Sanierungsfall Westminster Im britischen Parlament kämpfen sie gegen Mäuse, Risse und Wasserschäden

Der Sitz des Ober- und Unterhauses in London ist baufällig. Die Renovierung scheitert bisher nicht nur an der Kostenfrage: Im besten Fall würden die Arbeiten knapp zwei Jahrzehnte dauern – falls sich die Kammern einigen.
Der Palace of Westminster in London, der Sitz des britischen Parlaments, ist renovierungsbedürftig

Der Palace of Westminster in London, der Sitz des britischen Parlaments, ist renovierungsbedürftig

Foto: Stefan Rousseau / picture alliance/dpa

Der Palace of Westminster am Ufer der Themse im Herzen Londons ist das altehrwürdige Heim der britischen Demokratie. Doch mittlerweile ist das Gebäude wohl weniger ehrwürdig als alt – und baufällig. Das Parlamentsgebäude ist ein Sanierungsfall.

Ein Geheimnis ist das nicht, sogar auf der Website des Parlaments ist  zu lesen: »Der Palace of Westminster, Sitz des Parlaments, ist eines der beliebtesten und bekanntesten Gebäude der Welt, aber er verfällt schneller, als er repariert werden kann, und muss dringend saniert werden.«

Mäuse und Ratten auf den Fluren

Berichtet wird von »bröckelnden Steinen«, von »Rissen in den Decken und verzogenen Fenstern«. Außerdem soll es an verschiedenen Stellen Wasserschäden geben. Über die Flure huschten Mäuse und Ratten. Seit Jahrzehnten würden nur die nötigsten Arbeiten zur Instandhaltung des Gebäudes vorgenommen. Der Großteil des Westminster Palace stammt aus dem 19. Jahrhundert. Doch an vielen Stellen ist das Haus schon lange nicht mehr intakt.

Im Inneren des britischen Parlamentsgebäudes sind an verschiedenen Stellen Wasserschäden zu begutachten

Im Inneren des britischen Parlamentsgebäudes sind an verschiedenen Stellen Wasserschäden zu begutachten

Foto: Adam Watrobski / picture alliance / Adam Watrobski/UK Parliament/dpa

Bedenken gibt es mittlerweile auch wegen der Sicherheit. Die Abgeordnete und ehemalige britische Wirtschaftsministerin Andrea Leadsom sagte der BBC: Sie befürchte, dass dem Parlamentsgebäude ein Schicksal wie der Pariser Kathedrale Notre-Dame drohe, die vor rund drei Jahren bei einem Großbrand schwer beschädigt worden war. »Es könnte heute niederbrennen oder morgen oder an irgendeinem Tag«, sagte die konservative Politikerin. 2017 sei ein Feuer nur knapp vermieden worden – durch eine Brandwache, die rund um die Uhr im Parlament im Einsatz sei. »Wir müssen eine Entscheidung treffen und vorankommen.«

Im Parlamentsgebäude in London müssten unter anderem neue Kabel verlegt werden

Im Parlamentsgebäude in London müssten unter anderem neue Kabel verlegt werden

Foto: Roger Harris / picture alliance/dpa

Dass sich die Abgeordneten des britischen Parlaments bisher nicht auf einen Sanierungsplan einigen konnten, hängt vor allem an zwei Dingen: an der Dauer der Arbeiten und am Geld. Im Februar hatte die zuständige Programmkommission die Kosten der Renovierungen in einem Bericht auf 7 bis 13 Milliarden Pfund geschätzt, umgerechnet entspricht das 8,3 bis 15,4 Milliarden Euro. Die Bauzeit schätzte das Gremium auf 19 bis 28 Jahre. Inbegriffen wären dabei ein verbesserter Brandschutz, eine Asbestentfernung, das Verlegen neuer Kabel und weitere Konservierungsarbeiten.

Die Lords wollen nicht gehen

Damit dieser Kosten- und Zeitplan eingehalten werden könnte, müsste allerdings eine weitere Bedingung erfüllt werden: Die Abgeordneten müssten das Gebäude für 12 bis 20 Jahre verlassen. Andernfalls würden sich die Arbeiten erheblich verlängern – auf 46 bis 76 Jahre. Kosten würde das dann eine Summe von bis zu 22 Milliarden Pfund.

Und Berichten zufolge gelingt es den beiden Kammern des Parlaments – dem House of Commons, also dem Unterhaus, und dem House of Lords, dem sogenannten Oberhaus – nicht, sich auf ein Vorgehen zu einigen. So stelle es sich etwa als Schwierigkeit dar, einen Ausweichort zu finden. Denkbar wäre es, die Lords aus dem Oberhaus zeitweilig an einem anderen Ort tagen zu lassen. Doch das lehnen die Lords ab.

Mitglieder der Yeomen of the Guard, der ältesten noch existierenden Leibgarde des britischen Königshauses, bei einer Zeremonie im Westminster-Palast

Mitglieder der Yeomen of the Guard, der ältesten noch existierenden Leibgarde des britischen Königshauses, bei einer Zeremonie im Westminster-Palast

Foto: Victoria Jones / picture alliance/dpa/PA Wire

Die BBC zitierte aus einem Brief des Bauministers Michael Gove an den Präsidenten des Oberhauses: »Ich weiß, dass Städte und Gemeinden in ganz Großbritannien gerne den Peers ihre Gastfreundschaft erweisen würden«, stand in dem Schreiben. Eine Verlegung des House of Lords über Jahre in eine Stadt außerhalb Londons könne auch der Angleichung der Lebensverhältnisse im Land helfen. Im Oberhaus wittert man hingegen politische Intrigen – »uns rauszuwerfen, ist eine Bestrafung«, sagte etwa Helene Hayman, ein Mitglied im Oberhaus.

Es bleibt zu hoffen, dass der Streit beigelegt werden kann, bevor das Parlamentsgebäude das Zeitliche segnet.

vki/dpa