Madeira Das Corona-Exil

Sie wollen unter Palmen arbeiten und dem Virus entkommen: Ausländische Gutverdiener zieht es zunehmend nach Madeira. Die portugiesische Insel wirbt intensiv um sie, doch vom Hype profitieren bislang nur wenige.
Blick auf die Küste von Madeira nahe der Hauptstadt Funchal. Die Insel sucht Alternativen zum Tourismus, doch bislang profitieren nur wenige

Blick auf die Küste von Madeira nahe der Hauptstadt Funchal. Die Insel sucht Alternativen zum Tourismus, doch bislang profitieren nur wenige

Foto: Horacio Villalobos / Corbis / Getty Images
Globale Gesellschaft

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Wenn Katharina Reus morgens durch die Bananenplantagen ihrer Umgebung joggt, sitzen ihre Kollegen in Frankfurt am Main oft schon seit einer Stunde am Schreibtisch. Die 39-Jährige arbeitet als Rechtsexpertin und Aufsichtsrätin in der Pharmaindustrie. Zurzeit ist sie mit ihrem Partner im Sabbatical und arbeitet »nur noch nachmittags« an einigen Projekten.

Seit Mitte Januar leben die beiden auf Madeira, sie haben sich ein Appartment über dem Meer gemietet. Tausend Kilometer vom europäischen Festland entfernt sei sie jetzt sogar produktiver. »Der deutsche Corona-Alltag ist weit weg«, sagt Reus, »genau deshalb sind wir ja hier.«

Balkon eines Restaurants in Ponta do Sol, dem sogenannten Start-up-village auf Madeira

Balkon eines Restaurants in Ponta do Sol, dem sogenannten Start-up-village auf Madeira

Foto: A. Farnsworth / imago images

So wie der deutschen Führungskraft geht es derzeit vielen Besuchern der Vulkaninsel im Atlantik. Das portugiesische Eiland wirbt seit einigen Monaten ganz gezielt um Gäste, die in der Ferne arbeiten wollen und können. Madeira werde oft »Europas Antwort auf Hawaii« genannt, erklärte kürzlich CNN . »Remote Worker« heißen die neuen Gäste, die mit dem Laptop im Gepäck vor Corona in die Ferne flüchten.

Portugal gilt schon seit Längerem als Ziel für Menschen, die im Ausland arbeiten und nebenbei noch etwas urlauben möchten. Doch bislang richtete sich die Werbung vor allem an junge Leute. Sie waren bereit, für das Leben als Callcenter-Agent am Meer auch Niedriglöhne von 700 bis 800 Euro in Kauf zu nehmen. So viel kostet für Katharina Reus allein die Miete ihres Appartments. Ein »super Deal«, findet sie.

Für Gonçalo Hall, der sich selbst »Gonzo« nennt, liegt genau darin ein Vorteil der neuen Besucher: Sie haben oft mehr Geld und bleiben länger als gewöhnliche Touristen. Der 33-Jährige lebte selbst lange Zeit als Weltenbummler. Als er nach Portugal zurückkam, war er »Future-of-Work-Experte«.

Hall gilt als Erfinder des »Digital Nomad Village«. Im Küstenort Ponta do Sol im Südwesten der Insel sollen die neuen Gäste jetzt so arbeiten und leben, als wäre der Alltag im Rest der Welt weit weg. Die Häuser an den steilen Hängen leuchten oft bunt, es ist hier auch im Winter warm und grün. Wer sich für mindestens einen Monat einmietet, erhält Zugang zu einem Corona-sicheren Co-Working-Space mit schnellem Internet und regelmäßigen Afterwork-Events.

Im Idealfall sollen die Gäste auch sonst möglichst viel Zeit in Bars, Restaurants oder auf geführten Touren verbringen. »Local Experience« nennt Hall das Angebot. Solche Ideen kann Madeira derzeit gut gebrauchen: Im vergangenen Jahr sank die Zahl die Übernachtungen um 66 Prozent. Der Dezember 2020 war Corona-bedingt der schlechteste seit 1976. Viele Hoteliers, Gastronomen und Händler überleben derzeit nur noch dank der Hilfszahlungen der Regierung in Lissabon.

Einheimische an einem Kiosk in der Inselhauptstadt Funchal im Südosten der Insel Madeira

Einheimische an einem Kiosk in der Inselhauptstadt Funchal im Südosten der Insel Madeira

Foto: Action Pictures / imago images

Portugal gilt bis heute als ärmstes Land Westeuropas. Mit 23.100 Euro ist das durchschnittliche Einkommen der Madeirer jedoch selbst für portugiesische Verhältnisse niedrig, schon vor der Krise galt fast ein Drittel der Inselbewohner als armutsgefährdet. Die Regierung vermarktete die Insel jahrelang als Steuerparadies. Großkonzerne, Fußballer und Superreiche siedelten sich daraufhin in der »Zona Franca da Madeira« an – meist ohne einen einzigen Arbeitsplatz zu schaffen. Inzwischen fordert die EU Millionenbeträge zurück, schon vor der Krise war klar, dass das Modell keine Zukunft hat. Doch jetzt fehlen auch noch Kreuzfahrtschiffe und Ryanair-Kurzurlauber.

Wohlhabende Langzeitbesucher schienen deshalb die Rettung für die Insel, das Konzept könnte eine gute Idee sein. Auch andere Regionen kämpfen verstärkt darum, sich als Corona-Exil zu etablieren. In Griechenland erhalten Digitalnomaden Steuererleichterungen, in Estland, Finnland und Kroatien eigene Visa. »Half-Tourist« nannte der »Guardian« die Zielgruppe kürzlich , um die derzeit weltweit geworben wird. »Es fühlt sich ein wenig wie die Zukunft an«, sagt Katharina Reus.

Auf Madeira leidet die Idee jedoch noch darunter, dass sich die Wirklichkeit im normalen Leben nicht ganz so leicht ausblenden lässt wie auf Instagram. Obwohl mehr als 3800 Menschen aus aller Welt ihr Interesse anmeldeten, kamen zum Start von Gonçalo Halls Insel-Programm nur etwa 50 bis 60; Platz wäre für doppelt so viele Besucher.

Teilnehmerin einer Delfin-Tour vor der Pandemie. In Zukunft sollen die Besucher länger bleiben und mehr Geld ausgeben als in der Vergangenheit

Teilnehmerin einer Delfin-Tour vor der Pandemie. In Zukunft sollen die Besucher länger bleiben und mehr Geld ausgeben als in der Vergangenheit

Foto: Horacio Villalobos / Corbis / Getty Images

Die geringe Besucherzahl ist kein Zufall: Kein anderes Land in Europa verzeichnet aktuell so viele Coronafälle pro Einwohner wie Portugal. Die Sieben-Tage-Indizenz pro 100.000 Einwohner betrug vergangene Woche 820 – in Deutschland lag sie im selben Zeitraum bei 95. Zu rasche Lockerungen und die Mutation B.1.1.7 haben vermutlich dafür gesorgt, dass die Lage innerhalb kürzester Zeit fast außer Kontrolle geriet. Inzwischen ist die deutsche Bundeswehr vor Ort, um den Portugiesen unter die Arme zu greifen.

Madeira selbst schien in der Pandemie lange Zeit eine Insel der Seligen. Die Infektionszahlen sind immer noch deutlich niedriger als auf dem Festland, doch mittlerweile ist der Ernst der Lage auch hier angekommen. Vor wenigen Tagen landete eine Spezialmaschine auf der Insel, um drei Intensivpatienten von Lissabon in das Nélio-Mendonça-Krankenhaus der Hauptstadt Funchal zu überführen. Weitere könnten folgen. Inzwischen gilt ab 19 Uhr eine Ausgangssperre. Wer nach Deutschland zurückkehrt, kommt jetzt aus einem »Hochinzidenzgebiet«.

Arbeitswillige US-Amerikaner, Briten und Brasilianer haben momentan kaum eine Chance einzureisen. Auch deshalb blieben einige Plätze im »Digital Nomad«-Programm bislang leer.

Unter den Einheimischen hat sich inzwischen ebenfalls Ernüchterung breitgemacht. Für Mauricio Gouveia waren die neuen Gäste bislang keine Hilfe. Der 44-Jährige betreibt in Funchal keine zweihundert Meter entfernt vom Meer die Bar »Mad Cuba«. Die Bilder auf Google Maps zeigen Wandgemälde von Fidel Castro, bunte Cocktails und große Portionen Fisch.

Das Lokal hat 4,7 von 5 möglichen Sternen, auf Facebook zählt Gouveia aktuell 3168 Freunde aus aller Welt. Doch wenn es so weitergeht wie zuletzt, sei er in spätestens vier Wochen pleite, sagt er. Zurzeit hätten er und seine vier Mitarbeiter noch etwa 15 Gäste am Tag – vor allem zur Happy Hour, wenn es Getränke ab zwei Euro gibt. Von seinem »Captain's Dinner« habe er beim letzten Mal vier von fünf Portionen zu einem Obdachlosen auf der anderen Straßenseite gebracht, klagt Gouveia. »Die Remote Worker bestellen sich alles nach Hause und kochen, so kann ich nicht überleben.«

Auch Jose Lopes, ein Souvenirverkäufer aus der Nachbarschaft, wartet derzeit verzweifelt auf neue Kunden. Pro Tag verdiene er noch fünf bis 20 Euro am Tag, sagt der 36-Jährige. Geöffnet hat sein Laden in der Innenstadt nur noch, um von den Nothilfen profitieren zu können.

Gonçalo Hall gilt als Erfinder des »Digital Nomad Village« auf Madeira. Doch bislang sind nur wenige Langzeitbesucher auf der Insel.

Gonçalo Hall gilt als Erfinder des »Digital Nomad Village« auf Madeira. Doch bislang sind nur wenige Langzeitbesucher auf der Insel.

Um eine Zukunft zu haben, müsste Madeira dringend weg von der Abhängigkeit vom Massentourismus. Doch um kurzfristig zu überleben, sehnen sich viele Bewohner nach dem genauen Gegenteil. Auch die Regionalregierung erhöhte den Tourismus-Werbeetat für das laufende Jahr kürzlich auf 22 Millionen Euro.

Gonçalo Hall sieht die aktuelle Krise dagegen als Chance, um die ganze Insel nach vorn zu bringen. Es gehe nicht nur ums Geld, sondern auch den Umbau der Wirtschaft. Weg vom Steuer- und Urlaubsparadies, hin zum »Digital Hub«. Die Insel soll nach der Pandemie zu einer Art Plattform im Meer werden, auf der hoch qualifizierte Arbeitskräfte und junge Unternehmen aus aller Welt zusammenfinden. In Zukunft könnte auch Souvenirhändler Jose Lopes davon profitieren. Der 36-Jährige studiert seit Kurzem Elektrotechnik.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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