Kampf um Truss-Nachfolge Boris Johnsons Unterstützer formieren sich

In der britischen Regierung wächst die Zustimmung für Boris Johnson als Nachfolger der gescheiterten Liz Truss. Umfragen zufolge lehnt die Mehrheit der Briten seine Rückkehr als Premierminister jedoch ab.
Der ehemalige britische Premier auf einem Werbeplakat in London: Kehrt Johnson zurück?

Der ehemalige britische Premier auf einem Werbeplakat in London: Kehrt Johnson zurück?

Foto: Alberto Pezzali / AP

Liz Truss tritt zurück, wer folgt ihr nach? In der britischen Regierung wächst die Unterstützung für Ex-Premier Boris Johnson als Nachfolger der gescheiterten Premierministerin und Tory-Parteichefin. Verteidigungsminister Ben Wallace sagte am Freitag: »Im Moment tendiere ich zu Boris Johnson.« Auch Energie- und Wirtschaftsminister Jacob Rees-Mogg sprach sich für den vor wenigen Monaten wegen diverser Skandale als Premierminister zurückgetretenen Johnson als Partei- und Regierungschef aus.

Wallace verwies darauf, dass Johnson die konservativen Tories 2019 zu einem überwältigenden Wahlsieg geführt habe. Allerdings habe Johnson noch »einige Fragen zu beantworten«, fügte Wallace mit Blick auf die zahlreichen Skandale hinzu, darunter die Coronapartys zu Lockdownzeiten an Johnsons Amtssitz. Er selbst wolle nicht antreten, betonte der vor allem bei der Parteibasis beliebte Wallace.

Energie- und Wirtschaftsminister Rees-Mogg rief im Kurzbotschaftendienst Twitter die Losung »#BorisorBust« (Boris oder nichts) aus. Nur Johnson könne die nächste Parlamentswahl gewinnen. Auch Kabinettsmitglied Simon Clarke sprach sich für Johnson aus.

James Duddridge, einer der engsten Verbündeten Johnsons im Parlament, sagte, er habe mit seinem alten Chef über WhatsApp Kontakt gehabt. »Er wird zurückfliegen. Er sagte… ›Wir werden das tun. Ich bin dabei‹«, zitierte der Abgeordnete Johnson. Demnach brach der Ex-Premier seinen Karibikurlaub ab, um am Montag zur Abstimmung der Tory-Abgeordneten in London zu sein.

Mehrheit gegen Johnson-Rückkehr

Laut einer neuen YouGov-Umfrage sind 52 Prozent der Wähler dagegen, dass Johnson an die Macht zurückkehrt. Johnson war Anfang Juli nach einer parteiinternen Revolte gegen ihn wegen seiner viel kritisierten Amtsführung während seiner drei Jahre als Parteichef und damit später auch als Premierminister zurückgetreten. Truss wurde von den Parteimitgliedern zur neuen Vorsitzenden gewählt und wurde damit automatisch auch Regierungschefin.

Nach nur sechs Wochen im Amt verkündete Truss infolge massiven Drucks auch aus der eigenen Partei am Donnerstag ihren Rücktritt. Grund waren massive Fehler in der Finanz- und Steuerpolitik, die zu heftigen Turbulenzen an den Finanzmärkten geführt hatten.

Als Erste erklärte Penny Mordaunt, die als Unterhauschefin dem Kabinett angehört, am Freitag ihre Kandidatur. Sie stehe für »einen Neuanfang, eine geeinte Partei und eine Führung im nationalen Interesse«, erklärte die 49-Jährige.

Als aussichtsreichster Kandidat gilt aber Ex-Finanzminister Rishi Sunak – nicht zuletzt, weil er die katastrophalen Konsequenzen von Truss’ Wirtschaftsplänen während des Wahlkampfs um den Parteivorsitz im Sommer vorausgesagt hatte. Unter anderem die Ex-Minister Sajid Javid und Dominic Raab erklärten bereits ihre Unterstützung für Sunak, der vielen Anhängern Johnsons wegen seiner Rolle bei dessen Rücktritt als »Königsmörder« gilt.

Das ehemalige Regierungsmitglied Tim Loughton forderte die vier »großen Tiere« Sunak, Mordaunt, Hunt und Wallace auf, sich auf einen Kandidaten zu einigen, damit »wir zu einem gewissen Maß an Normalität zurückkehren können«.

Die Bewerber müssen bis Montag die Unterstützung von mindestens 100 der 357 Tory-Abgeordneten vorweisen. Das heißt, höchstens drei von ihnen können tatsächlich kandidieren. Danach müssen sich die Angeordneten entweder auf zwei Kandidaten einigen, über die die 170.000 Parteimitglieder bis zum kommenden Freitag in einer Online-Abstimmung entscheiden – oder sie bestimmen direkt einen Kandidaten, der in die Downing Street einzieht.

Die Opposition warf den regierenden Tories mangelnden Respekt gegenüber den Wählern vor. Labour-Chef Keir Starmer forderte Neuwahlen und erklärte, Großbritannien »kann nicht noch ein Experiment« vertragen. Labour liegt in aktuellen Umfragen mit einem großen Vorsprung vor den Konservativen.

aeh/afp
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