So kam es dann auch: Ohne es groß geheim zu halten, machen alle einfach weiter. Die stellvertretende Uno-Sonderbotschafterin Stephanie Williams nannte das Waffenembargo ihrer eigenen Organisation unlängst "einen Witz". 

Nicht eben hilfreich ist, dass selbst Europas Kernstaaten gespalten sind:

  • Italiens Ölkonzern Eni hat Verträge mit Sarrajs Regierung abgeschlossen,

  • Frankreich kooperiert diskret mit Haftar.

Was erklären dürfte, warum im Juni 2019 Panzerabwehrraketen aus französischen Beständen in einem Lager von Haftars Milizen gefunden wurden. Paris leugnete damals die Weitergabe: Die Raketen habe ein französisches Antiterrorkontingent nur zum Selbstschutz auf einer Aufklärungsmission dabeigehabt.

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Am 1. April nun wurde die neue EU-Marinemission "Irini" beschlossen, deren erklärtes Ziel das Unterbinden des Waffenschmuggels sein soll. Der Weg zur Einigung war schon schwierig, da die Schiffe der vorherigen Mission "Sophia" weniger auf Waffenlieferungen als auf Flüchtlingsboote gestoßen waren, deren Insassen in Europa niemand mehr aufnehmen mochte.

Eine Mission des Friedens, was "Irini" auf Griechisch bedeutet, wird es ohnehin kaum werden, da nur Sarrajs Regierung auf Seelieferungen angewiesen ist. Haftar wird bequem aus der Luft und via Ägypten versorgt. 

Aber selbst für diese karge Symbolvariante einer Mission mochte Deutschland sich mit keinem Schiff beteiligen. Die Regierung, die sich vor zwei Monaten noch für den Durchbruch zum Frieden feiern ließ, schickt ein Flugzeug, einen der betagten Seefernaufklärer vom Typ P-3C Orion. Der kann zwar nicht erkennen, ob ein Schiff Waffen oder Weizen geladen hat. Aber er kann auch keine Flüchtlinge aufnehmen.

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