Kampf gegen Malaria Was passiert, wenn in Afrikas Krankenhäusern die Patienten wegbleiben

Malaria, Diabetes, Herzkrankheiten verschlimmern sich: Aus Angst vor Corona meiden selbst schwer kranke Patienten in Sierra Leone derzeit Ärzte und Kliniken. Wie Hilfsorganisationen nun versuchen, die Menschen zu erreichen.
Aus Sierra Leone berichtet Benjamin Moscovici
Mit einer mobilen Klinik fahren die Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen derzeit zu den Menschen aufs Dorf – anders würden sie die Patienten nicht erreichen

Mit einer mobilen Klinik fahren die Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen derzeit zu den Menschen aufs Dorf – anders würden sie die Patienten nicht erreichen

Foto: Benjamin Moscovici / DER SPIEGEL
Globale Gesellschaft

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Als der Sauerstoffgehalt im Blut der kleinen Zainab plötzlich abfällt, versinkt gerade die Sonne über dem Urwald. Draußen brüllen Affen, Schwärme von Fledermäusen steigen in den Abendhimmel – drinnen, auf der Intensivstation eines kleinen Feldkrankenhauses im Süden von Sierra Leone, kämpft ein Team von Ärzte ohne Grenzen um das Leben des sechs Monate alten Mädchens. Die Kleine hat Malaria.

Rund eine halbe Million Menschen stirbt jährlich an Malaria, wie Zahlen der Weltgesundheitsorganisation zeigen. 94 Prozent davon in Afrika. Zwei Drittel der Todesopfer sind Kinder unter fünf Jahren. Und in kaum einem anderen Land wütet die Krankheit so schlimm wie in Sierra Leone.

Die sechs Monate alte Zainab bekommt eine Bluttransfusion

Die sechs Monate alte Zainab bekommt eine Bluttransfusion

Foto: Benjamin Moscovici / DER SPIEGEL

Laut den Vereinten Nationen sterben in dem westafrikanischen Land 109 von 1000 Kindern, bevor sie ihr fünftes Lebensjahr vollendet haben. Es ist eine der höchsten Kindersterblichkeitsraten der Welt, knapp 30-mal höher als in Deutschland.

Draußen ist es inzwischen dunkel geworden, drinnen erhellen die Neonleuchten den Raum. Marianella Rodriguez wirft einen Blick auf die Krankenakte. »Typischer Fall«, sagt die Kinderärztin aus Argentinien. Schwere Malaria, Lungenentzündung und Blutarmut. »Hätte die Mutter ihr Baby nicht zu uns gebracht, wäre es morgen wahrscheinlich tot.«

Ärztin Marianella Rodriguez mit Pflegern: »Wer es zu uns geschafft hat, der schafft es hier meistens auch lebend wieder raus. Die anderen sind es, um die ich mir Sorgen mache«

Ärztin Marianella Rodriguez mit Pflegern: »Wer es zu uns geschafft hat, der schafft es hier meistens auch lebend wieder raus. Die anderen sind es, um die ich mir Sorgen mache«

Foto: Benjamin Moscovici / DER SPIEGEL

»Genau da liegt das Problem«, sagt Fabio Biolchini. Der Brasilianer hat kurz vor Ausbruch der Corona-Pandemie den Posten als Klinikleiter übernommen. Jetzt sitzt er in seinem kleinen Büro, tiefe Schatten unter den Augen. »Schauen Sie«, sagt er und scrollt durch eine lange Tabelle, »zwischenzeitlich sind unsere Patientenzahlen um 70 Prozent eingebrochen. Das ist eine Katastrophe.«

Das Problem ist nicht, dass Hilfsorganisationen wie Ärzte ohne Grenzen andere Krankheiten angesichts der Pandemie vernachlässigen. Das Problem ist, dass die Menschen sich nicht mehr in die Notaufnahmen und Krankenhäuser trauen – und dass deshalb nun weitaus mehr Patienten an Malaria sterben als an Covid-19.

»Das Phänomen kann man weltweit beobachten. Aber hier in Sierra Leone ist es noch verstärkt durch die Erfahrung mit Ebola«, sagt Klinikchef Biolchini. Während des Ebola-Ausbruchs 2014 bis 2016 entwickelten sich Gesundheitszentren zu Infektions-Hotspots. Von den Menschen, die ins Krankenhaus gingen, kamen viele nie zurück.

»Wenn die Kinder nicht mehr kommen, dann sterben sie«

Die Angst der Bevölkerung vor einem Klinikbesuch bereitet den Mitarbeitern von Ärzte ohne Grenzen derzeit die größten Sorgen: »Bei den Kindern, die zu uns kommen, geht es ohnehin oft um Leben oder Tod«, sagt Klinikleiter Fabio Biolchini. »Wenn diese Kinder nicht mehr kommen, dann sterben sie.«

Fabio Biolchini, 39, leitet das Feldkrankenhaus von Ärzte ohne Grenzen im Süden von Sierra Leone

Fabio Biolchini, 39, leitet das Feldkrankenhaus von Ärzte ohne Grenzen im Süden von Sierra Leone

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Benjamin Moscovici / DER SPIEGEL

Auf der Intensivstation starrt die kleine Zainab ihre Mutter mit aufgerissenen Augen an. Ihr Fieber ist gestiegen, das Herz rast, ihre Fingernägel verfärben sich lila. Jeder Atemzug wirkt wie das erste Luftschnappen nach einem langen Tauchgang. Das Baby droht zu ersticken, es braucht eine Bluttransfusion.

Dass schwer kranke Patienten seit Monaten die Krankenstationen meiden, liegt nicht nur an der Angst vor einer Corona-Infektion in den Kliniken. Auch die überfüllten Busse und Taxis schrecken die Menschen – zurecht – ab. Und wenn eine Verwaltung versucht, die Personenanzahl in öffentlichen Verkehrsmitteln zu reduzieren, steigen sofort die Preise. Dabei ist die Zahl der Menschen, die sich den Transport ins Krankenhaus nicht leisten können, seit Ausbruch der Pandemie ohnehin massiv gestiegen. Ein Problem, das weit über Sierra Leone hinausreicht.

Bei einer Umfrage unter 24.000 Menschen in 18 afrikanischen Staaten gab fast die Hälfte der Befragten mit Behandlungsbedarf an, seit Ausbruch der Pandemie notwendige Arztbesuche nicht unternommen zu haben. Laut der Studie im Auftrag der Afrikanischen Union geht es dabei vor allem um Untersuchungen zu Herzkrankheiten und Diabetes. Am stärksten betroffen jedoch ist der Kampf gegen Malaria.

Wie geht eine Hilfsorganisation wie Ärzte ohne Grenzen mit so einer Situation um? Was tut sie, wenn sie merkt, dass Patienten wie Zainab plötzlich wegbleiben?

»Uns war schnell klar: Wenn die Patienten nicht mehr zu uns kommen, müssen wir zu den Patienten kommen«, sagt Klinikleiter Biolchini. Tatsächlich hat Ärzte ohne Grenzen mitten in der Pandemie einen erheblichen Teil seiner Arbeit in Sierra Leone komplett umgestaltet und setzt jetzt vermehrt auf mobile Teams, die über die Dörfer fahren.

Behandlung und Vorsorge durch die mobile Klinik

Behandlung und Vorsorge durch die mobile Klinik

Foto: Benjamin Moscovici / DER SPIEGEL

Und der Bedarf ist groß. Wenn die Helfer in ihren weißen Geländewagen mit dem roten Logo in die Dörfer kommen, ihre kleinen Tische aufbauen und die Medikamente auspacken, können sie den Ansturm kaum bewältigen. Auch nach Stunden wird der Kreis aus Frauen und Mädchen, die mit ihren Kindern die Helfer belagern, nicht kleiner.

Während ein Kollege die Impfpässe kontrolliert und bei Bedarf den Impfschutz auffrischt, misst eine andere Kollegin Fieber und testet auf Malaria. Gleichzeitig führt eine Frau etwas abseits Vorsorgeuntersuchungen bei Schwangeren durch und wieder jemand anderes trommelt den Rest der Dorfgemeinschaft zusammen und erklärt, was Symptome sind, mit denen man ins nächste Gesundheitszentrum, vielleicht sogar ins Krankenhaus sollte.

Eine Frau kommt mit ihrem Kind auf dem Rücken und ihrer Patientenakte zur mobilen Klinik von Ärzte ohne Grenzen

Eine Frau kommt mit ihrem Kind auf dem Rücken und ihrer Patientenakte zur mobilen Klinik von Ärzte ohne Grenzen

Foto: Benjamin Moscovici / DER SPIEGEL

Watta Momoh sitzt etwas abseits mit ihrem Enkel auf einer Bank und beobachtet die Arbeit der Helfer. Sie ist eine der ältesten Frauen im Dorf und erinnert sich noch, wie es früher war, als alle paar Tage ein Kind starb. Seit es einige Kilometer von hier eine kleine Gesundheitsstation gebe, sei das besser, sagt sie. Aber jetzt mit Corona würden sie sich kaum noch aus dem Dorf trauen. Niemand will das Virus einschleppen.

»Die Umstellung auf mobile Teams war ein enorm wichtiger Schritt«, sagt Fouad Gammoudi. Der Tunesier ist Leiter der Mission von Ärzte ohne Grenzen in Sierra Leone. Natürlich habe er schlaflose Nächte gehabt, sagt er. Aber ernste Versorgungsengpässe habe es zu keinem Zeitpunkt gegeben. »Bislang ist uns die Anpassung an die Pandemie ziemlich gut gelungen.«

Malaria-Schnelltest: Ein großer Pharmakonzern soll zwischendurch angekündigt haben, die Produktion von Malaria-Schnelltests zugunsten der lukrativeren Herstellung von Corona-Schnelltests einzustellen

Malaria-Schnelltest: Ein großer Pharmakonzern soll zwischendurch angekündigt haben, die Produktion von Malaria-Schnelltests zugunsten der lukrativeren Herstellung von Corona-Schnelltests einzustellen

Foto: Benjamin Moscovici / DER SPIEGEL

Wer verstehen will, wie das möglich war, muss mit den Menschen im Hintergrund der Organisation sprechen. Menschen wie Laurent Sury, der in Frankreich eines der größten Logistikzentren von Ärzte ohne Grenzen leitet und der mit seinen langen zerzausten Haaren und dem stoppeligen Bart aussieht, als hätte er in den letzten Monaten öfter mal im Büro übernachtet. Flüge fielen aus, Medikamente konnten nicht mehr geliefert werden, Grenzen waren zu. Ein Logistik-Albtraum.

Und dann, so erzählt Sury, hätten Vertreter der französischen Regierung im Frühjahr auch noch kurzzeitig erwogen, sein Medikamentenlager zu konfiszieren, und ein großer Pharmakonzern habe angekündigt, die Produktion von Malaria-Schnelltests zugunsten der lukrativeren Herstellung von Corona-Schnelltests einzustellen, berichten andere Ärzte-ohne-Grenzen-Mitarbeiter. Kolleginnen aus dem New Yorker Büro hätten daraufhin gebettelt, gedroht, verhandelt – das ganze Gewicht von Ärzte ohne Grenzen in die Waagschale geworfen –, um den Pharmagiganten schließlich dazu zu bringen, weiter Schnelltests für Malaria zu produzieren.

Logistikzentrum von Ärzte ohne Grenzen in Bordeaux, Frankreich

Logistikzentrum von Ärzte ohne Grenzen in Bordeaux, Frankreich

Foto: DER SPIEGEL

Oder die Leiterin des Logistikzentrums in Dubai, dem Anfang des Jahres plötzlich eine Schlüsselrolle zufiel, als die Ausfuhr von medizinischer Schutzausrüstung aus dem Gebiet der Europäischen Union weitgehend eingeschränkt wurde. Fast über Nacht war sie mit ihrem Team dafür verantwortlich, dass dem Personal in den Einsatzländern nicht die Masken und Handschuhe ausgingen.

Fouad Gammoudi weiß, dass es für andere Hilfsorganisationen nicht so leicht ist. »Die machen auch wichtige Arbeit«, sagt er. »Aber die wenigsten haben die gleichen technischen Möglichkeiten und finanziellen Mittel wie wir.«

Krankenstation in Kenema, Sierra Leone: Dennoch nur ein Tropfen auf den heißen Stein

Krankenstation in Kenema, Sierra Leone: Dennoch nur ein Tropfen auf den heißen Stein

Foto: Benjamin Moscovici / DER SPIEGEL

Und trotz all dieser Mittel sei die Arbeit von Ärzte ohne Grenzen am Ende dennoch nur ein Tropfen auf den heißen Stein, sagt er. Eine kleine Klinik im Urwald an der Grenze zu Liberia und ein paar Geländewagen, die von dort aus die Dörfer in der Gegend anfahren, änderten schließlich nichts am desaströsen Zustand eines ganzen Gesundheitssystems.

Aber irgendwo muss man anfangen. Der kleinen Zainab hat es das Leben gerettet. Nach einer Bluttransfusion hat sich ihre Sauerstoffsättigung wieder normalisiert. Am nächsten Morgen ist das Fieber weg, sie trinkt wieder und braucht nicht einmal mehr zusätzlichen Sauerstoff über die Nasensonde.

Zainab hat sich schnell von der lebensbedrohlichen Situation erholt

Zainab hat sich schnell von der lebensbedrohlichen Situation erholt

Foto: Benjamin Moscovici / DER SPIEGEL

Marianella Rodriguez, die argentinische Kinderärztin, will Zainab und ihre Mutter noch einen Tag zur Beobachtung dabehalten. »Aber ich bin sicher, dass die beiden morgen wieder nach Hause können«, sagt sie, dann muss sie weiter.

Heute geht es um Bett drei und zwölf. Bett drei ist akut mangelernährt und hat vielleicht irgendwas am Gehirn. Bett zwölf hat Malaria, Lungenentzündung und Anämie. »Beide sehen nicht gut aus«, sagt Rodriguez. »Aber wer es zu uns geschafft hat, der schafft es hier meistens auch lebend wieder raus. Die anderen sind es, um die ich mir Sorgen mache.«

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

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