Fall Sarah E. in London Holt euch die Straße zurück

Auf dem Nachhauseweg wurde Sarah E., 33, entführt und ermordet. Seitdem diskutiert Großbritannien: Was tut die Polizei für die Sicherheit von Frauen im öffentlichen Raum? Bei einer Mahnwache für die Tote eskalierte die Lage.
Aus London berichtet Julia Smirnova
Gedenken an Sarah E.: »Sie ist bloß nach Hause gelaufen«

Gedenken an Sarah E.: »Sie ist bloß nach Hause gelaufen«

Foto:

HANNAH MCKAY / REUTERS

Die Menschen waren trotz des Lockdowns und des strengen Versammlungsverbots zusammengekommen. Hunderte Frauen und Männer aus ganz London, ausgerechnet vor Scotland Yard, dem Hauptquartier der Metropolitan Police. Sie schrien ihre Wut und Empörung über die Polizei heraus: »Brutalität ist hier nicht willkommen« und »Schande«. Und sie schwiegen, vereint in der Trauer um Sarah E., 33, die elf Tage zuvor, am Abend des 3. März, im Londoner Stadtteil Clapham verschwunden war und ermordet wurde.

Der Fall Sarah E. sorgt in Großbritannien seit Tagen für Trauer und Empörung. Die Umstände ihres Verschwindens haben eine Debatte über Sicherheit von Frauen im öffentlichen Raum ausgelöst. Und seit dem Wochenende ist die Wut auf die Polizei hinzugekommen.

Foto: HENRY NICHOLLS / REUTERS

Sarah E. war auf dem Heimweg von einem Besuch bei einer Freundin, als sie verschwand. Gegen 21 Uhr verabschiedete sie sich, 50 Minuten hätte der Fußweg eigentlich dauern müssen. Unterwegs telefonierte sie noch mit ihrem Freund, das letzte Mal filmte eine Überwachungskamera sie gegen 21.30 Uhr neben dem Park Clapham Common in London. Zu Hause kam sie nie an. Die Polizei entdeckte ihre Leichenteile knapp eine Woche später in der südostenglischen Grafschaft Kent. Hauptverdächtig ist ausgerechnet ein Polizist, der inzwischen wegen Mordes angeklagt wurde.

»Belästigung auf der Straße gehörte bei uns zum Erwachsenwerden dazu«

In den Tagen nach Sarah E.s Verschwinden begannen Frauen aus London auf Twitter und anderen sozialen Medien darüber zu schreiben, wie unsicher sie sich nachts auf den Straßen der britischen Hauptstadt fühlten.

Die Chefin der Metropolitan Police, Cressida Dick, beeilte sich zu versichern, es sei »äußerst seltsam, dass eine Frau in London auf der Straße entführt wird«. Doch damit verfehlte sie den Kern der Aussagen. Denn während Morde oder Entführungen rein zahlenmäßig selten vorkommen, drehten sich die Berichte um Belästigungen im öffentlichen Raum – und diese Erfahrung ist vielen Frauen nur allzu bekannt, nicht nur in London.

Unter dem Hashtag #ReclaimTheseStreets (»Diese Straßen zurückgewinnen«) teilten Tausende Frauen, wie sie auf der Straße begrapscht oder angemacht wurden. Sie empörten sich auch darüber, dass es immer noch als Verantwortung von Frauen gilt, sich zu schützen und sich Sorgen um ihre Sicherheit zu machen – und im Zweifel ihr Verhalten zu ändern.

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Wie eine Bestätigung las sich für viele ein Bericht des Boulevardblatts »The Sun«. Dort hieß es, dass Polizisten angeblich Frauen aus der Gegend, wo Sarah E. verschwand, in Gesprächen dazu geraten hätten, vorsichtig zu sein und nicht allein nachts auf die Straße zu gehen. Daraufhin schlug die Grünenpolitikerin Jenny Jones im House of Lords vor, stattdessen lieber eine Ausgangssperre für Männer ab 18 Uhr einzuführen, damit sich Frauen sicherer fühlen. Der Vorschlag war ironisch gemeint, machte sie später klar, vor allem um zu demonstrieren, wie absurd solche Ratschläge an Frauen klingen.

»Belästigung auf der Straße gehörte bei uns zum Erwachsenwerden dazu«, sagt Frances Grahl, eine Demonstrantin, die am Sonntag mit Hunderten anderen zu Scotland Yard gekommen ist. Die 37-jährige Dozentin in Kulturwissenschaft erinnert sich noch ganz klar: Als sich Männer vor ihr und anderen Mädchen aus ihrer Schule in einem Park entblößten, wurde vor allem den Mädchen gesagt, dass sie ihr Verhalten ändern und den Park meiden sollten.

»Wir haben schon so oft dagegen protestiert, doch nichts ändert sich«, sagt sie. »Ich will nicht, dass es weiter akzeptiert wird. Ich will nicht, dass Mütter ihren Töchtern weiter sagen, sie sollen nicht durch den Park gehen oder immer Schlüssel in der Hand halten.«

Die Wut auf die Polizei ist neu

Dass Grahl an diesem Sonntag die Versammlungs- und Coronaregeln brach, um mit den Hunderten anderen vor Scotland Yard zu demonstrieren, lag an der Polizei selbst. Tagelang hatten Vertreterinnen der Initiative »Reclaim these streets« nach eigenen Angaben versucht, mit der Polizei einen Weg zu finden, wie am Samstag landesweit Menschen für Mahnwachen für Sarah E. zusammenkommen könnten.

Ohne Erfolg. Statt eines konstruktiven Vorschlags, wie eine Zusammenkunft coronakonform aussehen könnte, habe die Polizei ihnen mitgeteilt, dass den Organisatorinnen pro Mahnwache 10.000 Pfund Strafe drohten.

Die Organisatorinnen sagten am Ende die Veranstaltung ab und riefen dazu auf, nicht nach Clapham Common zu kommen, sondern stattdessen Kerzen vor ihren Türen aufzustellen. Doch viele Menschen kamen trotzdem, brachten Blumen und Kerzen in den Park. Auch Herzogin Kate legte Narzissen für Sarah E. nieder, der Palast ließ später verbreiten, Kate habe sich daran erinnert, wie es sich anfühlte, nachts allein durch London zu gehen.

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Am Abend kamen noch mehr Menschen, es wurden Reden gehalten, als die Polizei versuchte, die Versammlung aufzulösen. Auch Frances Grahl kam am Samstagabend nach Clapham Common, um eine Kerze für Sarah E. anzuzünden. Doch kurz nachdem sie im Park ankam, sah sie, wie die Polizei begann, die Versammlung aufzulösen. Polizisten seien auf die Blumen vor dem improvisierten Mahnmal getreten und hätten Frauen auf den Boden gedrückt. »Die Polizei hat sich wirklich provokativ, gewaltsam und unverhältnismäßig verhalten«, glaubt die Demonstrantin.

Wen schützt eigentlich die Polizei in der Hauptstadt?

Polizisten drücken eine Demonstrantin zu Boden: Warum fand die Polizei keinen Weg für eine legale Zusammenkunft?

Polizisten drücken eine Demonstrantin zu Boden: Warum fand die Polizei keinen Weg für eine legale Zusammenkunft?

Foto: HANNAH MCKAY / REUTERS

Mit dieser Meinung ist sie nicht allein. Das Vorgehen der Polizei sorgt für Kritik von allen Seiten. Bilder von Polizisten, die Frauen in Handschellen abführen oder zu Boden drücken, wirkten verstörend – darauf konnten sich schnell sowohl der Labourchef Keir Starmer als auch die Innenministerin Priti Patel einigen. Sogar der Premierminister Boris Johnson zeigte sich »tief besorgt« über die Szenen in Clapham Common. Eine Untersuchung der Ereignisse wurde in Auftrag gegeben. Londoner fragten sich: Wen schützt eigentlich die Polizei in der Hauptstadt? Die Wut auf die Behörde ist groß.

Cressida Dick, die Chefin der Londoner Polizei, gerät zunehmend unter Druck. Auf der Demo am Sonntag wurde ihr Rücktritt gefordert. Der Londoner Bürgermeister Sadiq Khan erklärte, er sei nicht zufrieden mit den Antworten, die er von der Führung der Metropolitan Police über den Umgang mit der Mahnwache bekommen habe. Dick erklärte jedoch, sie werde nicht zurücktreten und verteidigte die Polizisten: »Wir sind immer noch in einer Pandemie. Illegale Versammlungen bleiben illegale Versammlungen«.

Plakate beim Protest vor Scotland Yard: »Wen beschützt ihr?«, »98 Prozent kommen davon«, »Maskengegner durften demonstrieren, Frauen nicht«

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Foto: ANDY RAIN / EPA

Und so wurde die Kampagne, um »die Straßen zurückzugewinnen«, auch zu einem Kampf um die Versammlungsfreiheit. Die Empörung der Demonstranten am Sonntag galt unter anderem einem Gesetzentwurf, der im Parlament am Montag diskutiert werden soll. Die Polizei soll danach mehr Macht bekommen, um Proteste einzuschränken, wenn sie das öffentliche Leben stören. Für Menschen, die Statuen beschädigen – wie etwa während der Black-Lives-Matter-Proteste im vergangenen Sommer – sieht der neue Gesetzentwurf eine Strafe von bis zu zehn Jahren Haft vor.

Das neue Gesetz »könnte dazu führen, dass die Beschädigung einer Statue härter bestraft wird als der Angriff auf eine Frau«, kritisierte David Lammy, der Schattenminister für Justiz. Die Labourpartei, die sich ursprünglich bei der Abstimmung enthalten wollte, machte eine Kehrtwende und will nun gegen das Gesetz stimmen. Wegen Sarah E.

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