Michael Völker

Die Lage: Inside Austria Der Tod einer Ärztin. Und was wir daraus lernen sollten

Michael Völker
Von Michael Völker, Ressortleiter Inland DER STANDARD

Liebe Leserin, lieber Leser,

der Tod der Impfärztin Lisa-Maria Kellermayr hat Österreich erschüttert. Die Diskussionen über die Konsequenzen, die daraus zu ziehen sind, halten uns immer noch in Bann.

Am vergangenen Wochenende wurde die Ärztin Lisa-Maria Kellermayr in ihrer oberösterreichischen Heimatgemeinde bestattet. Es war eine Verabschiedung im kleinsten Kreis.

Doch selbst dieses sehr intime Gedenken und Abschiednehmen konnte nicht in Ruhe stattfinden. Eine mediale Begleitung durch den Boulevard, der die Grenzen des Anstands wieder einmal überschritt, ließ sich nicht verhindern. Und in Wien wurde die Gedenkstelle am Stephansdom, die im Zuge einer großen Schweigekundgebung errichtet worden war, von einer mutmaßlich irritierten Frau zerstört – und später wieder instand gesetzt.

Der Tod der 36-jährigen Ärztin, die engagiert ihre Praxis aufgebaut hatte und dann öffentlich sehr deutlich für das Impfen gegen Corona eingetreten war, sorgt in Österreich für Trauer, Aufregung und Diskussionen über das Versagen der Polizei und Behörden. Kellermayr war Ende Juli tot in ihrer Praxis im Bezirk Vöcklabruck aufgefunden worden. Das vorläufige Obduktionsergebnis bestätigte einen Suizid.

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Kellermayr hatte unter anderem auf ihrer Website von monatelangen Einschüchterungen bis hin zu Morddrohungen  »aus der Covid-Maßnahmen- und Impfgegnerszene« berichtet – und schließlich unter Berufung darauf ihre Praxis geschlossen. Von der Standesvertretung der Ärzte und den Behörden erhielt Kellermayr nicht die Unterstützung, die sie sich erhofft hatte. Sie blieb auf den Kosten für den privaten Wachdienst sitzen, den sie engagiert hatte; die Polizei riet ihr, sich nicht so wichtigzumachen und doch weniger die Öffentlichkeit zu suchen. Arbeitsbedingungen, »wie wir sie die letzten Monate erlebt haben«, seien niemandem zuzumuten, hatte die Ärztin Ende Juni auf Twitter geschrieben. (Hören Sie hier die Podcast-Folge von Inside Austria  dazu.)

Erst jetzt, nach dem Tod von Kellermayr, kamen die Ermittlungen in Gang, fühlte sich eine Staatsanwaltschaft zuständig und vernetzte sich mit den deutschen Behörden. Hacker und IT-Profis hatten mehrere Absender von besonders widerlichen Morddrohungen bereits vor Monaten in Deutschland ausfindig gemacht, erst jetzt wurden auch die Behörden aktiv. Vergangene Woche gab es eine Hausdurchsuchung bei einem 59-jährigen Verdächtigen in Bayern.

Dieses Behördenversagen wird nun in Österreich zwar intensiv diskutiert, die offiziellen Stellen zeigen aber bisher keinerlei Einsicht. Bundeskanzler Karl Nehammer brauchte eine Woche, bis er bedauernde Worte zum Tod der Ärztin fand, das Verhalten der Behörden stellt er nicht infrage. Und Innenminister Gerhard Karner richtete sich mit einem internen Brief an alle Polizeibeamtinnen und Polizeibeamten, versicherte ihnen, sie hätten alles richtig gemacht, und verurteilte die »reflexartige Kritik« an der Polizei. Eine Evaluierung der Abläufe, eine Auseinandersetzung mit möglichen Fehlern, eine selbstkritische Betrachtung der Vorgangsweise – das gibt es alles nicht.

Lisa-Maria Kellermayr ist bei Weitem nicht die einzige Person, die sich in Österreich in Impffragen exponiert hat und danach von Impfgegnern und einem rechten Mob gejagt wurde. Auch andere Ärztinnen, Wissenschaftler, Politikerinnen oder Publizisten wurden Opfer des Hasses, der ihnen aus dem Internet entgegenschlägt und sie bis in ihren Alltag verfolgt.

Die Schnelligkeit, mit der Hassnachrichten online ihre Verbreitung finden, die Wucht der Herabwürdigungen und Beleidigungen, die Unerbittlichkeit, mit der hier aufeinander eingedroschen wird, veranlasst viele Menschen, sich von Twitter oder Facebook zurückzuziehen und auch Onlineforen der Medien zu meiden. Das wiederum führt dazu, dass das Feld dort jenen radikalen Kräften überlassen wird, die ihr Ziel in der Zerstörung sehen – beginnend mit der Kommunikation, schließlich haben sie die Zerstörung der gesellschaftlichen Ordnung im Blick .

In Österreich wird jetzt die Einrichtung einer eigenen spezialisierten Staatsanwaltschaft diskutiert, die sich ausschließlich Hate-Crime widmet . Allein die Diskussion darüber kann schon helfen, das Verständnis für die Relevanz dessen zu steigern, was sich im Internet abspielt. Und wenn es ein paar Leute vor ihrem Bildschirm oder Smartphone dazu veranlasst, noch einmal eine Sekunde über das nachzudenken, was sie da gerade hineintippen, dann wäre auch schon viel gewonnen.

Social-Media-Moment der Woche:

Marco Pogo ist Arzt, Musiker und Vorsitzender der Bierpartei und will nun auch bei der Präsidentschaftswahl in Österreich antreten. Das bringt ihm auf den Social-Media-Kanälen den Vorwurf ein, er gefährde die Demokratie . Marco Pogo ist übrigens eine Kunstfigur. Sollte er die erforderlichen 6000 Unterstützungserklärungen, die für eine Kandidatur notwendig sind, zusammenbringen, wird auf dem Wahlzettel der Name Dominik Wlazny stehen.

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Herzlichen Dank und liebe Grüße aus Wien

Ihr Michael Völker, Ressortleiter Inland, DER STANDARD

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