Inzidenzwerte über 1000 Londons Bürgermeister ruft Katastrophenfall aus

Das Coronavirus breitet sich in Großbritannien weiter rasend aus, die Krankenbetten werden knapp. Londons Bürgermeister hat für die Hauptstadt nun den Katastrophenfall verhängt – der Einsatz der Armee wird nun möglich.

»Das ist ernst«, sagt Londons Bürgermeister Sadiq Khan in einem Fernsehinterview mit dem Sender Sky. »Ich war noch nie so besorgt wie jetzt.« Kurz zuvor hatte er etwas erwirkt, was das Leben für Millionen Menschen in London in den kommenden Tagen verändern wird: Für die britische Hauptstadt gilt aufgrund der beispiellos hohen Infektionszahlen ab sofort der Katastrophenfall. Zuletzt galt 2017 nach einem Großbrand der Katastrophenfall.

Die Sieben-Tages-Inzidenz liegt in London bei mehr als 1000 Fällen pro 100.000 Einwohnern. Seit Tagen schon. Zum Vergleich: In Deutschlands aktuell größtem Corona-Hotspot Meißen liegt der Wert bei 541. In Großstädten wie Berlin und Hamburg liegen die Werte bei 136 und 141.

»Mehr Menschen werden sterben«

»Einer von 30 Einwohnern Londons hat aktuell Covid-19«, schrieb Khan zuvor auf Twitter. Der Katastrophenfall soll helfen, die Lage in den Griff zu bekommen – und einen Kollaps der Kliniken zu verhindern. »Wenn wir jetzt nicht umgehend reagieren, droht unser Gesundheitsdienst überfordert zu werden und mehr Menschen werden sterben.«

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Die Zahl der im Krankenhaus behandelten Covid-19-Patienten in London sei allein in der ersten Januarwoche um knapp ein Drittel, die Zahl der Intensivpatienten um mehr als 40 Prozent gestiegen, hieß es in der Mitteilung des Bürgermeisters. Die Bedrohung, die das Coronavirus für die Stadt darstelle, sei an einem kritischen Punkt.

Der in Großbritannien als »major incident« (Großlage) bezeichnete Katastrophenfall gibt der Stadt zwar nicht mehr Zuständigkeiten. Allerdings hat London so einen erweiterten Anspruch auf nationale Ressourcen: Die Polizei könnte etwa die Unterstützung der Armee anfordern. Zudem soll die Krisenkoordination verbessert werden. Zuletzt galt in London der »major incident« bei dem Brand des Wohnhochhauses Grenfell Tower 2017, bei dem mehr als 70 Menschen ums Leben kamen. Auch bei den Terrorangriffen 2016 auf der London Bridge und der Westminster Bridge wurde die Großlage ausgerufen.

Betten-Engpass in Krankenhäusern droht

Längst wirkt sich die schwierige Lage in London und auch im Rest des Landes auf das Gesundheitswesen aus. Angesichts immer neuer Corona-Patienten suchen viele Krankenhäuser in Großbritannien verzweifelt nach freien Betten. »Wir nähern uns einem Punkt, wo die Betten alle belegt sind«, sagte am Donnerstag ein hochrangiger Vertreter des öffentlichen Gesundheitsdienstes NHS. Deshalb gebe es unter anderem Gespräche mit Alten- und Pflegeheimen über mögliche freie Kapazitäten.

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»Die Situation wird rasend schnell schwieriger«, sagte NHS-Vertreter Chris Hopson dem Radiosender BBC. »In der vergangenen Woche sind 5000 neue Covid-19-Erkrankte in die Krankenhäuser eingeliefert worden.« Dies entspreche ungefähr der kompletten Kapazität von zehn Kliniken. Zeitgleich zu den Aussagen von Hopson wurde ein internes NHS-Papier in Medien verbreitet, wonach nach jetzigen Hochrechnungen bereits am 19. Januar in London rund 1500 Betten fehlen werden. Im schlimmsten Fall könnten es sogar 4400 fehlende Betten sein.

In den britischen Krankenhäusern werden derzeit mehr als 30.000 Patienten wegen Covid-19 behandelt. Das sind mehr als in den schlimmsten Zeiten der ersten Corona-Welle. Allein am Mittwoch wurden erneut 62.000 Neuinfektionen verzeichnet. Die Zahl der Todesfälle innerhalb von 24 Stunden stieg erstmals seit April auf über 1000.

Vor allem die neue Corona-Mutation B.1.1.7 macht dem Land zu schaffen. Diese war erstmals im Südosten Englands entdeckt worden, inzwischen verbreitet sie sich immer mehr im gesamten Königreich – und auch im Ausland. Erste Studien legen nahe, dass die Variante B.1.1.7 um bis zu 70 Prozent ansteckender sein könnte als die bisher bekannten Stämme.

1,5 Prozent aller Briten geimpft

Angesichts der Entwicklung hat die britische Regierung als erste in Europa eine massive Impfkampagne gestartet. Mittlerweile sind in Großbritannien drei Impfstoffe zugelassen: Als erstes westliches Land hatte das Vereinigte Königreich Anfang Dezember eine Notfallzulassung für das Präparat des Mainzer Herstellers Biontech und seines US-Partners Pfizer erteilt. Seit Montag können die Briten zudem mit dem Vakzin des britisch-schwedischen Pharmakonzerns AstraZeneca und der Universität Oxford geimpft werden, das Ende Dezember zugelassen worden war. Nun wurde auch der Wirkstoff des US-Konzerns Moderna zugelassen. Rund 1,5 Prozent Briten wurden nach Behördenangaben bereits geimpft.

Zusätzlich will Großbritannien bei schwer an Covid-19 erkrankten Patienten auch neue Arzneien einsetzen. Man werde ab sofort die »lebensrettenden« Medikamente Tocilizumab and Sarilumab einsetzen, kündigte der britische Premier Boris Johnson am Donnerstag an. Dies könne die Todesrate von Covid-19-Patienten signifikant senken sowie ihre Aufenthaltsdauer im Krankenhaus verkürzen.

Londons Bürgermeister Khan appellierte im Angesicht der Krise an die Bürgerinnen und Bürger der Stadt, auf jeden Fall zu Hause zu bleiben. Und wer wirklich hinaus müsse, solle bitte immer eine Maske tragen.

mrc/dpa/AFP
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