Sturz der Regierung in Mali Meuterei der Planlosen

Die Bevölkerung verarmt, Dschihadisten terrorisieren das Land - und das trotz internationaler Hilfe. Jetzt haben Militärs die Regierung aus dem Amt geputscht. Was sie mit der Macht wollen, ist unklar.
Putschisten werden nach der Festnahme des Präsidenten am Dienstag in Malis Hauptstadt Bamako bejubelt

Putschisten werden nach der Festnahme des Präsidenten am Dienstag in Malis Hauptstadt Bamako bejubelt

Foto: AFP

Der Präsident trug eine Gesichtsmaske, wie sich das in Corona-Zeiten gehört. Er wirkte recht eingeschüchtert und hilflos. Um ein Blutvergießen zu verhindern, bliebe ihm gar keine andere Wahl, erklärte Ibrahim Boubacar Keïta in einer offensichtlich erzwungenen Fernsehansprache in der Nacht zum Mittwoch. Er löste seine Regierung und das Parlament auf und erklärte seinen Rücktritt.

Am Dienstag waren der Staatschef und sein Premierminister Boubou Cissé von meuternden Soldaten gefangen genommen und aus der Hauptstadt Bamako in die 15 Kilometer entfernte Militärbasis Kati verschleppt worden.

Ibrahim Boubacar Keïta während seiner Fernsehansprache

Ibrahim Boubacar Keïta während seiner Fernsehansprache

Foto: ORTM TV / AP

Es war der Showdown einer seit langer Zeit schwelenden Staatskrise. Monatelang hatten wütende Demonstranten den Rücktritt des Präsidenten gefordert, die Massenproteste wurden von einem Oppositionsbündnis unter der Führung des konservativen Imams Mahmoud Dicko orchestriert. Ibrahim Boubakar Keïta, genannt IBK, war zwar erst vor zwei Jahren wiedergewählt worden, doch er hatte an der Spitze eines korrupten und inkompetenten Regimes so weitergemacht wie in seiner ersten Amtszeit.

Das Ergebnis der Wahl war ohnehin umstritten, weil viele Malier aufgrund der katastrophalen Sicherheitslage gar nicht an die Urnen gehen konnten. Das ist auch die Hauptursache des Umsturzes: Mali kommt einfach nicht mehr zur Ruhe, seit islamistische Milizen im Bunde mit Tuareg-Rebellen 2012 Malis desolate Armee regelrecht überrannt und in kurzer Zeit den gesamten Norden des Landes erobert hatten - eine Fläche von der doppelten Größe Deutschlands.

Die Aufständischen konnten erst durch eine Militärintervention der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich zurückgeschlagen werden. Die Niederlage der eigenen Streitkräfte wurde von der Bevölkerung als tiefe Schmach empfunden - und löste einen Putsch von jungen Offizieren aus. 

Damals räumte der Militärsprecher Diaran Koné im Gespräch mit dem SPIEGEL ein, die malische Armee werde zu Recht ein "Sauhaufen" genannt, aber das neue Kommando wolle - mit europäischem Beistand - die Streitkräfte an Haupt und Gliedern reformieren. Doch ausgerechnet der Putschistenführer Amadou Sanogo wurde mit dieser Aufgabe betraut. 

Die materielle Hilfe und die Trainingsmission der Europäer (EUTM), an der auch die Bundeswehr teilnimmt, brachte bislang jedoch nur bescheidene Fortschritte. Die Armee blieb eine kampfunwillige, ethnisch zersplitterte, miserabel geführte Truppe, in der Vetternwirtschaft, Korruption und Schlamperei herrschen. Die alten Generale bereichern sich weiterhin hemmungslos, die jungen Offiziere haben nichts zu sagen, und die einfachen Soldaten warten oft monatelang auf ihren Sold. 

Jubel auf Bamakos Straßen, nachdem der Putsch bekannt geworden war

Jubel auf Bamakos Straßen, nachdem der Putsch bekannt geworden war

Foto: STR / EPA-EFE/Shutterstock

Gleichzeitig wurde die Lage im Land immer unsicherer, daran konnten auch die europäischen Interventionskräfte und die Friedensmission der Vereinten Nationen (Minusma) mit ihren rund 15.000 Soldaten und Polizisten wenig ändern. Die Dschihadisten wurden zwar zurückgedrängt, aber keineswegs besiegt. Sie betreiben mit Überfällen, Wegezöllen, Lösegeldern, Drogenschmuggel, Waffenhandel und anderen kriminellen Geschäften eine profitable Kriegswirtschaft, an Nachwuchs mangelt es nicht, denn sie bieten jungen, ungebildeten, arbeitslosen Männern "Arbeit", Macht und eine Zukunftsperspektive.

Ihre Kampfeinheiten destabilisieren nach wie vor ein riesiges, unübersichtliches Territorium und verüben regelmäßig tödliche Attacken aus dem Hinterhalt. Mittlerweile kommt es auch im Zentrum Malis zu schweren Anschlägen und ethnischen Scharmützeln, unter denen vor allem die verarmte Zivilbevölkerung leidet.

Mali ist dabei kein Einzelfall. Islamistische Terrorbewegungen sind zu einer wachsenden Bedrohung in Burkina Faso, Niger, Togo, Benin, Nordnigeria und anderen Ländern im Sahelgürtel geworden. Französische Außenpolitiker nennen die Region "Sahelistan" oder "Africanistan"; sie warnen davor, dass Anarchie und Chaos flächendeckend um sich greifen könnten. Deshalb drängt Paris immer wieder darauf, den Einsatz in Mali zu verstärken, auch die Bundesregierung hat, wenn auch zögerlich, weitere Unterstützung zugesagt. 

Aber trotz massiver internationaler Militärhilfe hatten die konfuse Regierung Malis und ihre verrotteten Streitkräfte der fatalen Entwicklung nichts mehr entgegenzusetzen. Nun wurde der seit Jahren handlungsunfähige, aber von seinen europäischen Verbündeten oft gelobte Präsident Keïta gestürzt. Und wieder ging der Staatsstreich von der Militärgarnison in Kati aus, angeblich angeführt von Oberst Malick Diaw, dem stellvertretenden Kommandeur des Stützpunktes, und einem weiteren hochrangigen Offizier. 

Als die Putschisten in die Hauptstadt einfuhren, jubelten ihnen zahlreiche Menschen zu. Ihr selbsternanntes Nationales Komitee zur Rettung des Volkes hat Neuwahlen versprochen. Wieder einmal dürfen die Malier hoffen. Aber wie es in ihrem geschundenen Land weitergehen wird, kann momentan niemand sagen.

Auch die deutsche Verteidigungsministerin Annegret Kamp-Karrenbauer (CDU) räumte ein: "Es ist im Moment noch nicht genau abzusehen, was die Absicht der Putschisten ist."

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