Umstrittenes Inselprojekt in Dänemark Wird hier die Zukunft gebaut oder zerstört?

Mit einer künstlichen Insel will Kopenhagen sich vor den Folgen des Klimawandels schützen und neuen Wohnraum für 35.000 Menschen schaffen. Doch ist das Großprojekt wirklich eine Lösung oder eher selbst eine Bedrohung?
Blick auf die Küste: Hier soll künftig eine künstliche Insel die Folgen des Klimawandels bremsen

Blick auf die Küste: Hier soll künftig eine künstliche Insel die Folgen des Klimawandels bremsen

Foto: Ole Malling
Globale Gesellschaft

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Ein grünes Bollwerk gegen den Klimawandel, das Sturmfluten bremst und auf drei Quadratkilometern 35.000 Menschen ein neues Zuhause gibt. Ein komplett neuer Stadtteil – direkt an der Küste und dennoch gut angebunden an den Rest der Hauptstadt. So bewerben Politiker in Dänemark das Projekt Lynetteholm, eine künstliche Insel, die im Hafen von Kopenhagen entstehen soll.

Dänemark wird vom Klimawandel besonders bedroht, das kleine Land zwischen Nord- und Ostsee muss sich auf gleich zwei Seiten gegen den Anstieg der Meeresspiegel behaupten. Bereits in den vergangenen Jahren wurden Milliardenprojekte zum Küstenschutz angestoßen. Expertinnen und Experten rechnen damit, dass Extremwetterereignisse infolge der Klimakrise weiter zunehmen werden. Lynetteholm soll Kopenhagen künftig vor solchen Unwetterkatastrophen schützen.

Es ist ein Megaprojekt, das in Zeiten des immer sichtbarer werdenden Klimawandels für Hoffnung sorgt. 85 Prozent der Abgeordneten im dänischen Parlament stimmten im Juni dafür, schon in wenigen Wochen könnten die ersten Bauarbeiten beginnen. Doch ausgerechnet Klima- und Umweltschützer kämpfen gegen Lynetteholm – während die Befürworter auf den Schutz der Küste verweisen, befürchten die Kritiker eine Zerstörung der Ostsee. Dort, wo die Politikerinnen und Politiker Tausende neue Wohnungen entstehen sehen, erwarten die Gegner eine klimaschädliche Megabaustelle.

Der Streit ist in den vergangenen Wochen so eskaliert, dass er womöglich bald auch die Europäische Union beschäftigen wird.

Die Auseinandersetzung über Lynetteholm zeigt, wie schwierig es noch werden könnte, in den kommenden Jahrzehnten mit dem Klimawandel umzugehen. Schreit die Lage nicht gerade nach entschlossenen Antworten? Nicht zuletzt ist es auch eine grundsätzliche demokratische Frage: Wer darf heute entscheiden, womit andere in 50 Jahren einmal leben müssen?

Protest vor dem Parlament: Im Juni demonstrierten Anwohnerinnen und Aktivisten gegen das Projekt – die Mehrheit der Abgeordneten stimmte dafür

Protest vor dem Parlament: Im Juni demonstrierten Anwohnerinnen und Aktivisten gegen das Projekt – die Mehrheit der Abgeordneten stimmte dafür

Foto: Emil Helms / Ritzau Scanpix / IMAGO

Aus deutscher Sicht ist die Geschwindigkeit, mit der Lynetteholm geplant wurde, zunächst einmal mehr als eindrucksvoll: Im Oktober 2018 präsentierte der damalige Premierminister Lars Løkke Rasmussen die ersten Pläne – nur drei Jahre später soll nun mit der Aufschüttung der Insel begonnen werden.

Bis 2070 werde dann gebaut, schätzen die Verantwortlichen. Stück für Stück sollen Wohngebäude, Metroanschluss und ein Stück komplett neuer Küste entstehen. Es ist das größte Bauvorhaben der dänischen Geschichte. Mehr als hundert Millionen Kubikmeter Sand und Erde müssen dafür bewegt werden, frühestens 2035 könnten die ersten Gebäude in den Ostseehimmel wachsen.

Frederik Sandby hofft, dass es nicht so weit kommt. Der 27-Jährige ist Vorsitzender der Klimabevægelsen, des Dachverbands der dänischen Klimabewegung, dem unter anderem auch Fridays for Future angehört. »Wenn wir es mit den Pariser Klimazielen ernst meinen«, warnt Sandy, »darf Lynetteholm in seiner jetzigen Form nicht entstehen. Das Projekt ist bislang nichts anderes als Greenwashing.«

Klimaschützer Frederik Sandby: »Wenn wir es mit den Pariser Klimazielen ernst meinen, darf Lynetteholm nicht entstehen«

Klimaschützer Frederik Sandby: »Wenn wir es mit den Pariser Klimazielen ernst meinen, darf Lynetteholm nicht entstehen«

Foto: Ariel Storm

Klima- und Umweltschützer erzürnt, dass bis heute keine vollständige Umweltprüfung des Vorhabens vorliegt. Stattdessen wurde Lynetteholm in mehrere Teilprojekte aufgespalten. Vor Baubeginn wurden bislang nur die Folgen der Inselaufschüttung untersucht. Über den Rest wollen Stadt und Land später entscheiden, wenn bereits die Bagger rollen. Die Einspruchsmöglichkeit für Bürgerinnen und Bürger sowie Organisationen endet voraussichtlich bereits am 6. Oktober. Nicht nur Klimaschützer, auch Juristinnen und oppositionelle Politiker kritisieren diese Strategie .

Durch das Vorgehen der Regierung werde die demokratische Kontrolle über das Projekt faktisch ausgehebelt, fürchtet etwa Ellen Margrethe Basse, Umweltrechts­professorin an der Universität Aarhus. Bereits mit dem Parlamentsbeschluss habe man Einspruchsmöglichkeiten, die sonst üblich wären, umgangen. Auch Peter Pagh, Basses Kollege an der Universität Kopenhagen, teilt die Zweifel , ob dieses Vorgehen legal ist. »Man kann Großprojekte nicht einfach untersuchen, während sie bereits gebaut werden.«

Das Bauprojekt sorgt inzwischen auch in Schweden für Kritik, Umweltschützer und Gemeinden fürchten ökologische Schäden

Das Bauprojekt sorgt inzwischen auch in Schweden für Kritik, Umweltschützer und Gemeinden fürchten ökologische Schäden

Foto: COWI

Im Rathaus von Kopenhagen will man von solchen Einwänden bislang nichts wissen. »Es ist ein ganz normaler demokratischer Vorgang«, versicherte Oberbürgermeister Lars Weiss in einem Interview . Von der Kritik am Großprojekt hält er erkennbar wenig. »Wenn man dieser Logik folgt, können wir keine Projekte mehr planen, die über die Wahlperiode hinausreichen.« Allein bis Jahresanfang, so Weiss, habe man gemeinsam mit dem Hafenbetreiber umgerechnet mehr als 13 Millionen Euro investiert, um knapp 900 Einwände aus der Bürgerschaft zu berücksichtigen.

Gegenwind erhält Lynetteholm inzwischen auch von der anderen Seite des Öresunds. Schwedische Umweltschützer, 13 Gemeinden und die Region Skåne warnen vor den ökologischen Auswirkungen des Projekts. Durch die jahrzehntelangen Bauarbeiten werde die Meerenge verschmutzt, zudem zerstöre der Abbau von Sand aus dem Riff Kriegers Flak wichtige Lebensräume für Schweinswale, Fische und Pflanzen, so die Befürchtung. Schon allein deshalb müsse Dänemark das Vorhaben ernsthafter überprüfen und auch mit Schweden koordinieren, um nicht EU-Recht zu verletzen, fordern die Kritiker.

In Kopenhagen selbst sorgt man sich unterdessen vor allem um die alltäglichen Auswirkungen. Während des Ausbaus der Insel sollen in den kommenden zehn Jahren täglich etwa 350 Lastwagen zusätzlich durch die Stadt rollen, rechnen dänische Medien vor. »Aus unserer Sicht«, sagt Klimaaktivist Frederik Sandby, »ist der Ausbau der Insel mindestens genauso problematisch wie das Aufschütten davor.«

Für die Klimaschützer sind nicht nur die Umweltfolgen fragwürdig, sondern auch die grundlegenden Überlegungen, die hinter dem Großprojekt stehen. »Unsere Regierung hat angekündigt, bis 2030 die Emissionen drastisch zu reduzieren«, sagt Sandby. »Doch die Baubranche ist einer der größten Verursacher von Treibhausgasen. Wenn wir Lynetteholm bauen wollen, müssen wir an anderer Stelle sparen. Wie soll das gehen, wenn man noch nicht einmal die Auswirkungen untersucht?«

Auf Computerbildern des Projekts steht die Natur im Vordergrund, von den geplanten Gebäuden ist bislang wenig zu sehen

Auf Computerbildern des Projekts steht die Natur im Vordergrund, von den geplanten Gebäuden ist bislang wenig zu sehen

Foto: COWI

Um die Bauarbeiten zu stoppen, haben die Umweltschützer in den vergangenen Monaten eine Petition beim EU-Parlament eingereicht und in Dänemark eine Zivilklage angestoßen. Juraprofessorin Ellen Margrethe Basse rechnet dem Vorhaben gute Chancen aus: »Ich kann mir vorstellen, dass spätestens der Europäische Gerichtshof die Einwände gegen die unvollständige Umweltprüfung aufgreift und bestätigt. Dafür sind die Vorschriften schlicht zu eindeutig.«

Aus Dänemarks Jahrhundertprojekt gegen den Klimawandel würde dann zunächst einmal eines: ein historischer Rechtsstreit.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

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