Initiative »Luftbrücke Kabul« »Lass uns ein Flugzeug mieten«

Die private Initiative »Luftbrücke Kabul« rettete 189 Menschen aus Afghanistan. Ein Gespräch mit Mitinitiatorin Theresa Breuer über dramatische Szenen am Flughafen Kabul, langsame deutsche Behörden und die Macht der USA.
Bei einer Pressekonferenz mit den anderen Mitgliedern der »Luftbrücke Kabul« wurde Theresa Breuer aus Doha zugeschaltet.

Bei einer Pressekonferenz mit den anderen Mitgliedern der »Luftbrücke Kabul« wurde Theresa Breuer aus Doha zugeschaltet.

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R7081 Jörg Carstensen / picture alliance / Jörg Carstensen

Als die Taliban mit ungeahnter Geschwindigkeit Afghanistan eroberten, Region um Region und Stadt um Stadt an die militanten Islamisten fiel, da formierte sich in Berlin eine ungewöhnliche Allianz. Aktivisten der Hilfsorganisation »Sea Watch«, der Grünen-Politiker Erik Marquardt und die Filmemacherin Theresa Breuer schlossen sich zusammen, um das zu tun, wofür kaum noch Zeit zu bleiben schien: Menschen aus Afghanistan zu retten.

Mit einem privat gecharterten Flugzeug plante die Initiative »Luftbrücke Kabul« Menschen zu evakuieren. Mehr als 200 Personen standen letztlich auf ihren Listen, darunter Journalisten, Künstlerinnen und Kulturschaffende. Menschen, die zunächst keinen Platz auf den Evakuierungslisten des Auswärtigen Amts finden würden. Die Aktivisten leasten einen Airbus A320, mieteten Busse, die die Menschen durch die Taliban-Kontrollen am Flughafen bringen sollten, knüpften Kontakte mit deutschen, amerikanischen und katarischen Behörden. Mithilfe des Auswärtigen Amtes (AA) erhielten sie den Nato Signal Call: die Erlaubnis mit einem Touristenflugzeug auf einem Militärflughafen zu landen. Außenminister Heiko Maas setzte sich persönlich für den Rettungsflug ein.

Doch als Theresa Breuer und der Sicherheitschef der Gruppe, der frühere schottische Special Forces Soldat Rob Grey, am Mittwoch mit einer Gruppe von Journalisten an Bord in Kabul landen, sind die Menschen auf den Evakuierungslisten nicht am Flughafen. Die Aktivisten haben keine deutschen Ansprechpartner vor Ort, niemand hat sie ihnen vor dem Abflug nennen wollen.

Auf dem Flughafen verweigert das US-Militär erst jede Mitnahme von Afghanen, verweist auf eine Demarche der deutschen Regierungsvertreter. Ein Offizier der Fallschirmjäger vor Ort bestätigt die ausdrückliche Weisung eines AA-Diplomaten am Flughafen, dass der Charterflieger keine von deutscher Seite genehmigten Flüchtlinge aufnehmen dürfe. Nach Stunden des Wartens hebt die Maschine mit 18 Afghanen aus dem Evakuierungskontigent Portugals wieder ab.

Breuer und Grey bleiben am Flughafen. Sie wollen nicht aufgeben, bis die Menschen aus ihren Listen außer Landes gebracht werden. Die Briten gewähren dem Ex-Soldaten und der Journalistin Aufenthalt in ihrem Teil des Flugfelds, während die mitgereisten Journalisten evakuiert werden.

In den nächsten Tagen unternehmen die Aktivisten von »Luftbrücke Kabul« mehrere Versuche, die Personen auf das Flughafengelände zu bringen, unterstützt durch lokale Helfer. In fünf Reisebussen versuchen sie die Menschen durch die Flughafen-Tore zu schleusen. Mehrfach scheitern sie an den Checkpoints der Taliban und US-Soldaten. Doch schließlich, am späten Samstagabend, gelingt es dann doch, die Busse auf das Gelände zu bringen. 189 Menschen werden schließlich von der US-Luftwaffe ausgeflogen. Wie es dazu kam, erzählt Theresa Breuer im Interview.

SPIEGEL: Frau Breuer, wie mietet man ein Rettungsflugzeug?

Theresa Breuer: Einige Freunde von mir sind Piloten und haben bereits Rettungsmissionen im Mittelmeer geflogen. Sie haben bei der Suche nach einem Flugzeug und einer Crew geholfen und verschiedene Angebote eingeholt. Eine Zusage bekamen wir schließlich von der ägyptischen Airline Al Masriya. Wichtig war uns vor allem, dass sie die Erlaubnis hatte, im europäischen Luftraum zu fliegen.

SPIEGEL: Die ägyptische Fluglinie hatte keine Bedenken wegen der Sicherheitssituation in Kabul?

Breuer: Das hat mich auch gewundert. Als wir uns auf dem Weg nach Kabul befanden, habe ich die Crew gefragt, ob sie keine Angst haben. Die sagten mir: »Wieso? Das ist für uns ein Ziel wie jedes andere auch.«

SPIEGEL: Auch für Sie persönlich war das keine ungefährliche Situation. Wie kamen Sie auf die Idee, selbst Menschen aus Kabul auszufliegen?

Breuer: Ich habe zwei Jahre lang in Afghanistan gelebt, damals habe ich einen Dokumentarfilm über die ersten Bergsteigerinnen Afghanistans gedreht. Als die Taliban auf Kabul vorrückten, war ich aber in Berlin. Ich saß mit Freunden zusammen in meiner Wohnung und wir sprachen darüber, wie lange unseren Kontakten in Afghanistan noch Zeit bleiben würde, das Land zu verlassen. Dabei war einer der Hobbypiloten, ein anderer ein Seenotretter von »Sea Watch«. Die meinten: Lass uns ein Flugzeug mieten.

»Sie haben einfach nicht daran geglaubt, dass wir es schaffen«

SPIEGEL: Wo legt man da los?

Breuer: Als Erstes haben wir uns um das Flugzeug gekümmert. Wir haben zunächst einen kleinen Jet gemietet, eine Gulfstream IV. Der hatte nur Platz für zwölf Personen. An jenem Sonntag entschieden die Amerikaner: Der zivile Teil des Flughafens wird geschlossen, alle zivilen Flüge wurden storniert. Nur noch militärische Flugzeuge durften landen. Wir haben dann versucht, die militärische Erlaubnis der Amerikaner zu bekommen, aber die bekommt man nicht ohne Weiteres. Gleichzeitig wurde die Situation um den Flughafen immer gefährlicher. Wir mussten überlegen: Wie bekommen wir die Leute überhaupt dahin? Ich habe mit einem Freund gesprochen, der für ein großes amerikanisches Medium arbeitet. Er hatte gerade mehr als hundert seiner Mitarbeiter rausgeholt. »Wie habt ihr das gemacht?«, habe ich ihn gefragt. Er sagte: »Mit der Hilfe von Katar.«

SPIEGEL: Der arabische Staat, der schon lange Kontakte zu den Taliban pflegt.

Breuer: In einem Brief habe ich dann den Außenminister von Katar gebeten, dass uns Geleitschutz durch die Checkpoints der Taliban bis zum Flughafen gegeben wird. Zu dem Zeitpunkt standen bereits rund 200 Menschen auf unserer Liste und es wurden ständig mehr.

SPIEGEL: Ans deutsche Außenministerium hatten Sie sich da noch nicht gewandt?

Breuer: Das lief parallel. Katar brauchte die Zustimmung des deutschen Außenministeriums, dass die Leute dann auch wirklich weiter nach Deutschland kommen. Ein Kontakt hat schließlich meine Liste mit den Namen an die richtige Stelle im Auswärtigen Amt weitergeleitet. Mit den Beamten dort hielten wir die Verbindung. Trotzdem konnte uns niemand einen Kontakt zu der deutschen Botschaft oder zur Bundeswehr in Kabul herstellen. Es hieß, bei der Landung unserer Maschine gäbe es dann eine Verbindung. Um ehrlich zu sein, glaube ich, die Behörden haben einfach nicht daran geglaubt, dass wir es schaffen. Ich bin dann schließlich losgeflogen und dachte: vor Ort kommt man schon an die richtigen Leute. Erst bin ich nach Dubai geflogen, weil es hieß, dass unser Flugzeug von dort starten soll. Dann hat Dubai keine Starterlaubnis mehr für Flüge mit dem Ziel Kabul erteilt. Deshalb sollte es nun aus Georgien starten. Also bin ich nach Tiflis geflogen. Von dort ging es dann mit der ägyptischen Maschine tatsächlich los.

SPIEGEL: Hatten Sie auf dem Flug nach Kabul keine Bedenken?

Breuer: Ich wusste ja, dass ich auf dem Flughafen von Soldaten umgeben sein würde. Ich wohnte dort dann in einer Festung, das kam mir nicht besonders gefährlich vor. Ich habe mir eher große Sorgen um die Leute gemacht, die wir herausholen wollten. Inzwischen waren es 200, verteilt auf fünf Busse.

Eine Demonstration des Bündnis »Seebrücke« in Hannover

Eine Demonstration des Bündnis »Seebrücke« in Hannover

Foto: Fotostand / Matthey / imago images/Fotostand

SPIEGEL: Wie haben Sie die Situation am Flughafen erlebt?

Breuer: Es war wahnsinnig chaotisch. Niemand wusste, dass wir kommen. Die Deutschen wollten mich am liebsten sofort evakuieren, so wie die anderen Journalisten, die mit uns eingereist sind. Bleiben durfte ich nur, weil ich als Aktivistin von »Luftbrücke Kabul« da war und Rob Grey, unser Sicherheitschef, mich bei den britischen Soldaten vorstellte. Die sagten: Gut, aber spätestens Samstag sind wir raus. So lange durfte ich mich in ihrem Teil des Flugfelds aufhalten.

SPIEGEL: Ihre Gruppe hat das Verhalten der deutschen Behörden schon mehrfach scharf kritisiert.

Breuer: Es kam mir so schizophren vor. Der Wille war ja da, uns zu helfen, und Heiko Maas hat sogar extra noch mal gegenüber Ägypten bekräftigt, dass unsere Maschine starten darf. Aber als wir in Kabul ankamen, hatten wir keinen Ansprechpartner, und vonseiten der Botschaft wurde uns auch nur sehr widerwillig geholfen.

SPIEGEL: Manche aus Ihrer Rettungsgruppe werfen dem Auswärtigen Amt vor, Ihre Mission blockiert zu haben.

Breuer: Von einer Blockade möchte ich nicht sprechen. Aber wir hatten ständig das Gefühl, gegen eine Mauer zu rennen. Alles hat wahnsinnig lange gedauert. Mir ist schon klar, dass Behörden auch bürokratischen Zwängen unterliegen, aber in einer Krisensituation wie dieser erscheint es einem absurd.

»Die Amerikaner waren einfach mächtiger«

SPIEGEL: Ihre Rettungsmission hat nicht funktioniert, die Menschen auf Ihrer Liste kamen nicht zum Flughafen durch. War das nicht extrem enttäuschend?

Breuer: Dass die Leute nicht durchkommen, haben wir erst kurz nach der Landung erfahren. Als unser Flugzeug nach Stunden des Wartens mit nur 18 Personen von der Evakuierungsliste der Portugiesen an Bord wieder abhob, da war keine Zeit für Enttäuschung. Ich habe einfach gedacht: Okay, dann bleibe ich hier. Was versuche ich als Nächstes?

SPIEGEL: Am Ende wurden 189 Menschen von ihrer Liste von der US-Luftwaffe ausgeflogen. Waren die Amerikaner spontaner als die Deutschen?

Breuer: Sie waren einfach mächtiger. Sie konnten am Flugfeld Entscheidungen treffen, die Deutschen nicht in diesem Umfang. Die Amerikaner kontrollierten die meisten Eingänge und als unsere Leute es endlich in den Flughafen geschafft hatten, waren die Deutschen schon gar nicht mehr da und unsere Maschine war auch längst weg. Da galt aber schon: Wer es in den Flughafen geschafft hat, wird auch evakuiert.

SPIEGEL: Wie kamen ihre Leute schließlich hinein?

Breuer: Als unsere Busse zum zweiten Mal an den Flughafentoren aufgehalten wurden, haben wir die Insassen nach Hause geschickt. Ich wurde dann evakuiert und bin nach Dubai geflogen worden. Wir dachten: Das klappt nicht mehr. Als ich gelandet bin, hatte ich Dutzende verpasste Anrufe und Sprachnachrichten auf dem Handy – es gehe nun doch weiter.

Ein US-Soldat weist einer Frau mit Baby den Weg. Die meisten Menschen wurden von staatlichen Rettungsmissionen evakuiert

Ein US-Soldat weist einer Frau mit Baby den Weg. Die meisten Menschen wurden von staatlichen Rettungsmissionen evakuiert

Foto: ISAIAH CAMPBELL / AFP

SPIEGEL: Einer ihrer Helfer vor Ort hatte erneut Verhandlungen mit den Taliban geführt, diesmal mit Unterstützung der Amerikaner. Also riefen Sie die Leute erneut in die Busse und schafften es diesmal durch die Kontrollen. Wieso wurde Ihnen schließlich geholfen?

Breuer: Es haben sich sehr viele Leute für uns eingesetzt, irgendwann war nicht mehr klar, wer eigentlich alles. Auch auf hoher politischer Ebene in den USA. In der Nacht zuvor hatte ich einen Anruf erhalten, der mir ziemlich mysteriös vorkam. Ein Mann stellte sich als Mitarbeiter des Centcom, des Central Command der US-Armee, zuständig für Middle East and Central Asia vor. Er fragte, was mit unserem Konvoi sei, ob wir raus seien. Er meinte, er schaue, was man noch tun können. Ob es jetzt daran lag, weiß ich natürlich nicht, aber in der Nacht zum Sonntag sind unsere Leute ausgeflogen worden.

SPIEGEL: Waren Ihre Freunde unter den Evakuierten?

Breuer: Einige von ihnen hatten es schon vorher rausgeschafft, andere sind dann tatsächlich von den Amerikanern ausgeflogen worden. Die Leute auf dem US-Flug befinden sich nun zum Teil auf dem Luftwaffenstützpunkt Ramstein, andere sind in Spanien. Sie werden vermutlich in den nächsten Tagen in Erstaufnahmeeinrichtungen gebracht. Das Letzte, was ich gehört habe, ist, dass die gerade bei den Deutschen in Ramstein ein Coronatest-Prozedere durchlaufen.

SPIEGEL: Sie sind für diese Aktion auch kritisiert worden – von wem?

Breuer: Vor allem vonseiten der Behörden und der Bundeswehr vor Ort. Sie haben uns vorgeworfen, dass unsere Arbeit unnötig sei, dass wir uns vordrängeln würden, oder dass wir andere Evakuierungsmissionen behindern würden. Aber ich dachte mir: Wenn euch zehn Hippies aus Berlin so aus dem Konzept bringen, wie seid ihr eigentlich aufgestellt?

SPIEGEL: Haben Sie sich denn vorgedrängelt?

Breuer: Wir haben mit aller Kraft darum gekämpft, dass unsere Leute rauskommen. Und das sind sie ja letztendlich auch erst, als die Deutschen schon ein paar Tage raus waren.

SPIEGEL: Wollen Sie weitermachen?

Breuer: Wir haben nie aufgehört. Es sind ja noch immer nicht alle Leute draußen, die wir rausbringen wollten. Also sammeln wir weiter Spenden und erwägen alle möglichen Optionen, Menschen außer Landes zu bringen. Aktuell loten wir die Landwege aus.

SPIEGEL: Stehen Sie noch in Kontakt mit den deutschen Behörden? Oder möchten Sie mit denen gar nicht mehr zusammenarbeiten?

Breuer: Doch, natürlich, wir halten ständigen Kontakt. Wenn man mehr Leute retten will, geht es auch gar nicht anders. Und: Sie sollen ja nicht in den Nachbarstaaten bleiben.

SPIEGEL: Wollen Sie wieder nach Afghanistan reisen?

Breuer: Auf jeden Fall. Aber dann wieder als Reporterin. Wenn es möglich ist, will ich sehen, wie sich das Land weiterentwickelt. Während ich in Kabul gelebt habe, hat mich wahnsinnig beeindruckt, wie viele junge, kluge Menschen dort leben. Viele von ihnen waren sehr engagiert und haben sich ihre Rechte oft erkämpfen müssen, gegen die Erwartungen ihrer Familie oder der Gesellschaft. Aber die Menschen, die die Stadt so besonders gemacht haben, sind nicht mehr dort. Es sind ja genau die Menschen, die wir evakuiert haben und die wir weiterhin evakuieren wollen. Das Land, das ich kennengelernt habe, gibt es nicht mehr.

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