Militäreinsätze in der Sahelzone Ein »Desaster« in Libyen, »erfolglos« in Mali

Das Engagement von Deutschland und Frankreich in Mali und Libyen verschlimmert die Situation vor Ort. Das ist der Befund einer Studie des Berliner Thinktanks Stiftung Wissenschaft und Politik.
Französische Soldaten in Mali: Auf den falschen Partner gesetzt

Französische Soldaten in Mali: Auf den falschen Partner gesetzt

Foto:

Benoit Tessier/ REUTERS

In Mali werden 20 Blauhelme verletzt, als Milizen sie unter Beschuss nehmen, in Niger sterben sieben Wahlhelfer durch eine Landmine, im Tripolis feuern Attentäter auf den Konvoi des Innenministers, der mit knapper Not entkommt – es waren ganz normale zwei Wochen in der Sahara und in Libyen.

Seit zehn Jahren schon rutschen Libyen, Mali, Niger und Burkina Faso scheinbar unaufhaltsam immer tiefer ins Chaos. »Sahelistan« wird der südliche Teil der Region genannt, eine Brutstätte des Terrors, ein Paradies für Schmuggler, ein Schlachtfeld rivalisierender Milizen und Volksgruppen. Das Mittelmeer trennt die Europäische Union von Anarchie und Gewalt.

Frankreich und Deutschland sind in der Region diplomatisch aktiv, ihre Soldaten stehen in Westafrika. Doch stellt eine Studie des Berliner Thinktanks Stiftung Wissenschaft und Politik  diesem Engagement jetzt ein schlechtes Zeugnis aus: Es sei ein »Desaster« in Libyen und »erfolglos« in Mali. Während sich Bundeswehrsoldaten vor allem hinter die Sandsäcke im Camp Castor in Mali duckten, setzen französische Militärs auf die falschen Verbündeten, stellt Autor Wolfram Lacher fest.

»Sahelistan« ist eine Brutstätte des Terrors

2011 wurde Libyens Herrscher Muammar al-Gaddafi gestürzt, und sein Land versank im Bürgerkrieg, 2012 putschten sich Militärs im malischen Bamako vorübergehend an die Macht, während vom Norden her islamistische Rebellen anrückten. Französische Truppen griffen ein und schlugen sie zurück. Blauhelme sind seit 2013 vor Ort, darunter auch um die 1000 Deutsche, dazu Entwicklungshelfer. Paris hat zusätzlich Spezialeinheiten geschickt, die Terroristen jagen.

Aber genützt hat das bisher nichts: Mehrere Tausend Zivilisten werden jedes Jahr in der Sahelzone massakriert, zuletzt starben dort mehr internationale Soldaten als in Afghanistan.

»Grund für erfolglose oder sogar kontraproduktive Strategien Deutschlands und Frankreichs in beiden Krisenstaaten ist, dass Stabilisierung als Ziel meist eine untergeordnete Rolle spielt«, schreibt Lacher. Paris – so sein Befund – gehe es nämlich mehr darum, in Afrika öffentlichkeitswirksam den Kampf gegen den Terror zu führen. Und deutsche Truppen seien im Rahmen des Uno-Einsatzes Minusma entsandt worden, vor allem weil Berlin der Welt und speziell Frankreich vorführen wolle, dass es jetzt mehr internationale Verantwortung übernimmt. Das Vorgehen dieser beiden »schwierigen Partner« sei auch noch miserabel koordiniert.

Deutsches Engagement in Libyen ideen- und initiativlos

Im vom Bürgerkrieg verheerten Libyen sei es vor allem Frankreich gewesen, das die Fähigkeit Europas verspielt habe, »den Konflikt zu beeinflussen«, schreibt Lacher. Türkische Truppen, russische Militärs und aus den Vereinigten Arabischen Emiraten bezahlte Söldner halten heute ein wackeliges Gleichgewicht zwischen dem rivalisierenden West- und dem Ostteil des Landes aufrecht.

Frankreich, so kritisiert Lacher, habe zuvor einseitig den östlichen Milizenführer Khalifa Haftar unterstützt, mit Spezialkommandos und Aufklärung, aber auch diplomatisch.

Präsident Emmanuel Macron hielt die Armee des Generals lange für eine relativ disziplinierte Truppe, die Islamisten bekämpfe. Er ignorierte, dass Haftar demokratische Prinzipien mit Füßen tritt und offen einen militärischen Sieg über die international anerkannte Einheitsregierung im Westen des Landes anvisiert hatte. Macron, schreibt Lacher, machte den Warlord international hoffähig und schützte ihn vor Kritik: »Die französische Politik bestand also darin, Haftars Krieg eine Chance zu geben.« Dessen letzte große Offensive auf Tripolis kam durch türkisches Eingreifen zum Stehen.

Derweil blieb das deutsche Engagement in Libyen ideen- und initiativlos. Die Bundesrepublik habe Berlin als Tagungsort für Verhandlungen beigesteuert, aber keinen ernsthaften Schlichtungsvorschlag ins Werk gesetzt. Derzeit bemühen sich internationale Vermittler erneut um eine gemeinsame Regierung für Libyen.

Untätig die Deutschen, überaktiv die Franzosen – dieses Bild wiederholt sich in Mali. »Barkhane« heißt das rund 5000 Soldaten starke französische Kommando in der Sahelzone. Mit Drohnen und Spezialkommandos stellt die Truppe islamistischen Terrorführern nach.

Frankreich hat eindimensionales Bild des Mali-Konflikts

Die Deutschen dagegen bilden malische Soldaten aus und verlassen sonst eher selten ihr Camp. »Die einzigen beiden Todesopfer der Bundeswehr bei ihrem Engagement in der ›gefährlichsten Uno-Mission der Welt‹ gingen auf einen Wartungsfehler zurück, der zu einem Hubschrauberabsturz führte«, schreibt Lacher.

Kämpfe in Tripolis 2020: Studie nennt Frankreichs Engagement ein »Desaster«

Kämpfe in Tripolis 2020: Studie nennt Frankreichs Engagement ein »Desaster«

Foto:

Amru Salahuddien/ dpa

Allerdings sieht er die martialischen Einsätze der Franzosen auch überaus kritisch. »Barkhane« setze oft auf falsche Partner. So sei die Truppe mit mehreren lokalen Milizen Bündnisse eingegangen. Die Luftangriffe zu deren Unterstützung haben zahlreiche zivile Opfer gefordert. Die Milizen hätten die Rückendeckung genutzt, um alte Rechnungen mit rivalisierenden Gruppen zu begleichen.

Der französischen Führung wirft Lacher vor, sie habe ein zu eindimensionales Bild des Konfliktes. Es stehe in Mali nicht eine wohlmeinende Regierung gegen islamistische Rebellen. Eine solch scharfe Trennlinie gebe es nicht: Salafisten sind gleichzeitig Führer lokaler Völkerschaften, die Regierung Bamako gilt als hochkorrupt, sie ist mit regionalen Eliten verflochten, die den Drogenhandel durch die Sahara koordinieren. So heizten die Einsätze der Franzosen, Konflikte und Rivalitäten eher an. Die Lage in Mali und Umgebung, sei heute verfahrener, als sich das »selbst die pessimistischsten Beobachter« jemals hätten vorstellen können, bilanziert Lacher.