Mali Frankreichs Afghanistan

Nach dem Putsch in Mali will die Militärjunta zunächst an der Macht bleiben. Für die frühere Kolonialmacht Frankreich bringt der Umsturz enorme Probleme mit sich: Das Machtvakuum im Land dürften Islamisten für sich nutzen.
Von Fritz Schaap, Kapstadt
Ismael Wague (M.), Sprecher der Putschisten, auf einer Pressekonferenz

Ismael Wague (M.), Sprecher der Putschisten, auf einer Pressekonferenz

Foto: Uncredited / dpa

Eine Militäreskorte holte vergangene Woche in der malischen Hauptstadt Bamako den Präsidenten Ibrahim Boubacar Keïta und seinen Premierminister Boubou Cissé ab und brachte beide Männer in die Garnisonsstadt Kati. Dort erklärte Keïta später seinen Rücktritt. Für viele der Menschen, die seit Monaten auf den Straßen gegen seine Regierung protestieren, dürfte sich das wie ein Erfolg angefühlt haben.

Der Putsch aber wird die Probleme des Landes nicht lösen. Im Gegenteil: Chaos in Bamako könnte die ohnehin instabile Region tiefer in den Abgrund reißen.

Für Frankreich und seine Verbündeten ist der Coup ein diplomatischer Albtraum. Die Franzosen haben im Rahmen ihrer Antiterroroperation "Barkhane" 5100 Soldaten im Sahel stationiert, die Uno für ihre "Minusma"-Mission 15.000 Blauhelme. Auch die Bundeswehr unterstützt die Mission mit bis zu 1100 Soldaten. Das Ende der von Korruption und Inkompetenz geprägten Regierung Keïtas, die in Mali von vielen nur als Lakai Frankreichs betrachtet wurde, bedeutet für Frankreich den Verlust eines Hauptverbündeten im Kampf gegen den islamistischen Terrorismus im Sahel.

Regierungsgegner und Soldaten in Bamako nach dem Putsch gegen Präsident Ibrahim Boubacar Keïta

Regierungsgegner und Soldaten in Bamako nach dem Putsch gegen Präsident Ibrahim Boubacar Keïta

Foto: ANNIE RISEMBERG / AFP

Frankreich steht vor einer schwierigen Aufgabe: Einerseits muss es den Putsch verurteilen, andererseits wird es gezwungen sein, mit der neuen Führung zusammenzuarbeiten. Gerade hat die Militärjunta zwar verkündet, man wünsche, dass französische und Blauhelm-Soldaten weiter ihren Aufgaben nachgehen; sie teilte aber auch mit, dass das Militär plane, für drei Jahre an der Macht zu bleiben. Wer Frankreichs Verbündete in Zukunft sein werden, ist unklar.

"Die Operation 'Barkhane' ... geht weiter", twitterte die französische Verteidigungsministerin Florence Parly in der vergangenen Woche bereits. Die schnelle Reaktion sollte Entschlossenheit zeigen angesichts zunehmend antifranzösischer Stimmung und der immer drängenderen Frage, ob Frankreich sich hier in einen endlosen Krieg verstrickt.

Denn die Gewalt, die seit 2012 das westafrikanische Land heimsucht, hat nicht nachgelassen. Die Franzosen tragen in den Augen vieler Malier nicht dazu bei, dass sich etwas verbessert. Auf Demonstrationen werden die Franzosen immer wieder als Besatzer bezeichnet, Uno-Konvois werden mit Steinen beworfen. Der Ansatz, auch die Herzen der Malier zu gewinnen, kann als gescheitert betrachten werden.

Bei einer Kundgebung am vergangenen Freitag stand auf Schildern: "Stoppt den Völkermord durch Frankreich in Mali", "Tod Frankreichs und seiner Verbündeten" und "Nieder mit Frankreich und seinem Gouverneur".

Theoretisch könnte der Putsch die Dinge zum Besseren wenden: Dafür hätte jetzt aber eine kompetentere Regierung eingesetzt werden müssen. Und nicht eine Militärjunta. Sicherheitsexperten schließen einen Kollaps dessen, was vom malischen Staat noch übrig ist, nun nicht aus.

Tatsächlich besteht die Gefahr, dass der Putsch die Zeit zurückdreht. Im Jahr 2012, als der letzte Coup das Land erschütterte und die Armee kollabierte, folgten Unsicherheit in Bamako und bewaffnete Aufstände im Norden. Die Armee kollabierte. Chaos brach im Land aus. Die Tuareg erhoben sich, verbündeten sich mit Islamistengruppen und hatten schnell weite Teile Nordmalis überrannt. Anfang 2013 intervenierten die Franzosen und trieben die Aufständischen zurück in die Wüste.

Die Lage ist heute noch komplizierter. Hinzu kommt erschwerend ein destabilisiertes Zentralmali und eine zunehmende Ethnisierung des Konflikts, die Hunderte Selbstverteidigungsmilizen hat entstehen lassen.

Ob es diesmal anders läuft, bleibt abzuwarten. Zehn Tage nach dem Putsch hat die Militärjunta den von ihr gestürzten Ex-Präsidenten Ibrahim Boubacar Keita freigelassen. Keita sei frei und befinde sich in seiner Residenz, sagte ein Sprecher der Militärmachthaber am Donnerstag. Der Schritt erfolgte einen Tag vor Beratungen der westafrikanischen Staatengemeinschaft Ecowas über weitere Sanktionen gegen die Putschisten.

Dass aber ein mögliches Machtvakuum sofort von den verschiedenen Al-Qaida- und IS-Verbündeten genutzt werden würde, die schon jetzt Teile des Landes beherrschen, kann als sicher angesehen werden. Es wäre dann wieder an den Franzosen und der Uno, den Vormarsch zu stoppen.

Vor Monaten bereits sagte François Lecointre, der Stabschef der französischen Streitkräfte, seine Truppen werden wohl für die nächsten 30 Jahre in der Sahelzone bleiben.

Nun sagte er bei Radio France-Inter: "Wir werden niemals einen endgültigen Sieg erringen, niemals wird die Armee als Sieger unter dem Arc de Triomphe marschieren."

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